Erfinder des Plattencovers Der mit den Farben tanzte

Erfinder des Plattencovers: Der mit den Farben tanzte Fotos
Taschen Verlag

Absatzsteigerung um 895 Prozent! Bis Ende der dreißiger Jahre waren Plattenhüllen nur ein trostloser Schutz für den empfindlichen Tonträger. Dann kam Alex Steinweiss. Vor 70 Jahren erfand der Grafiker das Albumcover - und revolutionierte die Musikwelt. einestages zeigt seine besten Werke. Von

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Wollten Musikfans sich früher ein neues Album kaufen, rannten sie erst mal in eine graue Wand. Keine bunten Fotos oder ansprechenden Grafiken erwarteten die Kunden im Plattenladen, stattdessen nur "Grabsteine". So wurden die trostlosen Verpackungen lakonisch getauft, mit denen die Musikindustrie ihre Ware bis in die späten dreißiger Jahre unter die Leute brachte. Meist waren mehrere der schwarzen Schellackscheiben in einfarbigen Schutzhüllen zu einem Album gebunden, umhüllt wurde das ganze von gräulichen Pappdeckeln und einem Kunstlederrücken.

"Keine angemessene Art, schöne Musik zu verpacken", fand Alex Steinweiss. Der junge Grafiker aus Brooklyn war 1939 für das Label Columbia Records engagiert worden, um Pappaufsteller, Plakate und Werbebroschüren zu layouten. Bald jedoch hatte er einen Geistesblitz: Steinweiss wollte Farben und Formen zu den Kompositionen auf den Tonträgern tanzen lassen. "Ich stellte mir eine bunte, plakatartige Gestaltung der Hüllen vor, die Aufschluss über die im Album enthaltene Musik gab", fasst er seinen Geniestreich Jahrzehnte später trocken zusammen.

Die Entscheidungsträger bei Columbia waren zuerst wenig begeistert von Steinweiss' Idee. Sie glaubten nicht, dass sich die höheren Andruckkosten für farbige Hüllen rentieren würden. Dennoch ließen sie den talentierten Heißsporn gewähren. Eine Entscheidung, die die Musikindustrie revolutionierte: Mit anfang 20 hatte Steinweiss als frischgebackener Art Director im Alleingang das Albumcover erfunden.

Verkauf um 895 Prozent gesteigert

Gleich das erste Werk des Verpackungsvisionärs wurde zum vielzitierten Klassiker. Für das Cover der "Smash Song Hits" der Broadway-Größen Richard Rodgers und Lorenz Hart fuhr er mit einem Fotografen zum Imperial Theater an der 45. Straße. "Ich überredete den Besitzer, die Reklame eine Stunde lang so einzustellen, dass wir den Schriftzug 'Rodgers & Hart' fotografieren konnten." Hinter das Foto legte er auf dem Cover in roter Farbe die Rillen einer stilisierten Schellackplatte - wie eine Zielscheibe, die den Blick der Käufer auf sich ziehen sollte. Und tatsächlich traf Steinweiss mit seiner Idee ins Schwarze: Die neuen Farbkleckse im grauen Einerlei der Plattenregale wurden zum Verkaufsschlager. Seine Neugestaltung des schon lange erhältlichen Klassikers "Eroica" von Beethoven ließ die Verkäufe des Albums innerhalb kürzester Zeit um 895 Prozent steigen.

Ein anderes Cover, dass der Design-Pionier für eine Beethoven-Komposition entwarf, ist ein Paradebeispiel für Steinweiss' Fähigkeit, der Musik mit seinen Motiven ein Gesicht zu geben - und wie weit sein Einfluss auf das Coverdesign reichte. Auf dem Cover zu "Klaviersonate Nr. 5" fällt vor pechschwarzem Hintergrund ein gebündelter Lichtstrahl auf ein Piano, wird wie durch ein Prisma abgelenkt und fächert sich auf in die Farben des Regenbogens. Damit nahm der Grafiker den mehr als 30 Jahre später vom britischen Designstudio Hipgnosis entwickelten Coverklassiker von Pink Floyds "Dark Side Of The Moon" von 1973 vorweg, wenn auch auf der Neuinterpretation aus dem Piano ein gläsernes Dreieck geworden ist.

