Erdbeben in Mexiko "Der Asphalt flatterte wie eine Plane im Wind"

Erdbeben in Mexiko: "Der Asphalt flatterte wie eine Plane im Wind" Fotos
Corbis

Vor 25 Jahren verwüstete ein Erdbeben der Stärke 8,1 das Zentrum von Mexiko-Stadt. Selbst moderne Wolkenkratzer fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen, Tausende Menschen starben. Nancy Jiménez Campos überlebte die Katastrophe. Auf einestages erinnert sie sich an die dramatischen Stunden. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    4.4 (36 Bewertungen)

Als die Erde endlich aufgehört hatte zu beben, nahm meine Oma mich und meinen kleinen Bruder an der Hand und ging zügig, ohne ein Wort zu sagen, los. Schritt für Schritt überquerten wir die Avenida Balderas, auf der die Autos kreuz und quer standen. Alles war jetzt mit dichtem, grauen Staub bedeckt. Überall auf der Straße standen Menschen, viel zu viele für diese Uhrzeit. Sie waren verängstigt, weinten, umarmten sich, beteten. Einige trugen nur einen Bademantel oder hatten sich ein Handtuch umgewickelt. Es war der Morgen des 19. September 1985, kurz vor halb acht.

Meine Oma zog uns weiter, zurück zu unserer Wohnung in der Marquez Sterling, einer Nebenstraße der Avenida Balderas. Als wir dort ankamen, war die Einfahrt fast vollständig von der Spitze des umgestürzten Televisa-Fernsehturm versperrt. Der stand eigentlich ein paar Blocks weiter. Wir stiegen über das rot-weiße Metallgestell und bogen mit einem mulmigen Gefühl in unsere Straße ein. Dann die Erleichterung: Alle Häuser standen noch, auch unseres.

Bis auf den Staub und ein paar zerbrochene Fensterscheiben hatte es die Marquez Sterling nicht hart getroffen. Aber über die Häuserfronten verliefen handbreite Risse im Putz, und die Türstöcke waren gefährlich verzogen. Auf der anderen Straßenseite, so hieß es, waren die Decken durchgebrochen. Eine Staubwolke senkte sich langsam über den Asphalt. Die Nachbarn versammelten sich vor unserem Eingang, aber noch traute sich niemand, das Haus zu betreten. Meine Oma weinte, und mein Bruder Pau war bleich und hatte einen großen, runden Fleck in der Hose. Eine Frau rannte vorbei und schrie: "Meine Tochter, meine Tochter, ich muss zur Schule!"

Harte Zick-Zack-Stöße aus der Erde

Fünf Minuten zuvor hatten wir noch schlafend in unserem Wohnzimmer gelegen. Mein Vater hatte Frühschicht und war bereits um sechs in die Fabrik gegangen. Meine Mutter wohnte seit zwei Jahren mit einem anderen Mann in Chiapas. Mit Pau teilte ich in dieser Zeit ein ausklappbares Sofa, während meine Oma auf einer Decke auf dem Boden lag. Wir legten uns immer mit Kleidung ins Bett, so etwas wie Schlafanzüge hatte sich in unserer Familie noch nicht eingebürgert. Zu dritt lagen wir an diesem Donnerstagmorgen in einer Wohnküche im Zentrum von Mexiko-Stadt und schliefen, und die Sonne ging langsam auf.

Um 7.19 Uhr begann es. Meine Oma war die erste, die aufwachte. "Es bebt! Es bebt!", rief sie, "Wacht auf, wir gehen jetzt runter, schnell, schnell!" Sie riss uns aus dem Bett und zerrte uns, so wir waren, zur Tür. Alles schwankte in sanften Wellenbewegungen, und zuerst dachte ich, das wäre alles. Mal wieder ein Erdbeben. Mit meinen zehn Jahren hatte ich schon ein paar erlebt. Man versucht dann immer, Ruhe zu bewahren, das wichtigste mitzunehmen, und auf die Straße zu gehen. Bis auf ein paar Bilder, die herunterfielen, war nie viel passiert.

