Erfindung des Superhelden Mehr Power!

Erfindung des Superhelden: Mehr Power! Fotos

Große Kraft, ganz große Auflage: Mit Superman fiel 1933 der Startschuss für das Goldene Zeitalter der Comics. Seinen 75. Geburtstag feiert Supis Heimatverlag mit einem wahrhaft übermenschlichen Bildband. Darin wird der allererste Superheld geehrt - und an so manchen durchgeknallten Comic-Heroe erinnert. Von

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Im Sommer 1938 trat ein dynamisches Duo die Tür zu einer neuen Welt ein. Jerry Siegel und Joe Shuster, zwei Jungen aus Cleveland in Ohio, brauchten dazu nichts als eine Zeichnung. Sie zeigte einen Hünen in blauem Turntrikot und rotem Umhang. Der Aufzug war albern. Doch was der Kerl machte, ließ Hunderttausenden von kleinen Jungs vor Begeisterung die Kinnlade runterklappen: Mit bloßen Händen stemmte er ein Auto in die Luft.

Ein Comic-Held mit übermenschlichen Kräften - darauf war vor Siegel und Shuster niemand gekommen. Die erste Ausgabe von "Action Comics" mit Superman auf dem Cover wurde den Kioskverkäufern regelrecht aus der Hand gerissen und musste gleich mehrfach nachgedruckt werden.

Der Verlag wusste indessen gar nicht wie ihm geschah. Schließlich war die Story über den Kraftprotz mit Schmalzlocke nur ins Heft gekommen, weil es an Material gefehlt hatte, um die Seiten zu füllen. Vorher waren die Superman-Erfinder Siegel und Shuster sechs Jahre lang von Verlag zu Verlag getingelt, um ihre Idee vom übermenschlich starken Strumpfhosenträger an den Mann zu bringen - erfolglos. Die Figur sei einfach nur pubertär und kindisch, befanden die Entscheider. Selbst der Verlag National Allied Publications, bei dem das Heft erschienen war, hatte Superman sogar mehrfach abgelehnt.

Die Phantasie der Zeichner und Autoren wurde entfesselt

Und nun prangte der Held auf ihrem größten Verkaufsschlager. Die Verlagsoberen wollten trotzdem nicht glauben, dass er für den Erfolg von "Action Comics" verantwortlich war. Schließlich teilte sich Superman das Heft mit verschiedenen anderen Charakteren wie dem Profiboxer "Pep" Morgan, dem Magiermeister Zatara und "Scoop Scanlon - Fünf-Sterne-Reporter". Erst als eine großangelegte Leserbefragung bestätigte, dass wirklich der Mann aus Stahl die Leser so sehr begeistert hatte, reagierte der Verlag. Superman wurde zur Hauptfigur der neuen Comic-Reihe - eine Entscheidung, die den Grundstein für ein Superhelden-Imperium legte, das sich bald darauf in DC Comics umbenennen sollte.

Der Erfolg von Superman wuchs mit jeder Ausgabe von "Action Comics". Der Verlag, der bisher in seinen Serien "Fun Comics", "Detective Comics" und "Adventure Comics" seit langem auf in Groschenromanen erprobten Heldenfiguren wie Cowboys, Ermittler, Zeitreisende und Weltraumabenteurer gesetzt hatte, ließ nun die Phantasie seiner Zeichner und Autoren von der Leine. Kurz bevor in Europa der Weltkrieg ausbrach, hatte in den USA das Goldene Zeitalter der Comicgeschichte begonnen.

Allein von 1938 bis 1941 entstanden viele Helden, für die DC bis heute von Comic-Fans auf der ganzen Welt geliebt wird: Batman, sein Sidekick Robin, die Grüne Laterne, Wonder Woman und der Rote Blitz. Sie haben einen wichtigen Anteil daran, dass der Verlag siebeneinhalb turbulente Dekaden in der Comic-Branche überstand und in diesem Jahr seinen 75-jähriges Bestehen feiern kann. Das Jubiläum der Superheldenfabrik begeht der Taschen Verlag mit einer Veröffentlichung zum Geburtstag. Und mit was für einer.

Comics erfinden wie am Fließband

Ist es eine Gedenktafel? Ist es eine Superman-Cape-rote Gehwegplatte? Nein, das Monstrum ist tatsächlich ein Buch. Besser gesagt: ein Super-Buch. Fast einen halben Meter hoch, geschätzte vier Kilo schwer und 720 Seiten stark ist "75 Jahre DC Comics: The Art Of Modern Mythmaking". Mit mehr als 2000 Abbildungen, mehreren üppig beschrifteten Zeitstrahlen zum Ausklappen und einem Text von Verlagsinsider Paul Levitz versucht es, den Mythos DC einzufangen. Weiß Gott eine Aufgabe, die beinahe übernatürliche Kräfte verlangt. Immerhin schufen Dutzende legendäre Zeichner für den Verlag rund tausend Helden, deren Geschichten in mehr als 40.000 Heften erzählt worden sind.

