Erfinder Jagd nach dem Todesstrahl

Erfinder: Jagd nach dem Todesstrahl Fotos
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Mit grellen Lichtblitzen pulverisieren Superhelden und Bösewichter in Science-Fiction-Filmen gern ihre Gegner - längst sind diese Phantasiewaffen Teil der Kinokultur. Doch ihre Ursprünge sind ernst: Seit rund hundert Jahren werkeln Forscher und Exzentriker an todbringenden Strahlenkanonen. Von

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Es war 7.14 Uhr, als am 30. Juni 1908 über den Wäldern Zentralsibiriens der Himmel explodierte. Semen Semenjow sollte später berichten, er habe eine gigantische Feuerwalze über dem Wald gesehen, von der eine enorme Hitze ausging. "Dann verdunkelte sich der Himmel, es war ein heftiger, dumpfer Schlag zu hören, und ich wurde nach hinten geschleudert", berichtete er. Es folgte ein so gewaltiges Krachen, "als würden Kanonen abgefeuert, und die Erde bebte".

Semenjows dramatische Schilderung war keineswegs übertrieben. Noch in mehr als 60 Kilometern Entfernung zersplitterten in einem Dorf die Fensterscheiben. Wissenschaftlern bot sich auch Jahrzehnte später im Umkreis der Explosion der Anblick einer unfassbaren Verwüstung: Auf einer Fläche von 2000 Quadratkilometern waren Millionen Bäume verbrannt, entwurzelt oder wie Streichhölzer umgeknickt. Benannt nach einem nahe gelegenen Fluss ging die rätselhafte Katastrophe als "Tunguska-Ereignis" in die Geschichte ein. Bis heute beschäftigt sie Forscher und befeuerte nachhaltig die Phantasie von Science-Fiction-Fans.

Da die Ursache der Zerstörung nicht eindeutig geklärt werden konnte, hielt sich hartnäckig eine Legende: Der exzentrische Erfinder Nikola Tesla, der sich in den USA den Ruf eines Physikermagiers erarbeitet hatte, soll die Verheerungen mit einem Experiment ausgelöst haben. Als Genie bewundert und als Wahnsinniger verspottet, hatte Tesla den US-Strommarkt mit seinem Einsatz für Wechselstrom revolutioniert, die Fernbedienung erfunden und mit Hochfrequenzströmen, Röntgenstrahlen und enorm hohen Voltspannungen experimentiert. Er war ein Meister der Selbstinzenierung, der sich schon mal seelenruhig mitten in ein künstlich erzeugtes Gewitter aus Starkstromblitzen setzte. Nur ihm traute man zu, auch den Himmel in Sibirien entflammen zu können - und zwar mit einer alles vernichtenden, hochenenergetischen Teilchenwaffe: dem Todesstrahl.

Todesblitze aus der Brustwarze

Damit war der Mythos eines vermeintlich perfekten Killerwerkzeugs geboren, das später in kaum einem Science-Fiction-Roman oder -Film fehlen sollte: Gleißende Todesstrahlen gehören längst zum Standardrepertoire jeglicher Gemetzel im All. Schon in der US-Serie "Flash Gordon" kämpft der blonde Recke Flash mit Laserstrahlen gegen seine machtlüsternen Widersacher vom Planeten Mongo. In Roland Emmerichs "Independence Day" löschen grelle Todesstrahlen in Sekundenschnelle ganze Städte aus. Und selbst in dem japanischen Kampffilm "Kunoichi" schießen den Protagonistinnen mörderische Strahlen aus Brustwarzen und Intimbereich - dabei spielt der Film nicht mal in der Zukunft.

Ob in "Star Wars" oder "Kampfstern Galactia" - der Todesstrahl ist Teil der Kino-Popkultur geworden. Jeder kennt ihn - aber niemand weiß, wie er denn genau funktionieren soll. Zudem gibt es verwirrend viele Formen. Doch ob bunte Laserblitze, mörderische Protonenblaster oder Neutronenstrahler - in jedem Fall ist der Gegner in Lichtgeschwindigkeit vernichtet, verschmort, verdampft.

