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15. November 2013, 17:09 Uhr

Vergessener Entdecker

Der Wasserfall, der die Welt sprachlos machte

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Wissenschaftler nannten es das achte Weltwunder: 1933 war der Buschflieger Jimmie Angel auf der Jagd nach Gold - und fand ein einmaliges Naturschauspiel. Der Wasserfall Salto Ángel stürzt fast einen Kilometer in die Tiefe. Den Abenteurer kostete seine Entdeckung beinahe das Leben.

Er hätte enttäuscht sein können. Er hatte Gold auf der Hochebene im entlegenen Südosten Venezuelas gesucht - und nur Wasser gefunden. Sachlich notierte Buschpilot Jimmie Angel am 18. November 1933 in Großbuchstaben in sein Flugbuch: "Habe einen Wasserfall entdeckt."

Doch es war nicht irgendein Wasserfall. Sondern ein Naturwunder von biblischer Dimension, "eine Kaskade, die aus dem Himmel stürzt", wie der US-Amerikaner später weit weniger sachlich berichten sollte - so mächtig, so anmutig, so furchteinflößend, dass er fast die Kontrolle über sein Flugzeug verloren habe.

Immer wieder kehrte Angel zu diesem bezaubernden Ort zurück, und selbst an den kurzen Eintragungen im Logbuch lässt sich seine wachsende Begeisterung ablesen. Schon einen Tag nach der Entdeckung schien er den Wasserfall fast als seinen persönlichen Besitz zu begreifen: "Mein Wasserfall", notierte er am 19. November statt nur "ein" Wasserfall wie am Vortag. Und drei Tage später: "Flug über die großen Fälle - 1 Meile [hoch]."

Eine Meile. 1600 Meter. Das wäre 16-mal so hoch wie die weltberühmten Victoriafälle in Simbabwe. Als Jimmie Angel von seiner phantastischen Entdeckung erzählte, gab es nicht wenige, die ihm das nicht abnehmen wollten. Dagegen sprachen sonst eher unterkühlte Wissenschaftler schon bald vom "achten Weltwunder". Und mit der Zeit tauchten weitere Abenteurer wie etwa der Venezolaner Ernesto Sánchez La Cruz auf, die behaupteten, in Wahrheit hätten sie den Wasserfall viel früher entdeckt, aber leider versäumt, es der Welt mitzuteilen.

Restlos geklärt wurde das nie. Unbestritten aber ist: Erst Jimmie Angel machte den Wasserfall bekannt. Seine Entdeckung (oder eben Wieder-Entdeckung) trat eine Welle von Expeditionen in die bis dahin unerforschte Gran-Sabana-Hochebene im Südosten des Landes los, und am Ende war es der Amerikaner, der auf Erlass der Regierung in Caracas als offizieller Namensgeber geehrt wurde: Fortan hieß das Naturwunder Salto Ángel.

Acht Jahrzehnte liegt der folgenreiche Flug des Buschpiloten nun zurück. Der Salto Ángel ist inzwischen weltberühmt, jedes Jahr kommen Tausende Touristen in den angrenzenden Nationalpark. Die Macher des Animationsfilms "Up" haben sich hier inspirieren lassen, und Wissenschaftler haben die Kaskade akribisch vermessen. Fallhöhe: 979 Meter, größte Einzelstufe: 805 Meter - Weltrekord. Nur der einst gefeierte Namensgeber ist heute in Vergessenheit geraten. Viele Menschen glauben offenbar, der Wasserfall verdanke seinen Namen Ángel ("Engel") allein seiner Schönheit.

Wenig ist dagegen über Jimmie Angel bekannt, und die meisten Informationen hat seine Nichte Karen zusammengetragen. 1994 stand sie selbst zum ersten Mal überwältigt am Fuße des Salto Ángel. Seitdem hat das Leben ihres Onkels sie nicht mehr losgelassen. Akribisch sichtete sie alle verfügbaren Aufzeichnungen, Dokumente und Fotos und sprach mit Zeitzeugen und Nachkommen ehemaliger Weggefährten. Ihre Ergebnisse hat sie in einer kleinen Studie zusammengefasst und auf der Webseite "Jimmie Angel Historical Project" veröffentlicht.

