Erfindungen Ölrausch im Osten

Noch bevor in den USA der erste Bohrturm stand, förderte ein findiger Apotheker Mitte des 19. Jahrhunderts bereits im Karpatenvorland Erdöl. Die abgelegene Region im heutigen Ostpolen erlebte einen wahren Bohr-Boom - und das wegen einer revolutionären Erleuchtung.

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Mitten im Stadtverkehr von Gorlice, einer Kleinstadt im Südosten Polens, stoße ich an einer Kreuzung auf eine eigenartige Straßenlaterne. Eingerahmt von einem Eisenzaun erhebt sie sich wie ein Pilzfuß ohne Kappe. Auf ihrer schmal zulaufenden Spitze sitzt eine nachdenkliche Jesusfigur, bedeckt von einem kunstvoll geschwungenen Baldachin mit Kreuz. Die eigentliche Laterne aber ist an die Seite montiert und hebt sich in ihrer schwarzen Farbe ab vom Weiß des Kegels.

Die Lampe steht so selbstverständlich im Straßenverkehr, dass ich fast nicht glauben kann, welcher revolutionären Erfindung ich gerade gegenüberstehe: Hier, in diesem kleinen Städtchen, wurde 1854 die erste Petroleumlampe als Straßenlaterne aufgestellt. Freilich, das Objekt vor mir ist neueren Datums und dient keinem Zweck mehr. Doch aus einem kunstvollen Gemälde an der Hauswand nebenan ragt eine hineinmontierte Rekonstruktion des Originals heraus. Auf dem Bild stehen eine Frau und drei Männer an der Straßenecke und betrachten skeptisch die neue Erfindung.

Gegenüber der Lampe, auf einem Marmorsockel, steht die Büste des Vaters aller Petroleumlampen: Ignacy Lukasiewicz. Es überraschte mich zu erfahren, dass ihr Erfinder ausgerechnet aus dem Gebiet des heutigen Ostpolens stammte. Die Region hatte ich bislang nie mit Revolutionärem verbunden. Ein Besuch des nach Lukasiewicz benannten Museums für Erdölindustrie in Bobrka sollte mich eines Besseren belehren.

Die Blinddarm-OP, mit der sich alles veränderte

Lukasiewicz hatte eigentlich in einer Apotheke in Lancut gelernt und später in Rzeszow gearbeitet. Als 23-Jähriger geriet er 1846 in Verdacht, Mitglied einer propolnischen Verschwörergruppe zu sein und wurde verhaftet. Als er ein Jahr später aus dem Gefängnis in Lemberg freikam, begann er zusammen mit seinem Kollegen Jan Zeh, ein Destillationsverfahren zu entwickeln, das es möglich machen sollte, einen sauberen und zugleich günstigen Brennstoff aus Erdöl zu gewinnen - anstelle des bislang verwendeten teueren Walöls. Mit Hilfe des Blechschmieds Adam Bratkoski entstand so der Prototyp einer Petroleumlampe.

Als Lukasiewicz schließlich am 31. Juli 1853 in das Piaristen-Krankenhaus von Lemberg gerufen wurde, um mit seiner Erfindung für Licht bei einer nächtlichen Blinddarmoperation zu sorgen, wurde der lebensrettende Einsatz zum symbolischen Datum einer neuen Ära. Und der Blinddarm des Patienten, eines gewissen Wladyslaw Chlocki, ein Stück Geschichte.

Die stinkenden und gefährlichen Öllampen hatten nun ausgedient, und Lukasiewicz' Erfindung trat ihre Reise um die Welt an. In Wien, Paris, Berlin, Leipzig und selbst in den USA wurde seine Lampe, die sich nun fast jeder leisten konnte und die mehr Licht gab als herkömmliche Öllampen, massenweise hergestellt und verkauft.

Der Geist des Denver-Clans

Eine Kopie der ersten Petroleumlampe finde ich im Vorkarpaten-Museum in Krosno, wo sich mir - nicht weit von Gorlice entfernt - die größte Petroleumlampensammlung Europas präsentiert. Unscheinbar sieht sie aus mit ihren vier Metallringen, die zwei Glasrollen zusammenhalten, an deren unterer ein schlichter Griff montiert ist. Ein Docht saugt das Petroleum von unten nach oben, wo er an seiner Spitze entzündet wird. Bis heute hat sich an dieser Konstruktion nichts verändert. Damals hat sie alles verändert.

Im Jahr 1854, also ein Jahr nach der Operation, rettete die mittlerweile weiterentwickelte Petroleumlampe nicht nur Patienten das Leben, sondern sollte auch auf den Straßen für Sicherheit sorgen. Gorlice war die erste Stadt, die Petroleumlampen zur Straßenbeleuchtung nutzte - und in der Region einen wahren Erdölrausch auslöste.

Wenige Kilometer südwestlich der Stadt Krosno, in einem abgelegenen Waldgebiet in der Nähe des Ortes Bobrka, bekommt dieser Ölrausch ein Gesicht: Vor mir erheben sich mehrere gewaltige Bohrtürme aus Stahl, die hier, mitten in dieser abgelegenen Region Ostpolens, den Geist des Denver-Clans aufleben lassen. Ich befinde mich am Eingang des Museums für Öl- und Gasindustrie in Bobrka.

Ob das die Amerikaner wissen?

Obwohl im Karpatenvorland schon seit Jahrhunderten Erdöl in kleinen Sickergruben an die Oberfläche trat und vor allem als Heilungsmittel oder Schmieröl im Hausgebrauch diente: Erst Lukasiewicz erfand die Technik, um das Öl aus der Tiefe zu holen und industriell zu nutzen.

An der Pforte des Museums holt mich ein Herr ab, der sich als Henryk vorstellt. Er ist zuständig für Besuchergruppen und hat mich schon erwartet. "So wie Sie schauen, schauen hier viele, wenn sie zum ersten Mal hier sind!", begrüßt er mich lachend. Und ich fühle mich ertappt. Zugegeben, mit Anlagen dieser Art hatte ich hier nicht gerechnet.

Zu meiner großen Erleichterung lassen wir die hohen Stahlbohrtürme und die sich zahlreich unter ihnen befindenden Hightech-Maschinen links liegen und spazieren gleich in den hinteren Teil des Museums. Lukasiewicz kam im Jahr 1854 nach Bobrka, um hier die weltweit erste Erdölförderung im Untertagebau ins Leben zu rufen, sagt Henryk. Und mir bleibt der Mund offen stehen. Die erste der Welt? Hier in Ostpolen? Henryk nickt. Und wie zur Entschuldigung fügt er hinzu: Der erste Bohrturm in Amerika entstand erst 1859, also fünf Jahre später! Und während ich mich frage, ob das auch die Amerikaner wissen, brechen wir auf.

Bekanntschaft mit Franek und Janina

Auf unserem Weg durchs Museum verwandelt sich der Stahl schnell zu Holz, die Türme werden kleiner, und am Ende stehe ich vor einem großen Holzeimer, der an einem Seil hängt und mit eine Holzwinde in ein tiefes Loch versenkt werden kann. "Das ist Franek!", sagt Henryk, und beinahe hätte ich mich auch vorgestellt. Franek ist einer der ältesten in Europa erhaltenen und nur teilweise rekonstruierten Brunnen zur Ölförderung. Er stammt aus dem Jahre 1860 und förderte Öl aus einer Tiefe von zunächst 50, später, mit Hilfe einer Winde sogar 150 Metern. Je tiefer das Öl lag, umso leichter war es und umso geeigneter für die Gewinnung von Petroleum, erklärt mir Henryk.

Mit Hilfe seines Geldgebers Titus Trzecieski und des Großgrundbesitzers Karol Klobassa-Zrecki erbaute Lukasiewicz an verschiedenen Orten entsprechende Anlagen, die er von Jahr zu Jahr modernisierte und weiterentwickelte. Aus immer größeren Tiefen konnte das Öl mittels neuerer Techniken emporgeholt werden. Immer ausgeklügelter wurden die Bohrungen, die sich vom Graben mit der Hand über den Schlagbohrmechanismus bis hin zum Drehbohrer entwickelten.

Henryk entpuppt sich als eine wahre Enzyklopädie für Erdölförderung auf zwei Beinen. Neben Franek stellt er mir noch Janina vor, die etwas jünger ist als Franek und zunächst aus 132, später aus 250 Metern Tiefe Öl förderte. Mit Hilfe einer Pumpe werden durch sie bis heute 50 bis 100 Kilogramm Öl am Tag abgebaut.

Drittgrößte Erdölregion der Welt

Vorbei an weiteren Bohranlagen sowie nach einem kurzen Abstecher ins ehemalige Bürohaus von Lukasiewicz nähern wir uns wieder Schritt für Schritt den Stahltürmen am Eingang des Museums. Lukasiewicz, das wird klar, verdankte die Region in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts ein richtiger Ölboom: Das Karpatenvorland Galiziens wurde zur drittgrößten Erdölregion der Welt. Fünf Prozent der Weltförderung stammten vor dem Ersten Weltkrieg von dort, allein 1909 wurden zwei Millionen Tonnen gefördert.

Die Zahlen sind beeindruckend. Und immer wieder frage ich mich, warum ich in Deutschland kaum jemanden kenne, dem diese Geschichte der Region bekannt ist. Als ich Henryk danach frage, zuckt er nur die Schultern. So schnell, wie alles anfing, ging auch alles vorbei. Die Infrastruktur konnte nicht Schritt halten, die Bürokratie war zu kompliziert, die Konkurrenz aus Amerika zu stark. Viele Fachleute wanderten ab. Zu Texaco, fügt Henryk stolz hinzu. Das sei kein Witz.

Hier in Bobrka aber geht die Ölgewinnung bis zum heutigen Tage weiter - etwa 15.000 Liter im Monat. Da die Menge verhältnismäßig klein ist, gibt es keine Rohrleitungen, sondern nur Lastwagen, die das Öl zur Weiterverarbeitung abtransportieren. Für zehn Jahre reicht es noch, sagt Henryk, dann sind wir endgültig Museum!

Erschöpft und von Zahlen und Eindrücken überladen liefert mich Henryk nach zweistündiger Führung in dem kleinen Café am Eingang des Museums ab. Einen Moment habe ich das Gefühl, dass auch durch meinen Körper längst Öl statt Blut fließt. Und ich ertappe mich dabei, wie ich für einen Moment die Oberfläche meines Kaffees im Sonnenlicht spiegele, um ganz sicherzugehen.



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