Whistleblower-Skandal 2003 In der Schusslinie der US-Regierung

Whistleblower-Skandal 2003: In der Schusslinie der US-Regierung Fotos
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Bewunderer nannten sie Jane Bond, Gegner ihres Mannes brachten sie in Lebensgefahr: 2003 wurde die geheime Identität der CIA-Agentin Valerie Plame aufgedeckt. Hinter der Aktion steckten hochrangige Vertreter der Bush-Regierung - die einen Whistleblower bestrafen wollten. Von Marc Pitzke

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Der Polit-Krimi beginnt mit 16 Worten. Gesprochen von US-Präsident George W. Bush am 28. Januar 2003, in seiner zweiten Rede zur Lage der Nation: "Nach Erkenntnissen der britischen Regierung zeigte Saddam Hussein kürzlich Interesse an erheblichen Mengen Uran aus Afrika", behauptet Bush da vor dem Kongress - und vor 62 Millionen TV-Zuschauern.

Iraks Diktator mit dem möglichen Bau von Massenvernichtungswaffen in Verbindung zu bringen: Darin steckt nicht nur der propagandistische Erstschlag für die Irak-Invasion sieben Wochen später. Sondern, als bewusste Falschinformation, auch der Auslöser des ersten Whistleblower-Skandals der jüngeren US-Geschichte - ein Skandal, der Washington zutiefst erschüttert, einen Hollywood-Thriller inspiriert und bis heute seinesgleichen sucht, so explosiv verquirlt er Gräuel und Glamour.

Im Mittelpunkt steht Valerie Plame, eine attraktive Diplomatengattin und Undercover-Agentin der CIA, als Geschäftsfrau getarnt. Bis sich ihr Leben am 14. Juli 2003 brutal und ein für allemal ändert: Über Nacht wird sie als "berühmteste Spionin Amerikas" geoutet. Wider Willen wird Plame damit zur Hauptdarstellerin - und zugleich zum unschuldigen Opfer - einer sensationellen Staatsaffäre, die den falschen Vorwand des Irak-Kriegs zerstört und Politiker, Präsidentenberater sowie Starreporter gleichermaßen in ihrem Strudel fortreißt.

Snowdens Vorgänger

Die Plame-Affäre ist ein Vorgänger für den jetzigen Aufruhr um NSA-Whistleblower Edward Snowden. Nur andersrum: 2003 kommen die verheerendsten Leaks aus der allerhöchsten Etage der US-Regierung - eiskalt orchestriert und sanktioniert, um einen unbequemen Quertreiber à la Snowden mundtot zu machen.

Dieser Quertreiber ist Joe Wilson, ein Ex-Botschafter - und Valerie Plames Ehemann.

Sie lernten sich 1997 kennen. Plame, deren Vater bei der Air Force und der NSA war, hat als CIA-Agentin die Welt bereist und weiß auch gut mit einem AK-47-Maschinengewehr umzugehen; Bewunderer nennen sie Jane Bond. Der fesche Wilson hat als Top-Diplomat in Afrika und im Irak gedient, wo er zum Ausbruch des Golfkriegs 1990 als letzter US-Gesandter mit Hussein persönlich verhandelte.

Und wie gerät dieses Traumpaar in das Irak-Debakel? Anfang 2002 kursieren erste interne Geheimdienstberichte: Saddam Hussein wolle sich in Niger Uran beschaffen - eine "Smoking Gun", die einen Einmarsch rechtfertigen könnte. Vizepräsident Dick Cheney beauftragt die CIA, das zu prüfen. Und die engagiert dafür Wilson, der seit 1998 eine private Consultingfirma hat.

Wenn Fälschungen zu Fakten werden

Warum ausgerechnet Wilson? Wahrscheinlich wegen der CIA-Connections seiner Frau. Wobei ungeklärt bleibt, welche Rolle sie dabei spielt.

Jedenfalls reist Wilson im Februar 2002 nach Niger. Die Papiere, die auf eine Uran-Transaktion hindeuten, entpuppen sich dort schnell als krude Fälschung. Wilson informiert die CIA und das State Department.