Dennoch ist der Name Alex Steinweiss heute den wenigsten ein Begriff. Folgt man aber seiner Spur durch die Jahrzehnte, ist schnell klar, wie wichtig sein Schaffen für die Entwicklung der Musikindustrie war. Steinweiss, heute 92 Jahre alt, hat in seiner Karriere mehr als 2500 Albumcover geschaffen. Mit Hochdruck bearbeitete er in der Anfangszeit bei Columbia an seinem provisorischen Zeichentisch in der Ecke einer zugigen Produktionshalle bis zu 50 Gestaltungsaufträge pro Woche. Nebenbei entwickelte er eine eigene Schrift. Die noch heute benutzte Type "Steinweiss Scrawl", die mit ihren lustvollen Schwüngen und Kringeln so beschwingt und melodiös daherkommt wie ein Bossa Nova. Später prägte er die Bildsprache von Labels wie Everest, Decca und Coral Records entscheidend mit. Was heute undenkbar wäre: Seine Cover signierte der Plattenhüllenpionier stets wie selbstverständlich. Für ihn waren Bild und Ton zwei Kunstwerke, die Hand in Hand gingen: "Ich wollte, dass die Menschen das Artwork betrachten, während sie der Musik zuhören."

Furzgeräusche vom Erfinder des Albumcovers

Ein weiterer Höhepunkt seiner Karriere zeichnete sich 1948 bei einem Treffen mit Ted Wallerstein, dem Präsidenten von Columbia Records, ab. Während die beiden etwas Geschäftliches besprachen, stand Wallerstein auf einmal auf und legte eine Schallplatte auf den Plattenspieler. "Damals liefen die 78er-Schellackplatten etwa viereinhalb Minuten", so Steinweiss. Der Grafiker wartete also unterbewusst darauf, dass die Platte nach ein paar Minuten auslief. Doch die Musik spielte 5, 10, 15 Minuten, während sein Chef weitersprach, als sei nichts Ungewöhnliches passiert. "Schließlich konnte ich nicht mehr an mich halten und fragte, was zum Kuckuck da eigentlich vor sich geht." Steinweiss war einer der ersten Menschen auf der Welt, der die Vorzüge einer Vinyl-Langspielplatte genoss - bis zu 25 Minuten Musik auf jeder Seite! Und Steinweiss war derjenige, der die LP-Hülle aus Pappe, wie sie bis heute genutzt wird, erfand - auch das weiß heute fast niemand.

Erstmals wurde diesem so wenig besungenen Helden des Musikgeschäfts nun eine aufwendige Monografie gewidmet. Der Band "Alex Steinweiss: The Inventor Of The Modern Album Cover" ist beim Taschen Verlag erschienen und hat die Größe und Form eines alten Schellackalbums. In ihm finden sich nicht nur Steinweiss' Arbeiten für die Musikindustrie, sondern auch Werbegrafiken und Etikettengestaltungen, Illustrationen für Magazine oder Infografiken, die er während des Zweiten Weltkriegs für das Militär anfertigte. Neben einigen Aufsätzen erinnert sich der Meister in mehreren Kapiteln selbst an die Höhepunkte seiner Karriere.

Auch ein besonders schräges Artefakt seines Schaffens verbirgt sich zwischen den Buchdeckeln: Ein Album mit dem Titel "Battle At Thunderblow". Das Cover zeigt zwei Hinterteile, zwischen ihnen eine Dunstwolke aus Darmwinden. Auf der Schallplatte waren tatsächlich die Geräusche eines Furzwettbewerbs zu hören. Die skurrile Veröffentlichung sollte 1946 in einer streng limitierten Auflage von 100 Exemplaren als Händlerprämie verschenkt werden. Doch als Columbia-Chef Wallerstein Wind von dem schulbübischen Streich von Steinweiss bekam, untersagte das Projekt, bevor es an die Öffentlichkeit gelangte.

