AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2002

Schleyer-Entführung 1977 "In Erfüllung seiner Pflicht"

Bei der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer erschossen RAF-Terroristen 1977 dessen Begleiter. Das Drama ließ den Chef der Polizisten und die Angehörigen nicht los. Mit ihnen sprach SPIEGEL-Redakteur Jürgen Dahlkamp 2002.

DPA

Die Rote Armee Fraktion (RAF) ist verantwortlich für 33 Morde. Im "Deutschen Herbst" eskalierte die Gewalt 1977 im Zuge der Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer. Viele RAF-Opfer sind fast vergessen - etwa die Fahrer, Personenschützer und Polizisten, die von den linksextremen Terroristen ermordet wurden. Der folgende Text erschien in Ausgabe 35/2002 des SPIEGEL.


Der Mittwoch danach: Bei Ulmer, auch bei Pieler waren die Deckel schon zugeklappt; Brändle aber lag im offenen Sarg in der Feuerbacher Leichenhalle, und Karl Weil, der erste Dienststellenleiter, der drei Mann an einem Tag verloren hatte, stand stumm vor seinem erschossenen Polizisten, brannte sich das Bild ins Gedächtnis.

60 Kugeln hatte das RAF-Kommando, das Hanns Martin Schleyer entführte, in Brändle hineingejagt. 60 Schüsse - da denkt man, der Tod reißt eine Fratze, so schrecklich, dass wenigstens das Loslassen leichter wird. Aber Brändle lag da, "mit Pfirsichbäckle, als wenn er sich über was freut". Brändle, lächelnd im Sarg, das Bild wird Karl Weil nicht mehr los.

Es ist nicht vorbei, nicht für den pensionierten Kripo-Mann Weil, nicht für den Vater Eugen Ulmer, nicht für die Eltern Elisabeth und Paul Pieler, und nicht mal für David Marcisz, den Enkel des Schleyer-Fahrers Heinz Marcisz. Sie brauchen keinen Jahrestag, um sich an den 5. September 1977 in Köln zu erinnern, weil sie jeden Tag daran denken, auch wenn die Republik diese Namen längst vergessen hat: Brändle, Ulmer, Pieler, Marcisz. Vier von gut einem Dutzend, die unbekannten Todesopfer der RAF.

Der Tag, an dem die Zeit hätte stehen bleiben müssen

25 Jahre danach beginnt Weils rechtes Bein zu wippen, seine Finger kneten an einem unsichtbaren Teig, er schließt die Augen, und dann ist wieder Samstag, der 3. September 1977, und er ist wieder im Garten, in diesem verfluchten Garten in Stuttgart-Münster, aus dem seine Erinnerung nicht mehr herauskommt, und mittendrin steht Reinhold Brändle mit der Kochschürze vor dem Bauch.

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Schleyer-Entführung: Als die Republik den Atem anhielt

Was für ein warmer, wunderbarer Tag, seit 25 Jahren die Erinnerung an den immer gleichen, wunderbaren Tag, an dem die Zeit hätte stehen bleiben müssen: Die Stuttgarter Personenschützer-Einheit, zuständig für den Arbeitgeberpräsidenten Schleyer, macht ein Grillfest beim Kollegen Wendt, und Hans Filbinger, der Ministerpräsident, ist gekommen. Filbinger, wie er sonst nie ist. Spielt Federball mit den Kindern und lacht und redet, und alle sind so stolz, dass er nicht als Landesoberhaupt, sondern als Mensch hier ist. Und Brändle, der den Salat anmacht, Brändle strahlt.

Weiß er es schon? Dass er Montag für Gottschalck einspringen darf, den stellvertretenden Dienststellenleiter, der die Schicht in Köln so gern haben wollte, weil es am Dienstag mit Schleyer nach Schweden weitergehen soll?

