Erich Honeckers Kellner "Ich hätte gern mal mit ihm geredet"

Erich Honeckers Kellner: "Ich hätte gern mal mit ihm geredet" Fotos
dpa/NDR/MDR

Servieren und schweigen - so beschreibt Lothar Herzog seine Arbeit für Erich Honecker. Mehr als ein Jahrzehnt war er Kellner des DDR-Staatschefs und fühlte sich dabei "wie ein Möbelstück". Bei einestages erinnert er sich an Vorlieben, Sonderwünsche - und erzählt, wie ein Hund für seine Entlassung sorgte. Von Barbara Bollwahn

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einestages: Herr Herzog, Sie haben 13 Jahre für Erich Honecker als persönlicher Kellner gearbeitet. Was für ein Mensch war der DDR-Staatschef?

Herzog: Ich würde ihn als gefühlsarm bezeichnen. Innerlich war er immer sehr stark beherrscht. Er hat sich sehr auf seine Aufgaben konzentriert und ist kaum aus sich herausgegangen. Aber es gab auch die andere Seite.

einestages: Welche?

Herzog: Nach größeren Beratungen knallten sie im Sonderflugzeug die Skatkarten auf den Tisch, meist Honecker, Willi Stoph und Günther Mittag (beide Mitglieder des Politbüros; die Red.). Und als sein Enkel Roberto geboren wurde, hat man gemerkt, dass Honecker auch ein ganz normaler Opa war. Er hat es dabei sogar etwas übertrieben.

einestages: Inwiefern?

Herzog: Er hat Roberto sehr vieles durchgehen lassen. Er war ja schon ziemlich alt, als er erneut Opa wurde. Seine Tochter Erika aus erster Ehe, die ein ganz normales DDR-Leben führte und den ganzen Rummel nicht wollte, hatte schon Kinder. Aber um die hat sich Honecker nicht so gekümmert.

einestages: In Ihrem Buch "Honecker privat" enthüllen Sie keine streng gehüteten Geheimnisse. Haben Sie Erinnerungen für sich behalten, die nicht im Buch stehen?

Herzog: Dramatische Sachen habe ich nicht erlebt, von denen man sagen könnte, die seien nicht veröffentlichungsreif. Das Buch soll eigentlich mehr meine Biografie sein, um meinen Kindern und Enkelkindern zu zeigen, wie mein Leben verlaufen ist.

einestages: Dafür beschreiben Sie realsozialistische Petitessen wie die, dass Erich Honecker jeden Morgen den Saft einer gepressten Zitrone trank, zum Frühstück auf Langnese-Honig bestand, auf löslichen Nescafé stand und zum Feierabend am liebsten DAB Bier aus der Büchse trank. Sie hatten auch immer dafür zu sorgen, dass Margot Honecker genug HB-Zigaretten hat. Haben Sie sich über diese Doppelmoral Gedanken gemacht?

Herzog: Nein, es gehörte zur Normalität. Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Intershop-Läden, in denen Westwaren gekauft wurden, wuchs auch das Angebot in der Wandlitzsiedlung. Nur dass in Wandlitz mit DDR-Mark eingekauft werden konnte, während in den Intershops in der DDR mit harten Devisen oder Forumschecks bezahlt werden musste.

einestages: Sie durften nur reden, wenn Sie gefragt wurden. Wie haben Sie das empfunden?

Herzog: Darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht. Es wurde uns immer wieder eingebläut, dass wir für die führenden Repräsentanten da sind und ihnen ihre Wünsche erfüllen sollen. Irgendwann gab es sogar einen Befehl von Stasi-Chef Erich Mielke, dass wir den führenden Repräsentanten ihre "Wünsche von den Augen abzulesen" haben. Das war natürlich völliger Quatsch. Außerdem kannten wir ohnehin alle Wünsche der Politiker.

einestages: Welche waren das?

Herzog: Bestimmten Politikern wie Günther Mittag, Horst Sindermann und Willi Stoph mussten wir am Wochenende das Essen bis zu 50 Kilometer weit anliefern. Sindermann und Mittag hatten in Schönebeck bei Berlin ihre Wochenendgrundstücke, Honecker in der Schorfheide seinen Wildfang. Samstagvormittag wurde angerufen und das Essen bestellt. In der Küche führten wir außerdem Buch, wer welche Speisen in welchem Zustand essen wollte oder sollte. Aber übertrieben anspruchsvoll war eigentlich niemand.

einestages: Sie waren Honecker einerseits sehr nah, andererseits beschreiben Sie Ihre Position als die eines "Befehlsempfängers" und eines "Möbelstücks". Wie meinen Sie das?

