Erfindung der Cornflakes Doktor Kelloggs irre Anstalt

Erfindung der Cornflakes: Doktor Kelloggs irre Anstalt Fotos

Wechselbäder, Gottesdienste, Sexentzug: Ende des 19. Jahrhunderts kämpfte John Harvey Kellogg in einem umstrittenen Sanatorium gegen den Verfall der Zivilisation und schlechte Ernährung. Durch Zufall erfand er die Cornflakes. Zum Welthit wurden die Flocken aber erst durch den Verrat des eigenen Bruders. Von Karin Seethaler

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Die Menschheit war auf dem besten Weg, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln. Der Grund: Selbstvergiftung. Alkohol, Tabak, fette Speisen, nicht zu vergessen sexuelle Zügellosigkeit und Masturbation: Die Welt steckte voller Versuchungen, die jedes Individuum über kurz oder lang in eine geistig und körperlich sieche Kreatur verwandeln mussten. So sah es jedenfalls John Harvey Kellogg.

Doch der drahtige, kleine Arzt aus Michigan war nicht bereit, dem Verfall teilnahmslos zuzusehen. 1876 hatte er im Alter von nur 24 Jahren die Leitung des Battle Creek Sanitarium übernommen. Und in diesem Kurklinikum tat er fortan alles, um den Niedergang der Zivilisation abzuwenden. Mit Wechselbädern, Atemübungen und Bestrahlung setzte er den verseuchten Körpern seiner Patienten zu - zu ihrem eigenen Wohle. Auch eine gewissenhafte Darmreinigung gehörte zum Standardrepertoire der Behandlung. Von oben nach unten und umgekehrt.

Allerdings: Was nützt der schönste Einlauf, wenn der Verdauungstrakt gleich darauf mit einer fetten Schweinshaxe malträtiert wird? Und so machte sich Kellogg, der Diätspezialist und Joghurtfreund, bald auf die Suche nach bekömmlicheren Alternativen. Er konnte ja nicht ahnen, dass er damit eine Entwicklung in Gang setzte, die nicht nur das globale Frühstücksverhalten revolutionieren, sondern auch einen Weltkonzern hervorbringen würde. Schließlich war die Idee selbst eher unspektakulär: gepresstes Getreide.

Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf

Es ist ein weiter Weg von John Harvey Kelloggs medizinischen Cornflakes zu den "Choco Krispies", "Frosties" und "Froot Loops", die heute die Supermarktregale füllen. Für viele Ernährungswissenschaftler sind die Kreationen dieser schönen neuen Cerealienwelt ein rotes Tuch. 25 bis 30 Prozent Zucker, bemängelte etwa Stiftung Warentest 2008 und befand: "Cerealien dieser Art gehören ins Süßigkeitenregal und nicht in die Müsli-Ecke."


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Ungesunde Dickmacher also. Dabei hatte Kellogg die Getreideflocken ursprünglich geschaffen, um genau solchen schlechten Essgewohnheiten den Garaus zu machen. Viel Arbeit und Zeit hatten er und seine Mitarbeiter in den Experimentalküchen des Battle Creek Sanitariums in die Entwicklung verträglicher Frühstücksnahrung investiert - auch wenn der Durchbruch letztlich dem Zufall zu verdanken war.

Denn die ersten Kelloggschen Cornflakes, so wird erzählt, waren 1894 das Produkt eines Versehens: Am Ende eines langen Arbeitstags blieb damals eine kleine Schüssel mit gekochtem Weizen übrig, die über Nacht eintrocknete. Zum Glück, wie sich später zeigen sollte: Denn die abgestandenen Körner ließen sich nun problemlos walzen, rösten und mahlen. "Granose", wie Dr. Kellogg das neue Produkt zunächst taufte, war geboren.

Sanitas Food Company

Für John Harvey Kellogg war das Problem damit gelöst und er hatte Zeit, sich neuen Projekten zu widmen. An Ideen mangelte es ihm nicht und an der nötigen Energie genauso wenig. "Doktor Kellogg war ein außergewöhnlicher Arbeiter", erinnerte sich sein Bruder Will Keith, der von 1880 an ebenfalls im Sanatorium beschäftigt war. "Er schuftete viele Stunden und nahm nicht nur in Kauf, sondern erwartete, dass andere es ebenso machten."

Gemeinsam gründeten die Brüder Ende des 19. Jahrhunderts die Sanitas Food Company, eine kleine Versandfirma, die den Vertrieb von Dr. Kelloggs Gesundheitsnahrung auch außerhalb von Battle Creek gewährleisten sollte. Dabei war es dem acht Jahre jüngeren Will Keith überlassen, für die Abwicklung der Tagesgeschäfte zu sorgen - für einen Hungerlohn und unter ständiger Beobachtung des dominanten Bruders.

