Erfinder des Pilzkopfs Beatles mit Jürgen-Haarschnitt

Erfinder des Pilzkopfs: Beatles mit Jürgen-Haarschnitt Fotos
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Die ganze Wahrheit über die Beatles-Frisur - für Jürgen Vollmer ist sie existentiell. Als Teenager wehrte sich der heute 70-Jährige mit seiner Haarpracht gegen Spießigkeit und schuf so das Vorbild für den legendären Pilzkopf. Der Topfschnitt wurde zum Markenzeichen, doch sein Erfinder kämpft noch immer um Anerkennung. Von

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Sie brennt ihm wirklich auf der Seele, diese Geschichte mit den Haaren. Er will die Dinge mit der Frisur, dem Ruhm, den Pilzköpfen, den Beatles, dieses Knäuel aus Legenden und Halbwahrheiten ein für alle Mal entwirren. "Da ist so viel Unsinn geschrieben worden", sagt Jürgen Vollmer mit leicht erbostem Unterton. Jetzt, ein halbes Jahrhundert nach der Gründung der Beatles will er die Chance nutzen, die vielleicht umstrittenste Fußnote in der Geschichte der legendären Band zu klären. Und zwar endgültig.

Dazu hat sich Jürgen Vollmer, ein Fotograf aus Hamburg, der fast sein ganzes Leben im Ausland gearbeitet und etliche Hollywood-Stars porträtiert hat, gut auf das Gespräch vorbereitet. Er hat ein zweiseitiges Exposé mitgebracht, eingeschlagen in eine Klarsichthülle. "Die Wahrheit über die Beatles-Frisur" steht über dem Text, gespickt mit zahlreichen Zitaten. Und er hat eine Audio-CD beigelegt. Vier Tracks sind da drauf, George Harrison ist zu hören, leicht rauschig, und Paul McCartney. Insgesamt 2 Minuten 29 Beatles im O-Ton. Und alles dreht sich um eine scheinbare Marginalie: Haare.

Für Vollmer ist das jedoch Beweismaterial. In seiner langen Karriere als Fotograf haben zwar etliche Berühmtheiten für ihn posiert: Catherine Deneuve, Roman Polanski, Brad Pitt, Arnold Schwarzenegger, Robert Redford. Er hat mehrere Fotobände veröffentlicht, die gelobt wurden für die Authentizität der Aufnahmen. Doch jetzt, im Alter von 70, ahnt Vollmer: "Wenn in hundert Jahren noch jemand meinen Namen kennt, dann sicherlich nicht wegen guter Fotos", sagt er. Sondern, vielleicht, "weil ich eine Frisur geschaffen habe".

Rebellion im Schwimmbad

Jürgen Vollmer legt Wert darauf, Erfinder der legendären Beatles-Pilzkopffrisur zu sein. Für ihn ist das kein unwichtiges Detail. Schließlich sind die Beatles wohl die einzige Band, deren Musiker-Spitzname nach einer Frisur benannt wurde. "Pilzköpfe" ist mehr als ein Synonym, sie sind ein Markenzeichen. Ärgerlich für Vollmer ist nur, dass in den Medien häufig ein zweiter Name als Pate der Frisur kursiert: Astrid Kirchherr, ebenfalls aus Hamburg und professionelle Fotografin, früher eine gute Bekannte von Vollmer. Heute steht die weltberühmte Frisur zwischen den einstigen Freunden. "Astrid Kirchherr", sagt Vollmer mit Nachdruck, "hat überhaupt nichts mit der Erfindung der Beatles-Frisur zu tun. Das ist absoluter Unsinn."


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Man muss sich auf eine Zeitreise in die fünfziger Jahre einlassen, um ahnen zu können, warum eine Frisur, die heute jeder Postbeamter tragen könnte, überhaupt noch für so viel Zündstoff sorgt. "Damals war Hamburg wahnsinnig spießig", erzählt Vollmer. Die meisten Jugendlichen trugen ihre Haare adrett gekämmt und gescheitelt. Einige Draufgänger türmten sie dagegen mit viel Pomade zu einer kunstvollen Elvis-Tolle auf. Halbstarke hießen diese jungen Männer. Ihre Musik war der Rock'n'Roll. Ihr Partyviertel in Hamburg waren dunkle, verdreckte Kellerbars in St. Pauli.

