Entdeckung des Tutanchamun-Grabes "Ich sehe wunderbare Dinge!"

Entdeckung des Tutanchamun-Grabes: "Ich sehe wunderbare Dinge!" Fotos

Der archäologische Fund des Jahrhunderts - gemacht von einem Autodidakten und einem gelangweilten Playboy: Vor 90 Jahren stießen der Selfmade-Ägyptologe Howard Carter und der reiche Lord Carnarvon auf das Grab Tutanchamuns. Der Fund machte beide zu Legenden. Und einen von ihnen zum Grabräuber? Von

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Zunächst konnte Howard Carter nichts erkennen. Die Kerze flackerte stark im Luftzug, der aus der Grabkammer entwich - Luft, die über 3000 Jahre in der Kammer eingesperrt gewesen war. Als die Flamme sich wieder beruhigte, hob Carter die Kerze ein wenig höher und schob sie durch die Öffnung in der Wand. Lange, quälende Augenblicke geschah gar nichts. Schließlich hielt Lord Carnarvon es nicht mehr aus. "Was sehen Sie?", fragte er atemlos. Und Carter antwortete ganz ruhig: "Ich sehe wunderbare Dinge!"

Die berühmte Szene schildert den Höhepunkt der Freundschaft zwischen zwei Besessenen, beide technikbegeistert, beide mit dem gleichen Traum: dem Außenseiter Howard Carter und dem reichen Draufgänger George Herbert, 5. Earl von Carnarvon. Die Welt kennt die beiden als die Entdecker des Tutanchamungrabs. Doch wer waren sie, bevor sie das Grab 1922 entdeckten? Was schweißte sie zusammen? Und was trieb sie dazu, wider jede Vernunft das Tal der Könige nach diesem Grab zu durchsuchen, das lange schon als entdeckt galt?

Howard Carter, 1874 in dem kleinen Ort Swaffham in der Grafschaft Norfolk geboren, war das jüngste von elf Kindern. Sein Vater war Zeichner, auf Anfrage malte er Porträts und Tiere. Sein Sohn Howard kränkelte als Kind so sehr, dass seine Eltern ihn nicht in die Schule schickten, sondern zu Hause unterrichteten. Und das prägte ihn. Selbst auf dem Zenit, als berühmtester Ägyptologe der Welt, plagten ihn Minderwertigkeitskomplexe. Vor fachlichen Auseinandersetzungen mit studierten Archäologen scheute er, der weder eine ordentliche Schul- noch Universitätsausbildung hatte, sich gewaltig.

Doch auch eine Begabung offenbarte sich früh: Carter hatte das Zeichentalent seines Vaters geerbt. Schon als Junge wurde er gefördert, vor allem von der wohlhabenden Lady Amherst. Auf Vermittlung der begeisterten Sammlerin von ägyptischen Schriften bekam der junge Carter schließlich auch seinen ersten Job: als Zeichner im British Museum. Mit 17 nahm ihn sein Mentor, der Liverpooler Professor Percy Newberry, mit auf seine erste Ausgrabung - nach Ägypten, wo er Malereien und Reliefs kopierte. Carter war zwar ein guter und extrem sorgfältiger Zeichner, aber auch sehr langsam. Um die Arbeit voranzubringen, musste für eine Grabungssaison noch zusätzlich sein älterer Bruder William beschäftigt werden.

Vor allem aber interessierte Carter sich für die Dinge, die er da abzeichnete. Wer waren diese Götter mit den Tierköpfen? Und was bedeuteten die seltsamen Schriftzeichen? Wenn Carter eines gewohnt war, dann, sich selbst etwas beizubringen. Also beschäftigte er sich nebenbei mit der ägyptischen Kultur und brachte sich das Lesen der Hieroglyphen bei. Was andere in Oxford oder Cambridge gepaukt hatten, lernte Carter im Feld.

"Bei Petrie lebte man von Sardinen"

Bald schon wollten auch andere Ausgräber die Dienste Carters. Sir Flinders Petrie holte ihn nach Amarna – die Hauptstadt des "Ketzergottes” Echnaton. Doch Petrie war ein schwieriger Mensch. Er gilt als Begründer der systematischen Feldarchäologie in Ägypten – statt einfach nur nach Schätzen zu wühlen, grub er mit modernen wissenschaftlichen Methoden. Doch wer für ihn arbeiten wollte, musste einiges in Kauf nehmen. Als Carter in Armana ankam, sollte er sich erst einmal selber eine Unterkunft bauen – aus Lehmziegeln. Und über die Verpflegung auf der Grabung hieß es nur: "Bei Petrie lebte man von Sardinen, und wenn man die Sardinen gegessen hatte, aß man die Dose."

Schließlich landete Carter wieder im Museum – diesmal im Ägyptischen Museum in Kairo. Sein dortiger Vorgesetzter Gaston Maspéro hielt viel von dem Autodidakten – war sich aber durchaus bewusst, dass Carter seinen eigenen Kopf hatte. Trotzdem machte er ihm 1899 – Carter war 25 Jahre alt – zum Oberinspektor der Altertümerverwaltung in Oberägypten und Nubien. Der junge Mann enttäuschte ihn nicht.

Gemeinsam mit dem steinreichen pensionierten Rechtsanwalt Theodore Davis grub er zwölf Kampagnen erfolgreich in Theben-West. Viele Gräber bekamen nun endlich elektrisches Licht. Lady Amherst beschaffte er als Dank für ihre frühere Unterstützung seiner Karriere eine Grabungslizenz für Assuan. Und er jagte erbarmungslos Grabräuber. Sein größter Widersacher war dabei der Räuberkönig Abdel Rasul. Nicht nur in der Archäologie, auch in der Kriminalistik bediente Carter sich moderner Methoden: Er versuchte, Rasul mit dem Foto eines Fußabdrucks zu überführen.

Ein Autounfall mit Folgen

1908 schließlich kam zusammen, was zusammengehörte. Maspéro stellte Carter einem neuen Mitspieler im ägyptischen Ausgrabungspoker vor: Lord George Edward Stanhope Molyneux Herbert, 5. Earl of Carnarvon. Der schillernde Adlige liebte schnelle Pferde, schnelle Yachten und die Jagd. Vor allem aber liebte er Autos. Noch bevor sie in Großbritannien zugelassen waren, besaß Carnarvon mehrere Automobile in Frankreich. Und als man mit den neumodischen Motorkutschen endlich auch über die englischen Landstraßen preschen durfte, war er einer der ersten, die diesem neuen Hobby frönten: Sein Auto trug die Zulassungsnummer drei.

Nur waren Europas Holperpisten Carnarvons Sportsgeist noch nicht gewachsen. Auf einer Fahrt durchs Taunusgebirge geriet sein Auto in einer scharfen Kurve bei Bad Schwalbach in ein Schlagloch und überschlug sich. Carnarvon überlebte schwer verletzt, doch seine Gesundheit blieb danach angeschlagen. Das nasse Klima seiner Heimat war fortan Gift für ihn. Schließlich schickten die Ärzte Carnarvon über die Wintermonate ins Exil in den trockenen Wüstensand Ägyptens. Abgeschnitten vom High-Society-Leben Englands begann er dort vor lauter Langeweile, sich als Ausgräber zu betätigen.

Zwischen den beiden technikbegeisterten Außenseitern Carter und Carnarvon entstand rasch eine enge Freundschaft. Die beiden hatten nicht nur gemeinsame Interessen, sondern auch einen gemeinsamen Traum: das Grab Tutanchamuns zu finden. Als Davis 1914 seine Grabungslizenz für das Tal der Könige aufgab, sahen Carter und Carnarvon ihre Chance gekommen – und übernahmen sie von dem alten Herren.

Fünf Winter lang wühlte Carter sich durch das Tal. Zu Beginn der sechsten Grabungskampagne wollte Carnarvon aufgeben. Die anfangs so spannende Jagd nach dem verlorenen Pharao war ihm zu teuer, zu aussichtslos, zu langweilig geworden. Erst als Carter seinem Freund wütend entgegenschleuderte: "Wenn Du nicht mitziehst, mache ich allein weiter!" und drohte, die kommende Kampagne aus eigener Tasche zu finanzieren, ließ der Lord sich noch einmal mitreißen.

An dieser Stelle sind sich die Biografen des Forschers uneins, ob Carter ein falsches Spiel spielte: Konnte es Zufall sein, dass seine Arbeiter nur drei Tage nach Beginn der letzten Grabungskampagne auf die Eingangsstufen stießen? Oder kannte er bereits seit Monaten – wie ein Halbbruder Carnarvons behauptet – die genaue Lage des Grabes? War das Durcheinander in der Vorkammer das Werk antiker Grabräuber? Oder hatte Carter selber nach ersten geheimen Erkundungen der Grabkammer nicht hinter sich aufgeräumt? Von wem stammte der Fußabdruck im Bodenstaub der Kammer? Von einem der antiken Grabräuber, wie Carter behauptet? Oder – vermeintlich zu sehen an den Absätzen, wie sie nur an modernen Schuhen, nicht jedoch an antiken Sandalen zu finden sind – von Carter, wie der Ägyptologe Rolf Krauss vermutet?

Immer wieder tauchten im Kunsthandel Gegenstände auf, die einst im Grab des Pharao gestanden haben könnten, aber nie dort registriert wurden. Allein das Metropolitan Museum of Art in New York zählt rund 20 davon zu seinem Bestand. Kansas City, Brooklyn, Cleveland - fast jedem namhaften Museum wurden früher oder später Stücke zum Kauf angeboten, die den Verdacht nahelegen, dass jemand sich fleißig in den Kammern bedient hatte, bevor Carter die Inventarlisten fertig gestellt hatte. Aber war er es selber?

Einer, der trotz aller Anschuldigungen von Carters Unschuld überzeugt ist, ist Jaromir Malek. Kaum jemand hat sich so ausführlich mit Carters Leben beschäftigt wie der Leiter des Griffith Instituts in Oxford, denn hier liegen alle handschriftlichen Aufzeichnungen, alle Listen, alle Tagebücher und alle Zeichnungen, die Carter bei der Dokumentation des Pharaonengrabs anfertigte. Malek glaubt nicht daran, dass Carter Gegenstände aus den Kammern entwendete. So ein Diebstahl passe nicht ins Bild. Jemand, der wie Carter zehn Jahre seines Lebens darauf verwendete, jedes noch so kleine Detail akribisch zu dokumentieren, hätte niemals in großem Stil Teile des Schatzes einfach so verschwinden lassen.

Hatte Carter sich doch bedient?

Wissenschaftlich untersucht und ausgewertet wurde der Großteil des Grabinhalts bis heute nicht. Carter hielt sich an das, was er als Autodidakt konnte – finden und zeichnen. Den Vergleich, die Auswertung, die Analyse blieb er schuldig. Er habe, sagte er Freunden in den folgenden Jahren, längst das Interesse an der wissenschaftlichen Publikation verloren. Stattdessen finanzierte er seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen und dem Einstreichen saftiger Provisionen als Kunsthändler. Als man ihn fragte, was er nun mit seinem Leben vorhabe, antwortete er sarkastisch, er plane als nächstes, das Grab Alexanders des Großen zu finden.

Viele Freunde blieben ihm am Ende nicht mehr. Als Carter am 2. März 1939 in London starb, war er allein. Jahre vorher schon hatte er sein Testament aufgesetzt. Der Privatbesitz ging an seine Nichte Phyllis Walker. Kein leichtes Erbe: Sie solle, so Carter in seinem Testament, dringend Rat einholen, bevor sie Antiquitäten aus seinem Nachlass zu veräußern plane. Tatsächlich fanden sich unter den Preziosen einige Stücke, die verdächtig nach Diebesgut aus dem Grab Tutanchamuns aussahen. Hatte Carter sich doch bedient? Oder stammten die Stücke aus dem Erbe Carnarvons – und Carter hatte sie all die Jahre geheim gehalten, um den Ruf seines alten Freundes zu schützen? Oder waren sie gar an anderen Orten gefunden worden, und Carter wusste lediglich, dass die Stücke Verdacht erwecken würden?

Auf diese Fragen wollte er selber der Nachwelt keine Antworten geben - das sollte seine Nichte tun. So wie Carter sein Leben lang die Auseinandersetzung mit der akademischen Welt und den Museen gescheut hatte, überließ er auch noch nach seinem Tod die Aufräumarbeiten jemand anderem.

Auf seinem Grabstein ist weder vermerkt, wann er geboren wurde, noch wann er starb. Dort steht nur ein Datum: das der Entdeckung des Tutanchamungrabs. So sollte die Welt ihn in Erinnerung behalten: Howard Carter, Ägyptologe, Entdecker des Grabes von Tutanchamun, 1922.

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