Ich war ruhig, aber tief drinnen spürte ich Angst. Sekunden später, auf den Treppen nach unten, wurden aus den Wellen des Bebens eckige, harte Zick-Zack-Stöße, die ständig die Richtung wechselten. Immer wieder knallte ich gegen die Wand oder gegen das Geländer; nur mit Mühe konnte ich mich noch auf den Beinen halten. Als wir auf die Straße rannten, kam zu den Links- und Rechtsbewegungen ein heftiges, senkrechtes Schütteln. Der Asphalt flatterte wie eine Plane im Wind.

Chaos überall

Auch aus den anderen Hauseingängen stürzten die Menschen und rannten zur Avenida Balderas, einer breiten Allee im Stadtzentrum. Die Straße knirschte, die Wände der Häuser stießen gegeneinander, und immer wieder krachten Autos auf der Avenida mit einem metallischen Knall zusammen. Über allem wummerte dumpf und anschwellend die Erde. Der Boden wackelte so sehr, dass ich kaum noch sehen konnte, wo ich hinlief. Dieses Beben war anders als alle vorhergehenden. Und es wollte und wollte nicht aufhören.

Wir überquerten die ersten drei Spuren der Avenida und stellten uns auf den Mittelstreifen. Hier konnten weder Gebäude noch Strommasten auf uns fallen. Menschen strömten aus allen Richtungen hierher. Langsam ließen die Erschütterungen nach, und ich hielt mich an meiner Großmutter fest und blickte mich um. Uns umgab das Chaos.

Als wir zurück zu unserer Wohnung gegangen waren und sahen, dass sie noch stand, drehte sie um. Am größten war jetzt die Sorge um ihren Sohn, meinen Vater, der ein paar Kilometer weiter gerade seine Schicht in einer Fabrik für Sicherheitsgurte begonnen hatte. Schon auf dem Weg zu den Telefonzellen kamen uns Leute entgegen und erklärten schulterzuckend: "Die sind tot." Dann zur Metro Balderas. Aber aus dem U-Bahnschacht stieg Rauch auf, und Menschen drängten heraus, keiner ging hinunter. Busse fuhren nicht mehr, gar nichts fuhr mehr, auf den Straßen standen zerstörte Autos und ratlose Menschen. Der Strom war ausgefallen. Die Ampeln funktionierten nicht mehr. Vereinzelt hörte man jetzt die Sirenen von Krankenwagen und Feuerwehr.

Freier Blick auf den blauen Himmel, wo einst Hochhäuser standen

Um zu meinem Vater zu gelangen, mussten wir laufen, fünf, sechs Kilometer Richtung Norden bis ins Viertel La Rivera. Meine Oma zog uns die Balderas hinunter, vier lange Blocks bis zur Reforma, der Prachtstraße und Hauptverkehrsader von Mexiko-Stadt. Schon auf den letzten Metern der Avenida Balderas stand kein einziges Haus mehr. Die farbenfrohen, dreistöckigen Häuser waren nur noch Schutt. Türstöcke und Dachgiebel ragten wie Mikadostäbchen aus dem Geröll. Leute standen verzweifelt vor den Trümmern und weinten, schrien, oder rannten irgendwo hin.

Aber erst als wir in die Reforma einbogen, wurde uns das Ausmaß dieses Erdbebens bewusst: Die ganzen großen, glänzenden Hotels der Reforma waren einfach weg. Blonde Amerikaner standen, nur ein Handtuch um die Hüfte gewickelt, auf der Straße. Alle paar Schritte verdeckte mir meine Oma die Augen. Manche Hotelgäste waren in den letzten Augenblicken aus dem Fenster gesprungen. Aus allen Richtungen jaulten jetzt die Sirenen der Krankenwagen. Wir rannten weiter, die völlig zerstörte Reforma entlang, und mit jedem Block wurde es schlimmer. Aus den Trümmern drangen Schreie, verzweifelte Rufe nach Hilfe, aber es war noch keiner da, der helfen konnte. Die Sorge um meinen Vater wuchs mit jedem zusammengefallenen Haus.

