Verbrecherfotos aus dem 19. Jahrhundert Die traurigen Augen Englands

Verbrecherfotos aus dem 19. Jahrhundert: Die traurigen Augen Englands Fotos
ancestry.co.uk

Sie schauen betrübt, stoisch, manchmal wütend: Eine britische Grafschaft hat ihr Gefängnisarchiv mit Verbrecherfotos aus dem 19.Jahrhundert digitalisiert. Die Bilder der Gefangenen zeigen das erschütternde Ausmaß der Kriminalität unter Königin Victoria - aber auch das Elend der Menschen. Von

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Die Geschichten, die in ihren schwarzweiß fotografierten Gesichtern geschrieben stehen, sind voll Zorn, Verzweiflung und Resignation. Grimmige alte Herren, deren verwitterte Züge hinter dichten Seemannsbärten verschwinden. Junge Männer in abgetragenen Anzügen, deren Blick trotzig an der Kamera vorbeizielt. Gramgebeugte Frauen, aus deren leeren Gesichtern die ganze Schwere ihres armseligen Daseins spricht. Direkt darunter: ihre Namen. Und die Nummern, zu denen sie wurden, als ihr Leben als unbescholtene Bürger endete - und sie im Gefängnis des südenglischen Dorchester landeten.

Schicksale, in die das Internetarchiv Ancestry.co.uk nun völlig neue Einblicke bietet: Das Portal, eigentlich eine Datenbank zur Familienforschung, macht erstmals über 67.000 Fotografien und detaillierte Gefängnisakten von Tausenden Inhaftierten, die während des 19. Jahrhunderts im Gefängnis von Dorchester einsaßen, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich.

Zu jener Zeit erlebte England unter Königin Victoria eine Explosion der Kriminalität: Von nur 5000 Gesetzesbrüchen im Jahr 1800 stieg die Zahl der Verbrechen auf rund 20.000 im Jahr 1840.

Hinter den imposanten Verbrechensstatistiken verbergen sich Tausende Einzelschicksale - mitunter kuriose, wie jenes des hartnäckigen Trunkenboldes Charles Wood, der 1872 für einen Monat im Gefängnis landete, weil er sich standhaft geweigert hatte, die Kneipe zu verlassen. Meist aber sind es tragische Fälle, geprägt von der Armut und Arbeitslosigkeit, die sich im viktorianischen England ausbreiteten. So wie der Fall der 54-Jährigen Louisa Salisbury, die am 16. Januar 1878 hinter Gittern landete, weil sie ein Kissen und ein paar Handtücher entwendet hatte. "12th time" steht knapp hinter ihrem Namen, und man ahnt, aus welcher Ausweglosigkeit heraus selbst ältere Menschen damals einfachste Dinge des täglichen Bedarfs entwendeten.

Derartige Unterlagen seien von unschätzbarem Wert für die Stammbaumforschung, so Ancestry-Content-Managerin Miriam Silverman - selbst dann, wenn es sich um Kriminelle wie diese handele: Denn im 19. Jahrhundert hätten in England noch keine Ämter im Personenstandsregister die Lebenswege britischer Bürger nachverfolgt, so dass die Gefängnisakten Historikern "faszinierende Informationen zu vergessenen Mitgliedern der Gesellschaft" liefern.

Das Königreich mühte sich damals nach Kräften, dieser Welle der Kriminalität Herr zu werden, indem es seine Polizei von Grund auf reformierte: Waren bisher vielerorts nur vereinzelte, ehrenamtliche Ordnungshüter am Werk gewesen, so verpflichtete der County and Borough Police Act 1856 jede Kommune dazu, offizielle Polizisten zu stellen - und schrieb vor, dass diese einer regelmäßigen zentralen Prüfung unterzogen werden mussten. Es entstand erstmals eine straff strukturierte Polizeiorganisation, die Übeltäter ohne Umschweife hinter Schloss und Riegel brachte.

Doch das Hunderte Bilder umfassende Fotoarchiv auf Ancestry.co.uk zeigt auch: Die Notlage der Bevölkerung Großbritanniens ließ sich nicht einfach per Gesetz verbieten.

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1.
Mathias Völlinger 19.06.2012
Das war doch im deutschen Kaiserreich auch nicht anders. Mittellosigkeit und daraus resultierende Eigentumsdelikte wurden (und werden heutzutage immernoch) härter bestraft, als Steuerhinterziehung und/oder schwere Körperverletzung. Und Banken werden für kriminelle Spekulationen noch belohnt. Selbst Mörder können mit entsprechendem finanziellen Hintergrund freigesprochen werden. Beispiel: O. J. Simpson in den USA. Soviel zur Rechtsstaatlichkeit. Ich habe fertig!
2.
Jens Callsen 19.06.2012
Heute sind es die H4 Reality Shows oder Aufnahmen auf der Straße, die wieder zeigen, wie sich Armut ausbreitet und menschliche Antlitze formt. 1890 reloaded 2010
3.
A. Franke 19.06.2012
Klassenjustiz und eine durch Armut verursachte "Kriminalität", ich fürchte, das ist gerade in Griechenland, Spanien und Portugal wieder am Anwachsen. Bei uns wird es auch so kommen, wenn sich nicht das ganze System grundlegend ändert. Von Kinderarbeit in EU-Ländern wird ja auch wieder berichtet.
4.
D Brueckner 20.06.2012
In dem Buch 'The Fatal Shore', eigentlich ein Werk zu den Wurzeln der Australier, wurden erstmals detailiert die Gründe für das Verbannen von Convicts aus England nach Australien aufgearbeitet. Zwischen 1788 und 1868 entledigte sich das ach so fortschrittliche Königreich seiner Gefangenen nach Downunder. Auffallend ist, das es sich in der grossen Mehrheit um Kleindiebe gehandelt hat, die zu einem hohen Mass aus der Not heraus gehandelt haben. Trotz Reichtum und Commonwealth ist kaum etwas bei den unteren Schichten angekommen. Es kann mit Fug und Recht behaupted werden, dass eine englische Revolution, wie eben in Frankreich 1789, damit verhindert werden konnte. Die wachsende Kriminalität hatte ihre Gründe.
5.
Stefan Onken 19.06.2012
Wer sich einmal die Gefängnis Museen auf der Insel angeschaut hat, wird schnell feststellen, daß die "Explosion der Kriminalität" der nackten Not und einer sehr strengen Gesetzgebung zu Grund liegt. Selbst für einfachste Vergehen wie das Stehlen von Essen wegen Hunger wurde man monatelang hinter Gitter gesteckt.
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