Getty-Entführung "Lass nicht zu, dass ich getötet werde"

Getty-Entführung: "Lass nicht zu, dass ich getötet werde" Fotos
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Fünf Monate in Todesangst: Vor 40 Jahren wurde der Millionenerbe John Paul Getty III in Rom entführt. Weil sein milliardenschwerer Großvater sich weigerte, das Lösegeld zu zahlen, griffen die Entführer zu brutalen Mitteln. Von Simon Broll

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Er war auf dem Heimweg von einem Discobesuch, als John Paul Getty III am 10. Juli 1973 auf der Piazza Fernese in Rom von Männern gepackt und in ein Auto gestoßen wurde. Die Entführung fand um drei Uhr nachts statt, die Schreie des 16-Jährigen blieben ungehört.

Nur wenige Augenblicke zuvor hatte Getty, von der Boulevardpresse als "goldener Hippie" bezeichnet, in dem Nachtclub Tree Tops gefeiert. Nun befand er sich in der Hand der 'Ndrangeta, der kalabrischen Mafia. Und die forderte Geld - viel Geld. Schließlich hielten die Entführer nicht irgendeinen Teenager gefangen, sondern den Enkel des damals reichsten Mannes der Welt.

Gettys Großvater, der US-Industrielle Jean Paul Getty, hatte mit Erdöl ein Milliardenvermögen gemacht. Er war der Gründer von Getty Oil, ein leidenschaftlicher Kunstsammler und besaß ein Schloss unweit von London, das er zu seiner Residenz ausbauen ließ. Laut Wirtschaftsmagazinen verdiente er täglich umgerechnet rund 1,2 Millionen Mark - und schien für die Mafia damit das ideale Opfer für Lösegeldforderungen zu sein.

Lösegeld von 17 Millionen Dollar

Als Geisel hatten sie sich den angeblichen Lieblingsenkel auserkoren: John Paul Getty III, von allen Paul genannt. Dieser lebte mit Mutter Gail Harris und den drei Geschwistern seit der Scheidung der Eltern in den sechziger Jahren in Rom. Paul Getty war für sein ausschweifendes Leben bekannt. Von sieben Schulen vor die Tür gesetzt, wollte sich der lockige Rotschopf mit blauen Augen und den vielen Sommersprossen als Künstler seinen Lebensunterhalt verdienen. Er wohnte in Roms Szeneviertel Trastevere und landete einmal im Gefängnis, weil er bei einer Linken-Demo einen Molotow-Cocktail geworfen hatte. Für die Boulevardpresse war der Millionenerbe ein willkommener Schlagzeilenlieferant. Er hatte in der Hippie-Gemeinde Fuß gefasst und viel Zeit mit den deutschen Zwillingen Gisela Martine Zacher und Jutta Winkelmann verbracht, beides Mitglieder der Berliner Kommune 1.

Der erste Kontakt mit den Kidnappern erfolgte zwei Tage nach der Entführung. Gettys Mutter Gail Harris bekam einen Telefonanruf. Eine Männerstimme forderte zehn Milliarden Lire, umgerechnet rund 17 Millionen Dollar. Eine Summe, die sich die Schauspielerin Harris nicht leisten konnte: Sie lebte von Alimenten ihres Ex-Mannes John Paul Getty II, der selbst in London und Nordafrika wilde Drogenexzesse feierte und sein Erbe verprasste. Und der Familienpatriarch, Jean Paul Getty? Weigerte sich, sein Geld herauszurücken.

"Ich habe 14 Enkelkinder", erklärte der Milliardär in Zeitungsinterviews. "Wenn ich jetzt auch nur einen Penny zahle, werde ich bald 14 entführte Enkel haben." Getty Sr. war bekannt für seine Sparsamkeit. Kurz zuvor hatte er auf seinem Schloss ein Münztelefon anbringen lassen - falls seine Gäste Ferngespräche führen wollten.

Fingierte Entführung?

Etwa zeitgleich zum Anruf erhielt Gail Harris einen Brief, verfasst von ihrem Jungen. "Liebe Mami, ich bin in den Händen von Entführern", schrieb der 16-Jährige. Und fügte seinem Text einen flehenden Appell an: "Lass nicht zu, dass ich getötet werde."

Wieder wandte sich Gettys Mutter an den Ölmagnaten - wieder weigerte er sich, zu helfen. Die Verhandlungen gerieten ins Stocken. Nach Monaten senkten die Entführer ihre Forderungen, verlangten nur noch 3,4 Millionen Dollar. Weil der Milliardär weiterhin hart blieb, schrieb Gail Harris sogar einen Brief an Präsident Nixon, in dem sie bat, mit Jean Paul Getty zu sprechen und ihn zur Bezahlung des Lösegeldes zu bewegen.

In der Zwischenzeit hatte Getty Sr. bereits eine eigene PR-Kampagne gestartet, mit der er die Glaubwürdigkeit der Kidnapper untergraben wollte. Er behauptete sogar, sein Enkel habe gemeinsam mit dessen deutscher Freundin Gisela Zacher die Entführung geplant, um an das Familienerbe zu gelangen. Auch Gail Harris sei in die Verschwörung verwickelt. Gettys Freundin wurde sogar für kurze Zeit als Verdächtige verhaftet. Auch die Boulevardzeitungen stürzten sich auf die Story - bis die Entführer mit einer blutigen Botschaft alle Spekulationen zunichte machten.

