Erfindung des Rollkoffers Zieh!

Ein US-Pilot ärgert sich über schweres Gepäck und wird mit der Erfindung für einen Rollkoffer in den Achtzigern zum Millionär. Tatsächlich ist die Idee viel älter. Ihr Durchbruch wurde nur verzögert - von reisenden Machos.

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Es gibt nur wenige Menschen, die von sich behaupten, das Rad neu erfunden zu haben. Der Amerikaner Robert Plath ist einer von ihnen. Mit zwei kleinen Kunststoffrädchen, davon sind viele seiner Landsleute überzeugt, hat er die Welt verändert. Oder zumindest das Leben von Millionen Bürgern angenehmer gemacht.

Robert Plaths kaum bekannte Geschichte klingt wie der perfekte Amerikanische Traum, und sie geht so: Ein Mann arbeitet jahrelang als Pilot bei der Northwest Airlines, bis er irgendwann im Jahr 1987 plötzlich eine ebenso einfache wie geniale Idee hat, die sein Leben auf den Kopf stellt und ihn binnen kurzer Zeit zum Multimillionär macht: Er schraubt einfach zwei kleine Räder unter einen Koffer.

Vorbei waren nun die Zeiten, in denen er sein Gepäck mühsam durchs Terminal schleppen musste. Er zog es jetzt. Man kann sich Rath vorstellen, wie er entspannt und mit lässigem Blick durch die Flughäfen Amerikas stolzierte, während seine Kollegen ihm neidisch nachschauten. Und seinem Rollkoffer.

Ein Pilot wird Unternehmer

Erst produzierte Plath nur für Freunde und Kollegen. Dann feuerte der geschäftstüchtige Hobby-Tüftler die Nachfrage an, indem er jedem, der einen Neukunden warb, fünf Dollar Prämie versprach. Jetzt nahm das Geschäft erst richtig Fahrt auf. Die heimische Garage, in der er zunächst produzierte, wurde schnell zu klein. Plath kaufte ein Warenhaus mit 60.000 Quadratmetern Fläche, gründete mit TravelPro seine eigene Firma und schmiss 1991 seinen Job. Der Pilot, der am Boden blieb, ließ nun sein Geschäft abheben. 129 Dollar kosteten die ersten Rollkoffer, schon im ersten Jahr machte die neue Firma 1,5 Millionen Dollar Umsatz.

Die Geschichte des Koffermillionärs Robert Plath machte Schlagzeilen. Doch nicht der wirtschaftliche Erfolg stand im Mittelpunkt, sondern die Frage, warum eigentlich niemand zuvor auf diese Idee gekommen war. Wie konnte es sein, dass der Mensch das Automobil im 19. Jahrhundert erfunden hatte und den Rollkoffer erst viele Jahrzehnte später? Zwei Rädchen unter einem Koffer, was war das schon?

Die Frage ist berechtigt, doch für die Kulturwissenschaftlerin Claudia Selheim ist sie falsch gestellt. Denn anders als in den meisten Artikeln über die Erfindung des Rollkoffers behauptet, sei Plath gar nicht der Erste gewesen, der Koffer auf Rädern anfertigte.

Schon Ende des 19. Jahrhunderts gab es Koffer mit Rollen

"Leider weiß man heute nicht, wer den ersten Rollkoffer hergestellt hat", sagt Selheim. Für die Ausstellung "Reisebegleiter - mehr als nur Gepäck", die in diesem Jahr im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gezeigt wurde, hat sie sich intensiv mit der Geschichte des Gepäckstücks beschäftigt. "Am bemerkenswertesten fand ich dabei, dass es schon im 19. Jahrhundert verschiedene Modelle von rollenden Koffern gab."

So entwarf bereits um 1850 das "Handbuch für Fußreisende" eine Art Blaupause für den modernen Trolley. Man müsse, so hieß es dort, einfach "ein paar leichte Räder mit einer leichten Achse befestigen" und dann noch einen speziellen Reisestock mit abschraubbarer Zwinge anfertigen. Die Anleitung erklärte: Wer keine Lust mehr auf das Schleppen habe, der schraube "den Stock in die dazu eingerichtete Achse und fährt so sein Gepäck hinter sich her, bis man wieder Luft zum Tragen bekommt".