Ob des cineastischen Blitzgewitters ist fast vergessen, dass es durchaus echte Experimente von seriösen Wissenschaftlern zur Entwicklung eines Todesstrahls gab - auch wenn sich hinter dem martialischen Begriff völlig unterschiedliche Konzepte verstecken. So soll schon Archimedes das Sonnenlicht mit großen Spiegeln aus Bronze oder Glas gebündelt und damit ganze römische Flottillen in Brand gesetzt haben. Seine Sonnenstrahlenkanone wurde zum Mythos der Antike - doch als US-Forscher vor einigen Jahren die mutmaßliche antike Wunderwaffe nachbauten, konnten sie damit im Experiment gerade mal ein altes Fischerboot müde zum Glimmen bringen.

Ein ganz anderes Konzept verfolgte Nikola Tesla, der mit seinem Todesstrahl der Welt nicht weniger als ewigen Frieden schenken wollte. Als verschrobener, aber seriöser Wissenschaftler, der sogar als Kandidat für den Nobelpreis gehandelt wurde, fand er noch als alter Mann Gehör für seine utopischen Ausführungen. "Tesla enthüllt im Alter von 78 neuen Todesstrahl", schrieb im Juli 1934 die renommierte "New York Times" und stellte den Plan des Exzentrikers vor.

"Blut in Wasser verwandeln"

Tesla fabulierte von "konzentrierten Teilchenstrahlen, die eine so gewaltige Energie haben, dass sie eine angreifende Luftflotte mit 10.000 feindlichen Flugzeugen auf eine Entfernung von 250 Meilen vom Himmel holen" könnten. Paradoxerweise schwebte dem Forscher vor, mit seinem Todesstrahl die Menschheit vor weiteren Kriegen zu retten: Staaten könnten sich wie hinter einer "unsichtbaren chinesischen Mauer" vor allen feindlichen Angriffen schützen. Es war eine frühe und bizarre Variante des Traums vom Raketenschild, den später US-Präsident Ronald Reagan mit Milliardeninvestitionen verfolgen würde.

Damals jedoch winkten Banken und die Regierungen in Washington, London und Paris ab. Nur die Sowjetunion bekundete kurz Interesse an Teslas Plänen. Vereinsamt und verarmt starb er 1943 mit 86 Jahren in einem New Yorker Hotel. Noch als Greis hatte er seinen Botenjungen stets gemahnt, einen Karton mit seinen Aufzeichnungen nicht durcheinanderzubringen: Denn der Karton enthalte etwas, "das ein Flugzeug am Himmel zerstören könne".

Zur gleichen Zeit, Mitte der dreißiger Jahre, träumten auch andere Wissenschaftler von neuen Waffentypen. Mal ähnelten die vermeintlichen Todesstrahler einer Kanone, mal wirkten sie eher wie harmloses Plastikspielzeug oder ein Megafon. Der Anblick täuschte möglicherweise. "Todesstrahl-Maschine erfunden", meldete das US-Magazin "Modern Mechanix" im September 1934 todernst: "Hunde, Katzen und Hasen wurden auf der Stelle getötet und ihr Blut in Wasser verwandelt, als der Strahl auf sie gerichtet wurde."

Schneeschmelze mit deutschen Strahlen

Dasselbe Blatt berichtete zwei Jahre später über eine Infrarot-Kanone, mit der im Experiment erfolgreich Schlangen getötet worden seien - allerdings hatte es bis zu deren Exitus achteinhalb Minuten gedauert. Und im Februar 1940 behauptete ein amerikanischer Forscher namens Antonio Longoria, er habe mit einem Todesstrahl Tauben in vier Meilen Entfernung vom Dach geschossen. Zum Schutze der Menschheit habe er seine Vernichtungsmaschine aber lieber wieder zerstört.

Auch ein Deutscher erwarb sich einen zweifelhaften Ruf als Todesstrahlen-Pionier. Er hieß Hans Engelke, nannte sich später aber "Dr. Hans Ehrhardt". Der Amateurphysiker, der von sich selbst behauptete, im Zweiten Weltkrieg eine Wunderwaffe gebaut zu haben, mit der die Deutschen im April 1945 noch 36 feindliche Bomber vom Himmel geholt hätten, experimentierte nach dem Krieg mit Strahlen. Sie sollten nach eigenem Bekunden "im Frieden Kranke heilen und im Kriege Feinde töten". Mit Hilfe von Hohlspiegeln sollte gebündeltes UV-Licht 30.000 Kilometer weit wirken und eine "ungeheure Zerstörungskraft" entfesseln.

