Erfindung der CD Die digitale Revolution trug Silber

Erfindung der CD: Die digitale Revolution trug Silber Fotos
Koninklijke Philips Electronics N.V.

Mit der CD begann für uns alle der digitale Alltag. 1977 wurden die ersten Prototypen des völlig neuen Speichermediums vorgestellt, 1982 begann die Serienfertigung. Heute gibt es bessere Datenträger als die Silberscheibe - aber tot ist sie noch lange nicht.

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Wer im unerschöpflichen Trivialitätenfundus des Webs das Datum 17. August 1982 ergoogelt, erfährt eine ganze Menge: Das "Micky Maus"-Heft Nummer 34 mit der Beilage "Knobelkiste - 6 Spiele in Einem" war soeben frisch erschienen. Nena erlebte mit einem Auftritt im Musikladen ihren Durchbruch ("Nur geträumt"). Perry Rhodan, unser aller Mann im All, landete (zumindest virtuell) mit dem Raumschiff Stardust II auf dem Planeten Wanderer und bekam von ES zwei Fiktiv-Materie-Transmitter zur Abwehr der Springer - was auch immer das heißen soll.

Ach ja, und in Langenhagen bei Hannover lief im Werk der Philips-Tochter Polygram die erste CD in Serienfertigung vom Band. Ob das nun wirklich eine Abba-Scheibe oder doch etwas Klassisches war, weiß noch nicht einmal Philips mehr genau. Heute jedenfalls ist die CD ein Klassiker.

Herbert von Karajan persönlich trommelte 1982 vor der Presse für die Vorzüge des neuen Speichermediums, flankiert von den damaligen Chefs der Unternehmen Sony und Philips, die sich anschickten, einen Standard für die digitale Speicherung von Musik zu definieren. Bereits fünf Jahre zuvor hatten sie erste Prototypen gezeigt, 1980 mit dem "Red Book" die bis heute gültigen Spezifikationen für die CD festgeschrieben. Jetzt also sollte eine neue Ära beginnen.

Die Laufzeit einer Audio-CD, die bis heute 74 Minuten beträgt, verdanken wir einer Legende zufolge dem musikalischen Geschmack des damaligen Sony-Vizechefs Norio Ohga. Der wollte, dass mindestens Beethovens 9. auf die Scheibe passt - und zwar nicht in der Einspielung von Karajan (66 Minuten), sondern in der von Wilhelm Furtwängler (74 Minuten).

Tatsächlich ging es ja um weit mehr als nur um einen alternativen Tonträger, einen Materialwechsel. Es ging darum, Digitaltechnik in die Haushalte zu tragen. Nur wahre Nerds beschäftigten sich damals mit Computern, die Laserdisc als Videoersatz war fast unbemerkt gescheitert, ansonsten war Unterhaltungselektronik analog.

Das Wohnzimmer wird digital

Jetzt aber war was im Busch. IBM hatte im Jahr zuvor den ersten PC vorgestellt und war damit letztlich Apples Konzept gefolgt, die einstigen Arbeitsgeräte auch Heim-kompatibel zu machen. Im Januar 1982 war Commodores C64 öffentlich vorgestellt worden, auf dem Spielekonsolenmarkt (der gerade wegen des C64 bald kollabieren sollte) konkurrierten eine Vielzahl verschiedener Systeme. Die digitale Revolution kündigte sich also an, immer stärker spürbar. Noch aber interessierte das nur wenige. Kaum jemand verband die Ereignisse, sah den Zusammenhang, der in der Rückschau so klar erscheint.

Kein Wunder, der Zeitgeist beschäftigte sich mit anderen Dingen. Die Friedensbewegung rollte durchs Land, während sich die zunehmend plattere Neue Deutsche Welle in den Charts mit ähnlich geistlosem Humpta-Hossa-Schlager maß: Am 17. August 1982 hatte Markus mit "Ich will Spaß" die Nase vorn, gefolgt von "Maid of Orleans" von OMD und "Adios Amor" von Andy Borg. Eine Welt, in der so etwas möglich war, hätte eigentlich nach neuen Ufern streben herrschen sollen.

