Erinnerungen eines Fotoreporters "Ich habe sie so lange bearbeitet, bis sie 'Ja' sagten"

Geiselnehmer, Wolfsjungen, Mordopfer - Fotograf Hanno Krusken besorgte für "Quick" die Bilder, die andere nicht hatten. Tricksen und Schamlosigkeit gehörten zum Geschäft. Auf einestages erzählt er aus dem Alltag einer Branche, in der er es am Ende selbst nicht mehr aushielt.


Ich hatte genug von der oberflächlichen Scheinwelt, den Film- und Fernsehsternchen, Klatsch- und Tratschgeschichten. Ich war Fotoreporter und wollte endlich ins echte Nachrichtengeschäft, die wirklich wichtigen Geschichten machen. 1987 schoss ich mein letztes Bild in München. Es ging um Aids und die neuen Gesundheitspässe für Prostituierte. Die Agentur wollte ein Foto mit Brüsten. Also fuhr ich zum "Leierkasten", dem bekanntesten Puff der Stadt, fotografierte die Dokumente vor ausladenden Spitzen-BHs und warf der Agentur den Film in den Kasten. Dann war ich weg aus München.

An diesen letzten Auftrag musste ich später noch oft denken: Der Job eines Pressefotografen ist dem einer Prostituierten ziemlich ähnlich. Jeder der kommt und bezahlt, wird bedient. Und gerade wenn man als Fotograf versucht, im Journalismus Fuß zu fassen, macht man fast alles. Ich aber wollte endlich ehrliche Geschichten. Zurück in meiner alten Heimat Wuppertal arbeitete ich als Freiberufler für verschiedene Zeitungen im Ruhrgebiet, nebenbei schickte ich Bewerbungsmappen an die großen Illustrierten.

Die Antwort der "Quick" stimmte mich optimistisch: Ich könne mich gern mal in der Düsseldorfer Außenredaktion melden. Als ich eines Morgens im Radio vom Absturz einer Cessna bei Mülheim - keine zehn Kilometer von meiner Wohnung entfernt - hörte, schien der Zeitpunkt gekommen. Ich machte mich auf den Weg, schoss meine Fotos und legte der Redaktion wenig später die Filme auf den Tisch. Mit dem Ergebnis war sie offenbar zufrieden. Von da an arbeitete ich bald fast ausschließlich für die "Quick". Als Fotograf reizte mich vor allem die menschliche Seite der Geschichten.

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Erinnerungen eines Fotoreporters: Drama als Alltag

Wenn ich mir heute die verbliebenen alten Negativstreifen anschaue - das eigentliche Archiv der 1992 eingestellten Zeitschrift blieb leider nicht erhalten - kommt es mir vor, als wäre damals eine Ära zu Ende gegangen, deren letzte Ausläufer ich noch miterleben durfte. Es war die Zeit der großen Reportagen, in der es sich Illustrierte noch leisten konnten, ganze Teams von Schreibern und Fotografen tagelang auf eine einzige Geschichte anzusetzen. Der Job eines Fotoreporters war noch echtes Handwerk. Und dazu gehörte auch, im Dreck zu wühlen.

Mit dem Exklusivvertrag an der Haustür

Auf der Suche nach Geschichten durchforstete die Redaktion jeden Morgen die Lokalblätter. So war sie auch auf die Story vom "Wolfsjungen" gekommen, die mir zu meinem ersten Titelbild verhalf. Es war eine kleine Meldung in der "Rheinischen Post", Lokalausgabe Mettmann. Das Jugendamt hätte in der Wohnung eines jungen Paares einen verwahrlosten Jungen gefunden, der dort die meiste Zeit mit einem Hund alleine blieb.

Die Idee war schnell geboren: eine Kaspar-Hauser-Geschichte. Ausgestattet mit einem Formular für einen Exklusivvertrag wurde ich zu den Eltern geschickt, um abzuklären, was dran wäre an der Geschichte. Ich klingelte an der Tür und traf auf ein Pärchen von Anfang 20, das - wegen ihres verschwundenen Jungen völlig außer sich - sich mit einer Mischung aus Schnaps und Orangensaft zu beruhigen versuchte. Ich trank einen Schnaps mit, versprach, dass "Quick" helfen werde, und brachte die beiden, wie von der Redaktion geheißen, in ein Hotel, um sie dem Zugriff anderer Journalistenkollegen zu entziehen.

Nachdem am nächsten Tag auch die Schreiberlinge der "Quick" aus München eingetroffen waren, sollte ich ein aktuelles Foto des Jungen besorgen, den das Jugendamt gut abgeschirmt in einer Kinderklinik untergebracht hatte. Als Pressefotograf kam ich dort nicht hinein - wohl aber die Eltern. Ich drückte dem Pärchen eine Kamera in die Hand und ermunterte sie, so viele Bilder wie möglich zu machen. Noch beim Verlassen der Klinik nahm ich ihnen den Film ab und schickte ihn in die Redaktion. Ich hatte keine Ahnung, was darauf war - bis ich das Titelbild sah: Die Mutter, die an diesem Tag eine Kunstpelzjacke trug, hatte ihren Sohn auf dem Arm gehalten. Auf dem Titel zu sehen war allerdings nur ein blasses Kind auf einem Fell - der "Wolfsjunge".