Zwar gelang es Engelke alias Ehrhardt 1961 sogar, die "Kriegstechnische Abteilung" (KTA) des schweizerischen Militärdepartment in Bern für seine Ideen zu erwärmen. Doch schon bald beendete die KTA die Zusammenarbeit wieder. Ehrhardt forschte einfach auf eigene Faust weiter. Er habe, so brüstete er sich in einem Interview, aus zwölf Kilometern Entfernung Schnee auf den Kuppen der Schweizer Berge geschmolzen.

Ein entzauberter Magier

Ernst genommen wurde er erst, als im Juni 1961 ein Foto in den Zeitungen auftauchte, das Ehrhardts vermeintlichen Todesstrahl als gigantische Leuchtkaskade über den Sarner See im Kanton Obwalden zeigte. Die Presse wütete und sprach von "lebensgefährlichen Experimenten", Gastwirte forderten Schadensersatz, falls Touristen wegen der Negativschlagzeilen wegbleiben würden. Ehrhardts Experimente waren zum Politikum geworden; zwei Jahre später musste der Autodidakt die Schweiz verlassen.

Die Spekulationen über todbringende Strahlen hingegen gingen weiter, befeuert von der Logik des Kalten Krieges. "Haben die Amerikaner die Todesstrahlen?", fragte das "Hamburger Abendblatt" im November 1961 auf der Titelseite. Gemeint waren Pläne zum Bau der ersten Neutronenbombe. Die Fertigstellung dieser "Todesstrahlenbombe", so betonte auch damals das "Journal American", stehe "im Mittelpunkt eines erbitterten Wettlaufes" zwischen den USA und der Sowjetunion. Doch der Eiserne Vorhang fiel, ohne dass Nuklearwaffen zum Einsatz kamen oder gar Todesstrahlen in Stellung gebracht wurden.

Das hindert manche Science-Fiction-Freaks nicht daran, bis heute Nikola Tesla als Pionier dieser nie Wirklichkeit gewordenen Wunderwaffe zu feiern. Ein wenig hat die Wissenschaft den umstrittenen Physik-Magier entzaubert und auf Normalmaß zurückgestutzt: Sie taufte eine physikalische Einheit nach ihm. In "Tesla" misst die Fachwelt seit 1960 die magnetische Flussdichte - eine ziemlich spröde Größe, die wenig mit Tod und Verderben zu tun hat.

Und auch das Rätsel um das "Tunguska-Ereignis" scheint weitgehend gelöst: Vermutlich ist ein poröser Meteorit nach dem Eintritt in die Erdatmosphäre am Himmel explodiert. Ein Todesstrahlen-Experiment, da sind sich die Experten sicher, war es nicht.

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1.
Ralf Bülow 19.11.2009
Nichts gegen Tesla, aber gab es nicht schon 1898 einen todbringenden konzentrierten Hitzestrahl in H.G.Wells' Roman "Krieg der Welten" ? Anm. Eine schöne Einführung ins Thema erschien vor kurzem auch hier: www.strangehorizons.com/2009/20091109/wakefield-a.shtml
2.
Karsten Schramm 19.11.2009
Nichts gegen die Bildersammlung, aber nicht ein Schuss des Todessterns dabei?!
3.
Sebastian Peter 19.11.2009
Wenn ich nicht irre, dann ist genau bei Kampfstern Galaktika keine Strahlenwaffe im Einsatz, sondern es wird noch "althergebracht" mit Kugeln und Raketen geschossen. Beim Orgina bin ich mir nicht 100%ig sicher, beim Remake aber definitiv!
4.
Ralf Bülow 19.11.2009
Kampfstern Galaktika ??? Hier gibt es alles über den Superlaser des "Star Wars"-Todessterns: http://starwars.wikia.com/wiki/Superlaser
5.
Ralf Steffens 20.11.2009
Echte *Science*-Fiction Fans glauben im Gegensatz zu *Fantasy*-Fans nicht bedingungslos an Todesstrahlen.
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