Erinnerungen an Schlingensief Der redende Derwisch

Erinnerungen an Schlingensief: Der redende Derwisch Fotos
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"Hätte Lust, mich mit dir zu unterhalten." Eine kurze E-Mail verschaffte dem 19-jährigen Michael Wildberg im Jahr 2000 überraschend Gelegenheit, den Künstler Christoph Schlingensief kennenzulernen. Anlässlich dessen Todestages erinnert er sich auf einestages an die seltsame Begegnung - und ein letztes Wiedersehen. Von

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Als ich Christoph Schlingensief zum ersten Mal begegne, steht er auf der Straße vor dem Café "Schwarz-Sauer" im Prenzlauer Berg. Er gestikuliert wie wild mit den Händen, geht auf dem Asphalt hin und her, redet, schaut nach unten, nach oben. Er wirkt wie ein aufgekratztes Tier, jemand, der unter Strom steht und der gerade nicht aufhören kann. Ich stelle mich neben ihn, er grinst mich an, nickt mir zu, "hab dich erkannt", ich nicke zurück. Dann redet er weiter, mit der ersten Person, der zweiten, immer weiter. Er deutet auf einen Tisch, wir gehen gemeinsam zum Café, er redet und redet und redet, die Gesprächspartner wechseln, eine Nummer, zwei, sein Sound bleibt derselbe.

Ich war gerade mal 19, als ich ihm ein paar Tage vorher aus einem Kaufhof in der Duisburger Innenstadt eine E-Mail geschrieben hatte. Ich erzählte ihm, dass ich seinen Film "100 Jahre Adolf Hitler" auf Vox gesehen hätte, dass meine Freundin irgendwann schreiend rausgerannt sei und dass ich gebannt dem Treiben auf dem Bildschirm gefolgt wäre. Udo Kier und Margit Carstensen stapften durch eine feuchte und modrige Hölle, die letzte Stunde im Führerbunker, in Mülheim nachgestellt und in 16 Stunden abgedreht, nur eine Kamera in der Hand, ein Scheinwerfer daneben. Das, was ich bis dato unter Handlung verstand, wurde komplett zertrümmert. Übrig blieb ein schwarz-weißer Reigen aus Bildern, Gesängen und Todessehnsüchten, der Zuschauer ratlos. Oder wie ich fasziniert. Der Satz, den ich ihm danach schreibe, lautet: "Wer Nietzsche liest, der glaubt an Karneval. In dieser Hinsicht war Ihr Film gelungen." Einen Tag später hab ich die Antwort: "Sei am Freitag um 12 Uhr im Café 'Schwarz-Sauer' am Prenzlauer Berg. Hätte Lust, mich mit dir zu unterhalten. Lieben Gruß Christoph."

Wir sitzen an einem Tisch direkt am Eingang, die Morgensonne knallt auf unseren Kopf, und die Kreativsnobs des Prenzlauer Berg stapfen an uns vorbei. Frauen in Batik-Klamotten, die ihre Kinder in Tüchern vor der Brust vor sich hertragen, Väter mit zotteligen Haaren, welche das Stadtmagazin und den Kulturteil der "SZ" bei einem Milchkaffee lesen. Christoph Schlingensief bestellt sich ein Frühstück, ich bin irgendwie da und irgendwie nicht. Dann fragt er mich, ob ich an Gott glaube, ich sage ihm, ich hätte überhaupt keinen Draht zu dem Kerl da oben. Und dann beginnt er mit diesen grün-grauen Augen zu reden.

Ohne Unterlass schiebt Schlingensief Gott und die Welt ineinander, verbindet, zerlegt, redet über die grünen Hügel Bayreuths, ist bei Beuys und Fassbinder und dann wieder bei Jesus, der Lüge, der Meinung, dem Glauben. Eine Dame kommt an unseren Tisch und erzählt von Horst Mahler, einstmals Frontschwein der deutschen Terrorismusbewegung, jetzt NPD-Anwalt und Nazi-Spinner. "Familien sind morphologische Gebilde", sagt Christoph Schlingensief. "Horst Mahler muss seinen Vater nachspielen, der Vater hat den Großvater gespielt. Mein Vater ist Apotheker." Ich kann einem Menschen beim Denken zusehen. Ich folge unablässig einem Wortschwall von Gedanken, die aufeinander aufbauen oder sich schlucken, die zwar keine Logik ergeben, aber wie ein Netzwerk immer wieder aufeinander verweisen.