Aber Gottschalck hat am Montag in Stuttgart eine Sicherheitsbesprechung beim spanischen Generalkonsul reingedrückt bekommen, deshalb also Brändle. Montag Köln, Dienstag Stockholm. Mit dem jungen Pieler, und mit Ulmer, wenn Ulmer es bis Montag noch schafft mit seiner Grippe. Wird schon. Brändle strahlt über seine Pfirsichbäckle, an einem Tag, so wunderschön wie nie mehr.

Der Zufall hätte sie retten können

Schleyer, Buback, Ponto - sie waren das Ergebnis einer Rasterfahndung der RAF nach perfekten Opfern; ihre Namen sind Geschichte der Republik. Die anderen aber hätte der Zufall retten können, und die Angehörigen leben bis heute nicht nur mit den quälenden Fragen, warum Ulmers Grippe nicht länger dauerte, warum Gottschalck nicht konnte und Brändle an seiner Stelle saß.

Sie müssen auch damit fertig werden, dass ihre Söhne, Brüder, Großväter immer nur die Mitgestorbenen sind - jeder ist nur einer von denen, die bei Schleyer waren, einer von vieren, als wäre einer wie der andere gewesen. Schon am Tag ihres Todes hat man ihnen eine gemeinsame Legende gestrickt. Die Legende, dass in Schleyers Wagenkolonne nur Freiwillige saßen.

Aus dem SPIEGEL Heft 35/2002

Der Personenschützer Karl Weil erzählt - Namen, Daten, alles noch da, als wäre es gestern gewesen. "Wer hatte denn damals in Deutschland schon Erfahrungen mit Personenschutz? Völliges Neuland." Sie selbst hatten gerade erst angefangen: Am 26. November 1974 hatte er die neue Dienststelle bei der Stuttgarter Polizei aufgemacht.

Damals liefen die Vorbereitungen für den Stuttgarter Baader-Meinhof-Prozess. Filbinger, der Amtschef im Landesjustizministerium, Kurt Rebmann, der Richter Theodor Prinzing - plötzlich galten alle als gefährdet, und Weils Einheit, aus den Revieren zusammengekratzt und noch "kaum flügge", sollte sie schützen. Seit 1977 auch einen Mann, der in Stuttgart Vorstand bei Daimler-Benz war und in Köln Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: Schleyer.

"Als hätte ich ein Kind verloren"

Es gab ihn dann tatsächlich, einen Beamten, der freiwillig bei Schleyer war, dem möglichen RAF-Ziel mit der höchsten Sicherheitsstufe 1. Wenn Karl Weil von Reinhold Brändle spricht, dann sagt er: "Das war, als hätte ich ein Kind verloren." Brändle, 41, der "Prachtkerl", diszipliniert, ein heller Kopf, trotzdem einer, der weder Tod noch Terror fürchtete. Nach dem Mord am Karlsruher Generalbundesanwalt Siegfried Buback im April 1977 war er zum Personenschutz gegangen.

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RAF-Terrorismus: Mord an Jürgen Ponto - die tödliche "Aktion Daisy"

Brändle saß freiwillig am Steuer des weißen Mercedes 280 E, der am 5. September um 17.28 Uhr hinter Schleyers blauem 450er Benz in die Kölner Vincenz-Statz-Straße einbog, in die Falle des RAF-Kommandos. Für ihn, den Mann von der Stuttgarter Motorradstaffel, geschieden, ein Sohn, sollte mit Schleyer ein neues Leben beginnen. Er sollte in Köln einen eigenen Außenposten aufbauen, zehn, zwölf Mann mit ihm als Chef, damit sie nicht mehr von Stuttgart aus losfahren mussten, wenn sie Schleyer in Köln zu schützen hatten. Schleyer war Brändles Chance; sie kostete ihn das Leben.

Für Pieler war es keine Chance, nur eine andere Verwendung. Roland Pieler, 20, saß am 5. September 1977 hinten rechts im weißen Benz, weil er auf dem Cannstatter Revier gefragt worden war und Ja gesagt hatte. Wie man Ja sagt, wenn man eigentlich Nein sagen will, aber sich nicht traut. "Das nenne ich nicht freiwillig", sagt seine Mutter Elisabeth. Pieler war der große Junge, der plötzlich in einer Polizeiuniform steckte, plötzlich auf Schleyer aufpassen sollte und plötzlich tot war. 21 Kugeln.

