Erinnerungen ans EM-Halbfinale Allein unter Feinden

Jetzt bloß nicht auffallen: Frischverliebt in eine Britin wagte sich Christian Stöcker für das EM-Halbfinale 1996 in einen Pub in England. Er tarnte sich als Amerikaner, vermied Regung bei deutschen Torchancen und schluckte den Jubel herunter. Dann brachte ihn ausgerechnet ein Schotte in Gefahr.

AP

Am Ende war es ein Schotte, der mir beinahe noch ein blaues Auge beschert hätte. Dabei ging es doch um den Klassiker: England gegen Deutschland. Halbfinale, Fußball-Europameisterschaft 1996. Der möglicherweise dümmste Ort für einen Deutschen, sich dieses Spiel anzusehen: ein englischer Pub.

Aber die Liebe bringt einen Mann eben zu allen möglichen halsbrecherischen Aktionen, und ich hatte mir als Austauschstudent im westenglischen Bristol schon in der Gruppenphase ein paar sehr nützliche Überlebensstrategien angewöhnt. Beim Spiel Deutschland gegen Russland etwa hatte sich in einem extrem überfüllten Pub ein hünenhafter Brite mit hochrotem Kopf zu mir umgedreht und mit deutlich aggressivem Unterton gefragt: "What country are you from then, mate?" In solchen Momenten schießen einem in England zwangsläufig Stichworte wie "Wembley" und "Blitzkrieg" (Standardvokabel des britischen Boulevards vor Spielen gegen Deutschland) durch den Kopf. Ich zögerte deshalb nur kurz und antwortete: "Holland". Der Hüne drehte seinen Quadratschädel wieder zum Fernseher. Deutschland gewann mit 3:0, ich freute mich sehr still.

Ich hatte schon früh gelernt, dass "recreational violence" für britische Kneipenbesucher tatsächlich zum Unterhaltungsprogramm gehört: Wer um 23 Uhr nach Hause geschickt wird, möchte in bestimmten Kreisen entweder eine Dame im Schlepptau oder doch wenigstens eine ordentliche Prügelei vorzuweisen haben. Regelmäßig halten dafür wesentlich schlechtere Ausreden als Fußball her, die simpelste ist: "What are you looking at!?" Natürlich ist auch in England die Mehrheit der Kneipenbesucher friedlich und friedliebend, aber die Wahrscheinlichkeit, dort eins auf die Nase zu bekommen, erschien mir doch deutlich größer als in meiner Heimat.

Dann das Halbfinale: Deutschland gegen England. In Wembley. Eine britische Tageszeitung bildete den blondierten Stürmer Paul Gascoigne mit Stahlhelm ab - die Schlagzeile: "Achtung! Surrender! For you Fritz ze Euro 96 iz over."

Nichts anmerken lassen

Ich war mit meiner damaligen englischen Freundin bei deren Eltern im Rosamunde-Pilcher-Land zu Besuch, in Cornwall. Die erste Halbzeit sahen wir uns mit Mum, Dad und Großvater (der im Krieg natürlich gegen die Deutschen gekämpft hatte, aber trotzdem sehr freundlich zu mir war) im Wohnzimmer an. In der zweiten Minute traf Paul Ince fast aus der Distanz, Köpke wehrte ab, die anschließende Ecke führte zum 1:0 für England. Meine Gastgeber freuten sich auf ungemein höfliche, sehr britische Art und Weise. Als zwölf Minuten später der Ausgleich durch Stefan Kuntz fiel, ärgerten sie sich ebenso diskret. In diesem Moment muss in meiner Freundin wohl der Plan gereift sein, die Sache nun doch in der Öffentlichkeit auszutragen.

In der Halbzeitpause entschieden wir - ich nehme an, ich fand mich ziemlich mutig - die zweite Hälfte dann doch in einem der Pubs im Zentrum von Helston anzusehen. Der Ortskern der Kleinstadt im Zentrum Cornwalls besteht im Wesentlichen aus einer einzigen, abschüssigen Straße, in der sich Pubs, Chip-Shops und ein paar Läden aneinanderreihen. Ziemlich weit unten liegt das "Seven Stars", ein Pub mit roten Fensterrahmen, Dartscheibe, Teppichboden, holzgetäfelten Wänden und wöchentlicher Quiz-Night.

Als wir dort ankamen, waren die überwiegend männlichen Besucher in ihren Rugby-Hemden und Nationaltrikots bereits eher schlechter Stimmung, tranken und rauchten dafür umso mehr. Ich bestellte zwei Pints mit dem amerikanischsten Akzent, den ich zustande brachte, und stand dann gemeinsam mit meiner Freundin weit hinten, von einem Bein aufs andere tretend, schweigsam. Als die Verlängerung angepfiffen wurde, warteten alle auf das erste Golden Goal dieser EM. Die Fans im Pub waren nun angetrunken genug, um doch wieder ganz guter Dinge zu sein. Ein Pfostenschuss von Anderton sorgte für Jubel und verschüttetes Bier, das wegen eines Stürmerfouls für ungültig erklärte Kopfballtor von Stefan Kuntz nur für kurze Aufregung, aber wieder erhöhte Aggressivität. Ich holte mir noch ein Bier, gab meine Bestellung mit Gesten auf. Thomas Helmer und Steffen Freund konnten nicht mehr, wurden wegen Erschöpfung ausgewechselt.

