Erfindung des Luftkissenbootes Nach unten ist immer Luft

"Fliegende Untertasse" nannten Spötter das bizarre Wassergefährt - doch dann hob das erste Hovercraft richtig ab. Vor 50 Jahren revolutionierte die futuristische Konstruktion eines Briten den Verkehr. Erst auf dem Ärmelkanal, dann sogar im Himalaja.

Corbis

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War es wirklich eine Dose Katzenfutter? Zu jedem genialen Erfinder gibt es eine Legende über den Moment, in dem sein Geistesblitz einschlug. Besonders schön ist die über den Briten Christopher Cockerell: In den fünfziger Jahren steckte er zwei leere Blechdosen ineinander, angeblich eine für Katzenfutter, eine für Kaffee (das wird unter Cockerell-Kennern bis heute heiß diskutiert). Seine Konstruktion stellte er auf eine Waage, warf einen handelsüblichen Fön an, der durch ein Loch im oberen Dosenboden Luft in den Zwischenraum der Dosen blies - und: Seine Konstruktion hob tatsächlich ab, schwebte sanft auf einem Luftkissen, die Waage maß den unterschiedlichen Druck.

Cockerell hatte damit den Grundstein für eine technische Revolution gelegt. Er hatte bewiesen, dass es möglich war, Dinge dazu zu bringen, auf einem Luftpolster zu schweben. Und der Ingenieur hatte auch schon eine Vision für seine Erfindung: Ohne Reibungsverlust im Wasser oder auf Asphalt könnten Fahrzeuge theoretisch weit schneller vorankommen und dabei auch noch konventionelle Wege verlassen - indem sie einfach über Sümpfe, Wüsten, Eis oder Flüsse schweben.

Vor 50 Jahren war es dann so weit: Cockerell hatte aus seiner kauzigen Dosen-Idee eine futuristische Konstruktion gebastelt, die seine Landsleute bald liebevoll "fliegende Untertasse" tauften. Er selbst taufte das seltsame Gefährt "Hovercraft" - Luftkissenboot. Im Juni 1959 präsentierte Cockerell einen über zwölf Meter langen und sieben Tonnen schweren Prototypen "SR.N1" der verblüfften Weltöffentlichkeit. Kaum einer konnte sich vorstellen, wie dieses Ding abheben sollte. Doch am 25. Juli 1959 überquerte die "SR.N1" tatsächlich den Ärmelkanal von Calais nach Dover - in einer Rekordzeit von zwei Stunden und drei Minuten.

Geheimprojekt "Fliegende Untertasse"

Cockerell bewies mit dem Datum Gespür für historische Symbolik: Denn auf den Tag genau 50 Jahre zuvor hatte der französische Luftfahrtpionier Louis Blériot mit seinem Eindecker als erster Mensch in einem Flugzeug den Ärmelkanal überquert. Der Bezug zu Blériot war mehr als ein gelungener PR-Coup und Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins: Denn Cockerells Hovercraft war streng genommen kein Schiff, sondern noch am ehesten ein Flugzeug, das knapp über die Wellenkämme jagte. Techniker bezeichnen Fahrten mit einem Hovercraft daher auch als Flüge.

Für den Erfinder war die gelungene Jungfernfahrt das erlösende Finale einer zermürbenden Zeit des Abwartens. Denn schon 1955 hatte der Brite sich ein frühes Modell patentieren lassen. Als überzeugter Patriot reichte er seine Pläne beim britischen Verteidigungsministerium ein. Das Militär sperrte die Skizzen für Cockerells "fliegende Untertasse" umgehend weg - zu groß war die Angst vor einem militärischen Nutzen für andere Länder.

So konnte Cockerell seine Erfindung nicht mit Fachkollegen öffentlich diskutieren, geschweige denn in die Produktion gehen. Um sich in der Wartezeit finanziell über Wasser zu halten, musste er sogar Familienjuwelen verscherbeln. Hatte sein Vater also doch recht gehabt? Der hielt seinen Filius für "nicht besser als einen Werkstattmechaniker". Zwar verpasste Cockerell Junior schon als Jugendlicher der Nähmaschine seiner Mutter einen Dampfantrieb und experimentierte mit Funkgeräten. Doch der Vater war Kurator des Fitzwilliam-Museum an der Cambridge Universität - und für ihn zählte Kunst mehr als angewandte Technik. Mit Schrecken sah er, wie sein Sohn lieber das Tüftler-Handbuch "The Boy Electrician" von Alfred Morgan verschlang, als Kunstbände von Rembrandt zu betrachten.

Per Rolls Royce über den Ärmelkanal

Doch Cockerells seit der Kindheit erprobte Dickköpfigkeit zahlte sich aus: Als Gerüchte kursierten, dass die Schweiz bald ein Luftkissenboot produzieren könnte, gaben die britischen Behörden das Patent 1958 schließlich frei. Es war der Beginn eines Siegeszuges. Konnte Cockerells "SR.N1" 1959 nur bei ruhigem Wasser eingesetzt werden, machten schon seinen Nachfolgermodellen zwei Meter hohe Wellen nichts mehr aus.

Bereits 1961 schossen Luftkissenboote mit bis zu 90 Stundenkilometer über den Ärmelkanal - angetrieben von gewaltigen Rolls-Royce-Turbinen, die später auf bis zu 3800 PS Leistung hochgerüstet wurden. Das machte Fahrten mit einem Luftkissenboot zu einem sehr lauten, energieintensiven und ruppigen Vergnügen. Doch der deutliche Geschwindigkeitsvorteil gegenüber konventionellen Fähren machte dies wett: Schon in den sechziger Jahren verkehrten regelmäßig Luftkissenboote über den Kanal, die schon bald 254 Passagiere und 30 Autos pro Fahrt transportieren konnten. Das Kapitel eines modernen Transportsystems hatte begonnen, das bis heute Hunderte Millionen Menschen nutzen würden.

