Skurrile Adenauer-Erfindungen Konrad das Brot

Lebensrettendes Viehfutter: Vor 100 Jahren begann der Aufstieg Adenauers - mit einer Sparstulle. einestages erzählt die Erfolgsgeschichte des Backwerks - und präsentiert die genialsten Geistesblitze des Politikers.

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Not macht erfinderisch. Und Erfinder sind mitunter die besten Staatsmänner: Am 2. Mai 1915 erteilte das Kaiserliche Patentamt ein Patent auf ein Kriegsbrot - das sogenannte "Kölner Brot" mit hohem Maisanteil. Wörtlich wurde das "Verfahren zur Herstellung eines dem rheinischen Roggenschwarzbrot ähnelnden Schrotbrotes" patentiert.

Der Schöpfer der Sparstulle war nicht etwa eine umtriebige Hausfrau oder ein kreativer Konditor, sondern der stellvertretende Kölner Oberbürgermeister. Ein außerhalb der Rheinmetropole damals noch weitgehend unbekannter Mann, der später als der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik in die Geschichte eingehen sollte: Konrad Adenauer.

Bevor sich der spätere Staatsmann mit sozialer Marktwirtschaft, Westbindung und Wiederbewaffnung herumschlug, befasste sich Adenauer mit den handfesten Dingen des Lebens: Seit Beginn des Ersten Weltkriegs war der 1876 geborene Kölner für die Lebensmittelversorgung seiner Heimatstadt zuständig. Keine leichte Aufgabe in einem Land, dem bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Reserven auszugehen drohten.

"Zupackender Realist"

"Alle Vorräte an Weizen, Roggen und Mehl werden beschlagnahmt und für die Regelung des Verbrauchs eine Reichsverteilungsstelle errichtet", meldete die "Frankfurter Zeitung" am 26. Januar 1915. Die drastische Maßnahme machte klar: Das Deutsche Reich hatte schon wenige Monate nach der Mobilmachung massive Schwierigkeiten bei der Versorgung seiner damals gut 70 Millionen Einwohner.

Um die Bevölkerung Kölns dennoch satt zu bekommen, sorgte Adenauer für Fleischimporte aus den neutralen Niederlanden und schloss mit den Bauern des Umlandes Lieferverträge ab. Er pachtete Weiden für die Stadt selbst im fernen Oldenburg und ließ Vorräte anlegen. Sein Biograph Hans-Peter Schwarz beschreibt den damals 39-jährigen Adenauer als "zupackenden Realisten" mit Sinn "für die sozialen Bedürfnisse der Zeit", der an "bürgerlichen Fleiß und an die Vorteile bürgerlicher Pfiffigkeit" glaubt.

So entwickelte Adenauer, Enkel und Urenkel einer Bonner Bäckerfamilie, gemeinsam mit der Rheinischen Brotfabrik, ein Brot aus Mais-, Gersten- und Reismehl sowie aus Kleie, den zuvor als Futtermittel verwendeten Schalenrückständen von Getreide. Die damals knappen Weizen- und Roggenmehle waren nicht verarbeitet, so dass das "Kölner Brot" bis zum Herbst 1916 ohne Brotmarken abgegeben werden konnte. Im Ersten Weltkrieg soll es die Stadt vor einer größeren Hungersnot bewahrt haben. Besonders schmackhaft kann das Brot jedoch nicht gewesen sein - die Kölner bezeichneten es als "Viehfutter".

Die Hauptzutat, das aus geschältem Mais gemahlene Mehl, wurde vor der Teigbereitung aus Gründen des Geschmacks und der Konsistenz im Ofen geröstet. Doch auf Geheiß Adenauers durften die Bäckereien das Brot nie frisch, sondern erst nach zwei Tagen Lagerung verkaufen, um den Heißhunger der Bevölkerung zu zügeln, berichtet Biograph Schwarz.

Pferde und Ochsen für die Armee

Viele Bauern und Landarbeiter standen als Soldaten an der Front. Tausende von ihnen waren in den ersten verlustreichen Kriegsmonaten, in den Schlachten in Ostpreußen oder Nordfrankreich, an der Marne oder bei Tannenberg, gefallen. Auch die zuvor für die Feldarbeit genutzten Pferde und Ochsen waren von der Armee konfisziert worden.

Kunstdünger für die Felder war praktisch nicht mehr verfügbar: Die für die Herstellung benötigten Rohstoffe wurden für die Rüstungsproduktion gebraucht. Einige Landwirte produzierten trotz alledem noch Überschüsse - doch Autos und Waggons fuhren für die Armee.

Es fehlte an Transportmöglichkeiten in die Städte. Der an fernen Fronten im Osten und im Westen geführte Krieg machte sich mehr und mehr im Landesinneren bemerkbar - auch dort, wo keine unmittelbaren Kriegshandlungen stattfinden.

"Spart zu Deutschlands Sieg und Heil!"

Hierfür war vor allem die britische Seeblockade verantwortlich: Im Ärmelkanal und an der schottischen Küste sorgten englische Kriegsschiffe dafür, dass weder Waffen noch Lebensmittel die deutschen Häfen erreichen konnten. In den Jahren vor dem Krieg war das Reich auf Lebensmittelimporte angewiesen, die nun fast vollständig zum Erliegen gekommen waren. Im Reich mussten im Februar 1915 Brotkarten eingeführt und mehr und mehr Grundnahrungsmittel rationiert werden.

Mit Versorgungsproblemen hatten alle am Ersten Weltkrieg beteiligten Nationen, ja selbst neutrale Staaten wie die Schweiz, zu kämpfen. Plakatkampagnen riefen die Menschen zu Spar- und Enthaltsamkeit, aber auch zur Sammlung von Ersatzstoffen auf. So hieß es auf einer zeitgenössischen Postkarte: "Hausfrau, Mädchen Magd und Kind! Alle, die daheim wir sind, haben auch am Kampfe teil: Spart zu Deutschlands Sieg und Heil!"

Eigens konzipierte Kochbücher leiten die Hausfrau dazu an, wie sie trotz Mangel und mit Ersatzprodukten Mahlzeiten zubereiten kann. Später, als auch in Köln immer mehr der gewohnten Lebensmittel durch billige Imitate ersetzt wurden, erhielt Adenauer den Spitznamen "Graupenauer".

Hosen aus Papier, Windeln aus Zeitungen

In den folgenden Kriegsjahren verschärften Missernten die Ernährungssituation im Reich weiter. Später wurde sogar Stroh zu Mehl gemahlen. "Leicht verdaulich, nahrhaft und schmackhaft, außerdem im Gebrauche billig" pries eine Zeitung das Strohmehl an. Auch Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, ja sogar Holz wurden zu Mehl verarbeitet. In der Folge stieg die Kindersterblichkeit massiv an, weil die Ersatzprodukte weder genug Vitamine noch ausreichend Eiweiß enthielten.

Doch es fehlte nicht nur an Lebensmitteln, auch Rohstoffe wurden knapp: Babys wurden in Zeitungen gewickelt, Hosen aus Papier hergestellt, Fahrradräder fuhren ohne Gummibereifung auf kleinen Spiralfedern.

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Adenauer-Erfindungen: Die Geistesblitze des Konrad Düsentrieb
Um die Not im eigenen Land zu lindern, beuteten die Deutschen die besetzten Länder systematisch aus: In Belgien und im russischen Zarenreich beschlagnahmten sie ganze Ernten, um sie nach Deutschland zu bringen, und ließen die einheimische Bevölkerung hungern. Männer und Frauen aus den besetzten Ländern wurden zur Zwangsarbeit in das Deutsche Reich gebracht, auch um in der Landwirtschaft eingesetzt zu werden.

Verschmähte Friedenswurst

Doch selbst die drastischsten Maßnahmen verfehlten ihre Wirkung: Dem "Ernährungskrieg" (Jay Winter) fielen bis zur Aufhebung der Blockade nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages im Juli 1919 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 750.000 und eine Million Menschen im Deutschen Reich zum Opfer.

Das "Kriegsbrot" blieb nicht die einzige aus der Not geborene Erfindung Adenauers. 1918 erhielt er vom englischen König Georg V. ein Patent für eine fleischlose Sojawurst. Die Deutschen indes verschmähten den Veggie-Aufstrich des Kölner Tüftlers: Die sogenannte "Friedenswurst" darf hierzulande bis heute nicht produziert werden, weil sie gegen bundesdeutsches Lebensmittelrecht verstößt. Das damalige Kriegsbrot, nun Adenauerbrot, dagegen kann man noch heute in Köln kaufen - allerdings nach einem verfeinerten Originalrezept.

Auch wenn er als großer Politiker für Furore sorgte: Im Laufe seines Lebens entwickelte Adenauer noch zahlreiche andere Erfindungen - vom beleuchteten Stopfei über den Rechen mit Hammerkopf bis hin zur Teekanne mit Heizstab: Klicken Sie sich mit einestages durch die genialsten Geistesblitze des Konrad Düsentrieb.



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insgesamt 13 Beiträge
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Johannes Roth, 01.05.2015
1. Schau mal an
Wenn die not groß ist, entstehen Ideen. Wie groß muss unsere not bezüglich des Klimawandels sein bevor wir kreativ werden ? Bisher plempert das so vor sich hin.
Günter Quandt, 01.05.2015
2. Adenauer und das perpetuum mobile
...er glaubte bis zum Schluss daran, es erfunden zu haben (kein Witz!)
Jürgen Schiffmann, 01.05.2015
3.
Nach der Quelle war das Brot keine große Hilfe in der Versorgung der Bevölkerung: " Zum größten Teil besteht dieses Brot aus rumänischem Maismehl, hinzu kommen Gerste, Reismehl und Kleie – eine günstige und nahrhafte Alternative zu Weizen. Trotzdem dauerte es wieder eine Weile, bis der Kölner Politiker das Patent vom Kaiserlichen Patentamt erhielt. Erst am 2. Mai 1915 war es so weit. Darauf folgte ein Patent aus Ungarn und 1917 patentierten auch die Niederlande die Rezeptur. Doch kurz vor der ersten gewerblichen Produktion des Rheinischen Schrotbrots zog Rumänien in den Krieg gegen Deutschland. Die günstigen Maisquellen versiegten und das Brot geriet in Vergessenheit." http://www.planet-wissen.de/natur_technik/erfindungen/erfinder/wissensfrage.jsp
Maurice Depry, 01.05.2015
4. Gärtnerglück
Zur Bilderserie: 1938 dachte sich Konrad Adenauer NICHT den Brausekopf sondern nur den abklappbarem Deckel aus. Derartige Köpfe mit festen Deckel exsistierten bereits seit langem. Der Deckel sollte NICHT verhindern, dass das Wasser beim Transport zur Pflanze nicht aus der Gießkanne spritzt, sondern es ermöglichen Fremdstoffe, wie z.B. Blätter, die sich in der Gieskanne ansammeln, einfach durch das Öffnen des Deckels herauszuspülen.
Hans Georg, 01.05.2015
5. Das Thema wäre ja interessant
.. aber die journalistische Ausführung ist hier eher mangelhaft. Ganz ehrlich gesagt. Wäre eher ein Thema für Marc von Lüpke gewesen. René Schlott kann das Thema mit seinen Worten nicht überzeugend rüberbringen. Ein Leser.
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