Als Christian Ziege kurz vor Schluss noch einmal am Tor vorbeischoss, vermied ich jede Regung. Dann begann das Elfmeterschießen.

"Germany, Germany!"

Treffer, Treffer, Treffer, Treffer, lauter gut platzierte Schüsse. Jedes Mal, wenn ein Deutscher antrat, pfiff das Wembley-Publikum in Vuvuzela-Lautstärke.

Schließlich stand es 5:5. "Now it is sudden death", merkte der BBC-Kommentator nüchtern an. Die Atmosphäre im "Stars" schwankte im Minutentakt zwischen wilder Euphorie und aggressiver Verzweiflung. Das Publikum in Wembley skandierte "Seaman! Seaman! Seaman!" Einer der Kommentatoren wies darauf hin, dass der englische Keeper in der Regel einen von fünf Elfmetern hält, dass das doch jetzt bald mal kommen müsse. Dann schoss Gareth Southgate: flach, nur leicht nach links. Andi Köpke fiel - und hielt. Es erforderte eine enorme Willensanstrengung, nicht meine Arme hochzureißen und zu brüllen. Die Schultern der Männer vor dem Fernseher sanken, alle.

Andy Möller trat an, schoss scharf und genau ins rechte obere Eck, Seaman flog in die andere Richtung. Es war vorbei. Schnell trank ich einen Schluck, niemand sollte mein Grinsen bemerken. Die Männer wandten sich vom Fernseher ab und begannen zu weinen, sie umarmten einander, strichen einander beruhigend über den Rücken. Der Fernseher lief noch, aber es war sehr still im "Stars". Plötzlich eine Stimme: "Germany, Germany!" Im Pub gab es Bewegung. Beunruhigende Bewegung.

Konfrontation auf der Straße

Meine Freundin und ich verließen zügig das Lokal. Direkt hinter uns folgte der "Germany!"-Rufer auf die Straße, ein Schotte, der sich traditionsgemäß über die Niederlage der Engländer freute und offenbar genug getrunken hatte, um den Ernst der Lage nicht vollständig zu begreifen. Obwohl er bereits von drei sehr wütenden Engländern verfolgt wurde, grinste er weiter und jubelte "Germany! Germany!"

Als einer der drei einen schnellen Schritt nach vorn machte, um dem Schotten den traditionellen Erschöpfungsschubser zu geben, ging meine Freundin dazwischen. Gewalt fand sie generell hirnrissig und reagierte reflexhaft, wenn es irgendwo Prügeleien gab. In diesem Fall aber war die Situation gefährlicher als sonst. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich auch einzumischen: Ein schmächtiger Deutscher und eine blonde Britin schützten einen betrunkenen, wahnsinnigen Schotten, umringt von drei extrem erbosten Engländern. Wortlos, in meinem Fall.

Dann kam der Schotte doch noch zur Besinnung und floh - direkt in den neben dem Pub gelegenen Fish-and-Chips-Shop mit dem schönen Namen "Mother". Als ihm die drei zornigen Engländer folgen wollten, prallten sie an der Besitzerin ab. Die hatte das Handgemenge durchs Schaufenster mitverfolgt und sich nun im Türrahmen aufgebaut: "No fighting in the shop." Wie ein Fels stand die Frau da, mit verschränkten Armen, in einer fettbeschmierten Schürze und mit einem Gesicht, dem man die vielen Jahre in unmittelbarer Nähe einer Friteuse deutlich ansah. Sie starrte nach draußen und schüttelte langsam und wortlos den Kopf. Die drei wütenden Fans blieben kurz ratlos stehen, dann gingen sie zurück in den Pub. Die Trauer herunterspülen.

Ich war zu erleichtert, um meiner Freundin ordentlich den Kopf zu waschen. Das Finale, in dem Oliver Bierhoff in der 95. Minute ein Golden Goal gegen Tschechien schoss, sah ich mit Mum, Dad und Großvater im Wohnzimmer. Meine Gastgeber freuten sich aufrichtig. Danach erzählte Großvater vom Krieg in Italien.



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Rainer David Früh, 28.06.2010
1.
Das erlebe ich mehrfach im Jahr, wenn Eintracht Frankfurt hier in Mainz, wo ich als Eintracht-Fan lebe, gegen Mainz 05 spielt.... Ich freue mich über jedes Eintracht-Tor ganz still nach innen und hoffe, nicht aufzufallen.
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