Herzog: Am Anfang ließ er uns seine Distanz spüren. Er wusste zwar, dass wir ständig um ihn herum waren, aber persönliche Wünsche, außer Essen und Trinken, hat er mir gegenüber kaum geäußert. Das machte er mit dem General des Personenschutzes oder direkt mit Mielke. Wir Kellner waren so erzogen, dass wir uns sehr zurückhaltend verhielten - aber wir mussten gleichzeitig immer im Blickfeld bleiben, um sofort da zu sein, wenn es einen Wunsch gab. Mein Eindruck war, dass Honecker der Sicherheitsaufwand um seine Person nicht behagte.

einestages: "Ich servierte nur und schwieg", beschreiben Sie Ihre Tätigkeit - und dass Sie es heute bedauern, nicht mit Honecker gesprochen zu haben. Worüber hätten Sie sich denn gern mit ihm unterhalten?

Herzog: Ich hätte nur einfach gern mal mit ihm geredet, damit er wusste, wer da eigentlich die ganze Zeit um ihn herum war. Ich habe mit Frau Honecker viele Gespräche geführt und in bestimmten Abständen hat sie mich gefragt, was meine Familie macht. Sie wusste, dass ich jung verheiratet war und kleine Kinder hatte. Aber es war nie so, dass sie persönlich wurde und gefragt hätte, ob ich was brauche. Ich wollte aber auch nie einen Vorteil aus meiner Tätigkeit herausholen. Es wäre mir zuwider gewesen, zu fragen, ob ich meinen Trabant in zwei statt in zehn Jahren bekomme.

einestages: Hätten Sie mit Honecker gerne über Politik gesprochen?

Herzog: Nee, ich dachte, das steht mir nicht zu. Ich war zwar sehr oft mit Erich Honecker auf Dienstreise in der Republik und habe dabei mitbekommen, dass nicht alles so war, wie es in der Zeitung stand. Und darüber hätte ich auch gerne mit jemandem gesprochen. Aber nicht mit Erich Honecker.

einestages: Warum nicht?

Herzog: Das wäre ja Einmischung in die Politik gewesen! Ich kann mich an eine Episode erinnern, als Honecker in Dölln in der Schorfheide Urlaub machte und sich mit Gotthard Feist, seinem Schwiegervater, über das Leben in der DDR und die Situation der Bauarbeiter unterhielt. Da hat der Schwiegervater gesagt, wenn du wüsstest, was so auf dem Bau los ist. "Was soll denn da los sein?", fragte Honecker. Die Arbeitsmoral sei nicht die Beste, sagte Gotthard Feist. Das wollte Honecker nicht glauben, er sagte, dass unsere Arbeiter nicht so seien, es gab fast eine Familientragödie. Aber Honecker wurde eben viel vorgegaukelt. Auf der Protokollstrecke nach Wandlitz, auf der er mit Staatsgästen entlangfuhr, wurden zum Beispiel die Häuser nur bis zur ersten Etage renoviert.

einestages: 1984, nach mehr als zehn Jahren in Honeckers Dienst, haben Sie zum ersten Mal das Wort an ihn gerichtet: Sie baten darum, dass der Hund "Flex", ein Cocker Spaniel, den er für seinen Enkelsohn angeschafft hatte und der völlig verzogen war, beim Essen aus dem Zimmer verbannt wird.

Herzog: Aus meiner Sicht hatte ich im besten Sinne gehandelt. Ich wollte weder mich noch die Gäste gefährden. Weil der Hund immer um meine Beine herumtanzte und ich Angst hatte, dass er mich in die Wade beißt, was er mit anderen schon gemacht hatte, auch mit Erich Honecker, hatte ich darum gebeten, ihn aus dem Raum zu entfernen. Doch der Enkel reagierte drastisch, und Honecker, der erst einverstanden gewesen war, den Hund rauszubringen, knickte ein. Das hatte ich nicht erwartet.

einestages: Was passierte dann?

