Erfinder Der Herr der Ringe

Es zählt zu den meistverkauften Sportgeräten aller Zeiten: Millionen Menschen ließen sich in den fünfziger Jahren den Hula Hoop um die Hüften schwingen. Jetzt ist Richard Knerr, einer der Väter des Plastikreifens, gestorben. Die Welt verdankt dem Tüftler noch eine weitere geniale Erfindung.

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Eigentlich sind die Falken schuld am Hula-Hoop-Reifen. Die beiden amerikanischen Jugendfreunde Richard Knerr und Arthur Melin, beide junge Männer um die 20, die gemeinsam an der "University of Southern California" studiert hatten, dachten in den vierziger Jahren gar nicht daran, im Unternehmen ihrer Väter zu arbeiten - und beschlossen daher, sich ihre Brötchen mit der Dressur von Falken zu verdienen. Um die störrischen Tiere dazu zu bringen, nach ihrer Beute zu tauchen, köderten sie die Falken mit Fleischbällchen, die sie mit einer handgefertigten Schleuder durch die Gegend schossen. "He, eure Falken interessieren mich nicht - aber eure Schleuder ist super", meinte ein potenzieller Kunde. Und schon gingen die beiden Freunde daran, die Marktlücke zu besetzen. Sie erstanden eine Bandsäge, zogen in die Garage der Eltern von Knerr im kalifornischen Pasadena und machten sich daran, Schleudern zu basteln.

Die Wurfgeschosse, aber auch andere von den beiden einfallsreichen Freunden hergestellten Produkte wie etwa Bumerangs und Armbrüste verkauften sich so gut, dass Knerr und Melin 1948 aus der elterlichen Garage in ein größeres Gebäude nach San Gabriel zogen und die Firma Wham-O gründeten - benannt nach dem schnalzenden Geräusch, das die Schleuder verursacht. Andere Erfindungen wie etwa der legendäre "SuperBall" folgten rasch, bis die Firmengründer eines Tages ihren zweitgrößten Coup landeten - und fliegende Untertassen, sogenannte "Pluto-Platten", mit ins Programm aufnahmen.

Das kam so: Walter Frederik Morrison, der als Kind die beliebten Frisbee-Kuchen verkauft hatte, beobachtete, wie Kinder mit den weggeworfenen Blechen der Torten spielten und ersann 1947 eine Scheibe, die der Form einer fliegenden Untertasse nachempfunden war. Keine schlechte Sache, fanden Knerr und Melin und vertrieben ab dem 13. Januar 1957 schwebende Plastikscheiben, die sie "Frisbee" nannten: Der erste große Verkaufsschlager war geboren. Keine zehn Jahre nach Auftauchen der Scheibe entdeckten die Profis das Spielzeug als Sportgerät - seit 1983 finden sogar Weltmeisterschaften mit dem Schwebedeckel statt.

Erfolgreichste US-Marotte

Zu diesem Zeitpunkt ahnten die Wham-O-Gründer noch nicht, dass ihnen kurz darauf der Mann ihres Lebens über den Weg laufen sollte: ein Australier, der ihnen im Vorbeigehen erzählte, dass sich in seiner Heimat Kinder im Sportunterricht Rattanreifen um die Hüften schwingen lassen. Reifen als Spielzeug - das war zunächst einmal nichts Neues. Schon die alten Griechen hatten sich damit körperlich ertüchtigt, im 19. Jahrhundert hatte jedes Kind einen Holzreifen. Und dennoch - einen Versuch war's wert, befand Wham-O und ließ zunächst eine kleine Anzahl an Plastikreifen produzieren, ohne das australische Original überhaupt zu kennen.

Sie trugen das Spielzeug in die Grundschule von Pasadena, wo sich die Kids begeistert auf die Reifen stürzten - und schon landete Wham-O seinen nächsten - und mit Abstand erfolgreichsten Coup: Unter dem Namen Hula Hoop ("Hula" für den hawaiischen Tanz und "Hoop" für englisch "Reifen") brachten Knerr und Melin Anfang 1958 die aus dem leichten und dennoch stabilen Plastikmaterial Marlex hergestellten Reifen auf den Markt - und lösten damit eine wahre Hysterie aus. Im Handumdrehen avancierte der Hula Hoop zum erfolgreichsten amerikanischen Spielzeugartikel.

Allein in den ersten vier Monaten produzierte Wham-O bereits 25 Millionen Reifen, weltweit verkauften sie 1958 um die 100 Millionen. Im April 1958, schrieb die "Times", standen die Menschen stundenlang Schlange, um die begehrten Hula Hoops zu ergattern. Und Richard A. Johnson notiert in seinem Buch "Amerikanische Marotten" von 1985: "Keine andere Erfindung hat das Land jemals so sehr überflutet wie der Hula Hoop." Der Reifen wurde zum Symbol für US-Amüsement in aller Welt, bald ließen die Fans in allen Kontinenten den Hula Hoop um die Hüften kreisen.

