Erfindung der Rolltreppe Hoch die Massen!

Erfindung der Rolltreppe: Hoch die Massen! Fotos
Corbis

Frühe Rolltreppen boten echte Abenteuer: Die eine sollte man reiten, bei der anderen reichten die Betreiber nach der Fahrt erstmal Schnaps. Und die allererste kam 30 Jahre zu früh. Den Durchbruch als Massentransportmittel schaffte das Patent dennoch - über einen Umweg als Jahrmarktsattraktion.

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Als Nathan Ames am 9. August 1859 zum Patentamt von Massachusetts kam, hatte er eine merkwürdige Zeichnung bei sich. Es war eine Skizze, die ein gleichschenkliges Dreieck zeigte. In jeder Ecke hatte der Harvard-Absolvent eine Walze eingezeichnet, an den Außenseiten der Konstruktion viele weitere Dreiecke. "Revolving Stairs" - umlaufende Treppen - nannte Ames seine Erfindung, ein endloses Band, an dem Stufen befestigt waren.

Es handelte sich um nichts Geringeres als den Entwurf eines revolutionären Massentransportmittels: der Rolltreppe. Doch Ames war damit viel zu früh dran. Seine Erfindung blieb unbeachtet, die "Revolving Stairs" wurden nie gebaut. Einer der Gründe dürfte gewesen sein, dass er seine Version des diagonalen Massentransportmittels zu einem Zeitpunkt vorstellte, als es schlicht noch keine Massen zu transportieren gab - zumindest nicht in die Höhe.

Wirklich eng auf dem Weg nach oben wurde es erst etwa 30 Jahre später, nachdem die Einwohnerzahlen der größeren Metropolen weiter gestiegen waren und die Gebäude immer mehr in die Höhe wuchsen. In New York etwa, wo in den Aufzügen vielfrequentierter Bahnhöfe und Warenhäuser jeden Tag großes Gedränge herrschte. Reibungsloser, irgendwie flüssiger müsste es vorangehen, wie am Fließband, so etwa dachte wohl der Eisenbahn-Ingenieur Jesse W. Reno. Und er fand eine Lösung: Förderbänder für Personen.

Der Ritt auf der Rolltreppe

Renos Erfindung wurde von einem Elektromotor angetrieben. Auf dem Band befanden sich Sitzgelegenheiten. Herren sollten darauf Platz nehmen, als würden sie auf ein Pferd steigen, Frauen im Damensitz. Rechts und links des Bandes befand sich eine konventionelle Treppe. Sie bot die Chance, jederzeit abzuspringen und die Steigung wie gewohnt zu Fuß zu bewältigen. Vor 120 Jahren meldete Reno seine Erfindung zum Patent an, drei Jahre später wurde sie tatsächlich gebaut, wenn auch nur zum Spaß: im New Yorker Vergnügungspark Coney Island.

Ganz praktischen Nutzen in einer solchen Fahrrampe sah das Londoner Kaufhaus Harrods und installierte 1898 als wahrscheinlich erstes Warenhaus Europas ein solches Personenförderband für seine Kunden. Die allerdings sollten auf dem Band nicht sitzen, sondern stehen. Offenbar ein nicht ganz unstrapaziöses Abenteuer für die an Treppen gewöhnten Briten: Am oberen Ende wurden sie von einem Pförtner empfangen, der ihnen einen Brandy reichte. Denn nicht wenige Passagiere fühlten sich nach der ungewohnten Reise etwas flau in der Magengegend. Nicht ganz zu unrecht. Das bewegliche Laufband war durchaus noch verbesserungswürdig: Die Fahrgäste mussten mit nach oben angewinkelten Füßen auf dem ruckeligen Transportmittel stehen, krampfhaft Halt suchend an einem mit Plüsch bezogenen Handlauf.

Es war der New Yorker Erfinder George A. Wheeler, der sich auf die mehr als 30 Jahre alte Idee des Nathan Ames besann und zum Stufendesign zurückkehrte. Nur knapp fünf Monate nach Reno hatte er 1892 seine Version eines "new and useful Elevator" schützen lassen.

Wheeler mochte ein kluger Entwickler sein - bei der Vermarktung allerdings hatte er wenig Glück. Das Geld verdienten andere: etwa die Otis Elevator Company, die schließlich die "Rolltreppe" in Serie produzierte. Oder Jesse W. Reno, der mittlerweile diverse Modelle seiner Fahrrampen hatte bauen lassen - und von den Nutzern Transportgebühren verlangte. So auch auf der Pariser Weltausstellung, wo die "Rolltreppe" im Jahre 1900 ihren großen Auftritt hatte - und nach Einschätzung von Zeitgenossen endgültig "vom Wunderbaren zum Nützlichen" wurde.

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1.
Hendrik Ehlers 10.06.2012
Meine um 1880 geborene Grossmutter Auguste Ehlers aus Hiddenhausen hat mir als Kind erzaehlt, dass ihre groessten Erlebnisse die Ansicht der ersten elektrischen Gluehbirne und die erste Rolltreppenfahrt waren. Das hat sie scheinbar mehr beindruckt als Weltkriege 1 und 2....
2.
Michael Gehrig 10.06.2012
Fitnessstudio: http://www.spassfieber.de/funpics/fitnessstudio-mit-rolltreppe.jpg
3.
Volker Altmann 11.06.2012
"Das hat sie scheinbar mehr beindruckt als Weltkriege 1 und 2...." Herr Ehlers, das liegt vermutlich daran, dass man mit "dem größten Erlebnis" eher etwas Positives verbindet. Die beiden Weltkriege dürften da wohl eher unter der Kategorie "die schrecklichsten Erlebnisse" verbucht sein.
4.
stefan Kus 11.06.2012
Wer die USS Hornet besichtigen will, muss nach Alameda, Californien fahren. Seit 1998 liegt sie dort als Museumsschiff im Hafen.
5.
Peter Boots 11.06.2012
Hong Kong Mid-Levels, 800 Meter ueberdachter Rolltreppen. Video (nicht meines) www.youtube.com/watch?v=FfCx6MUbocU Gemuetliches sightseeing!
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