Herzog: Am nächsten Tag hat man mir gesagt, dass Erich Honecker für mich fortan tabu sei und ich mich nicht mehr in seiner Nähe sehen lassen dürfte. Ab dem Tag durfte ich nichts mehr in Wandlitz anfassen. Ich habe gewartet, dass jemand kommt und mir sagt, was mit mir wird. Im Februar 1985 wurde ich schließlich versetzt.

einestages: Vielleicht war der Grund für Ihre Versetzung auch ein Telefonat nach West-Berlin, das Ihre Tochter von Ihrem Telefonanschluss geführt hatte.

Herzog: Darüber kann ich nur spekulieren. Vielleicht war beides der Grund, dass ich aus Wandlitz entfernt wurde. Getroffen hat es mich so oder so. Obwohl ich erzählt hatte, wie es mit dem Hund gewesen war, gab es kein einziges Wort des Verständnisses, weder von meinem Vorgesetzten noch von meinen Kollegen.

einestages: Wie ging es mit Ihnen weiter?

Herzog: Ich bekam Tätigkeiten zugewiesen, die eine Zumutung für mich waren. Ich war Brigadeleiter von acht Kellnern und sechs Köchen und war verantwortlich für die Betreuung in zwei Ledigenwohnheimen. Zum Schluss war ich dann wissenschaftlicher Mitarbeiter des Abteilungsleiters. Diese Funktion wurde erfunden, um mich weiter zu beschäftigen. Ich hatte überhaupt keine Aufgaben und habe in den Tag hinein gelebt. Ich habe auch überlegt, den Dienst ganz zu quittieren und mir in der öffentlichen Gastronomie was zu suchen. Aber da hätte der lange Arm der Regierung gegriffen - ich hätte nirgendwo Arbeit entsprechend meiner Qualifikation gefunden.

einestages: Mit welchen Gefühlen denken Sie heute an Ihre Zeit in Wandlitz zurück?

Herzog: Ich bin schon stolz, dass ich diese Tätigkeit ausüben durfte. Ich hatte die Möglichkeit, die Welt kennenzulernen, was nur die wenigsten DDR-Bürger konnten. Ich war in 29 Staaten, nicht nur mit Erich Honecker. Ich war mit vielen Politikern der DDR, Politbüro-Mitgliedern und Mitgliedern des Ministerrates, in Afrika, Asien, Kuba.

einestages: Sehen Sie die DDR heute, mit mehr als 20 Jahren Abstand, anders? Kritischer?

Herzog: Auf jeden Fall. Dieses Missverhältnis zwischen Propaganda und Realität ist mir erst spät bewusst geworden. Man hat den Leuten etwas vorgemacht. Anfang Dezember 1989 haben meine Frau und ich unsere Parteibücher abgegeben. Ich wollte und konnte nicht mehr.

einestages: Am 25. August würde Erich Honecker 100 Jahre alt werden. Am gleichen Tag feiern Sie Ihren 45. Hochzeitstag. War es eine Dienstanweisung, dass Sie zu Honeckers Geburtstag den Bund der Ehe geschlossen haben?

Herzog: Nein. Als meine Frau und ich uns kennenlernten, wollten wir so schnell wie möglich heiraten, damit sie aus ihren armen Lebensverhältnissen herauskam. Beim Standesamt war der 25. August der einzig kurzfristig freie Termin.

Das Interview führte Barbara Bollwahn

Lothar Herzog, geboren und aufgewachsen bei Chemnitz in Sachsen, machte von 1958 bis 1961 eine Kellnerlehre im Hotel "Chemnitzer Hof", danach ging er nach Berlin und trat als Personenschützer in das Ministerium für Staatssicherheit ein. Von Januar 1962 bis Februar 1985 arbeitete er als Kellner und Steward in der Waldsiedlung Wandlitz, wo Erich und Margot Honecker und andere Mitglieder des Politbüros des ZK der SED wohnten und über ein Clubhaus, eine Arztpraxis, Schwimmbad, Sauna, Gaststätte, einen Sportplatz mit Tennisanlage verfügten.

Zu Herzogs Aufgaben gehörte auch die Begleitung von Politbüro-Mitgliedern und Regierungsvertretern auf Auslandsreisen. Von 1971 bis 1984 war Herzog ausschließlich für Erich Honecker zuständig, dem er auch im Urlaub jeden Wunsch von den Lippen ablesen sollte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Personenschutz arbeitete Herzog als Oberkellner im Palast der Republik, nach dessen Schließung war er bis zu seiner Rente 2005 im Internationalen Congress Center in Berlin-Charlottenburg tätig.