1972 entschied sich der Design-Revolutionär im Alter von 55 Jahren zum Rückzug aus dem Geschäft. "Eines Tages wartete ich im Empfangsbereich einer Plattenfirma - ich im Anzug, neben mir lauter langhaarige Typen in fransigen Lederjacken. Da wurde mir klar, dass ich total altmodisch war und dass es Zeit wurde, das Handtuch zu werfen." Der engen Verbindung von Musik und Motiv blieb Steinweiss dennoch bis heute treu. Unter dem Künstlernamen Piedra Blanca (die spanischen Begriffe für "Stein" und "Weiß") begann er, Gemäldeserien nach den Meisterwerken berühmter Komponisten zu malen.

Zum Weiterlesen:

"Alex Steinweiss: The Inventor Of The Modern Album Cover". Taschen Verlag, Köln 2009, 416 Seiten.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Dieter Brenner, 24.11.2009
Zum Cover von Beethovens Eroica und dem Hinweis auf Pink Floyd empfehle ich dringend bei Wikipedia unter dem Begriff "Prisma" nachzusehen. Dann klärt sich schnell, dass das Piano den weißen Lichtstrahl der Komposition wie ein Prisma in alle Farben der Musik auffächert. Pink Floyds Cover stellt dagegen den rein physikalischen Vorgang dar. In Zeiten wo es chic ist Physik zu hassen, stolpert man dann doch mal über seine mangelnde Bildung, nicht?
2.
Chr. H., 24.11.2009
Fluch der guten Tat? Die "langhaarige[n] Typen in fransigen Lederjacken" hat er ja in gewisser Weise erst hervorgebracht. Denn ohne die schrille Gestaltung der Plattencover als Werbeträger für die Bands hätte sich deren ebenso schrilles Outfit samt Bühnenshow vermutlich nicht entwickelt. Cover verpflichtet.
3.
Chr. H., 24.11.2009
>Zum Cover von Beethovens Eroica und dem Hinweis auf Pink Floyd empfehle ich dringend bei Wikipedia unter dem Begriff "Prisma" nachzusehen. >Dann klärt sich schnell, dass das Piano den weißen Lichtstrahl der Komposition wie ein Prisma in alle Farben der Musik auffächert. Pink Floyds Cover stellt dagegen den rein physikalischen Vorgang dar. >In Zeiten wo es chic ist Physik zu hassen, stolpert man dann doch mal über seine mangelnde Bildung, nicht? --------------------------------------------------------------------------- warum so unhöflich und unsachlich? Man könnte sich auch gut auf den Standpunkt stellen, die Gestaltung des Pink Floyd-Albums stelle eine Verdichtung des Themas des Covers von Beethovens Eroica dar. Zitate und Hommagen sind in der Kunst, und dazu gehören auch künstlerisch gestaltete Cover, keine Seltenheit.
4.
Hagen Schulz, 25.11.2009
In dem hochinteressanten Artikel und in den bisherigen Diskussionsbeiträgen ist von Beethovens "Eroica", seiner 3. Symphonie, die Rede. Auf dem Plattencover steht aber Beethovens sogen. "Emperor"-Konzert, das 5. Klavierkonzert. Zwischen einer Symphonie und einem Klavierkonzert besteht schon ein gewisser Unterschied. ;-) Das Einzige, was beide gemeinsam haben, ist die Tonart Es-Dur. Mehr dazu findet man übrigens auch im Wiki unter... vielleicht: "Beethoven"?
5.
Dieter Brenner, 25.11.2009
>warum so unhöflich und unsachlich? Unsachlich? Ganz bestimmt nicht. Unhöflich? Ja stimmt. Und warum? Vielleicht weil die Formulierung "Piano durch gläsernes Dreieck ersetzt" vor Ignoranz strotzt? Es handelt sich einerseits um einen Flügel und nicht um ein Piano und von einem Prisma und dessen Wirkung hat der Autor auch noch nie gehört. Wer sich an die Öffentlichkeit begibt und dort über seine mangelnde Allgemeinbildung stolpert, sollte auch unhöfliche Kritik vertragen. Ein Zusammenhang zwischen den beiden Covern herzustellen ist zudem absurd. Es handelt sich schließlich um die Verwendung eines Alltagsphänomens. Genausogut könnte man bei allen Covern mit Regenbögen irgendwelche künstlerischen Zitate unterstellen.
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