Dieser indes hatte mit dem eigenen Pensum alle Hände voll zu tun: Nicht nur publizierte er am laufenden Band neue Forschungsergebnisse und medizinische Pamphlete, er ließ es sich auch nicht nehmen, sich persönlich um die Behandlung vieler Patienten zu kümmern, von denen sich in den besten Zeiten oft über tausend gleichzeitig in Battle Creek aufhielten.

Ein Leben in Reinheit

Wenig verwunderlich, dass ein solcher Erfolg dazu führte, dass die Klinik zum Gegenstand einer landesweiten Debatte wurde. Neben blinden Befürwortern fanden sich dabei mindestens ebenso viele überzeugte Kritiker von Kelloggs Methoden. Überspannt sei ihm erschienen, was er in Battle Creek gesehen habe, schrieb etwa der Journalist Julian Street, der dem Sanatorium 1914 einen Besuch abstattete. Und bemerkte: "Man fühlt einen Hauch von Fanatismus über allem schweben. Gesundheitsfanatismus."

Glaubt man weiteren Zeitzeugen, muss die Atmosphäre im Battle Creek Sanitarium tatsächlich eine seltsame Mischung aus Luxushotel und Kaserne gewesen sein: Kollektive Turnübungen, gemeinsame Gottesdienste, anregende Spaziermärsche während des Essens - Dr. John Harvey Kellogg wusste stets sehr genau, was für seine Gäste das Beste war.

Doch wenn der Mediziner von den Patienten eine eiserne Einhaltung der Regeln verlangte, so war er sich selbst gegenüber nicht minder streng. Kellogg lebte, was er predigte. Nicht nur in Bezug auf seine Diätgewohnheiten, sondern auch was die von ihm befürwortete sexuelle Enthaltsamkeit betraf. Obwohl seit 1879 verheiratet, war er, wie er gerne wiederholte, entschlossen, ein keusches Leben zu führen. Die Ehe mit seiner Frau Ella wurde nach eigenen Angaben nie vollzogen. Dass die beiden getrennte Zimmer bewohnten, war ein offenes Geheimnis.

Zivilisationsgeplagte Bürger

Mag ein solcher Lebenswandel in vielerlei Hinsicht bizarr erscheinen, so war John Harvey Kellogg doch mehr als der exzentrische Einzelkämpfer, zu dem er später oft gemacht wurde. Seine Ideen fielen in eine Zeit, in der eine wachsende amerikanische Mittelschicht nach Orientierung suchte. "Die Vereinigten Staaten befanden sich am Beginn eines Lebens, das nicht länger einen starken Rücken und drei Mal täglich Schweinefleisch erforderte", schrieb der Gesellschaftshistoriker Gerald Carson. "Doch Millionen von Stadtbewohnern aßen, als ob sie noch immer den Pflug über ihre Stoppelfelder ziehen würden." Sodbrennen und Verstopfung waren die weit verbreiteten Folgen.

Eine Änderung der täglichen Gewohnheiten, wie Kellogg sie propagierte, schien also durchaus angebracht. Auch war das Battle Creek Sanitarium nicht die einzige Einrichtung, die zivilisationsgeplagten Bürgern in diesen Zeiten des Umbruchs Erleichterung versprach. Wohl aber war es die größte Anlage ihrer Art und unter der Leitung von John Harvey Kellogg zweifellos auch die mit der schillerndsten Figur an der Spitze.

Bruderzwist

Dennoch: Der Siegeszug der Cerealien, der im beschaulichen Battle Creek seinen Anfang nahm, war nur teilweise ein Erfolg von Dr. Kelloggs medizinischem Missionarismus. Mag die Frühstücksnahrung in den Küchen des Sanatoriums entwickelt worden sein - ein Welthit wurde das gewalzte Getreide erst durch das Geschäftsgenie von John Harveys Bruder Will Keith. Er war es, der anregte, "Cornflakes" statt gemahlener Brösel als appetitliche Flocken zu servieren. Und ihm ist auch der Wechsel von der Weizenvariante zu den heute üblichen Maisflocken zu verdanken.

Die folgenschwerste Entscheidung des jüngeren Kellogg war jedoch die, den Cerealien Rohrzucker zuzusetzen. Damit, so die Überlegung, ließen sich die Flocken nicht mehr ausschließlich als medizinische Nahrung für Magenkranke, sondern auch als schmackhaftes Fertigprodukt für Gesunde verkaufen. Ein riesiger Markt tat sich auf.

