Enthüllungsgeschichte Als die Bikini-Bombe hochging

Enthüllungsgeschichte: Als die Bikini-Bombe hochging Fotos
Getty Images

Sie entstieg dem Meer - und 007 fiel nichts mehr ein. Bond-Girl Ursula Andress machte in den sechziger Jahren den Bikini zum Modehit. Kaum zu glauben: Vier Dekaden zuvor planschte man noch in Korsetts und Kleidern. einestages zeigt Erfolgsmodelle und Entgleisungen der Bademodengeschichte. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
    3.7 (74 Bewertungen)

Als Sean Connery hinter den Bäumen hervortrat, um nachzuschauen, wer da so entzückend vor sich hinträllerte, traute er seinen Augen nicht. Aus den Fluten glitt eine blonde Schönheit in einem elfenbeinfarbenen Baumwollbikini, an dessen Gürtel ein furchteinflößendes Muschelmesser baumelte. Dem sonst so hartgesottenen James Bond verschlug es die Sprache. Im Zustand absoluter Verzückung begann der Geheimagent ihrer Majestät schließlich den von der Nixe intonierten Schlager "Underneath the mango tree" nachzusingen - und damit einen seiner unlässigsten Auftritte hinzulegen.

Nach dieser kleinen Szene aus "James Bond jagt Dr. No" von 1962 war nichts mehr wie zuvor. Nicht nur, dass der Schweizer Schauspielerin Ursula Andress (Spitzname "Undressed") dank ihres spektakulären Auftritts als Muschelsucherin Honey Ryder der internationale Durchbruch gelang. Die Episode beförderte auch den weltweiten Siegeszug eines Kleidungsstückes, das wie kaum ein zweites die Gemüter gespalten und für Aufruhr gesorgt hatte.

Ohne es zu wollen, hatten die Macher des Macho-Agentenstreifens einen wahren Krieg um die weibliche Bademode beendet, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts tobte und die Welt in zwei Hälften teilte: auf der einen Seite die Hüter der Moral und der öffentlichen Ordnung - auf der anderen Seite die zunehmend selbstbewussten, sportlichen und körperbetonten Frauen, die sich nicht vorschreiben lassen wollten, in welcher Montur sie ins kühle Nass sprangen.

Wallende Stoffungetüme, sackartige Flanelltuniken

Annette Kellermann zum Beispiel. "Ich will schwimmen, und das kann ich nicht mit einer Wäscheleine voll Stoff an meinem Körper", zürnte die australische Schwimmerin und entledigte sich kurzerhand der Textilmassen, bevor sie ins Wasser sprang. Prompt wurde sie 1907 am Strand von Boston wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verhaftet - die anwesenden Damen hatten die Polizei gerufen, weil ihnen das schwarze, enganliegende und noch dazu jede Menge nackte Haut offenbarende Wolltrikot der Sportlerin missfiel.

Kurz darauf sorgte erneut eine Schwimmerin mit ihrem Outfit für Aufruhr: 1910 trat die Engländerin Gladys Osborne ihre Wettkämpfe mit einem seidenen Badeanzug an, der, einmal nass, so viel Weiblichkeit zur Schau stellte, dass die männlichen Zuschauer nur dann erlaubt waren, wenn sie einen moralisch vertretbaren Sicherheitsabstand zum Schwimmbecken einhielten. Immerhin: Die Sportlerin landete nicht vor Gericht - für damalige Zeiten schon ein Erfolg.

Denn zumindest öffentlich durften Frauen sich noch wenige Jahre zuvor nur dann zu Wasser lassen, wenn sie ihre Reize komplett verhüllten und Badekleid nebst Badehut, Badestrümpfen und Badeschuhen trugen - selbst nackte Füße galten lange Zeit als obszön.

"Wir wollen keine Gorillas am Strand!"