Zum Weiterlesen:

Lothar Herzog: "Honecker Privat - Ein Personenschützer berichtet". Das Neue Berlin, Berlin 2012, 192 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Volker Altmann 09.08.2012
?War es eine Dienstanweisung, dass Sie zu Honeckers Geburtstag den Bund der Ehe geschlossen haben?? Wie kommt man nur auf so eine Frage? Herr Herzog dürfte seinen Beruf verfehlt haben, wenn er sich in seiner Position als ?ein Möbelstück? gefühlt haben sollte. Immerhin spricht er nicht abwertend von Erich Honecker, erwähnt sogar die regelmäßigen Nachfragen von Margot Honecker. Was ist wohl der Grund für seine Versetzung? Der Westanruf seiner Tochter ? wo er in seiner Position doch mit Sicherheit von der Stasi permanent durchleuchtet wurde - oder war es doch der Hund? Da kann man jetzt herrlich spekulieren. Im Dezember 89 aus der Partei ausgetreten zu sein, kann man jetzt nicht unbedingt als Akt des Protestes auslegen. Schön wieder einmal, das zierende Beiwerk von et in der Fotostrecke: Ein voller Weinkeller ? und HB wurde auch geraucht. Machen wir uns nichts vor. Wie man auch in schlechten Zeiten wie die Made im Speck lebt, ist keine Erfindung von Vertretern repressiver Systeme. Unsere Lobbyisten in Berlin können das genau so gut.
2.
Martin Bitdinger 09.08.2012
"Wie man auch in schlechten Zeiten wie die Made im Speck lebt, ist keine Erfindung von Vertretern repressiver Systeme." Nein. Aber "die Linken" waren (und sind) halt die, die sich selbst immer als die moralisch besseren sehen oder generieren.
3.
Volker Altmann 10.08.2012
Sie vergessen die Konservativen von den Parteien mit dem "C". Gerade diese Politiker gebaren sich doch immer so in ihren Sonntagsreden, als hätten sie Anstand und Moral erfunden. Seltsamerweise gehen sehr viele Skandale der letzten Jahre auf deren Konto. Ob Steuerhinterziehung, Vorteilsnahme im Amt oder das Herumstolzieren mit falschen Doktortiteln - die Konseravtiven sind immer dabei. Und das sind nicht etwa ein paar Hinterbänkler im Bundestag, wie wir alle wissen, sondern Minister und sogar ein ehemaliger Bundespräsident. Sehen so moralisch Bessere aus?
4.
Klaus Taubert 10.08.2012
Klaus Taubert. Schade, aus dem Interview wäre sicher mehr herauszuholen gewesen als ein paar belanglose Details. Der Hund hieß übrigens ?Klecksi?, von Margot so getauft, weil er anfangs überall seine ?Kleckschen? hinterlassen hatte. (Mehr darüber hat ihr Kraftfahrer berichtet, der den Hund in einem unbeobachteten Moment ?zur Räson? brachte, so dass er ihm nie wieder etwas getan hat.) Alle anderen Dinge, vom morgendlichen Zitronensaft bis zum Kassler mit Kartoffelsalat, sind sattsam bekannt. Es wäre ganz gut gewesen, einige Neuigkeiten aus berufenem Munde zu erfahren, z.B. über Erichs Trinkgewohnheiten, seine privaten Besucher, seine Freizeit oder seinen Weihnachtsbraten. Wo kamen die ?Zutaten? her? Wie passte er sich an die für ihn unangenehmen Essgewohnheiten im Ausland an usw. Worüber hat unser Mundschenk so ?viel? mit Margot geplaudert? Schade, es hätte so interessant sein können.
5.
Thomas Scheen 10.08.2012
"Nein. Aber "die Linken" waren (und sind) halt die, die sich selbst immer als die moralisch besseren sehen oder generieren" Feine und überfällige Retourkutsche ! "Immerhin spricht er nicht abwertend von Erich Honecker..." Ich werde auch das dumpfe Gefühl nicht los, daß viele Unbelehrbare von damals, die nun in Rente sind, sich nunmehr als Trolle in Foren wie diesen austoben. Enfin, peu importe.
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