Für John Harvey allerdings war die Entscheidung des Bruders ein unverzeihlicher Vertrauensbruch. Er, der sich stets gegen eine solche "Anreicherung" ausgesprochen hatte, sah sich von Will Keith hintergangen. Bald schon gründete dieser eine eigene Firma (die spätere Kellogg's Company) und stellte jede Zusammenarbeit mit dem Sanatorium ein. Als die Sache 1917 schließlich vor Gericht entschieden wurde, sah sich John Harvey zum ersten Mal dem jüngeren Bruder unterlegen.

Sein Möglichstes tun

So scheinen die Rollen am Ende vertauscht: Während John Harvey ab den dreißiger Jahren mit schwindenden Patientenzahlen und finanziellen Schwierigkeiten kämpfte, baute Will Keith sein Unternehmen in Windeseile zu einem gigantischen Wirtschaftsimperium aus. Neues Produktdesign und geschicktes Marketing machten den Namen "Kellogg" in aller Welt bekannt - den des Cornflakesherstellers wohlgemerkt, nicht den des Doktors.

Doch John Harvey Kellogg war nicht der Mann, der im Alter die Füße hochgelegt hätte; auch in die Jahre gekommen, machte er keine Anstalten, seine Aktivität einzustellen. Im Gegenteil: Er gründete eine Reihe von Clubs, deren Mitglieder schwören mussten "ihr Möglichstes zu tun, um einhundert Jahre alt zu werden". Selbst allerdings verfehlt er dieses Ziel: Dr. Kellogg starb am 14. Dezember 1943 im Alter von 91 Jahren. Aber er hatte sein Möglichstes getan.

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1.
Frank Zander, 16.03.2012
Dazu gibts auch ein gutes Buch "Willkommen in Wellville" von T.C.Boyle ... http://www.amazon.de/Willkommen-Wellville-T-C-Boyle/dp/3423119985
2.
Daniel Müller, 16.03.2012
Ein sehr schmeichelhaftes Portrait, wenn man berücksichtigt, dass Herr Kellogg keine Hemmungen hatte, seinen religiösen Wahn ungefragt auf andere Personen auszudehnen. So befürwortete er zum Beispiel die Beschneidung von Jungen ohne Betäubung als Maßnahme zur Verhinderung von Masturbation: "A remedy which is almost always successful in small boys is circumcision, especially when there is any degree of phimosis. The operation should be performed by a surgeon without administering an anesthetic, as the brief pain attending the operation will have a salutary effect upon the mind, especially if it be connected with the idea of punishment, as it may well be in some cases. The soreness which continues for several weeks interrupts the practice, and if it had not previously become too firmly fixed, it may be forgotten and not resumed." http://en.wikipedia.org/wiki/John_Harvey_Kellogg#Drastic_measures
3.
Alexander Huber, 16.03.2012
T. C. Boyle hat Kellogs mit "Willkommen in Wellville" ein literarisches Denkmal gesetzt: stark satirisch, ein großes Lesevergnügen. Auf Grundlage dieses Romans entschand der gleichnamige Film mit Anthony Hopkins und Bridget Fonda (Regie: Alan Parker).
4.
Holger Klamm, 16.03.2012
Charlie Chaplin nahm sich des Themas im 1917 erschienen Film "The Cure" an, in dem er einen Patienten in einer solchen Einrichtung darstellt. http://www.archive.org/details/CC_1917_04_16_TheCure zum Ansehen/download
5.
Daniel Blubb, 16.03.2012
Die wiederholte wiederholung derselben geschichte: Ein (treutrotteligdoofer) fanatiker (mit abstrus-widernatürlich-menschenfeindlichen ansichten) findet in seinem fanatismus ein halbes korn wahrheit ? und irgendwelche "jünger" oder "brüder" pervertieren diese wahrheit zugunsten eines lukrativ-verkäuflichen geschäftsmodells, - mit dem ergebnis, dass das gegenteil vom angestrebten realität wird. Gottseidank gehen meistens die unmenschlichen aspekte der fanatischen position dabei meist auch den reibach runter. Aber eben leider nur meist, nicht immer, und gravierende folgewirkungen (z.b. auf die psyche) bleiben bestehen. Insgesamt: die ganzer geschichte ist so unappetitlich wie das heute verfügbare cerealien-gedöns: in seiner urform geschmacklicher pappkarton, in seiner modern-form zucker-gift.
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