Zwischen diesen beiden Polen der Spießigkeit und des Aufbegehrens gab es wenig Spielraum. Jürgen Vollmer suchte nach seinem eigenen Stil. Eine Schwimmstunde mit der Schulklasse im Jahr 1955 wurde zum Schlüsselerlebnis. Nach dem Unterricht kämmte sich der Teenager einfach seine nassen Strähnen nicht nach hinten, sondern ließ sie in die Stirn fallen und trocknen. Seine Mitschüler lachten ihn aus, sein Lehrer hielt ihm wegen "dieser unfassbaren" Frisur eine Standpauke. Das spornte ihn nur weiter an, bei seiner neuen Frisur zu bleiben. "Ich war immer ein Rebell."

Fasziniert von der sexuellen Energie

Von nun an kämmte er sich die Haare immer glatt in die Stirn. Jahrelang. Die Adretten guckten ihn schief an, die Rocker verachteten das als tuntig und feminin. Für Vollmer war die Frisur dagegen "eine Revolution", ein Akt der Befreiung gegen die Engstirnigkeit der Hansestadt - der dann unverhofft zur Geburtsstunde der späteren Beatles-Frisur geworden sei. Ein Foto zeigt ihn 1958 mit einem fransigen Pony - drei Jahre, bevor die Beatles mit ähnlicher Haarpracht auftraten.

Es war allerdings purer Zufall, dass Jürgen Vollmer die Musiker überhaupt kennenlernte. Als Student der Kunstschule ging er abends mit seinen Kollegen meist in Jazzclubs. Die jungen Kreativen nannten sich "Exis", inspiriert von Existenzialisten wie Albert Camus und Jean-Paul Sartre. Sie trugen dunkle Schals, Rollkragenpullover, Cordjackets und ließen die Haare verwuschelt in die Stirn fallen. Nach St. Pauli, in das Viertel der Halbstarken mit Elvis-Tolle und Lederjacken traute sich Vollmer nicht. "Ich fürchtete, dass Exis-Typen wie wir zusammengeschlagen werden."

Ein Freund von der Kunstschule, der spätere Grafiker Klaus Voormann, überredete Vollmer im Herbst 1960 dann doch zu einem Abend in St. Pauli. Er habe dort den Auftritt einer tollen Band gesehen, schwärmte Voormann. Vollmers Neugierde siegte. Und so zog er mit Voormann und Astrid Kirchherr, ebenfalls Studentin der Kunstschule, in den Kaiserkeller, um die damals noch kaum bekannten Beatles zu sehen.

"Ich war wie elektrisiert", berichtet Vollmer, "fasziniert von der sexuellen Energie der Musik, genau das Richtige für einen verklemmten Jüngling wie mich." Die drei Exis wirkten mit ihren Klamotten und Frisuren allerdings wie Außerirdische zwischen den harten Rockern. "Wir haben als Einzige nach dem Auftritt geklatscht", lacht Vollmer. Die anderen Gäste gröhlten und kippten Bier. Höflicher Applaus war fehl am Platz.

Kulturkampf zwischen Halbstarken und Exis

Gerade weil die drei Künstler nicht ins Bild passten, fielen sie den Beatles sofort auf, die damals ihre Haare noch mit Gel bändigten. Bald kam man ins Gespräch, verpasste von nun an keinen Auftritt der Band mehr. "Es war wie ein Droge", sagt Vollmer. Astrid Kirchherr verliebte sich in den Bassisten Stuart Sutcliffe, der bis Frühjahr 1961 bei den Beatles spielte.

In dieser Zeit beginnt der Streit um die Haare. "Stuart ließ sich von mir als erster umfrisieren, in der Küche meiner Eltern in Altona", erzählte Kirchherr in Interviews. Und sie wurde eine gefragte Gesprächspartnerin. Als die Beatles plötzlich Weltstars waren, machten sich Journalisten auf die Suche nach den frühen Weggefährten der Musiker in Hamburg. Sie trafen Astrid Kirchherr, die bald in den Medien als Erfinderin der Pilzkopffrisur galt. Jürgen Vollmer spürten sie zunächst nicht auf. Weil ihm Hamburg zu spießig war, war er schon im September 1961 nach Paris ausgewandert. Er wohnte nun im Zentrum der Existenzialisten.