Ulmers Todesahnung

Danach kam ein Telegramm von Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Hochdorf, Kreis Esslingen, 57 Wörter, darunter die vier "in Erfüllung seiner Pflicht", anschließend ein Staatsakt und eine Entschädigung. 12.500 Mark. "Wir haben unser Auskommen", sagt die Mutter ausweichend, "es dreht sich nicht um Geld." Sie sagt danach nicht mehr viel, nur: "Im Nachhinein hilft in so einer Situation sowieso nichts."

Wenn es so etwas wie eine Todesahnung gibt, dann hatte sie Helmut Ulmer, 24, eine Woche vorher, am 28. August. Auf einer Familienfeier bei seiner Schwester Erika, zu Hause im württembergischen Enzweihingen, hatte Brändles Beifahrer mit seinem Schwager Herbert im Treppenhaus gestanden, seine Eltern Eugen und Helga sollten das nicht hören, er starrte aus dem Fenster und sagte: "In Köln hocken sie, ich muss mit dem Schlimmsten rechnen."

Tod in Köln: Die Entführung von Hanns Martin Schleyer
DER SPIEGEL

Tod in Köln: Die Entführung von Hanns Martin Schleyer

Ulmer hatte Angst, Ulmer hatte nie zum Personenschutz gewollt, und jetzt wollte er weg, nur weg. Er hatte Versetzungsanträge gestellt, "er hat so gekämpft, dass er auf sein Revier in Zuffenhausen zurückkommt", erinnert sich seine Schwester Erika. Aber sie haben ihn immer wieder vertröstet, "das war das Gemeine". Noch eine Woche, noch eine. 26 Einschüsse.

Die Woche, in der es passierte, wäre tatsächlich die letzte beim Personenschutz gewesen. Und wäre die fiebrige Grippe etwas schwerer gewesen und hätte der Hausarzt, der sich bis zu seinem Tod Vorwürfe machte, nicht gesagt, Helmut solle ruhig gehen, dann wäre das Leben weitergegangen. Es sind diese ganzen "hätte doch" und "wäre nur", die es so hart machen, mit dem "so und nicht anders" fertig zu werden.

Ein selbstzerfleischendes "Was-wäre-Wenn"

Und mit dem eigenen Leben danach. Das von David Marcisz hat erst begonnen, da war sein Großvater Heinz, Schleyers Fahrer von der Kölner Daimler-Benz-Niederlassung, schon sieben Jahre tot. Trotzdem klebt die Tapete hinter der Couch in der 36-Quadratmeter-Wohnung in Köln-Niehl voller Zeitungsseiten und Internet-Artikel über den 5. September 1977.

Die Wohnzimmerwand ist der Hintergrund eines selbstzerfleischenden "Was wäre-wenn", auf der Suche nach einer Entschuldigung für sein bisheriges Leben: Wenn sein Großvater damals nicht gestorben wäre, wäre seine Mutter Ute dann so mit den Nerven fertig gewesen? Hätte das Jugendamt ihn dann in eine Pflegefamilie gegeben? Hätte er Scheiben eingeschlagen, Autos geknackt, bis sie ihn in ein Heim für Schwererziehbare gesteckt haben?

"Wenn das nicht passiert wäre, wäre mein ganzes Leben anders gelaufen", behauptet er und hält sich für das geborene Opfer. Seit ein paar Wochen ist er deshalb in Behandlung, sein Therapeut hat es nicht leicht, der Therapeut sagt Dinge wie: Wirf die Zettel weg, leb endlich dein eigenes Leben. Die Zettel hängen immer noch.

Für Marcisz steht fest: Es hätte nicht passieren müssen, nicht passieren dürfen. Dass ausgerechnet Schleyer, der Automanager, keinen gepanzerten Wagen hatte, weil der ihm zu unbequem war und sich die Scheiben nicht herunterkurbeln ließen, ist das eine. Für den Enkel hat aber vor allem die Polizei versagt: nur ein Begleitauto, nur drei Beamte, zu wenig, um das Leben seines Großvaters zu retten.