Nun stiegen auch internationale Medien wie "Paris Match" auf die Story ein und die Lokalzeitungen, die "Quick" mit immer neuen Einzelheiten fütterte, hielten die Geschichte am Kochen. Zwei Wochen ging das so, in denen ich mit dem Pärchen unter anderem nach Paris reiste, weil sich angeblich sogar Alain Delon und Brigitte Bardot für das Familienschicksal interessierten. Zu einem Zusammentreffen mit den Filmstars kam es nie - die Meldungen erwiesen sich als Medienfinte. Dafür waren meine Kollegen und ich vollauf damit beschäftigt zu verhindern, dass unsere Protagonisten irgendwo eine "Quick"-Ausgabe zu sehen bekamen, damit sie nicht erfuhren, was wir aus ihrer Geschichte gemacht hatten. In der Redaktion aber waren wir die Helden. Und ich gehörte bald zum festen Stamm.

Mit dem Hubschrauber zum Geiseldrama

So wurde ich schon mal nachts aus dem Bett geholt. Für solche Fälle hatte ich immer eine gepackte Tasche im Auto mit Filmen, Kameras und den notwendigsten Sachen für jeden Anlass - inklusive Regenjacke und einem Anzug für Beerdigungen. Gerade für uns Fotografen war es wichtig, frühzeitig am Ort des Geschehens zu sein, etwa bevor ihn die Polizei abriegelte. Wer beizeiten kam, kriegte die besten Bilder.

Als Teil der "schnellen Eingreiftruppe" war ich mit einem Europieper, dem Vorläufer des Handys, und später übers Autotelefon fast überall erreichbar. Mein Job bei Großereignissen bestand auch darin, in ein Flugzeug oder einen Hubschrauber zu steigen, den die Redaktion anmietete, wenn Luftaufnahmen gebraucht wurden. Wie bei der Geiselnahme in Gladbeck im August 1988. Ich sollte die Kolonne der Journalisten fotografieren, die - gefolgt von der Polizei - den Geiselnehmern hinterherfuhren.

Da sich unser Abflug ein wenig verzögerte, kreiste der Hubschrauber erst über der Autobahn, nachdem das SEK den Wagen gestoppt hatte. Aus der Luft konnte ich die Polizeifahrzeuge und herumliegende Kleidung erkennen - eine Sache von Sekunden, in denen ich die Bilder machte, bevor wir umkehrten. Unentwickelt schickte ich die Filme per Luftfracht zur Hauptredaktion - und erlebte am Abend eine Überraschung: Die "Tagesschau" zeigte mein Bild samt "Quick"-Logo - die Redaktion hatte das Foto bereits verkauft.

Die Legende vom zugespielten Foto

Die bundesweite Ausstrahlung allerdings hatte Folgen: In der Redaktion meldete sich die Staatsanwaltschaft und suchte nach dem Fotografen, der mit seiner Aufnahme angeblich die Polizeitaktik verraten hatte. Zum Glück hatten wir eine gute Rechtsabteilung. Der Name des Fotografen blieb damals unbekannt.

Die Redaktion blieb weiter an der Geschichte dran, wurde aber vorsichtiger. Nachdem es mir - dank eines Tippgebers - gelungen war, heimlich während eines Haftprüfungstermins im Landgericht Essen einen der Geiselnehmer zu fotografieren, wartete man einige Wochen mit dem Abdruck. "Quick" erfand schließlich die Legende, das Foto sei von einem Mithäftling im Gefängnis gemacht und der Redaktion zugespielt worden.

Tricksen gehörte zum Job: Als der Prozess begann, hatte ich mich darum zu kümmern, wie man im Gerichtssaal Fotos machen konnte - obwohl das in Deutschland während Verhandlungen bekanntermaßen verboten war. Bei einer Sicherheitsfirma kaufte ich eine sogenannte Feuerzeugkamera. Die wollte ich durch die Kontrolle schmuggeln. Alternativ hatte ich mehrere Einwegkameras besorgt. Am Tag vor der Verhandlung, als der Gerichtssaal leer fotografiert werden durfte, heftete ich sie mit Doppelklebeband unter verschiedene Sitze, auf denen dann meine Textkollegen Platz nehmen sollten.

Mit dem Teddy am Grab

Tatsächlich kam ich tags darauf aber problemlos mit einer Zigarettenschachtel und dem falschen Feuerzeug in der Brusttasche durch die Sicherheitsschleuse. Während einer Verhandlungspause, in der die Angeklagten im Gerichtssaal bleiben durften, schnippte ich mehrmals im Vorbeigehen, so als könnte ich es nicht erwarten, mir eine Zigarette anzuzünden. In der Mittagspause verließ ich das Gerichtsgebäude, um den Film im Auto zu deponieren - und fühlte mich ermutigt, das Gleiche noch einmal zu versuchen. Diesmal allerdings sah der Beamte an der Kontrolle genauer hin, nahm das Feuerzeug in die Hand - und rief sogleich den Richter, der mich verwarnte.