Und der Bauplan für den Do-it-Yourself-Rollkoffer war kein Unikat: Ende des 19. Jahrhunderts gab es truhenartige Koffer mit Rollen; auch bei Handelsvertretern waren die rollenden Gepäckstücke sehr beliebt. "Allerdings konnten sich diese frühen Rollkoffer damals noch nicht durchsetzen", sagt Claudia Selheim, "dafür waren die Böden einfach viel zu schlammig und holprig."

Patent für "Rolling Luggage"

Und so begann das goldene Zeitalter des Rollkoffers erst im 20. Jahrhundert - allerdings nicht mit Robert Plath, sondern mit Bernard Sadow. Der war Vizepräsident eines großen Kofferherstellers im US-Bundesstaat Massachusetts, als er 1970, wie er später gerne in Interviews erzählte, "eine seiner besten Ideen" hatte. Eine glatte Untertreibung.

Der zündende Gedanke kam ihm, als er mit seiner Frau an einem Flughafen in Puerto Rico an der Zollabfertigung wartete - beladen mit zwei schweren Koffern, ohne dass irgendwo ein Träger in Sicht war. Plötzlich sah er einen Gepäckwagen, verriet Sadow dem Fernsehsender CNN, und erst jetzt sei ihm der naheliegende Gedanken gekommen, Gepäckwagen und Koffer zu vereinen.

Wieder zu Hause machte er sich sofort an die Arbeit. Er befestigte vier Rollen unter der Längsseite des Koffers, brachte noch ein flexibles Band zum Ziehen an und meldete die Konstruktion unter dem Namen "Rolling Luggage" zum Patent an. Im April 1972 erhielt er es unter der Nummer 3.653.474.

Doch war Sadow damit der wahre Rollkoffererfinder? Auch das ist umstritten. Denn bereits in den sechziger Jahren gab es Hilfsmittel, etwa Winkelbleche auf Rollen, an denen ein Koffer mit einem Gummigurt befestigt werden konnte. Und schon 1971 bewarb das Versandhaus Quelle einen "Kofferroller" als "idealen Gepäckträger" für unterwegs. Der französische Hersteller Delsey wiederum rühmt sich damit, 1972 den ersten rollenden Hartschalenkoffer auf den Markt gebracht zu haben. "Trolley" hieß er - und damit gelang der Firma zumindest ein Marketing-Coup: Der Begriff wurde im englischen Sprachraum zu dem Synonym für Koffer auf Rädern.

Billig- und Designertrolleys

Wer auch immer es war, die Begeisterung für die Konstruktion hielt sich in Grenzen. "Ich präsentierte meinen rollenden Koffer in jedem New Yorker Warenhaus, und alle haben mich für verrückt erklärt", erinnerte sich etwa Bernard Sadow. Alle seien sich einig gewesen: Niemand würde sein Gepäck an einer Leine hinter sich herziehen wollen wie einen Hund. Und überhaupt, war das Ganze nicht eher was für Weicheier?

Die Prognose traf zu. Wer Geld hatte, leistete sich Träger, und wer seine Freundin beeindrucken wollte, war Macho genug, um selbst das sperrigste Gepäck noch mit einem Lächeln die Treppen hoch- und runterzutragen. Erst als Macy's, die größte Warenhauskette der USA, Sadows Rollkoffer vertrieb, nahm dessen Popularität langsam zu.

Es dauerte allerdings noch zwei Jahrzehnte, bis der Rollkoffer zu einem Milliardengeschäft wurde. Flüge waren billiger geworden, Fernreisen häufiger, Urlaubsziele immer exotischer. Das archaische Macho-Gehabe nahm ab, die Zahl der vielreisenden Frauen in Führungspositionen nahm drastisch zu.

Plötzlich konnten sich Millionen Menschen ein Leben ohne den einst belächelten Trolley nicht mehr vorstellen. Der Rollkoffer half der darbenden Kofferindustrie aus der Krise. Er eroberte Hotellobbys, Flughäfen und Bahnhöfe; Airlines passten ihre Gepäckfächer der Form der Rollkoffer an; Discounter wie Walmart und Aldi überschwemmten den Markt, während bekannte Designer luxuriöse Trolley-Kollektionen entwarfen. Auf einmal gab es die Dinger in etlichen Farben, Formen und Preisklassen.

Der ungeheure Erfolg war jedoch nicht allein auf die veränderten Reisegewohnheiten der Menschen zurückzuführen. Denn US-Pilot Robert Plath hatte den Rollkoffer tatsächlich entscheidend verbessert: Anders als Sadow setzte er statt auf ein Band auf einen höhenverstellbaren Teleskopgriff; anstelle von vier Rädern baute er nur zwei an. Mit diesen kleinen Veränderungen begann der Siegeszug für den standardisierten Trolley, der heute durch jeden Gang eines Flugzeugs passt.

Robert Plath, so viel steht fest, hat das Kofferrad nicht neu erfunden. Die Welt verbessert hat er aber dennoch.

Mitarbeit: Yascha Mounk

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Helmut Hartl, 14.12.2011
1.
Stilbewusste Männer rollen keinen Koffer hinter sich her. Alleine wegen des hässlichen Geräusches der kleinen Plastikrollen. Sie legen ihren Koffer auf einen Trolley und schieben ihn vor sich her, oder tragen ihn am Griff - beides ein deutlich harmonischerer Anblick. Als einst ein Vielfliegerkarteninhaber mit seinem hin- und herschlenkernden Ziehköfferchen, die Krawatte über der Schulter, den Finger zum Flugzeugeinstieg entlanghetzte, um als Erster seinen Businessplatz einzunehmen, überreichte der Percer ihm am Eingang eine Banane. Der Kofferzieher beschwerte sich, der Percer wurde gefeuert. Letzterer beginn quasi bewusst beruflichen Suizid, weil er den Anblick, das Geräusch, die Kofferziehermetalität nicht mehr ertragen konnte. Und das wiederum tat er mit Stil.
Hendrik Herdemerten, 14.12.2011
2.
>Stilbewusste Männer rollen keinen Koffer hinter sich her. Alleine wegen des hässlichen Geräusches der kleinen Plastikrollen. Sie legen ihren Koffer auf einen Trolley und schieben ihn vor sich her, oder tragen ihn am Griff - beides ein deutlich harmonischerer Anblick. > >Als einst ein Vielfliegerkarteninhaber mit seinem hin- und herschlenkernden Ziehköfferchen, die Krawatte über der Schulter, den Finger zum Flugzeugeinstieg entlanghetzte, um als Erster seinen Businessplatz einzunehmen, überreichte der Percer ihm am Eingang eine Banane. Der Kofferzieher beschwerte sich, der Percer wurde gefeuert. Letzterer beginn quasi bewusst beruflichen Suizid, weil er den Anblick, das Geräusch, die Kofferziehermetalität nicht mehr ertragen konnte. >Und das wiederum tat er mit Stil. > > > gähn! Klar, bei einem Artikel über Reisegepäck und noch das standardgepäckstück pööser Vielreisender (weil halt praktisch), bleibt der Aufschrei teutscher selbsternannter Stilwächter nicht aus. BTW: Wenn man sich schon so eloquent und korrekt geben möchte, ist es ratsam fremdländische Begriffe nicht nur irgendwie phonetisch zu übernehmen - das wird sonst peinlich. Gute Reise :)
Katharina Knierim, 14.12.2011
3.
Die Welt wurde durch Rollkoffer nicht besser, sondern häßlicher gemacht - ein Sieg des pragmatischen Amerikanismus über die Eleganz. Haben Sie schon mal eine Schar von rollkofferbewehrten Messebesuchern mit ihren berollten lärmenden Fifis an der Leine hinter sich gehört? Grausam!
Siegfried Wittenburg, 14.12.2011
4.
Ich kann mich erinnern, dass meine Frau und ich schon vor Mitte der 80er Jahre eine senkrecht stehende, große Einkaufstasche benutzten. Sie war ähnlich wie eine stabile Reisetasche konstruiert. Diese stellten wir auf ein Gestell mit zwei gummibereiften Rädern und einem höhenverstellbaren Teleskopgriff. Eine entsprechende Lasche sorgte für sicheren Halt. Damit gingen wir zur Kaufhalle, um unseren Wochenendeinkauf zu erledigen. Wer der Produzent dieser Taschen war, weiß ich nicht mehr. Doch ganz sicher war es ein VEB, ein "volkseigener" Betrieb.
Holger Merten, 14.12.2011
5.
Als mein Vater 1984 von seinem Arbeitgeber nach Brasilien geschickt wurde, rüstete ihn die Bayer AG mit einem Rollkoffer von Delsey aus. Der hat mittlerweile alle Kontinente gesehen und verrichtet immer noch seinen Dienst. Ich vertraue übrigens auf Rimowa. Da sieht ein neuer Koffer schon nach einem Flug gleich um Jahre älter aus.
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