Wir bogen wieder ab. Der Weg zur Fabrik führte uns nun durch Tlatelolco, ein Neubauviertel, das erst in den siebziger Jahren hochgezogen worden war. Dort standen die "Multifamiliares", die höchsten Wohnhäuser Mexico Citys, stolze graue Türme, 21. Stockwerke hoch. Anstelle der Türme sahen wir jetzt nur Rauch und blauen Himmel.

Braune Brühe aus dem Wasserhahn

Schon von weitem war zu erkennen, dass der hintere Teil der Fabrik, in der mein Vater arbeitete, eingefallen war. Es roch verbrannt. An dem Häuschen vor dem Eingang standen ein paar Dutzend aufgeregte Arbeiter und versuchten irgendwie wegzukommen, ein Taxi oder einen Microbus aufzutreiben, um nach Hause zu fahren. Meine Oma stürzte sich sofort in die Menge: "Ein junger Mann, Lino Jiménez, der Mann von Pilar, der Tochter des Chefs, weiß jemand, wie es ihm geht, wo er ist?", fragte sie sich von Mann zu Mann. Und dann kam die Entwarnung: Mein Vater war mit Pilar, seiner neuen Frau, zur Marquez Sterling gegangen. Irgendwie waren wir aneinander vorbeigelaufen. Aber er lebte.

Gegen Abend erließ man die Order, die Sirenen abzuschalten. Man wollte nicht noch mehr Panik unter den Leuten schüren. Mein Vater, Pilar, meine Oma, mein Bruder und alle Nachbarn hatten sich in dem kleinen Park auf der anderen Seite der Avenida Balderas eingerichtet. Ein paar waren dann doch noch in die Häuser zurückgekehrt und hatten das Nötigste herausgeholt, Wertsachen und Decken. Es war kühl, und wir lagen auf dem warmen Boden, zwischen Bettlaken, die zwischen den Bäumen aufgespannt waren. Es gab noch immer keinen Strom, und aus den Wasserhähnen lief nur eine untrinkbare, schlammige Brühe. Von offizieller Seite gab es keine Hilfe. In dieser Nacht ging es nur darum, die Überlebenden aus den Trümmern zu befreien. Alle waren verzweifelt, in Sorge um ihre Wohnung und um Verwandte und Freunde, von denen man noch nichts gehört hatte.

Für uns Kinder war das ganze ein großes Abenteuer. Während mein Vater am nächsten Tag in der Reforma Leute aus den Trümmern zog, spielten wir im Park zwischen den provisorischen Schlafstätten und freuten uns, dass die Schule ausfiel. Am Abend saßen alle beisammen und wendeten auf einem kleinen Campingkocher Tortillas. Da ging es wieder los. Zunächst kaum merkbar begann sich der Rasen zu wiegen. "Replica!", ein einziger Schrei in der Luft, "Nachbeben!". Wir sprangen auf, rannten zusammen mit Hunderten Menschen zurück auf die Balderas, wieder dieses ungeheure Brummen in der Luft, Frauen knieten auf dem zitternden Boden und flehten den Himmel um Gnade an. Die Erde bebte genau so schlimm, genau so unendlich lang wie am Tag zuvor. Dann wurde es langsam ruhig.

Aufgezeichnet von Airen. Der Blogger und Ehemann von Nancy Jiménez Campos kam im April 2010 zu unerwarteter Berühmtheit, als bekannt wurde, dass die gefeierte Jungautorin Helene Hegemann große Teile Ihres Buches "Axolotl Roadkill" aus Airens Roman "Strobo" abgeschrieben hatte.

Artikel bewerten
4.4 (36 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH