Erdbeben in der Türkei Der Riss im Marmarameer

Erdbeben in der Türkei: Der Riss im Marmarameer Fotos
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1999 bebte in der Türkei die Erde. Katja Tongucer war knapp drei Monate zuvor mit ihrem türkischen Mann nach Istanbul gezogen, nur 100 km vom Epizentrum entfernt. Die Nacht, in der die Erde bebte, veränderte ihr Leben. Von

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Es war eine schöne Sommernacht im August. Wäre es nicht mitten in der Woche gewesen, vielleicht hätten wir den milden Abend am Bosporus verbracht, in einer der unzähligen hippen Open-Air-Discos mit Blick auf diese faszinierende Meerenge und die Lichter auf der anderen, der asiatischen Seite. Wir hätten die Nacht durchtanzt und womöglich erst gar nichts gemerkt von dem entsetzlichen Beben, das die Marmararegion in dieser Nacht erschüttern sollte.

Doch wir waren zu Hause, schliefen tief und fest in unserer Wohnung im fünften Stock. Ich hatte einen intensiven Traum - so intensiv, dass ich lange brauchte, um in die Realität zurück zu finden. Ich träumte von einem Ferienhaus, irgendwo an einer Küste, die mir völlig unbekannt war. Es war eine düstere Nacht und ein Sturm rüttelte an den Läden, den Fenstern und den Türen. Es wurde stürmischer, lauter, unheimlicher. "Komm, steh auf! Es ist ein Erdbeben!" Langsam kam ich zu mir, ich stand in der Schlafzimmertür. Mein Mann hatte mich hierher geführt, denn angeblich ist es hier sicherer als im Raum. Die unbekannte Diele des Ferienhauses vor mir verwandelte sich wieder in den vertrauten Flur unserer Istanbuler Wohnung. Aber er wackelte, zitterte und bebte.

Es war der 17. August 1999, 3:02 Uhr. 45 Sekunden reichten aus, um mindestens 15.000 Menschen das Leben zu nehmen. Hunderttausende verloren ihre Existenz, ihr Zuhause. Millionen Menschen verloren ihre Unbeschwertheit und sollten später um Freunde und Angehörige trauern. Das Epizentrum des Bebens der Stärke 7,8 lag in Izmit, ca. 100 Kilometer südöstlich von Istanbul, auf der anderen Seite des Marmarameers.

Bevor ich richtig wach war, war es auch schon vorbei.

Ungläubig wanderten wir durch die Wohnung. Die Lichter funktionierten noch, doch schon kurz darauf war der Strom weg. Zum Glück lagen immer griffbereit Kerzen in der Küche, denn Stromausfälle gehören in Istanbul zum Alltag. Im Schein der Kerzen begutachteten wir die Schäden. Wie in Trance sahen wir, dass einige Bilder von der Wand gefallen waren und das Regal in der Küche leer war. Sein Inhalt lag auf dem Boden. "Gar nicht so schlimm", dachte ich zunächst. Doch dann sah ich, dass die schwere Waschmaschine um einen halben Meter verschoben war. Da wurde mir erst bewusst, welche Kraft hier gewirkt haben muss. Plötzlich fielen mir die gelben Rohre wieder ein, die sich durchs ganze Haus ziehen: Gasleitungen. Da wollte ich nur noch raus, vor die Tür, in Sicherheit.

Panik in der Stimme des Radiomoderators

Lautes Rufen im Treppenhaus drang zu uns durch. Auch wir tasteten uns im Dunkeln die fünf Stockwerke hinunter, denn Kerzen wollten wir nun keine mehr anzünden. Alle Nachbarn waren auf den Beinen und versammelten sich vor dem Haus. Erschöpft setzte ich mich auf den Bürgersteig und lehnte mich an die Vorgartenmauer. Ich konnte immer noch nicht glauben, was mit uns passiert war.

Wie alle anderen auch versuchte mein Mann per Handy seine Familie zu erreichen. Wir hatten Glück und konnten mit Großeltern und Bruder reden, bevor das gesamte Telefonnetz wegen Überlastung zusammenbrach. Irgendjemand hatte das Radio seines Autos eingeschaltet. Laut und unheimlich hallte die Stimme eines Radiosprechers durch die Stille. Ich verstand kein Wort, so gut war mein Türkisch nicht, doch mir entging nicht die Panik und das Entsetzen in der Stimme des Sprechers. Mein Mann übersetzte das Notwendigste, dann schaltete ich im Geiste ab, die Müdigkeit war stärker.

So verging der Rest der Nacht. Mehrere Nachbeben lösten hektische Reaktionen unter den Nachbarn aus. Und erst gegen Morgen trauten wir uns, das Auto aus der Tiefgarage zu holen. Wir versuchten darin wenigstens ein bisschen zu schlafen, bevor wir uns wieder in die Wohnung wagten. Als die Zeit gekommen war, gingen wir nach oben, wuschen und zogen uns an und fuhren zur Arbeit. Zu diesem Zeitpunkt war noch niemandem klar, welche entsetzlichen Auswirkungen das Beben hatte.