"Leere der amerikanischen Kultur"

Sogar hinter den Eisernen Vorhang kullerte das bunte Plastikspielzeug - und schon verbot die Sowjetunion den Reifen, verteufelter Inbegriff der "Leere der amerikanischen Kultur". Doch schon bald nach dem kometenhaften Aufstieg des Hula Hoop endete dessen Ära bereits jäh. Die Euphorie dauerte genau einen Sommer lang - "im September wurde Wham-O sie nicht mehr los ", schrieb die Times. Sobald die Schule wieder losging und die Kids hinter die Bücher verbannte, blieb das Unternehmen auf den Reifen sitzen - Berufsrisiko.

"Du wirst nie wissen, ob ein Fisch anbeißt, wenn du keine Angelschnur ins Wasser geworfen hast", pflegte Richard Knerr stets zu sagen - mit Arthur Melin hatte er einen Freund und Partner gefunden, der sich genau wie er für neue Ideen begeistern ließ und mutig genug war, auch mal Flops hinzunehmen. So wie etwa den Do-it-yourself-Atomschutzbunker, den Wham-O mitten im Kalten Krieg erfolglos an den Mann zu bringen versuchte, für 119 Dollar.

Nachdem Knerr und Melin die Welt mit mehr als 230 Produkten beglückt hatten, wurden sie des Business' überdrüssig und verkauften Wham-O für zwölf Millionen Dollar an Kransko Group Companies. Kein schlechter Deal, bedenkt man, dass die Bandsäge zu den größeren Investitionen gehörte, mit denen die beiden umtriebigen Geschäftspartner einst begonnen hatten. Arthur Melin erlag seinem Alzheimer-Leiden im Sommer 2002 - nun folgte ihm Richard Knerr in den Tod. Mit 82 Jahren starb der Kalifornier am vergangenen Montag in einem Krankenhaus in Arcadia an den Folgen eines Schlaganfalls, wie die Internetausgabe der "Los Angeles Times" berichtete.

Mit Frisbee, vor allem aber dem Hula Hoop, haben sich die beiden unsterblich gemacht. Wenn auch die große Reifen-Hysterie ebenso jäh endete, wie sie begonnen hatte: Noch heute begeistern Varieté-Künstler mit waghalsigen Hula-Hoop-Nummern und quälen sich beleibte Damen fortgeschrittenen Alters mit dem Reif, um ihren Hüftspeck loszuwerden. Sie mögen die blöden Falken dafür verdammen - der Rest der Welt freut sich nach wie vor über das bunte Plastik.



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Jörg Benner, 23.01.2008
1.
Richard Knerr verkaufte mit seinem Unternehmen "Wham-O" den "Pluto Platter" von Walter Frederick Morrison seit dem 13. Januar 1957, allerdings erst seit dem 8. Juli 1957 unter dem Namen "Frisbee", als er den Namen handelsrechtlich als Markenzeichen eintragen ließ. Tatsächlich war aber bereits zuvor auch die Schreibweise "Frisbee" (mit Doppel-"e", als Synonym für den "Pluto Platter", u.a. in der Sports Illustrated-Ausgabe vom 13. Mai 1957) gebräuchlich. Daneben bestanden auch Schreibweisen wie "Frizby", "Phrisbie", "Frisbey" und natürlich "Frisbie". Dies belegt durch umfangreiche Recherchen Victor A. Malafronte in seinem "Complete Book of Frisbee" (Oceanside, USA 1998, S. 205 ff.) und stellt damit die Legitimität des noch heute gültigen Markenzeichens für den umgangssprachlich gebräuchlichen Begriff "Frisbee" in Frage. Mittlerweile beläuft sich die aktive Sportlergemeinschaft auf vorsichtig geschätzte 150.000 aktive Ultimate Frisbee- und Disc Golf-Spieler weltweit. Darin eingerechnet sind noch nicht die zahllosen Freizeit-Disc Golfer in den USA oder die Jugendlichen, die in zunehmender Zahl auch in Deutschland den Frisbeesport bereits an Schulen kennen lernen. "Wham-O", das nach mehreren Verkäufen inzwischen einer Investorengruppe in Hong Kong gehört, hält heute noch das eingetragene Markenzeichen "Frisbee" und erschwert damit die freizügige, unmittelbare Nutzung des für jedermann sofort verständlichen Begriffs "Frisbee" (gerade im Zusammenhang mit Sponsoren). Auch bei den World Games 2009 in Kaohsiung, Taiwan (die Weltspiele der nicht-olympischen Sportarten), werden beide genannte Sportarten nach 2001 und 2005 erneut Medaillen-Disziplinen unter der eher umständlichen Bezeichnung "Flying Disc" sein. Jörg Benner, Köln Geschäftsführer Deutscher Frisbeesport-Verband e.V. www.frisbeesportverband.de
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