Enthüllung Der Spion, der beinahe die Alliierten stoppte

General Pattons Landung in Nordafrika war ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg - doch fast wäre die "Operation Torch" 1942 verraten worden. Jetzt freigegebene britische Geheimakten belegen, dass ein Spion der Deutschen der Invasionsarmee auf der Spur war. Bis zum Showdown auf einem Trawler.

Corbis

Es war noch dunkel an jenem 8. November 1942, als 35.000 amerikanische Soldaten in Marokko auf afrikanischem Boden anlandeten. Der Widerstand der Truppen des französischen Vichy-Regimes war bald gebrochen, nur zwei Tage später zog US-General George Patton als Sieger in Casablanca ein, das eine Stunde vor dem befohlenen Sturmangriff der Amerikaner kapitulierte. Das deutsche Afrikakorps unter Feldmarschall Erwin Rommel, wenige Tage zuvor beim ägyptischen El Alamein von den Briten ohnehin schwer geschlagen, war weit weg und komplett überrumpelt.

Die "Operation Torch" war auch das "Ende vom Anfang" der Rückeroberung Europas, wie der britische Premier Winston Churchill im Radio verkündete. Nach der Landung im Rücken von Rommel sah sich dieser einem chancenlosen Zwei-Fronten-Kampf ausgesetzt. Und für die Alliierten bildete Nordafrika die Basis, von der aus sie neun Monate später zur Invasion Italiens ansetzten. Dass "Operation Torch" allerdings wie geplant verlief, ist nicht zuletzt der britischen Spionageabwehr zu verdanken - wie jetzt zum ersten Mal veröffentlichte Geheimdokumente des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5 belegen.

Ein Mann hätte demnach den entscheidenden Überraschungseffekt zunichte machen können: Gastao de Freitas Ferraz arbeitete als Funker auf einem portugiesischen Fischerboot vor Neufundland - und war Geheimagent in Diensten der Nazis. In den Tagen vor der Invasion kam sein Boot, die "Gil Eannes", der Armada von General Patton gefährlich nahe, nachdem diese von der amerikanischen Ostküste nach Marokko aufgebrochen war. "Wenn Freitas an Pattons Konvoi drangeblieben wäre, hätten die Deutschen rechtzeitig eine Warnung erhalten", sagt Christopher Andrews, Geschichtsprofessor an der Universität von Cambridge und offizieller Historiker des MI5. "Der Zweite Weltkrieg wäre anders verlaufen."

Aufregung bis in die höchsten Etagen

Bevor das geschehen konnte, zog die Royal Navy den deutschen Agenten aus dem Verkehr: Das britische Kriegsschiff HMS "Duke of York" stoppte die "Gil Eannes" am 1. November 1942 auf hoher See, ein Kommando ging an Bord nahm Freitas fest. Als ihm die Briten im ersten Verhör ein Foto des deutschen Geheimdienstresidenten in Lissabon, Kuno Weltzien, vorlegten, wurde er sichtlich nervös, so die Akten. Nach einem Zwischenstop in Gibraltar wurde Freitas in das "Camp 020" in London gebracht. In der mit Stacheldraht bewehrten viktorianischen Villa wurden im Lauf des Zweiten Weltkriegs rund 500 feindliche Spione verwahrt und verhört. Mehrere wurden umgedreht und zu Doppelagenten, die fortan im Dienste Ihrer Majestät Falschmeldungen an die Achsenmächte absetzten.

Auch die "Operation Torch" flankierten die Alliierten mit geschickt lancierten Falschmeldungen. Die in die irre geführten Deutschen glaubten so, die Invasion stehe in Norwegen oder Frankreich bevor - nicht in Nordafrika. Das erklärt auch, warum der Fall damals bis in die höchsten Etagen der britischen Führung debattiert wurde. Die rege Kommunikation zwischen Geheimdiensten, Admiralität und Außenministerium spiegelt die Sorge, dass die Tarnung der Operation noch im letzten Moment auffliegen könnte. In den jetzt veröffentlichten Akten finden sich etwa Berichte an einen mysteriösen "C", hinter dem sich der Chef des Auslandsgeheimdienstes SIS verbirgt, später MI6 genannt. Andere Briefe gehen direkt an Sir David Petrie, den damaligen Direktor des Inlandsgeheimdienstes MI5. Adressiert sind sie schlicht an "Box 500, Parliament Street", eine der Tarnadressen der Geheimen.

Freitas hatte keine große Erfahrung als Spion, doch erwies er sich für seine Verfolger als harter Brocken. Die Arbeit auf dem Fischerboot sei "die perfekte Tarnung" gewesen, schrieb der zuständige MI5-Analyst H.P. Milmo am 30. Dezember 1942 in einer Zwischenbilanz zum Fall. Für ein monatliches Entgelt von 15.000 Escudos meldete Freitas amerikanische Schiffsbewegungen an einen deutschen SS-Verbindungsoffizier in Lissabon.

Wer war der Verräter?

Bereits im Sommer 1942 hatte der MI5 einen verdächtigen Funkspruch abgefangen und begonnen, die portugiesische Fischerflotte vor Neufundland zu beobachten. In einem Brief vom 15. Oktober mit dem Stempel "Most Secret" heißt es, es gebe keinen Zweifel, dass die "Gil Eannes" zweimal Feindkontakt gehabt habe. Nur wer war der Verräter?

Erste Vernehmungen an Bord lenkten den Verdacht zunächst von Freitas weg. Der 48-Jährige sei "etwas antideutsch", berichtete Captain Ardill von der Hafensicherheit in St. John's auf Neufundland am 21. Oktober. "Sein Auftreten, sein Verhalten während der Befragung und seine lange Dienstzeit lassen uns sehr daran zweifeln, dass er zustimmen würde, als Funker im deutschen Interesse zu handeln."

Der MI5-Mann vor Ort, getarnt als Mitarbeiter des Justizministeriums von Neufundland, leitete diese Einschätzung umgehend an seinen obersten Chef Petrie in London weiter. De Freitas scheine "nicht der Typ fürs Spionieren" zu sein. Ein anderer Funker namens Ribeiro scheine eher verdächtig. Erschwerend für die Briten kam hinzu, dass Portugal im Krieg offiziell neutral war und die Briten sich ihrer Sache sehr sicher sein mussten, bevor sie einen portugiesischen Staatsbürger von einem zivilen Schiff holen konnten.

"Wenn je ein Mann verdient hätte zu sterben, dann dieser"

Eine Woche später allerdings schienen die Zweifel zerstreut, jedenfalls bat Milmo das britische Außenministerium um Erlaubnis, Freitas festnehmen zu dürfen, bevor die "Gil Eannes" Neufundland wieder verlasse. Die Zeit drängte nun. Die portugiesische Flotte sei in der Position, um Informationen "von außergewöhnlichem operativen Interesse" an den Feind weiterzugeben, warnte Milmo. Doch gelang es nicht, die "Gil Eannes" im Hafen von St. John's festzuhalten. Sie stach in See, Richtung Lissabon - und geriet damit fast in Pattons Kielwasser. Am 31. Oktober ordnete die britische Admiralität an, Freitas festzunehmen - und das Boot so zu verlangsamen, dass es nicht vor dem 9. November in Portugal eintreffen würde. Mit britischen Bewachern an Bord schipperte der Trawler im Schneckentempo gen Heimat.

Die Akten zum Fall Freitas sind ein Leckerbissen für Historiker. Beim Durchblättern fallen klingende Namen, die später in anderen Zusammenhängen berühmt wurden. Der Analyst H.P. Milmo etwa spielte nach Kriegsende als Ankläger in den Nürnberger Prozessen eine Rolle. Seine Berichte schrieb er unter anderem an einen gewissen H.A.R. Philby, damals noch Agent in der iberischen Abteilung des SIS war. 1963 wurde Philby dann als Mitglied des KGB-Spionagerings "Cambridge Five" enttarnt. Besser bekannt unter dem Vornamen Kim, war er der Meisterspion des 20. Jahrhunderts und lieferte die Vorlage für John Le Carrés Bestseller "Tinker, Tailor, Soldier, Spy". Auch der spätere Historiker Hugh Trevor-Roper, der 1983 der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, als er die gefälschten Hitler-Tagebücher für echt befand, kommt in den Briefwechseln vor.

In diese Liga von Berühmtheiten wird Freitas wohl nicht mehr aufsteigen - dennoch lag der Gang der Weltgeschichte für einen Augenblick in seinen Händen. Abwehrmann Milmo jedenfalls fällte schon 1942 ein harsches Urteil über den portugiesischen Funker: Leider komme die Todesstrafe aus rechtlichen Gründen nicht in Frage, aber: "Wenn je ein Mann verdient hätte, wegen Spionage zu sterben, dann wäre dieser Mann de Freitas." Nach Kriegsende wurde der internierte Spion von den Briten nach Portugal ausgewiesen.