Doch damit nicht genug: Der Anblick des unbedeckten weiblichen Beines war lange Zeit so verpönt, dass die Frauen zum Teil sogar Gewichte an ihre Baderöcke hängten, damit der Auftrieb im Wasser kein nacktes Fleisch zu Tage treten ließ. Ein fataler Einfall der Sittenwächter - nicht selten gluckerten die so beschwerten Damen in ihren noch dazu mit Wasser voll gesogenen, Kilo schweren Badekleidern einfach ab, wenn sie sich beim Plantschen zu weit ins Meer wagten. Und noch 1892 musste eine Berliner Schwimmschülerin sterben, weil ihre Lehrerin nicht schnell genug aus ihrer vielschichtigen Bademontur schlüpfen konnte, um der Ertrinkenden zur Hilfe zur eilen.

Um die Jahrhundertwende endete die Ära des Walle-Wasserkostüms. Die Badekleider blieben zwar, wurden aber zunehmend kürzer - bis nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr nur Profi-Schwimmerinnen, sondern auch Hobby-Baigneusen im hautengen, weit über dem Knie endenden Trikotbadeanzug über den Strand sprangen. Als dann auch noch das Sonnenbaden in Mode kam und die Schwimmfans eine Hülle nach der anderen fallen ließen, reichte es der deutschen Obrigkeit.

Im Oktober 1932 verhängte der preußische Reichskommissar und Innenminister Franz Bracht den so genannten Zwickelerlass, der nicht nur das Nacktbaden untersagte, sondern auch penibel regelte, welche Körperteile Mann und Frau zu verhüllen hatten. Fortan patrouillierten Badepolizisten an den deutschen Stränden und Badeseen, um mit dem Zentimetermaß über die Einhaltung der rigiden Kleiderordnung zu wachen. Und auch in Amerika tobten die Sittenwächter: "Wir wollen keine Gorillas am Strand!" verkündeten die Stadtväter von Atlantic City 1936 und forderten von den Männern, ihre haarigen Reize künftig vom Hals bis zu den Oberschenkeln zu verdecken.

"Noch kleiner als das kleinste Badekostüm der Welt"

Langfristig jedoch obsiegte die Fraktion der Freizügigen - wenn auch gegen massive Widerstände. Am 5. Juli 1946, einem schwülwarmen Tag, präsentierte der gelernte Maschinenbauingenieur und spät berufene Bademodendesigner Louis Réard im Pariser Jugendstil-Schwimmbad "Molitor" seine neueste Kreation: einen aus vier winzigen Stoffdreiecken bestehenden Zweiteiler, den er Bikini taufe und damit einen, wenn auch makabren, Sinn für PR bewies.

Nur vier Tage zuvor hatte US-Prädident Harry S. Truman eine Atombombe über dem Bikini-Atoll explodieren lassen - kein Wunder, dass auch das nach dem pazifischen Palmeninselreich benannte Badekostüm einschlug wie eine Bombe. Da die anständigen Mannequins sich geweigert hatten, mit dem freizügigen Outfit zu posieren, schickte der Modemacher kurzerhand die Stripteasetänzerin Micheline Bernardini auf den Laufsteg. Die Medien überschlugen sich, um den Zweiteiler zu feiern, den Réard als seine Erfindung ausgab - obwohl er die Idee dazu von einem Pariser Couturier geklaut hatte.

"Noch kleiner als das kleinste Badekostüm der Welt": Mit diesem Slogan warb Réard für den Bikini und ließ seine Kreation von der Stripteasetänzerin erst durch einen Ehering ziehen, um die Stofffetzen sodann in einer Streichholzschachtel verschwinden zu lassen. Der Werbecoup war gelungen, die feine Gesellschaft inklusive Atomgegner, Sittenwächter und Priester hingegen zeigte sich not amused. Während katholische Länder den knappen Zweiteiler kurzerhand verboten, gründeten Hüter der öffentlichen Moral in Rio de Janeiro 1947 gar einen Anti-Bikini-Verein.

Per Wasserpredigt gegen freizügiges Plantschen

Noch 1957 schrieb die "Zeitschrift für das moderne Mädchen": "Es ist hier wohl nicht notwendig, ein Wort über den sogenannten Bikini zu verlieren. Ist es doch undenkbar, dass ein Mädchen mit Takt und Anstand je so etwas tragen könnte." Und zwei Jahre später wetterte der Geistliche August Wehage von der Kanzel seiner Kirche im oldenburgischen Städtchen Friesoythe bei Cloppenburg derart harsch gegen die figurbetonte Badekleidung seiner Zeit, dass der Stadtrat sich zum Handeln gezwungen sah: Fünf Tage nach der sogenannten Wasserpredigt traten die Gemeindepolitiker zusammen, um das nach Geschlechtern getrennte Plantschen in den öffentlichen Anstalten wieder einzuführen.