Doch elf Monate später wiederholt Bush die Behauptung in seiner TV-Rede - als Fakt. Wilson ist entsetzt. Nach mehreren Warnungen an die Ex-Kollegen wird er zum Whistleblower. Am 6. Juli 2003 schreibt er ein Sonntagsessay für die "New York Times": "Was ich in Afrika nicht fand". Darin berichtet er detailliert von seinem Niger-Trip - und schlussfolgert, dass die "Informationen" über die angeblichen Massenvernichtungswaffen des Irak "verzerrt" worden seien, um die Bedrohung zu überhöhen. "Mehr als 200 US-Soldaten haben im Irak schon ihr Leben verloren", endet Wilson wütend. "Wir haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass ihre Opfer den richtigen Grund hatten."

Und damit bricht das Drama erst wirklich los.

Wilson, der keiner Partei nahesteht, sieht sich prompt diffamiert, etwa als "prosaudischer Linker". Eins aber sieht er nicht kommen: Dass seine Frau in die Schusslinie geraten würde.

Plame "ist radioaktiv"

Eine erste Vorwarnung kommt drei Tage nach dem Essay: Da erhält Wilson einen Anruf vom erzkonservativen Kolumnisten Robert Novak, als "Prinz der Dunkelheit" verrufen. Er habe gehört, dass Wilsons Frau für die CIA arbeitete: "Können Sie das bestätigen oder dementieren?" Kein Kommentar, sagt Wilson. Fünf Tage später outet Novak Plame in der "Washington Post" als CIA-Expertin "für Massenvernichtungswaffen". Plame habe die Idee zur Niger-Reise gehabt, hätten ihm "zwei hochrangige Regierungsvertreter" gesteckt.

Die CIA beurlaubt Plame sofort, da ihre Undercover-Identität dahin ist - und somit auch die Identität ihrer Informanten, die nun um ihr Leben fürchten, etwa im Nahen Osten. "Sie ist eine Aussätzige", sagt ihr Freund Larry Johnson, selbst ein Ex-CIA-Analyst, der "Washington Post". "Sie ist radioaktiv." Auf CNN fügt Johnson später hinzu, Plame habe Morddrohungen von al-Qaida bekommen.

Plame selbst äußert sich dazu erst 2007: "Der Schaden ist sehr schwer, wenn ein CIA-Cover platzt", sagt sie vor dem Kongress. "Es stehen buchstäblich Leben auf dem Spiel." Im selben Jahr berichtet sie in ihren Memoiren, sie habe um die Sicherheit ihrer zwei Töchter gebangt.

Unterdessen bewegt Washington nur eine Frage: Wer sind die "zwei hochrangigen Regierungsvertreter", die Plames Doppelleben an Novak verrieten? War es ein perfider Rachefeldzug, nur um ihren Mann in Misskredit zu bringen? Selbst Republikaner-Chef Ed Gillspie wähnt einen Skandal, "schlimmer als Watergate".

Wenn ein Vizepräsident plappert

Erst nach langen Ermittlungen und weiteren Leaks wird klar: Novaks Hauptquelle war US-Vizejustizminister Richard Armitage. Der hatte Plames CIA-Rolle vorher schon an Watergate-Legende Bob Woodward von der "Washington Post" lanciert, der das freilich für sich behielt. Novaks zweite Quelle, so stellt sich heraus, war Karl Rove, Vizestabschef und Berater des Präsidenten. Er und Scooter Libby, Stabschef des Vizepräsidenten Dick Cheney, plapperten das ebenfalls noch an andere Journalisten aus, darunter Matthew Cooper ("Time") und Judith Miller ("New York Times"). "Wilsons Frau ist Freiwild", soll Rove zu MSNBC-Moderator Chris Matthews gesagt haben. "Freiwild" ("Fair Game") ist später dann auch der Titel der bitteren Memoiren Plames.

Juristisch belangt wird keiner der offiziellen Leaker. Nicht einmal durch Sonderermittler Patrick Fitzgerald, der alle Beteiligten vor ein großes Geschworenengericht zerrt. E-Mails aus dem Weißen Haus verschwinden, Hauptzeugen wie Cheney erinnern sich plötzlich an nichts. Der Einzige, der bestraft wird, ist Cheneys Stabschef: Libby tappt, wie so viele, in die Meineindfalle und wird 2007 zu 30 Monaten Gefängnis und einer Viertelmillion Dollar Geldstrafe verurteilt - der hochrangigste Delinquent aus dem Weißen Haus seit dem Iran-Kontra-Skandal in den achtziger Jahren. Bush hebt Libbys Haftstrafe kurz darauf auf.

Fast schlimmer noch trifft es aber die Reporter. Miller und Cooper weigern sich, dem Gericht ihre Informanten offenzulegen, und riskieren Beugehaft. Cooper willigt in letzter Minute ein, als Rove ihm telefonisch den Segen gibt. Miller, 57 Jahre alt, verbringt 85 Tage hinter Gittern. Erst dann gibt ihre Quelle - Libby - sie frei.

Und Mr. und Mrs. Wilson? Erst gefährdet der Skandal ihre Ehe, dann genießen sie ihre ungewollte Berühmtheit - kurz. Ein Porträt in "Vanity Fair", ein halbes Jahr nach dem Outing, ziert ein Foto des Paars in einem Cabrio vor dem Weißen Haus. Plame trägt eine schwarze Sonnenbrille und ein Kopftuch, ganz Garbo. Beide schreiben Bücher. Plames Memoiren - für die sie angeblich 2,5 Millionen Dollar bekommt - werden 2010 sogar verfilmt. Naomi Watts ist Plame, Sean Penn ist Wilson. Die Vier freunden sich an, der Film spielt 24 Millionen Dollar ein.

Seit 2006 leben Wilson und Plame in Sante Fe, fern vom Intrigantenzentrum Washington. Nur selten äußern sie sich noch zu Aktualitäten - zum Beispiel neulich zum Snowden-Skandal. Über die Panik in der US-Regierung kann Plame im Gespräch mit der "Huffington Post" nur lachen. Schließlich sind die beiden profiliertesten Namen, die Snowdens Leaks dieser Tage als Landesverrat ächten, selbst Profi-Leaker - Dick Cheney und Karl Rove.

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1.
claudia damberg 15.07.2013
Bereits Daniel Ellsberg zeigte durch sein Gewissen, Menschlichkeit! Ellsberg riskierte nicht nur seinen Wohlstand, sondern auch 105 Jahre Gefängnis. Er vieriet die damaligen Verhältnisse im Vietnam-Krieg und rette damit mglw. Millionen Menschen (unter anderem meiner Frau) das Leben. Nixon mußte im weiteren Verlauf dieses Skandals zurücktreten. Diese "Schwäche der Ehrlichkeit" hat USA heute überwunden. Unternehmen welche sich nicht als "systemkonform" erweisen, werden "hingerichtet". Das heißt die Gemeinschaft der Patrioten wird diese Firma meiden und aus dem Wirtschaftskreislauf ausschließen. Mmn. ist das kapitalistisch geprägter Faschismus...
2.
Uwe Schwarz 16.07.2013
Lieber Marc Pitzke, ich lese Ihre Beiträge stets mit Interesse und oft auch mit Vergnügen. Aber ich verstehe nicht, warum Ihnen nach so vielen Jahren jenseits des Großen Teichs immer noch so unsicher mit der Sprache sind. Ein ?prince of darkness? ist kein Prinz der Dunkelheit, sondern der Fürst der Finsternis höchstpersönlich.
3.
Alexander Dittrich 30.10.2013
>Lieber Marc Pitzke, ich lese Ihre Beiträge stets mit Interesse und oft auch mit Vergnügen. Aber ich verstehe nicht, warum Ihnen nach so vielen Jahren jenseits des Großen Teichs immer noch so unsicher mit der Sprache sind. Herr Schwarz, es scheint, Ihnen sind auch etwas unsicher mit der deutschen Sprache.
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