Leider erschöpft sich dabei ausgerechnet der Bericht von Levitz in allzu trockenen Abhandlungen, wer wann welche Figuren für welche Serien erfunden, verändert oder geprägt hat. Dabei würde man doch denken, dass dieser Mann wissen müsste, wie man eine spannende Geschichte erzählt. 35 Jahre hat er für DC gearbeitet. In dieser Zeit ist er nicht nur zum Präsidenten und Verlagsleiter aufgestiegen, sondern hat mehr als 300 Superhelden-Storys selbst verfasst. Wo sind die aufregenden Anekdoten über die Entstehung unserer liebsten Helden? Wo ist der Röntgenblick in die Zeichenräume und Think Tanks des Verlags?

Zu erzählen gäbe es einiges. Zum Beispiel wie damals neue Superhelden wie am Fließband entstanden, um die vielen neuen Hefte zu füllen, die in dieser Zeit nicht nur bei DC neu herauskamen. Allein für die verschiedenen Auftritte von Superman in einem täglich erscheinenden Zeitungsstrip, als Zugpferd von "Action Comics" und für seine eigene Comic-Reihe - denn er war der erste, der sich sein Heft nicht mit anderen Helden teilen musste - brauchte es ein ganzes Atelierteam. In vielen Verlagen arbeiteten damals anonyme Zeichner unter fabrikähnlichen Bedingungen. Nur damit am Ende der Erfinder des jeweiligen Helden sein Kürzel unter das fertige Werk setzen konnte.

Scheidung und "Horror" verboten

Kaum verwunderlich, dass in der Pionierzeit des Superhelden-Comics viele Heroen der ersten Stunde nicht für die Ewigkeit gemacht waren. Etwa Hour-Man. Die Erfindung von Insulin, Penicillin und Anabolika hatte die Kreativen bei DC zu dem Wissenschaftler inspiriert, der durch eine wundersame Vitamin-Hormon-Mixtur jeweils eine Stunde zum Superhelden mutieren konnte. Oder Johnny Quick, ein Fotoreporter, der - wie der Rote Blitz - superschnell sein konnte. Für die Entfaltung seiner Kräfte musste er allerdings jedes Mal eine komplizierte, mathematische Formel rezitieren. Doch ganz verschwunden sind selbst diese Helden nicht. Bis heute bekommen viele weniger bekannte Kämpfer für das Recht immer wieder Gastauftritte in den Heften ihrer erfolgreicheren Kollegen.

Auf die erste Faszination, dass in den Comics nun Übermenschen das Verbrechen auf der Welt bekämpften, folgte eine Katerstimmung in den fünfziger Jahren. Vielen Lesern fehlte bei ihren Helden eine Identität, die über die Farbe des Kostüms und die Art der Kräfte hinausging. Die Ursache für die Gleichförmigkeit der Figuren sieht Paul Levitz im sozialen Hintergrund der Zeichner selbst. "Die Künstler und Verleger, die meist aus Einwandererfamilien stammten", meint der Autor, "wollten in der Mehrheit der US-Amerikaner aufgehen." Nicht ohne Grund änderte etwa der Batman-Erfinder Bob Kahn seinen Namen in Bob Kane. Ein Durchschnittsbürger sein - der Wunsch der Erfinder prägte auch ihre Figuren.

Gleichzeitig wurden Ende der vierziger Jahre Stimmen laut, die den Bildergeschichten eine verderbliche Wirkung auf die Jugend attestierten. In seinem Buch "Die Verführung der Unschuldigen" bezeichnete der Psychiater Fredric Wertham 1954 Comic-Verleger gar als "Verbündete des Teufels". Die Branche reagierte auf die immer größer werdende Kritik mit dem einer freiwilligen Selbstkontrolle der Verlage, dem Comics Code. In den Geschichten wurde fortan auf die Darstellung von Nacktheit verzichtet. Es durfte nicht mehr geflucht werden. Die Begriffe "Horror" und "Terror" wurden aus den Titeln von Comics verbannt, ebenso jegliche Sympathiebekundungen für Gangster, das Zeigen der Ausführung eines Verbrechens und sogar Scheidungen.

Die Wiedergeburt der Helden

Erst vier Jahrzehnte später gelang der Befreiungsschlag aus dem moralischen Korsett, das Geschichtenerzählen in Comics fast unmöglich gemacht hat. Die Fans selbst vollzogen ihn. Sie hatten längst nicht mehr nur Lieblingshelden, sondern vernetzten sich, vervollständigten ihre Comic-Sammlungen, diskutierten die künstlerische Qualität der Zeichnungen und Geschichten - und einige von ihnen machten ihre Leidenschaft zum Beruf. In den USA entsponn sich ein stetig dichter werdendes Netz von Comic-Läden. Es wurde der Schlüssel zur Verbreitung einer neuen Art von Superhelden-Comics.