Eine Strafe ohne Urteil

Es ist nicht leicht, mit dieser Frage nach Schuld in die kleine Pensionärswelt des Karl Weil in Gerlingen bei Stuttgart einzudringen. Eine Welt, die an der Oberfläche so heimelig ist, mit ihren Häkelpuppen und Zinntellern, und nie wieder heil wird, mit den Tagebüchern in der Truhe, die am Tag von Ulmers Beerdigung enden, mit dem Dossier über den 5. September ganz hinten in der Schreibtischschublade.

Schuld ist keine Kategorie, in der Weil denkt, wenn er über den Tag vor 25 Jahren erzählt. "Ich konnte doch den Ulmer nicht aus der Einheit weglassen, solange ich keinen Ersatz hatte", sagt er, und: "Natürlich könnte man heute mit mehr Leuten, besserer Technik Schleyer besser schützen, aber damals ..."

Damals haben sie mal die Kennzeichen geändert, den Weg zu Schleyers Wohnung - mehr, sagt Weil, konnte man nicht tun, und überhaupt: Dann hätten die Terroristen den Anschlag eben anders gemacht. So wie Weil es sieht, gab es Zwänge und gab es das Schicksal, gab es Menschen, die er unter diesen Zwängen eingesetzt hat, und ein Schicksal, das sie ereilt hat. Ein Schicksal, das ihm, dem kleinen Beamten, eine Verantwortung aufgebürdet hat, die er nie mehr abstreifen kann.

Es ist seine Last, eine Strafe ohne Urteil. Am 5. September wird er zu den Gräbern seiner Männer fahren, zu Brändle in Zuffenhausen, Pieler in Hochdorf, Ulmer in Enzweihingen. Er fährt an jedem 5. September zu ihnen, seit 25 Jahren. Und auch an jedem Geburtstag, den einer der drei gefeiert hätte. Er wird das tun, solange er kann. Er, der Überlebende, das ist er ihnen schuldig, auch ohne Schuld.

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Seite 1
Dorina Herlyn, 05.09.2017
1.
Zum 40 Jahrestag der Entführung nur einen 15 Jahre alten Artikel zu bringen ist ja ganz schön dürftig
Florian Bargfeld, 05.09.2017
2. Buchempfehlung
Alle an Zeitgeschichte Interessierten möchte ich das 2004 im Beck Verlag erschienene Buch von Lutz Hachmeister "Schleyer – eine deutsche Geschichte" empfehlen. Das Buch fokussiert darauf, warum ausgerechnet Schleyer zum Ziel der RAF wurde.
Norbert Rick, 05.09.2017
3. Armutszeugnis
"Viele RAF-Opfer sind fast vergessen" ... dass dem so ist, daran hat auch ein Medium wie der SPIEGEL seinen gehörigen Anteil. Titelblatt und die x-te Enthüllungsgeschichte mit Herrn Boock. Zu den Angehörigen, Kollegen und Hinterbliebenen der namenlosen Polizisten, Fahrer und Personenschützer ein 15 Jahre altes Interview. Das nenne ich Qualitätsjournalismus.
Hans Jankowitsch, 05.09.2017
4.
Hallo, was soll ein neuerer Artikel denn noch bringen? Neuere Interviews zu den Leiden der Angehörigen, falls sie noch leben? Bitte nicht in alten Wunden rühren. Da ist mMn alles dazu gesagt.
Martin Hagenspiegel, 05.09.2017
5.
Wie lange dauerten damals die Verfahren? Wenn ich an dieses extrem aufgeblasene NSU-.Verfahren denke, wo es darum geht, ob die Zschäpe überhaupt etwas gewußt hat und ob sie ihren Freund hätte anzeigen sollen. Na gut, damals starben nicht reihenweise die Zeugen.
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