Dabei war die Grundidee eigentlich uralt und wurde schon Anfang des 19. Jahrhunderts von einem schwedischen Wissenschaftler thematisiert. Das erste Patent eines Luftkissenfahrzeuges meldete 1877 der Brite John Isaak Thornycroft an. In den dreißiger Jahren experimentierten auch russische Wissenschaftler intensiv an Luftkissenfahrzeugen. Doch diese frühen Pläne scheiterten an dem Fehlen eines starken Antriebs und fanden keine praktische Anwendung.

Ein wahnsinniger Plan

In den Jahren danach wurden immer mehr Luftkissenboote weltweit eingesetzt - als flinke Fähren, wendige Rettungsboote oder flexible Militärfahrzeuge im unwegsamen Terrain. Die Welt war im Hovercraft-Fieber. "Die Hovercrafts werden möglicherweise eine ähnlich revolutionäre Entwicklung einleiten wie die ebenfalls in England erfundene Eisenbahn", mutmaßte das "Hamburger Abendblatt" 1962. Vielleicht werde Cockerell "einmal in einem Zuge mit George Stephenson, dem Erbauer der ersten Dampflokomotive, genannt".

Das Militär fing an, die neue Technik intensiv zu nutzen, wie beispielsweise die US-Armee im Vietnam-Krieg. Und auch Tüftler begannen, an Eigenkonstruktionen zu schrauben, Verbände gründeten sich, bis heute gibt es offizielle Wettrennen. Abenteurer gingen mit kleineren Konstruktionen gar auf Weltreise. So versuchte 1972 der französische Anthropologe Michel Peissel in seiner "Expedition Kali Gandaki", mit einem Luftkissenboot quer durch den Himalaja zu fahren - von Indien nach Tibet. "Die Idee schien absurd", schrieb Peissel später. "Nur ein Wahnsinniger hätte einen solchen Plan fassen können."

Er tat es trotzdem, auch weil er sich auf früheren Expeditionen mehr als 5000 Kilometer zu Fuß und auf Maultieren mühsam durch die Berglandschaft Indiens und Nepals gequält hatte. Jetzt träumte er von "einem Abenteuer, dessen sich auch die Lindberghs und Blériots nicht geschämt hätten". Wenn es ihm gelänge, mit einem kleinen Hovercraft durch die Flussläufe des Himalaja zu fahren, wären andere Fluss-Systeme erst recht ein Kinderspiel - und er hätte dafür den Beweis geliefert. "In meiner Begeisterung sah ich schon ein neues Verkehrszeitalter anbrechen", schrieb er. Mit Luftkissenbooten "könnte sich jedes Land in kurzer Zeit ein dichtes Verkehrsnetz zulegen, denn jeder Flusslauf, selbst ein ausgetrockneter, wäre auch ein potentielle Straße".

Eine trotzige Vorhersage

Peissels Expedition gelang, er fuhr reißende Flüsse sogar stromaufwärts und meisterte mehr als 3000 Stromschnellen - doch seine Vision vom Luftkissenboot ging nicht in Erfüllung. Zwar flitzte noch 1995 eine Fähre in absoluter Rekordzeit von 22 Minuten über den Kanal - doch der Zenit der Luftkissenboote war damals schon überschritten. Denn nach wie vor fraßen die Turbinen zu viel Treibstoff. Die Hovercrafts waren nicht mehr wirtschaftlich, moderne Katamaran-Fähren waren fast genauso schnell, konnten aber mehr Autos transportieren - und unter dem Ärmelkanal entstand ein Tunnel.

"Es wird immer Hovercrafts geben", hatte Cockerell einmal fast trotzig prophezeit - und bis heute hat er recht. 1999, genau 40 Jahre nach der Präsentation seiner weltberühmten Erfindung, starb Cockerell im Alter von 88. Er wäre bitter enttäuscht gewesen, wenn er noch erlebt hätte, wie nur ein Jahr nach seinem Tod die Hovercraft-Fährverbindung über den Kanal endgültig eingestellt wurde.



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Uwe Schwarz, 11.06.2009
1.
Zu Bild 2: Haiti und Hawaii klingen zwar ähnlich, haben aber sonst nicht viel miteinander zu tun. Das abgebildete Landungsfahrzeug bringt jedenfalls Hilfsgüter für Haiti.
Ernst Pelzing, 27.01.2010
2.
Wetterbedingter Schönwetter-Luftkissenboot-Aussetzer Auf einer Ausflugsfahrt von Santa Cruz de Tenerife nach Las Palmas de Gran Canaria im August 1984 mit dem "aerodeslizador", einer Luftkissenboot-Fähre, entand auf halber Strecke sturmbedingt bewegte See. Bei dem entstehenden Wellengang war die Betriebsfähigkeit der Fähre offensichtlich nicht mehr gegeben. Nichts ging mehr. Wir dümpelten vor uns hin. Auf besorgtes Fragen der Passagiere erfuhren wir aus berufenem Mund, dass eine bestimmte Wellenhöhe dazu führt, dass es keine tragende Luftschicht mehr unter dem Boot gibt. Also offensichtlich eine Art Schönwetter-Luftkissenboot. Wir trugen's mit Fassung.
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