Erfinder der Antibabypille Der Mann, der keine Mutter sein will

Die Presse nennt ihn "Mutter der Pille", er ist davon nur noch genervt: 1951 erfand Carl Djerassi die Antibabypille und ebnete so den Weg für die sexuelle Revolution in der westlichen Welt. Mittlerweile möchte der 90-Jährige über andere Leidenschaften sprechen - und wäre lieber eine Frau.


Er ist die Mutter der Pille. Carl Djerassi würde sich vermutlich wahnsinnig über diesen ersten Satz ärgern. "Ich habe an der Pille gearbeitet, als ich 28 Jahre alt war, jetzt bin ich 90", sagt der Chemiker. "Glauben die Menschen, dass ich in den vergangenen 60 Jahren nur Däumchen gedreht habe?"

Djerassi ist Wegbereiter eben jenes Hormonpräparats zur Empfängnisverhütung, das ihm ab den Sechzigern den Namen "Mutter der Pille" einbrachte. Ursprünglich hatte er sich diesen Titel sogar selbst einmal verliehen. Heute, mit 90, mag er ihn einfach nicht mehr hören.

"Ich habe meine akademische Karriere mit über tausend Veröffentlichungen ja erst nach der Pille begonnen", sagt er. Djerassi hat sich mit Forschungsfeldern wie Massenspektrometrie beschäftigt, mit optischer Rotationsdispersion oder der Naturstoffchemie, er hat vier Autobiografien geschrieben, plus eine "allerletzte", trägt 32 Doktor- und Ehrendoktortitel und schreibt vielbeachtete Theaterstücke. Es gäbe also allerhand über diesen Carl Djerassi zu berichten. Trotzdem, meint er, würden alle Artikel über ihn immer gleich anfangen - mit dieser verdammten "Mutter der Pille".

Stiller Erfolgsmoment

Dabei hielt sich die Publicity nach seiner bahnbrechenden Erfindung anfangs noch in Grenzen. Als Djerassi 1951 mit seinem Kollegen Luis Miramontes für den mexikanischen Pharmakonzern Syntex die "Synthetisierung des Progesteron-ähnlichen Steroids Norethindron" erforschte - die Grundlage der ersten Antibabypille -, schrieb damals kaum ein Blatt außerhalb der Fachpresse darüber. "Das änderte sich erst, als die Pille 1960 auf den Markt kam", erinnert sich Djerassi.

Die tägliche Hormondosis war der Schlüssel zur sexuellen Freiheit. Der SPIEGEL berichtete 1961 von amerikanischen Frauen, die plötzlich ihre "Gynäkologen um Medikamente bitten, obwohl sie nicht krank [waren]". Das "Time"-Magazin feierte die Tablettenkur als zeitgemäßen Ersatz "plumper und peinlicher älterer Methoden" der Empfängnisverhütung. Und auch Djerassi ist nach all dieser Zeit noch mächtig stolz auf sich und seine Erfindung. Das merkt man.

Wenn Djerassi redet, dann klingt das, als ob jemand aus einem Wörterbuch vorliest. Die "Qualität und Spontaneität von Geschlechtsverkehr" habe sich "enorm verbessert", sagt der Forscher über seine Antibabypille. "Gesellschaftlich viel wichtiger" sei aber die Tatsache, dass die Pille "Frauen in Sachen Reproduktion eine Unabhängigkeit ermöglicht" habe. Das Wort Antibabypille lehnt er deshalb ab, denn die Hormontabletten seien weniger ein "Mittel gegen Kinder" als vielmehr eines "für die Frauen", so Djerassi.

Djerassi selbst war dreimal verheiratet. Die "große Liebe meines Lebens" war aber die Schriftstellerin Diane Middlebrook, seine letzte Ehefrau. Sie brachte ihn auch zum Schreiben - durch ein kleines Eifersuchtsdrama: "1983 verkündete sie mir, dass sie sich in einen anderen verliebt habe, in einen wesentlich jüngeren Pseudoliteraten." Djerassi war damals so beleidigt, dass er damit anfing, Rachegedichte zu schreiben und einen Roman. Und tatsächlich: Die beiden heirateten, insgesamt hielt die Ehe 22 Jahre. Dann starb Middlebrook an Krebs. "Ich hätte nie gedacht, dass ich sie überlebe." Das Schreiben helfe ihm gegen die Einsamkeit, sagt der Forscher.

Noch einmal als Frau leben

Momentan wohne er mal in London, mal in San Francisco, mal in Wien. "London ist für mich Theaterstadt, San Francisco die Wissenschaftsstadt und Wien die Musikstadt", sagt Djerassi. Trotz des Pendlerlebens gehe er außerdem jeden Tag ins Fitnessstudio. Den Rest der Zeit arbeite er hauptsächlich an neuen Stücken. Das halte ihn am Leben.

Und wenn er noch einmal ein neues Leben führen könnte? "Dann würde ich es gerne als Frau tun", sagt Djerassi. "Nicht aus sexuellem Interesse, sondern weil jetzt Dinge möglich sind, die früher undenkbar waren", medizinische Dinge. Mit 20 würde er als junge Frau ein paar Eizellen einfrieren lassen und dann mit 35 oder später ein Kind kriegen. "Das würde ich machen!" Dann wär die "Mutter der Pille" noch einmal Mutter.

Zum Weiterlesen:

Carl Djerassi: "Der Schattensammler. Die allerletzte Autobiografie". Haymon Verlag, 2013, 544 Seiten

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Johannes Möller, 11.02.2014
1.
Die Aversion von Herrn Djerassi gegen die Angewohnheit, ihn vor allem als Erfinder der Pille zu apostrophieren, würde noch glaubhafter wirken, wenn er den Verlagen, die seine vier Autobiographien weltweit verlegten, auch immer strengstens angewiesen hätte, in den Verlags-Ankündigungen und auf den Waschzetteln seine Verdienste um die optische Rotationsdispersion vor denen um die Pille zu nennen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.