Die Regeln des Comics Code beschränkten sich nämlich auf Kioske. So begannen die großen Verlage Mitte der achtziger Jahre, über Comic-Shops, aber auch Buchläden und per Direktversand Werke zu vertreiben, die alles andere als kindgerecht waren. Eine der ersten Superhelden-Geschichten, die durch dieses Schlupfloch das Licht der Welt erblickte, war "Batman - Die Rückkehr des Dunklen Ritters" von Frank Miller. In ihr ist der Fledermausmann nicht mehr der agile, glattgebürstete Kämpfer für Recht und Ordnung, sondern 55 Jahre alt, eigentlich seit zehn Jahren in Rente und ganz und gar nicht auf der Höhe seiner Kräfte. In einem heruntergekommenen Gotham kämpft er nicht mehr nur gegen Bösewichte, sondern ringt vor allem mit seinen eigenen Dämonen.

Es folgten andere Künstler, die in wenigen Jahren das Muster der immer gleichen Comic-Geschichten - Held trifft auf Bösewicht, Held erledigt Bösewicht, Held trifft auf neuen Bösewicht - durchbrachen. Manche erfanden ganz neue Comic-Universen (Neil Gaimans "Sandman"-Reihe), die sie mit Geschichten füllten, die an Komplexität und gestalterischer Energie großen Romanen gleichkamen. Andere verliehen ihren Superhelden eine nie gekannte Tiefe und Zerrissenheit, wie etwa Alan Moore mit "Watchmen".

So wurde das Reich der Superhelden - fünf Dekaden, nachdem Joe Shuster und Jerry Siegel die Tür dorthin eingetreten hatten - nicht durch die unglaublichen Kräfte eines Superman gerettet. Sondern dadurch, dass die Übermenschen endlich menschlich sein durften.

Zum Weiterlesen:

Paul Levitz: "75 Jahre DC Comics - The Art of Modern Mythmaking". Taschen Verlag, Köln 2010, 650 Seiten.

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1.
Peter Benkel 16.11.2010
Erster Absatz: "Mit Superman fiel 1933 der Startschuss...". Zweiter Absatz: "Im Sommer 1938 trat ein dynamisches...". Welches ist denn nun tatsächlich das "Geburtsjahr" von Superman? Und wenn man 2010 seinen 75. Geburtstag feiert, dann ist man doch entweder zwei Jahre zu spät oder drei Jahre zu früh dran ... Fragen über Fragen über Fragen...
2.
Benjamin Maack 16.11.2010
Lieber Herr Benkel, mit den Jahreszahlen sieht es folgendermaßen aus: 1933 erfanden Shuster und Siegel Superman. Aber es dauerte bis 1938, bis sie auch einen Verlag für ihre Idee fanden. Und 1935 wurde DC Comics gegründet. Nicht Superman, sondern der Verlag feiert also in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen. Herzliche Grüße, Benjamin Maack / einestages
3.
Max Müller 10.02.2011
>1935 wurde DC Comics gegründet. Nicht Superman, sondern der Verlag feiert also in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag. Also eigentlich wurde DC Comics im Jahre 1934 als National Allied Publications gegründet, um bei den Jahreszahlen ganz korrekt zu sein.
4.
Björn Beitter 24.03.2011
dann noch der Hinweis bez. "The Flash" der erste "Flash" von 1940 = Jay Garrick der zweite "Flash" erschien 1959 hieß Barry Allen und erhielt seine "Kräfte" durch einen Blitzeinschlag in dem Polizeilabor in dem er tätig ist. Diese Figur erhielt auch den damals in Deutschland "beknackten" Namen "Blitzmann". Dies lag wohl weniger an den "Machern" der TOP-Comic sondern am damaligen Verlag bsv-Aachen (Bildschriftenverlag Aachen). Dort wurden die Original-Verlage Marvel und DC und deren Publikationen für die der bsv die Rechete hatten in die "HIT-Comics" für Marvel und in die TOP-Comics" für DC aufgeteilt. Bei den TOP-Comics erschienen damals: Blackhawk = Die schwarzen Falken The Flash (vol. 1) = Blitzmann Green Lantern (vol.1) = Die grüne Laterne (welches wie bei Flash) der 2. Held diesen Namens war. Aquaman (& Aqualad) = Wassermann Diese Serien wurden sogar weitestgehend in der chronologisch richtigen Reihenfolge veröffentlicht. Einzigste Ausnahme dabei waren die Black Hawk Comic, da diese Truppe bereits 1941 in den Military Comics #1 auftrat um zur "moralischen Stärkung" der USA in den Kriegszeiten zu dienen. Die Black Hawk kämpften für die USA gegen deren Gegner (vor allem Japan und die Nazis sowie gegen die ominöse 5. Kolonne) Bis November 1984 mit Band 273 das Ende eingeleutet wurde. Die HIT-Comics hielten sich an folgende Marvel Serien: Hulk = Halk (später wieder Hulk) Die Fantastischen Vier Die Spinne Die Rächer Der Dämon (Daredevil) X-Menschen (X-Men)
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