Rettende Nachtschicht

In der Firma wurden wir von aufgeregten Mitarbeitern empfangen. Wie wir inzwischen erfahren hatten, lag das Epizentrum etwa 100 Kilometer entfernt in Izmit, auf der anderen Seite des Marmarameers. Unsere Freundin Neriman versuchte mit für sie ungewöhnlich ernstem Gesichtsausdruck, ihren Cousin in Yalova zu erreichen. Er lebte dort, in der Nähe von Izmit, zusammen mit seiner Frau und sechsjährigem Sohn. Doch die Telefonleitungen waren zerstört, ein Durchkommen unmöglich. Die Ungewissheit bedrückte uns alle. Neriman ist eine lebenslustige, immer fröhliche Frau, eine gute Freundin für die meisten unserer Kollegen und auch für uns. Schließlich erreichte sie die Frau ihres Cousins. Die hatte Nachtschicht und war deshalb nicht zu Hause - entgegen ihrem Mann und Sohn, die unter den Trümmern begraben wurden. Die Trauer war überwältigend.

Am nächsten Tag fuhr Neriman zusammen mit ihrem Mann los, um ihren Cousin, der für sie wie ein Bruder war, zu suchen. Sie fanden ihn und seinen Sohn. Tot in den Trümmern des völlig zerstörten Hauses.

Am Tag nach dem Erdbeben war arbeiten unmöglich. Schließlich fuhren wir zu den Großeltern, die sich mit anderen Nachbarn im Vorgarten versammelt hatten. Gäbe es ein Foto von diesem Tag, es sähe aus wie ein Familienpicknick. Doch in Wirklichkeit war es eine Flucht vor den Nachbeben, die wir immer noch zu spüren bekamen. Das blieb auch die nächsten Tage so. Wir verbrachten so wenig Zeit wie möglich in geschlossenen Räumen und schliefen im Park am Strand, zusammen mit unzähligen anderen Familien, die sich zu Hause nicht mehr sicher fühlten. Die ganze Atmosphäre in der gigantischen Metropole war gedämpft. Das geschäftige Treiben ging zwar weiter, doch die sorgenvollen Gesichter der Menschen und die Gespräche über das Beben und seine Folgen prägten den Alltag. Deprem, das türkische Wort für Erbeben, war allgegenwärtig.

Für mich, die ich mich noch gar nicht richtig in Istanbul eingelebt hatte, veränderte sich alles. Ich hatte gerade begonnen, mich wohl zu fühlen, genoss die Atmosphäre der Millionenstadt, die Nähe zum Meer, den Sommer, die Zuverlässigkeit, mit der an jedem neuen Tag die Sonne vom blauen Himmel strahlte. Ich musste lernen mit einer neuen Gefahr zu leben, vor der ich nirgendwo in Sicherheit war, nicht einmal in den eigenen vier Wänden. Ich musste lernen zu verdrängen, mit aller Macht die schrecklichen Bilder aus meinem Kopf zu verbannen, mit denen wir im Fernsehen rund um die Uhr konfrontiert worden waren.

Wir hatten Glück. Uns und unserer Familie war nichts passiert, bis auf die seelischen Folgen, den Schrecken, der uns bis heute bei jeder kleinen Erschütterung wieder in die Glieder fährt. Nur ein halbes Jahr später trafen wir die Entscheidung, nach Deutschland zurückzugehen. Nicht nur, aber auch wegen der Gefahr weiterer Erdbeben. Wir kehren nur noch zu Besuchen dorthin zurück und jedes Mal schlafe ich dann mit dem Gedanken ein, es könnte wieder passieren. Und dann könnte ich lebendig begraben sein.

Überwältigende Hilfsbereitschaft

Die verheerenden Auswirkungen des Erdstoßes warfen in den Tagen darauf viele Fragen auf. Wie konnte es passieren, dass so viele Gebäude wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen? Warum dauerte es so lange, bis die notwendigen Rettungsmaßnahmen anlaufen konnten? Wie viele Tote würden noch zu beklagen sein?

Auf einige Fragen waren schnell Antworten gefunden: Pfusch am Bau, Korruption, Geldgier, die zu einer billigen und damit unverantwortlichen Bauweise beigetragen hatte, ein mehr als unzureichend ausgebautes Rettungsnetz und eine schlechte Koordination, die ihren Ursprung in einem so gut wie nicht vorhandenen Notfallplan hatte.

Die überwältigende Hilfsbereitschaft - auch aus Deutschland - hat die Menschen dort sehr bewegt. Sie waren dankbar und wussten die Hilfe aus dem Ausland sehr zu schätzen. Gleichzeitig waren sie beschämt, angesichts der eigenen Hilf- und Mittellosigkeit.

Eine weitere Auswirkung des Bebens wurde erst einige Wochen später offenbar. Bei einem weiteren Erdbeben, diesmal in Athen, eilten türkische Rettungskräfte zur Hilfe, froh, ein wenig von dem zurückgeben zu können, was sie vorher an Hilfsbereitschaft erfahren hatten. So hatte das Erdbeben sogar Griechen und Türken auf ganz persönlicher Ebene einander näher gebracht.

Bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass aus den Fehlern gelernt wird. Die bei einem erneuten Beben einsturzgefährdeten Gebäude können natürlich nicht alle erdbebensicher gemacht werden. Doch die Bevölkerung muss lernen, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, eine Notfalltasche immer gepackt in Reichweite zu haben und zu wissen, wie man sich im Fall des Falles verhält. Inzwischen gibt es gut ausgebildete Rettungsteams, die sich auf die Erdbebenrettung spezialisiert haben. Und die Stadt hat noch viele weitere Maßnahmen ergriffen.

Der Riss verläuft tief in der Erde, quer durch das Marmarameer. Und soviel ist gewiss: Ein erneutes Beben, bei dem das Epizentrum näher an oder gar in Istanbul selbst läge, würde das Beben von 1999 in seinem Schrecken noch übertreffen.

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