Als Philips und Sony im internationalen Schulterschluss die CD präsentierten, traf dies trotzdem zunächst nur auf verhaltenes Interesse. Selbst die Branche selbst glaubte bis kurz vor Ende der Achtziger nicht daran, dass die CD die geliebte und bewährte Schallplatte so schnell ablösen würde. Anfang der Achtziger schien das noch weit unwahrscheinlicher: Die ersten Player verströmten den Charme klobiger Betamax-Videorekorder und kosteten so viel wie ein leidlich gut erhaltener Gebrauchtwagen.

Zudem saß das Misstrauen bei den Kunden tief, was die pompös angekündigte Einführung neuer Medienträger anging: War es nicht der Hersteller Philips gewesen, der drei Jahre zuvor das rein europäische Videoformat Video 2000 in den Markt gedrückt hatte? War nicht auch Sony gerade dabei, mit Betamax zu scheitern? 1982 war der Formatkrieg der inkompatiblen Systeme VHS, Betamax und Video 2000 auf seinem Höhepunkt.

Nun also stellte diese Allianz der strauchelnden Innovatoren selbstbewusst einen Silberling vor, der zum einen aussah wie ein Requisit aus Enterprise, Ufo oder Orion, zum anderen eine Art eierlegende Wollmilchsau sein sollte: Mit einer überragenden Klangqualität, extra langer Lauf- und Lebenszeit und dem Potential, künftig zur Speicherung aller möglichen Daten genutzt zu werden.

Tausendmal totgesagt, aber immer noch erfolgreich

Das meiste davon erwies sich im Nachhinein als realistisch. Bis Anfang der Neunziger schrieb zwar die audiophile Fachpresse die CD als seelenlosen Klangkörper herunter. Doch kein Medienträger setzte sich - nach einigen Jahren Anlauf - so vehement und flächendeckend durch. Die CD wurde wirklich zum universellen Inhalte-Speicher. Der Musikindustrie verschaffte sie den größten Boom ihrer Geschichte, weil Musikfans sich all ihre alten Vinyl-Schätzchen noch einmal in Silber kauften, und munitionierte die aufstrebende Softwarebranche zugleich mit dem Träger für zunehmend speicherhungrige Programme.

Und sie entwickelte sich fort, mutierte zur DVD, zur HD-DVD, zur Blu-ray-Disk. Seit Jahren wird sie totgeschrieben, ist aber nicht tot zu kriegen. Klar, Flash-Speicher und Onlinedienste, Video on demand und Streaming im Web schmälern ihre Bedeutung. Noch aber ist sie als Medienträger konkurrenzlos billig, besitzt eine haptische Qualität, die Sammler mehr anspricht als Flash-Speicher oder Festplatten, transportiert große Datenmengen zu Kunden, die noch nicht breit vernetzt sind.

Schon kündigt sich mit holografischen Speichermedien die nächste Inkarnation des CD-Prinzips eines Laser-ausgelesenen Datenspeichers in Scheibenform an. Und vielleicht wird auch der wieder 12 Zentimeter Durchmesser haben mit einem 15 Millimeter-Loch in der Mitte - wie die Ur-CD von 1982.

Nur ewig lebt der universelle Datenspeicher, anders, als damals versprochen, nicht: Die erste Generation dürfte in den nächsten Jahren verfallen, denn ihre Beschichtung zersetzt sich nach etwa 30 Jahren. Ein drittes Mal werden die Musikfans sich ihre Schätzchen dann nicht in Scheibenform kaufen: Wer klug ist, brennt sich vorher eine Sicherheitskopie. Auch das dürfte aber dafür sorgen, dass die CD noch einige Jahre vor sich hat.

Frank Patalong

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 17.08.2007

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Thilo Franz, 27.10.2007
Der erste CD-Spieler im Handel war nicht der Philips CD 100 sondern der Sony CDP 101.
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