Glücksritter, Abenteurer, Frauenheld

Von einem hollywoodreifen Leben spricht Karen Angel. Jimmie, der vergessene Entdecker, sei sehr charismatisch gewesen. Ein Glücksritter, Abenteurer, Unternehmer und Frauenliebling, dessen Leben schließlich tragisch endete.

Geboren 1899 in Missouri, war Jimmie schon als Teenager ein Flugnarr. Nach dem Weltkrieg verdiente er sich sein Geld als Fluglehrer und Pilot für waghalsige Luftakrobaten, die Kunststücke auf seinen Tragflächen aufführten. Seine Frau Virginia war eine dieser "Barnstormer"-Akrobaten im kleinen Familienbetrieb, "Angel Family Flying Circus" genannt. Verwegen fliegen konnte der Mann also, doch die Konkurrenz war groß, und die Aufführungen waren lebensgefährlich. Warum also sein Glück nicht in Südamerika versuchen und für Firmen nach Rohstoffen suchen?

Schon 1921, so prahlte Jimmie Angel später immer wieder, fand er Gold in Venezuela. Einen amerikanischen Geschäftsmann, den er zufällig in einer Bar in Panama getroffen habe, flog er für 5000 Dollar zu einem nirgends verzeichneten Tafelberg. Dort sammelten die beiden Männer angeblich zwei Tage lang in einem Fluss 30 Kilogramm Gold. Zurück in Panama trennten sich die beiden wieder.

Ein erfundener Goldfund?

Der Haken: Der Pilot fand den nebelumhüllten Tafelberg nie wieder. War die ganze Sache also womöglich nur eine Erfindung? Ein cleverer PR-Gag in eigener Sache? Karen Angel hält das für möglich. "Die Geschichte, ob wahr oder unwahr, lockte auf jeden Fall jede Menge Investoren auf der Suche nach Gold an", sagt sie. Dokumente, die Angels Fund eindeutig belegen, hat sie bei ihrer Recherche nicht entdeckt.

Jimmie flog und flog, womöglich finanziert durch die eigene Mär vom geheimnisvollen Tafelberg mit einem Fluss voller Gold. Und dann sah er 1933 plötzlich wirklich einen ihm unbekannten Tafelberg mit einem Wasserfall, schöner als jedes Edelmetall.

Fast kostete ihn die Entdeckung das Leben. Vier Jahre später, im Oktober 1937, flog er ein vierköpfiges Expeditionsteam zum Auyán-Tepui, dem 2500 Meter hohen Tafelberg, von dem sich der Fluss Churún in die Tiefe stürzt. Ziel der Mission: Gold. Doch die Landung des sonst so sicheren Buschpiloten misslang. Die Nase der Maschine bohrte sich tief in den schlammigen Untergrund. Zwei Tage dauerte es, dann hatte die Mannschaft, zu der auch seine zweite Frau Marie gehörte, zwei niederschmetternde Gewissheiten: In der Umgebung gab es kein Gramm Gold, und das Flugzeug war hin.

Lebensgefährlicher Abstieg

Jetzt ging es ums Überleben. Angel hinterließ auf einem Zettel eine Nachricht im Cockpit. "Heute ist der 11. Oktober. Wir laufen bei guter Gesundheit Richtung Camarata Camp. Unsere Funkverbindung hat komplett versagt." Damit Rettungskräfte auch aus der Luft die Botschaft verstanden, malte er einen großen Pfeil auf die Tragfläche seiner Maschine: In diese Richtung würden sie marschieren, mit einem Zelt, 80 Meter Seil und Verpflegung für 15 Tage.

Das war nicht die einzige Vorsichtsmaßnahme, die die Expedition getroffen hatte. In den Wochen vor der gewagten Landung hatten der Abenteurer Felix Cardona Puig, ein ehemaliger Hauptmann der spanischen Marine, und der Venezolaner Gustavo Heny versucht, von einem Camp am Fuße des Auyán-Tepui einen Weg auf die Hochebene zu finden. Tagelang hatten die Männer Pfade durch den Dschungel geschlagen, doch ganz bis zur Hochebene waren sie nicht gekommen. Cardona blieb anschließend im Camp im Tal, Heny flog mit Angel auf den Berg.

Auf ihnen lastete nun, nach der Bruchlandung, die gesamte Verantwortung. Elf Tage mussten die Verschollenen extrem tiefe Felsspalten umrunden, fast senkrechte Felswände meistern und sich durch das Dickicht kämpfen. Dann fand Heny das rettende Camp. Für Jimmie Angel war die Tour eine Grenzerfahrung. Über ihn hieß es später aus den Kreisen der Familie Heny: "Er war sicher ein großartiger Pilot, doch auf dem Boden nicht besonders geschickt."

"Gewaltig, beängstigend, schrecklich"

Doch die Beinahe-Tragödie zahlte sich für den Piloten aus. Erst jetzt wurde die Welt so richtig auf die unzugängliche Gegend aufmerksam. Plötzlich war von einer sagenhaften "verlorenen Welt" die Rede. Weitere, diesmal wissenschaftliche Expeditionen wurden geplant, finanziert vom renommierten American Museum of Natural History. Immer als Pilot für die Versorgung dabei: Jimmie Angel.

So schlug sich etwa 1938 ein Team unter Leitung des Ornithologen William Phelps in Richtung Auyán-Tepui durch. Die Männer sammelten und konservierten 2039 Vögel, 507 Säugetiere sowie 150 Insekten und Spinnen. Nur den Wasserfall fanden sie nicht. Wieder war es Jimmie Angel, der ein Jahr später bei einer weiteren Expedition die verbliebenen Skeptiker überzeugte, indem er einige Gäste zum Wasserfall flog. Tief beeindruckt notierte der Ethnologe George Simpson in sein Tagebuch:

"Ich war praktisch sprachlos. (…) Der Wasserfall ist gewaltig, überwältigend, beängstigend, schön, fabelhaft und schrecklich. Es scheint unmöglich, dass solche Dinge auf Erden existieren. Daneben wirkt die großartigste Landschaft auf der Welt ziemlich kümmerlich. Wer so etwas einmal gesehen hat, für den ist danach nichts mehr wie zuvor."

Kurz danach wurden erste Aufnahmen von dem Naturwunder gemacht, und auch für Jimmie Angel war danach nichts mehr wie zuvor. Die Fotos gingen um die Welt, und in Interviews priesen Expeditionsteilnehmer Angel als begnadeten Piloten und Mechaniker. Ende 1939 tauchte erstmals auf einer Karte der neuerforschten Region der Name "Salto Ángel" auf.

"Jetzt kommst du und verdirbst die ganze Sache"

Doch 1949, zehn Jahre später, gab es für den Helden eine böse Überraschung. Der Fotojournalistin Ruth Robertson war es gelungen, mit einem Team zum Fuße des Salto Ángel vorzudringen und den Wasserfall exakt zu vermessen. Erst jetzt war klar, dass der Wasserfall deutlich kleiner war als die Meile, von der Angel immer gesprochen hatte.

Als Robertson wenig später Angel besuchte, habe der Pilot vor Zorn gebebt, schrieb die Journalistin später. Den Tränen nahe habe Angel schließlich herausgepresst: "Ich habe den Leuten jahrelang erzählt, dass mein Wasserfall eine Meile hoch ist. Jetzt kommst du und verdirbst die ganze Sache - ich sage dir, er ist eine Meile hoch!"

Sieben Jahre flog Angel noch über den Dschungel Venezuelas, immer auf der Suche nach Gold, das er niemals finden würde. Im Dezember 1956 starb er, vermutlich an den Folgen einer harten Landung. Vier Jahre später streute Marie Angel die Asche ihres Mannes aus einem Flugzeug über den Salto Ángel, den der Pilot einst so gerne als "seinen" Wasserfall bezeichnet hatte.

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