Eine Haarlocke und ein abgetrenntes Ohr

Das Päckchen mit dem makabren Inhalt erreichte die römische Tageszeitung "Il Messaggero" am 10. November 1973. Im Inneren befand sich ein Plastikbehälter mit einer roten Haarlocke und einem abgetrennten rechten Ohr. Doch obwohl Gail Harris die Haare eindeutig identifizierte - ihr Schwiegervater wollte immer noch nicht zahlen. Ihm fehlte der Beweis, dass es sich beim Päckcheninhalt wirklich um das Ohr seines Enkels handelte.

Einige Tage später fanden Polizeiwachen auf der Autostrada del Sol, direkt am Kilometerstein sieben, einen weiteren Brief der Entführer mit einem Foto des entstellten Teenagers. In Ihrem Schreiben drohten sie, den Jungen, der kurz zuvor 17 geworden war, "in kleinen Stücken" an seine Familie zurückzuschicken, falls das Lösegeld nicht endlich geliefert werde. Erst jetzt ließ sich der Ölmagnat erweichen und zahlte rund 2,8 Millionen Dollar. Die italienischen Banknoten, zu Geldbündeln gepackt, ließ er von einem Vertrauten in drei Säcken auf der Autobahn bei Lagonegro vor Rom hinterlegen.

Am 15. Dezember 1973 wurde John Paul Getty III nach fünf Monaten Gefangenschaft auf einer Autobahnstation südlich von Neapel aufgefunden. Der Junge war abgemagert und dreckig, seine Wunde am Kopf hatte sich entzündet. Der Presse erzählte er, wie er monatelang in den Bergen Kalabriens gefangen gehalten worden war - in Wellblechdach-Hütten und Höhlen.

Seine Rettung fand genau am 81. Geburtstag von Großvater Jean Paul statt. Doch als sich der Enkel bedanken wollte, nahm der Patriarch den Anruf nicht entgegen. Stattdessen ließ er seinem Sohn ausrichten, dass das Lösegeld ein Darlehen sei, das zu einem Zinssatz von vier Prozent zurückgezahlt werden müsse.

Der Mädchenheld in Hollywood

Nach der gelungenen Befreiung wuchs der Ruhm des jungen Paul Getty. Als er mit seiner Mutter in Skiurlaub ins österreichische Igls bei Innsbruck reiste, erhielt er jede Woche 200 Briefe von jungen Mädchen, die ihn für seinen Mut und Heldentum lobten. Die Fanpost wurde an die simple Adresse "Paul Getty, Österreich" verschickt.

In den nächsten Monaten nahm die italienische Polizei acht der mutmaßlich 15 Kidnapper fest, viele von ihnen Mitglieder der kalabrischen Mafia. Der Großteil des Lösegeldes blieb allerdings unauffindbar.

In der Zwischenzeit versuchte John Paul Getty III, ins Leben zurückzufinden. Das rechte Ohr wurde mittels plastischer Chirurgie wiederhergestellt. Einige Monate nach der Freilassung heiratete er seine Freundin Gisela Zacher. Weil er damit gegen den Familienvertrag verstieß, keine Frau vor seinem 22. Geburtstag zu ehelichen, wurde er enterbt. Das junge Paar zog nach Los Angeles. Gisela machte ihren Mann mit dem Regisseur Wim Wenders bekannt, der ihm eine Rolle in seinem Film "Der Stand der Dinge" anbot. Doch der Erfolg hielt nur kurz.

Hirnschlag mit 25 Jahren

Traumatisiert von der Entführung, wurde Getty vor allem nachts von Panikattacken geplagt. Hinzu kam die Heroinsucht. Hatte er schon vorher mit Rauschmitteln experimentiert, stieg er nun auf härtere Drogen um. 1981, im Alter von 25 Jahren, erlitt er einen Hirnschlag - in seinem Blut wurde ein Drogencocktail aus Methadon, Valium und Alkohol gefunden. Als er nach sechs Wochen aus dem Koma erwachte, war Paul Getty gelähmt, fast blind und konnte nicht mehr sprechen.

Seine Mutter Gail übernahm die Pflege. Die beiden zogen nach Beverly Hills in ein voll ausgestattetes Hightech-Klinikhaus. Weil die Rumdum-Versorgung monatlich 25.000 Dollar kostete, war Gail Harris auf Geld angewiesen. Doch ihr Ex-Mann, mittlerweile clean und nach dem Tod des Vaters steinreich geworden, wollte die Kosten nicht übernehmen. Erst ein Gericht in Los Angeles zwang ihn, für die Pflege seines Sohnes aufzukommen.

Es war der letzte Sieg von John Paul Getty III und Gail Harris gegen die geizige Familie. 2011 starb der "goldene Hippie" - im Alter von gerade einmal 54 Jahren.

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1.
Hubert Brunner 11.07.2013
Armes Schwein - kann man dazu nur sagen.
2.
Sven Moede 11.07.2013
Bei so einer Familie braucht man keine Feinde mehr.
3.
Jochen Eller 12.07.2013
Wenn die Aussagen im Artikel wahr sind, dann haben Sie im Teaser das Wort "Millionenerbe" falsch verwendet. Millionenerbe ist, wer Millionen erbt. Das tat Getty III aber nicht. Es zeugt nicht von semantischer Sorgfalt, jemanden, der irgendwann einmal hätte erben können, wenn er zum Zeitpunkt des Todes des Erblassers nicht schon enterbt worden wäre, als Erben zu bezeichnen.
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