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Seite 1
Florian Geier, 04.03.2009
1.
Nicht ganz fehlerfrei ist auch die Schreibweise der Hauptperson: lt. http://www.pnetliteratura.pt/noticia.asp?id=5122 muß es statt "Gastao de Freitas Ferraz" heißen: Gastão de Freitas Ferraz.
Eugen von Arb, 04.03.2009
2.
Inwiefern dieser Agent mit seiner Warnung den Lauf der Weltgeschichte hätte beeinflussen können, frage ich mich. Das deutsche Afrikakorps litt fast ständig unter Nachschubproblemen und hätte auch im Fall rechtzeitigen Warnung kaum die nötigen Möglichkeiten gehabt, die Landung der Amerikaner abzufangen. Rommel kam punkto Nachschub meist an zweiter Stelle nach der Ostfront, die zu dieser Zeit gigantische Massen an Menschen und Material verschlang. Die Höhepunkte im Wüstenkrieg (Tobruk, El Alamein) fielen in diesem Jahr mit denjenigen im Russlandfeldzug (Sewastopol, Krim, Stalingrad) zusammen. Ausserdem versank ein schöner Teil des deutschen Afrika-Nachschubs im Mittelmeer. Für beide Kriegsschauplätze reichte es eben nicht.
Paul Weisser, 05.03.2009
3.
Die Nachricht kam durch, oder eine gleichwertige, es wurde in Hitlers Umgebeung ( am Obersalzberg?)über die bevorstehende amerikanische Landung gesprochen , Speer berichtet darüber ausführlich in seinen " Erinnerungen" Hitler spekulierte ausführlich wo man landen wird, rechnete jedoch nicht mit einer weichen Landung in einem Gebiet wo keine Kämpfe zu erwarten sind. Von der Idee dass man in Marokko oder Algerien landet war man überrascht. @Eugen von Arb: Nachschub hätte es angeblich genug gegeben für das Afrikakorps- laut Speer in einem Interview- nur der ist versunken weil die Deutschen Malta nie eroberten, warum man Malta nicht angriff ist ja ein Rätsel , Rommel hat es immer gefordert, meine Vermutung ist dass die Italiener diese Truppenpräsenz in Italien nicht erlaubten was zum sinnlosen Ersatzangriff auf Kreta geführt haben dürfte, aber das ist meine Spekulation
Armin Quentmeier, 05.03.2009
4.
Reißerische Überschrift - die Alliierten waren nicht mehr aufzuhalten Auch wenn Herr Gastão de Freitas Ferraz alle Informationen an die deutschen Führung weitergeleitet hätte, wäre eine Abwehr der alliierten Landung in Marokko unmöglich gewesen. Eine einsatzbereite deutsche Flotte für einen Angriff auf die US-Streitkräfte gab es nicht mehr. Die wenigen verbliebenen deutschen Schlachtschiffe mußten sich in Norwegen oder in der Ostsee vor englischen Bombern verstecken. Ein Durchbruch in den Nordatlantik war angesichts der Kräfteverhältnisse und des völligen Fehlens von Luftunterstützung nicht machbar - Deutschland verfügte über keinen einzigen Flugzeugträger, während die Amerikaner Dutzende kleinerer Flugzeugträger im Einsatz hatten. Ein Angriff auf die US-Flotte wäre daher ein Kamikaze-Unternehmen geworden. Man denke an die Versenkung des Schlachtschiffes "Bismarck" im Mai 1941! Der U-Boot-Krieg im Nordatlantik brachte zwar noch einige Erfolge gegen Geleitzüge von Handelsschiffen, die nur von wenigen Kriegsschiffen geschützt werden konnten. Gegen eine Armada von Kriegsschiffen hätten auch die verbliebenen deutschen U-Boote nicht viel ausrichten können. Eine strategische Bomberflotte, die entweder von Nordafrika oder von Südfrankreich aus die US-Streitkräfte hätte angreifen können. gab es auch nicht mehr. Im gesamten Bereih der Operation "Torch" hatten die Alliierten eine nahezu absolute Luftüberlegenheit. Die Spionagegeschichte mit Herrm Gastão de Freitas Ferraz ist eine Fußnote der Geschichte, mehr nicht!
Toby Esterhazy, 21.08.2010
5.
Armin: D hatte einen Flugzeugträger, nur er war noch nicht fertig gebaut.
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