Enigmas entdeckt Geheimwaffe auf dem Dachboden

Enigmas entdeckt: Geheimwaffe auf dem Dachboden Fotos
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Es ist ein Fund der besonderen Art: In Madrid sind 26 Enigma-Chiffriermaschinen aufgetaucht, die 70 Jahre lang verschollen waren. Mit der Technologie aus Deutschland verhalf Hitler einst Diktator Franco zu Sieg im spanischen Bürgerkrieg. Von

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Nach über siebzig Jahren ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse des Spanischen Bürgerkriegs gelüftet worden. Auf einem Dachboden im Madrider Buenavista-Palast, dem Hauptquartier der spanischen Armee, sind bei einer Inventur 26 Eingma-Chiffriermaschinen gefunden worden, berichtet die spanische Tageszeitung "El Paìs". Die Geräte, die offenbar Ende der dreißiger Jahre eingelagert wurden und seither als verschollen galten, seien fein säuberlich in 16 mit Schlössern versehenen Holzkisten verstaut gewesen. Sie seien in ausgezeichnetem Zustand, berichtet das Blatt.

Die Entdeckung der Codiermaschinen liefert eine wichtige Erklärung für die militärischen Erfolge der Franco-Truppen im Spanischen Bürgerkrieg zwischen 1936 und 1939. Damals hatten die aufständischen Falangisten in einer blutig geführten Auseinandersetzung die Verteidiger der Spanischen Republik besiegt, die rechtsnationalistische Diktatur Francos währte bis zu dessen Tod 1975.

Schlüssel zum Sieg

Um die Offensive seiner im ganzen Land verstreut kämpfenden Rebellentruppen strategisch koordinieren zu können, setzte Oberbefehlshaber Franco auf effektive Kommunikation. Die aber verlangte eine funktionierende Verschlüsselung. Im November 1936 ließ Franco darum in Deutschland zehn der Chiffriergeräte für seine Top-Generäle beschaffen; auch er selbst soll bei Frontbesuchen stets eine Enigma mitgeführt haben.

Der Vorteil der mechanischen Verschlüsselung lag auf der Hand, auch wenn die Geräte aufwendig von zwei Mann bedient werden mussten: Anstelle von Chiffriertabellen und noch kruderen Codes, die vom Gegner mit etwa Glück leicht zu knacken waren, bot die Enigma "erstaunliche 1.252.962.387.456" mögliche Kombinationen, wie der zuständige Offizier in Francos Hauptquartier 1936 in einem Bericht hervorhob.

Dass beide Seiten die gleichen Codes verwendeten, wie es zu Beginn des Krieges zur beiderseitigen Verwirrung vorgekommen war, konnte mit der Enigma nicht mehr vorkommen. Mit seinen Milliarden Kombinationsmöglichkeiten bot das Gerät so gut wie hundertprozentige Sicherheit beim Übermitteln von Ordern und bei der Abstimmung der Kommandeure untereinander - ein unschätzbarer strategischer Vorteil, zumal die Republikaner nichts Vergleichbares besaßen.

Erster Kriegseinsatz

Der Konflikt in Spanien war der erste Kriegseinsatz für die 1920 entwickelten und seit 1923 als Verschlüsselungsmaschinen für Firmen angebotenen Enigmas. Die Nationalsozialisten dürften die Erfahrungen der Franco-Truppen mit großem Interesse verfolgt haben, denn sie selbst planten längst den militärischen Einsatz der Wundermaschine und entwickelten sie für diese Zwecke weiter.

Seinem spanischen Verbündeten ließ Hitler darum vorsichtshalber auch nicht das Topmodell der Enigma liefern - die Spanier erhielten nur die zivile Version. Offenbar fürchteten die Deutschen, dass ihre weiterentwickelten Enigma Francos republikanischen Gegnern in die Hände fallen und das wohlgehütete Geheimnis gelüftet werden könnte.

Knackt den Enigma-Code!

Tatsächlich gelang es den Alliierten dann im Zweiten Weltkrieg nur mit größtem Aufwand, den deutschen Enigma-Code zu knacken. Eine eigens auf dem Landsitz Bletchley Park bei Oxford zusammengezogene Gruppe hochbegabter Kryptologen konnte, auch dank polnischer Vorarbeiten, die Funktionsweise der Enigma enträtseln und ab 1940 viele Funksprüche von Luftwaffe und Heer mithören, nach der Erbeutung einer Enigma an Bord eines deutschen U-Boote ab Mai 1941 auch der Marine.

Wie viele Enigmas schließlich in Spanien zum Einsatz kamen ist unbekannt; die britische Zeitung "The Times" berichtet von bis zu einem halben Hundert, die bis in die fünfziger Jahrae hinein eingesetzt worden seien. Einige der Enigmas, die einst Franco zum Sieg gegen die Demokratie verhalfen, wurden jetzt in verschiedene Militärmuseen gebracht und sollen dort gezeigt werden.

hmk

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Eugen von Arb 05.11.2008
Wirklich erstaunlich, dass die Wehrmacht nicht nur Heer und Luftwaffe in Spanien erprobte, sondern auch die Verschlüsslungstechnik. Doch so genial die Maschine war, so fatal war der blinde Glaube der Deutschen an diese Technik, von der sie glaubten, sie sei allen überlegen. Man weigerte sich, wahrzunehmen, dass die Aliierten ihren Code knacken konnten und einen Grossteil der Funksprüche mitlesen konnte. Eine ganze Reihe militärischer Misserfolge für die Wehrmacht wird heute auf den Schlüsseleinbruch zurückgeführt - so zum Beispiel die Panzerschlacht bei Kursk 1943. Die russische Seite soll damals dank englischer Information (abgefangene deutsche Funksprüche) bestens auf die "geheime" deutsche Offensive vorbereitet gewesen sein. Die letzten Reserven der Wehrmacht im Osten wurden verheizt, selbst die neuesten Waffen konnten nichts ausrichten. Ein anderes Beispiel ist der U-Boot-Krieg, der neben anderen technischen Faktoren wesentlich durch abgefangene und entschlüsselte deutsche Funksprüche entschieden wurde. Für Zehntausende Soldaten erwies sich die Entschlüsselung als tödlich. Soviel ich weiss, verfügte Polen bereits vor dem Krieg über zwei nachgebaute Enigmas. Obschon die Entschlüsselung des deutschen Codes in England stattfand, waren auch dort emigrierte polnische Kryptologen und Mathematiker wesentlich beteiligt. In Janusz Piekalkiewiczs Geschichte der Geheimdienste ist die Geschichte der Wundermaschine aufgearbeitet.
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