Dort beginnt sein Teil der Pilzkopf-Geschichte. Im Oktober 1961 traf Vollmer John Lennon und Paul McCartney, die damals in die französische Metropole getrampt waren. Noch immer trugen sie ihre Frisur im Stile der Halbstarken. Noch immer tobte eine Art Glaubenskrieg zwischen den Moderichtungen.

Jürgen Vollmer traf die beiden Briten in einem Café. Seine damalige Freundin kam hinzu, eine überzeugte Existenzialistin. "Sie fauchte mich auf Französisch an, wieso ich denn solche halbstarken Typen mitgenommen habe", erinnert sich der Fotograf. Er raunzte zurück, sie sei völlig intolerant. Wütend zog seine Freundin ab. Es war das Ende einer Beziehung, irgendwie auch zerbrochen an einer Frisur.

"Der Beatles-Haarschnitt war in Wahrheit ein Jürgen-Haarschnitt"

Seinen britischen Freunden erzählte Vollmer nie vom Grund des Streits. Er zeigte ihnen die Sehenswürdigkeiten von Paris. Die Musiker fragten ihn, wo er seine ausgefallenen Kleider her habe - und gingen mit ihm auf dem Flohmarkt auf Einkaufstour. "Die beiden hatten nur Unsinn im Kopf", erinnert sich Vollmer an die ausgelassene Zeit. Einmal hoben sie ihn ohne Vorwarnung einfach in die Luft und trugen ihn zappelnd über eine Straße. "Sie erinnerten mich mit ihrer Respektlosigkeit immer an die Marx Brothers."

Am Ende ihres Aufenthalts arbeitete Jürgen Vollmer zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben als Friseur. "Wir baten ihn, unsere Haare so wie seine zu schneiden", gab Paul McCartney 1980 in einem Interview zu und schrieb wenige Jahre später: "Der Beatles-Haarschnitt war in Wahrheit ein Jürgen-Haarschnitt." Der deutsche Hobbyfriseur scheint allerdings wenig zimperlich gewesen zu sein. John Lennon berichtete, Vollmer habe seine Haare eher "zerhackt" als geschnitten. Kurz danach trat die ganze Band mit der neuen Frisur auf.

Nur: Schließt das aus, dass Astrid Kirchherr nicht doch, als sie wenige Monate zuvor ihrem Geliebten Stuart Sutcliffe die Haare schnitt, die wahre Erfinderin ist? Jetzt läuft Jürgen Vollmer zur Höchstform auf. Die Gegenargumente prasseln im Sekundentakt: Stuart habe die Haare zwar nach vorne gekämmt. Aber eben nie im klassischen Pilzkopf-Stil, sondern leicht seitlich über die Stirn frisiert. Und nein, schließlich habe er, Jürgen, die Ponyfrisur schon fünf Jahre getragen, bevor er die Beatles traf. Und nein, die Beatles hätten in Interviews stets ihn, nicht aber Astrid als Frisur-Paten genannt. Reagieren will Astrid Kirchherr darauf nicht, sie lehnt ein Interview ab.

Bleibt also nur die hypothetische Frage, was passiert wäre, wenn die Beatles weiter mit Pomade in den Haaren aufgetreten wären. Oder mit Glatze. Oder mit Irokesenschnitt. Jürgen Vollmer zögert und lächelt fein. "Natürlich wären sie niemals so bekannt geworden", sagt er.

Dann lacht er los. Das war natürlich ein Scherz. Absoluter Unfug, bei so einer hochtalentierten Band! So ernst nimmt Jürgen Vollmer die Sache mit der Frisur dann doch wieder nicht.

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Denise Hansen, 07.03.2013
Ich kenne Cynthia Lennon, damals Johns Freundin und seine erste Frau. Sie hat immer nur erzählt, Astrid hätte sowohl die Frisuren als auch den Kleidungsstil der Beatles stark beeinflusst, sie sei die "Erfinderin"der Pilzkopffrisur. Aber das wird Jürgen, der Hamburg spießig und seine Freundin intolerant fand, sicher wenig interessieren. Die Wahrheit ist etwas Subjektives. Da er so starrköpfig und aggressiv auf diesem "Ruhm" beharrt, muss er ihn nötig haben und sollte ihn behalten dürfen.
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