Was aus dem Film wurde, weiß ich nicht mehr. Für die Redaktion war er nach diesem Vorfall wertlos. Dafür hatten die Journalisten anderer Medien, die beobachteten, wie ich aufflog, zumindest für diesen Tag ihre Schlagzeile und konnten von einem - zum Glück nicht namentlich bekannten - Journalisten berichten, der versucht hatte, eine Kamera in den Gerichtssaal zu schmuggeln.

Großereignisse wie das Gladbecker Geiseldrama waren allerdings eher die Ausnahme. Der Brotjob bestand im Aufspüren menschlicher Schicksale. Und wenn es keine dramatischen Ereignisse gab, musste sich die Redaktion etwas einfallen lassen - etwa mit einer Anzeige in der Lokalzeitung, in der sie "Kindermütter"; "Eltern, die ihr Kind verloren haben" oder sonst wie anders Betroffene suchte, deren Erlebnisse sie zu Sammelgeschichten zusammenfasste und dann einen "Trend" deklarierte.

Die Herausforderung für uns Reporter bestand darin, die Menschen so weit zu öffnen, dass sie ihre komplette Lebensgeschichte erzählten - und sich im emotionalsten Moment auch noch fotografieren ließen. Manchmal musste man dazu einen ganzen Tag mit ihnen verbringen - wie etwa mit der Frau, deren kleine Tochter entführt, vergewaltigt und verbrannt worden war, und die ich schließlich mit dem Teddy im Arm an deren Grab fotografierte.

"Witwenschütteln"

Unangenehm wurde der Job für mich aber erst, wenn es diesen persönlichen Zugang nicht gab und es nur darum ging, Bilder zu beschaffen, etwa bei Familien, die gerade ihre Angehörigen verloren hatten. "Witwenschütteln" heißt das im Journalisten-Jargon und meint auch genau das: Die Opfer bearbeiten, bis etwas heraus fällt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Fall des "Todesengels von Wuppertal", der durch alle Medien ging, nachdem bekannt geworden war, dass eine Krankenschwester ältere Patienten totgespritzt hatte.

Kurz vor Prozessbeginn wollte "Quick" Fotos aller Opfer veröffentlichen. Jeder Kollege bekam dazu eine Liste mit einem halben Dutzend Namen, deren Porträts wir besorgen sollten. Ich hatte schon fast alle meine Bilder zusammen - aber noch einen besonders schwierigen Fall: Mehrmals hatte ich die ältere Dame angerufen, deren Schwester unter den Toten war. Sie sagte mir, sie sei krank, habe keine Zeit und kein Bild - und wollte mich auf keinen Fall empfangen. Nur so viel hatte das Gespräch ergeben, dass sie zumindest noch den Personalausweis der Schwester besaß.

Die Redaktion machte mir Druck: Es sei das letzte Bild, das fehle - ohne, sei die ganze Geschichte kaputt. Ich versuchte es wieder und wieder. Irgendwann gab die Frau nach. Ich klingelte, sie öffnete die Tür und wies auf einen Marmortisch, auf dem aufgeschlagen der Ausweis lag. Nachdem ich das Passbild abfotografiert hatte, versprach ich ihr, dass sie mich nie wiedersehen würde. Es tut mir bis heute leid, dass ich sie so bearbeitete hatte.

Aufgezeichnet von Solveig Grothe



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Seite 1
Claudia Freistein, 23.06.2011
1.
Einfach nur ekelhaft ? wie kann man sich nur zu so einem Job hingeben? Sein Tun mit der Arbeit von Prostituierten zu vergleichen ist eine Beleidigung von Prostituierten.
Peter Klausner, 23.06.2011
2.
>Einfach nur ekelhaft ? wie kann man sich nur zu so einem Job hingeben? > >Sein Tun mit der Arbeit von Prostituierten zu vergleichen ist eine Beleidigung von Prostituierten. Mhhh, jaaaa vielen Dank für die konstruktive Kritik ... darfst jetzt weitergehen.
Hannes Birnbacher, 24.06.2011
3.
Schade, dass gerade diesem Fotografen soviel Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Es gibt so viele, nicht weniger "harte" Fotografen, die nicht dummes Zeug für die Regenbogenpresse abgeliefert haben, sondern Bilder mit einer Aussage.
Eigel Wiese, 24.06.2011
4.
Bedauerlich, dass hier der Eindruck erweckt wird, es handle sich um Journalismus. Man kann in diesem Beruf auch seriös arbeiten und gerade deshalb an wirklich relevante und exklusive Informationen herankommen. Und erntet dafür auch noch stetig wachsende Anerkennung. Allerdings wird das nicht so gut bezahlt, wie Skandaljournalismus.
Siegfried Wittenburg, 24.06.2011
5.
Warum wird Skandaljournalismus so gut bezahlt?
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