Mit dem Chaos durch die Stadt

Wir fahren durch den Prenzlauer Berg. Wir sitzen in seinem schwarzen Mini-Cooper, irgendwann bremst er abrupt ab, springt aus dem Wagen, rennt in ein Musikgeschäft und kommt wieder zurück. "Musste noch was erledigen", sagt er und schmeißt eine Plastiktüte auf den Rücksitz, bevor er von seiner Studienzeit in München erzählt. Wie er in dieser Bruchbude gehaust hat, zwischen den Nutten und Künstlern, zwischen Alkoholikern und Junkies. "Unten war eine Apotheke im Haus", sagt er verschmitzt, so als würde alles mit allem in Beziehung stehen, um im nächsten Moment schon wieder davon zu berichten, wie eine Woche vorher eine Schulklasse seinen Mini aus einem Schlagloch gehievt hat.

Er führt mich durch die Berliner Volksbühne, dort, wo er "Talk 2000" abgedreht hat, die erste Kunst-Trash-Talkshow des deutschen Fernsehens. Auf einer Drehbühne befragte er dort seine Gäste nach Aids und Arbeitslosigkeit, nach dem Sinn von Fernsehen und allem andern. Rudolf Moshammer saß dort, der Modezar, der ein paar Jahre später von einem Stricher mit einem Telefonkabel umgebracht wurde, Beate Uhse, die ihr Geld mit Pornos und sonstigem Krimskrams verdiente. Schlingensief rastete aus, prügelte sich erst mit dem Schauspieler Bernard Schütz, in einer anderen Folge mit Deutschlands ältestem Bodybuilder. Von Harald Schmidt wurde er komplett auseinandergepflückt.

"Das war gut so", sagt er und führt mich an dem Pförtner vorbei, durch das Theater und von dort aus in die Kantine. "Ich bin dann hier herausgerannt. Ich hatte keine Lust mehr weiterzumachen. Wir wollten das Fernsehen kaputtmachen. Ich war vollkommen am Ende." Ich stehe in dem Raum, in welchem das alles stattfand, altes Holz und leere Stühle, keiner außer uns hier vor Ort, neben mir Christoph Schlingensief, der grinst.

Wir rennen über den Alexanderplatz. Ein paar Amnesty-International-Mitarbeiter stellen sich uns in den Weg, wollen Flyer, Buttons und Diskussionen verteilen. Schlingensief schreit: "Lassen Sie mich in Ruhe, ich bin Künstler. Ein Künstler gegen Menschenrechte!" Er geht auf ein Geländer zu und springt drüber, ich versuche zu klettern, verliere fünf Meter und renne ihm hinterher. Ich frage ihn, wie das in Wien war, damals bei dem Container. Ein paar Monate vorher hatte er in Wien Big Brother mit Ausländern nachgestellt. "Alle lieben mich jetzt", sagt er, bevor er eine abrupte Rechtsdrehung macht. "Von allen werd ich ab jetzt umarmt. Das kann ich auch nicht aushalten."

An einer Kreuzung trennen sich unsere Wege. "Es war schön, dich kennengelernt zu haben", er hält mir die Hand hin. In den letzten zwei Stunden hatte ich zehn Sätze gesprochen, der Rest war er und seine Welt, der Kosmos, in dem er sich bewegte. "Für eine halbe Stunde waren Sie Fernsehen für mich", sage ich ihm. "Aber danach war es irgendwie anders." Er nickt, drückt meine Hand und dreht sich um. Ich kann nur seinem schnellen Schritt hinterhersehen. Dann ist er verschwunden, der Zuschauer ratlos, ausgelaugt, am Ende. Ein Kopf voller Bilder. Immer wieder Demontage, Collage, Re-Collage. Immer wieder Auseinander-Hauen und Zusammenbauen. Immer wieder Gedanken.

Berlin-Amsterdamer Todesgesänge

Im Jahr 2009 reise ich nach Berlin. Ich sitze im Kirchenraum der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", einer Nachbildung der Herz-Jesu-Kirche, in der Schlingensief Messdiener war, Oberhausen mitten in Berlin, vor mir ein Altar, ein Sarg, vor mir Christoph Schlingensief auf einer Kanzel wild gestikulierend. Er steht im Kreis seiner Schauspieler, der Behinderten und der Fassbinder-Frauen. Abgemagert sieht er aus, das Haar ausgedünnt, aber immer noch zersaust auf dem Kopf, immer noch in ihm dieses Leben. "Bewahrt euch eure Autonomie", sagt er wie ein Mantra gegen den Krebs, der ihn langsam auffrisst. "Bleibt autonom." Ewig hatte er vorher auf der Bühne die Krankheit durchexerziert, hatte Videoeinspielungen gezeigt, wie er auf einem Bett liegt und schreit: "Nicht berühren, bitte nicht berühren!" und dabei jämmerlich weint. Ein Chor aus zig Gestalten zog durch den Raum und rannte rückwärts wieder hinaus.

"Noch nicht!", will man schreien und kann ihm beim Sterben zusehen. Und nun steht er hier auf der Kanzel, teilt das Brot und spricht zu seinen Jüngern. Als er fertig ist mit seinem Lob auf das Leben, spreizt er die Arme und schreit: "Fluxus!" Alles fließt. Und alles rennt von da an auf der Bühne wild durcheinander, während Christoph Schlingensief die Hostien verteilt. Irgendwann wird es dunkel auf der Bühne, die Menschen verschwinden. Man hört zig Metronome, klack, klack, der Sound des Lebens. Dann hört man nur noch eins, klack, klack. Und dann hört man keins mehr. Von jetzt auf gleich.

Ich fahre nach Amsterdam. Ich will dieses Stück zum zweiten Mal sehen. Ich will begreifen, was er dort präsentiert, als er sein Sterben zur Schau stellt, ohne exhibitionistisch zu wirken. Im selben Kirchenraum sehe ich das Stück noch einmal, und im Gegensatz zu früher ist alles durchchoreografiert. Wie eine Messe spult sich das Ritual ab, das Beuys, Fassbinder, Jesus, Gott und das Leben vereint, dieselben Themen, eine andere Form, alles wie damals und doch alles anders, alles fließt und wird doch wieder vereint.

In einem Interview wird er sagen, er gieße an seiner "sozialen Plastik", den Übervater Beuys noch im Nacken. "Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt!", wird er ihn zitieren und zeigt seine Wunde derart, dass manche Zeitungskritiker anschließend sich weigern, derartiges zu rezensieren. Zu persönlich sei das, dieses Thema, das uns alle angeht. Vielleicht war es das, was die meisten an Schlingensief nie verstanden. Dass er bei aller Egomanie immer das Gesamte im Blick hatte. Und vielleicht verstanden ihn deswegen die Holländer besser, die, die ihn noch nicht kannten. Im Gegensatz zu Berlin folgte auf den letzten Schlag keine Stille, sondern warmer, wilder Applaus.

Als ich die Nachricht erhalte, dass Christoph Schlingensief tot ist, stehe ich in Duisburg auf dem Sternbuschweg. Ich starre auf mein Handy. Es hatte sich alles abgezeichnet, in den letzten Wochen sind die Nachrichten immer eindeutiger geworden. In seinem Blog schrieb er nur noch unverständliches Zeug, sein Stück "Via Intolleranza" musste abgesagt werden, in einem offenen Brief an seine Darsteller verabschiedete er sich von der Welt: "Ich werde euch jetzt schon alle vermissen."

Und dann kommt am 21. August diese Nachricht in aller Brutalität, sie haut mitten in den Regen. Wie tausendmal am Tag auf dieser Welt. Und wie zigtausend andere Leute fange ich in diesem Moment an zu heulen. Fluxus, alles fließt. Manchmal sind es nur Tränen.

Michael Wildberg ist Autor des Buches "So lonely - Ein Leben mit dem MSV Duisburg", das 2011 im Werkstatt-Verlag erschien. Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Armin Hanser 22.08.2011
Sehr schöner, liebevoller und respektvoller Beitrag!
2.
Jochen Eller 22.08.2011
Lieber Herr Wildberg, wenn SpiegelOnline (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,713076,00.html) seinerzeit den Brief Schlingensiefs an die Schauspielerer und Mitarbeiter richtig zitiert hat, dann lautet der von Ihnen gemeinte Satz: "Ich danke Euch allen und vermisse Euch schon jetzt!" Ansonsten finde ich den Artikel sehr schön. Er ist einfühlsam, ohne sentimental zu sein und bringt sogar mir, der ich mit dem Phänomen "Schlingensief" etwas fremdele dessen Kunst etwas näher.
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