Auf Dauer jedoch fiel jede noch so rigide Badeordnung dem Drang der weiblichen Selbstbestimmung zum Opfer. Während in den fünfziger Jahren vor allem Hollywoodstars wie Brigitte Bardot und Diana Dors in Bikinis posierten, änderten im Sommer 1959 endlich auch die tonangebenden Modezeitschriften ihre Meinung und priesen den Bikini als "Kleidungsstück der Saison". Kurz darauf tauchte Ursula Andress aus den Fluten auf - und verwandelte den einst so verpönten Zweiteiler in das Must-Have-Accessoire aller selbstbewussten Frauen, die Erotik und Emanzipation gleichermaßen versprühen wollen.

Zwei Jahre nach dem spektakulären Bikini-Bond-Auftritt schlugen noch einmal die Moralapostel zu: Die Münchner Justiz verdonnerte eine 17-Jährige zu drei Wochenenden Putzen im Altersheim, weil sie an einem heißen Julitag im Bikini über den Viktualienmarkt flaniert war. Danach jedoch ebbte der leidenschaftlich geführte Kampf um die richtige weibliche Badebekleidung mehr und mehr ab - einzig der blanke Busen an den Stränden der siebziger Jahre rang den Sittenwächtern noch einmal einen kurzen Aufschrei des Entsetzens ab.

Zum Weiterlesen:

Beate Berger: "Bikini - eine Enthüllungsgeschichte", Marebuch Verlag, Hamburg 2010, 271 Seiten.

Erhältlich bei amazon.

Artikel bewerten
3.7 (74 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Marian-Luczia Krancman, 12.07.2010
Der Unsinn, dass der "zweiteilige Badeanzug" erst NACH dem 2. Welktkrieg aufkam, ist nicht auszurotten. Schauen Sie sich doch bitte mal Fotos aus den 30er Jahren an! Da werden Sie des öfteren bereits Damen im "Zweiteiler" sehen. Und meine Mutter (Jahrgang 1912) war weiß Gott kein "sexy girl", trug aber bereits 1949 einen "Zweiteiler" - übrigens gestrickt (!) aus irgendeiner Kunstfaser. Bereits Mitte der 50er Jahre war der Bikini in unsrer Clique zwar noch nicht Standard, aber schon durchaus "in", in einem stockkatholischen Nachbarort allerdings im Schwimmnbad verboten. Das Bikini-Märchen des angeblichen französischen Erfinders hält sich offenbar genauso hartnäckig wie die Mär, dass Teflon ein Abfallprodukt der Weltraumfahrt sei. In Wahrheit ist es ein Abfallprpdukt der Atombombenproduktion - aber "Weltraum" verkauft sich halt PR-mäßig besser!
2.
Hana Riha, 21.08.2013
Dem Beitrag von Frau Krancman stimmen zu. In einem Buch aus dem Jahr 1940 sind Fotos von Frauen in knappen Bikinis mit hoch ausgeschnittenem Bein, bauchnabel- und sogar pobackenfrei (Stringform) zu sehen! Buch: H. de Montherlant - Paysage des Olympiques. 87 Photos par Karel Egermeier
3.
Quark Quark, 13.07.2014
Bikini-Bombe ??? Echt jetzt ? Ihnen ist schon klar, daß die Detonation von Atom-Bomben über dem Bikini-Atoll zu den eher zweifelhafteren Aktionen der Menschheit gehören und diese Region langfristig verseucht haben. Man muß schon ziemlich ignorant sein, wenn man bei "Bikini-Bombe" an Bademoden statt an Massenvernichtungswaffen denkt. Die Gnade der späten Geburt, oder :-( ? Was will man aber auch erwarten, wenn es sogar ein Mode-Label namens "Via Apia" gibt, wo doch an dieser Straße Tausende Spartakuskämpfer an die Bäume genagelt wurden. Om tempora ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH