Berlins "Haus Vaterland" Mutter der Erlebnisgastronomie

Berlins "Haus Vaterland": Mutter der Erlebnisgastronomie Fotos

Exotischer Spaß im "Vaterland": Mit einem Dutzend Themenrestaurants lockte ein gigantischer Vergnügungstempel in den zwanziger Jahren Berlins Partyvolk mit Speisen aus aller Welt, japanischem Tee, türkischem Kaffee und Wild-West-Romantik. Doch das weltoffene Ambiente existierte nicht lange. Von

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Berlin Ende der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts: Die Stadt tanzt. Es ist die große Zeit von Josephine Baker und dem Charleston, man will sich amüsieren, die Weimarer Republik lechzt nach Vergnügungen. Sie tanzt aber auch an gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise; die Vier-Millionen-Metropole hat 450.000 Arbeitslose. Ablenkung ist gefragt. Und die Gastronomie liefert sie.

Am Potsdamer Platz eröffnet am 31. August 1928 ein Amüsiertempel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Zwölf Restaurantbetriebe sind im "Haus Vaterland" versammelt; dazu gibt es ein 2500 Personen fassendes Caféhaus, einen imposanten Ballsaal und ein großes Kino, das damals noch Lichtspieltheater hieß. Innerhalb des sechsgeschossigen Gebäudes können die staunenden Besucher eine kulinarische Reise antreten, die sie von einer spanischen Bodega über ein japanisches Teehaus bis hin zu einer amerikanischen Wild-West-Bar führt.

Auch hinter den Kulissen war das Etablissement seiner Zeit weit voraus. Alle Restaurants wurden von einer zentralen Großküche aus bedient, man besaß die größte Gaskochanlage der Welt, die Sicherheitseinrichtungen des Gebäudes waren beispielhaft. Und anders, als es der patriotische Namen glauben macht, war die Stimmung ausgesprochen weltoffen. Man zeigte gewagte Varietés, ließ große Orchester aufspielen und stellte ausländisches Personal ein: Menschen wie den 1904 in Daressalam in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika geborenen Bayume Mohamed Husen.

Patrioten und Exoten

Als Husen 1929 nach Berlin kam, wollte er zunächst nur seinen Sold einfordern. Ein Sold, der ihm noch für seine Dienste im Ersten Weltkrieg zustand, als er in seiner Heimat, dem späteren Tansania, für das Kaiserreich kämpfte. Seinen Lohn bekam Husen nie, aber er blieb in Berlin - verliebt in die pulsierende Stadt und wohl auch in die Aufmerksamkeit, die er dort erregte. Von April 1930 an arbeitete der Ex-Soldat als Kellner im Haus Vaterland; bekleidet mit Cowboyhut und Karohemd. In der Wild-West-Bar sorgte er für den nötigen Schuss Exotik.

Der Betreiber des Großbetriebes, das Unternehmen Kempinski, nahm es mit den Nationalitäten ihrer Angestellten nicht allzu genau - exotisch war exotisch. Und so sprang Husen auch des Öfteren für Kollegen ein, die im türkischen Café arbeiteten: Eingehüllt in ein arabisches Gewand und mit einem Fes auf dem Kopf gab der lebenslustige Afrikaner dort den Orientalen.

"Das Haus Vaterland passte gut zu Bayume Husen und gut zu Berlin", sagt heute der Stadtführer Bertram Hügel. "Der Mensch, das Gebäude, die Stadt: Wechselvoller kann Geschichte kaum sein."

Errichtet worden war das Haus ursprünglich unter dem Namen Haus Potsdam. 1912 war der 35 Meter hohe und drei Millionen Reichsmark teure Kuppelbau eröffnet worden. Das neue Wahrzeichen Berlins beherbergte neben vielen Büroräumen ein Lichtspieltheater und das pompöse Café Piccadilly; das größte der Stadt. In den zwei Etagen des Cafés bekamen Besucher noch mitten in der Nacht Livemusik geboten, während sie auf samtbezogenen Stühlen vor mit Marmor und Malerei verzierten Wänden saßen.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs war der Name des Hauses dem patriotischen Zeitgefühl angepasst worden: Aus dem "Café Piccadilly" wurde das "Kaffee Vaterland". In den zwanziger Jahren übernahm die Ufa-Filmgesellschaft den Gebäudekomplex, stieß ihn wegen finanzieller Probleme aber wieder ab. 1927 stieg dann Kempinski ein und weitete den patriotischen Anstrich vom Café auf das ganze Haus aus. Der neue Eigentümer machte den Unterhaltungspalast zudem zu einem Ort technischer Innovationen, wie man sie zuvor nicht kannte.

Blitz und Donner über Berlin

Eines der Highlights: die Wettersimulationen im Restaurant Rheinterrasse, wo in einer nachgebauten Rheintallandschaft stündlich das Licht gedimmt und Wolkenbrüche mit Blitz und Donner über die Gäste hereinzubrechen drohten. "Im Haus Vaterland isst man gründlich, hier gewitterts stündlich" - reimte die Werbung. Der Palmensaal - ein Ballsaal mit auf Federn gelagerter Tanzfläche, die vor Ermüdung schützen sollte - galt schnell als der schönste Berlins. Bis zu einer Million Besucher jährlich amüsierten sich hier.

Für Kempinski wurde das Haus Vaterland zu einem großen finanziellen Erfolg, der allerdings nach Hitlers Machtübernahme endete. Im Zuge der "Arisierung" übernahm 1937 der Gastronomiebetrieb Aschinger die jüdische Firma Kempinski und taufte die Betreibergesellschaft auf "Betrieb Borchardt" um.

Bayume Mohamed Husen hatte bereits zwei Jahre zuvor seine Anstellung im Haus Vaterland verloren. Sein Showtalent hatte ihn vorübergehend ins Filmgeschäft geführt. An der Seite von Stars wie Zarah Leander, Willy Birgel oder Hans Albers spielte er in 23 Produktionen mit. 1941 war auch das vorbei: Husen wurde von der Gestapo wegen "Rassenschande" verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen überstellt. Nach drei Jahren verstarb er dort an den Folgen der schlimmen Haftbedingungen.

Mit dem Krieg endete auch die Geschichte des Haus Vaterland: Mehrmals von Bomben getroffen brannte das Gebäude 1945 weitgehend aus. Erfolglos versuchte die DDR einige Jahre später den Gaststättenbetrieb wiederzubeleben. Denn nachdem sich während des Volksaufstandes 1953 die Wucht des Volkszornes an dem Komplex entladen hatte, war das Bauwerk endgültig zur Ruine geworden. Eine Ruine, die an der Grenze zwischen West- und Ostberlin fortan im Niemandsland stand, bevor das Areal 1971 im Zuge des Gebietsaustausches zu West-Berlin kam und 1976 die letzten Gebäudereste abgerissen wurden.

Zum Weiterlesen:

Marianne Bechhaus-Gerst: "Treu bis in den Tod. Von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen. Eine Lebensgeschichte". Ch. Links Verlag, 2007, 208 Seiten.

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1.
Willi Kramme 25.03.2013
Sehr empfehlenswert ist auch der Krimi "Die Akte Vaterland" von Volker Kutscher, Köln 2012, bei dem das Haus Vaterland und auch der Kellner Bayume Mohamed Husen wichtige Rollen spielen.
2.
Mathias Völlinger 25.03.2013
Berlin 1929 Ganz interessant finde ich das Bild Nr. 12. Schöner Blick nach Kreuzberg. Ganz hinten rechts der Anhalter Bahnhof. Und wenn man auf diesem Bild hinter dem Haus Vaterland nach links abbiegte, wäre man ein paar Jahre später vor dem Hauptquartier der Gestapo und der SS gestanden. Quasi gegenüber von Görings Luftfahrtministerium, nun, dieses Gebäude steht heute noch und beherbergt heute das Bundesfinanzministerium. Kurz und gut, Berlin war mal kurzzeitig Weltstadt und wird dies nie wieder sein. Rechte und linke deutsche Kleinmeierei, jedoch mit jeweiligem Absolutheitsanspruch, haben dies hintereinander ein für allemal kaputtgemacht. Den Krieg und all die Gräuel hätte es diesbezüglich nicht einmal bedurft und auch heutige Engstirnigkeit und Bedenkenträgerei werden eine wirkliche Renaissance Berlins zu verhindern wissen.
3.
Gunther Egermann 25.03.2013
1972 habe ich das Haus Vaterland in unkonventioneller Weise mit meinem Kumpel Günter "besucht". Als 14-jähriger war ich eigentlich abkommandiert im Elektrofachgeschäft Heizkörper für die Schullötkolben zu besorgen. Die Ruine faszinierte mich gewaltig, und so suchten wir nach einem Eingang, den wir auch fanden. Wie gefährlich das war konnte ich mir seinerzeit nicht ausmalen, sei es durch die morschen Böden oder die Blicke des Vopos im hinteren Bereich des Gebäudes. Der wird sich nicht schlecht gewundert haben, über die beiden Pimpfe. Bis heute in Erinnerung eine große Treppe, selbst Speiskarten lagen noch herum. In einem Fahrstuhlschacht, so das Gerücht, sollte noch ein Oldtimer stehen. Wer das überhaupt gestreut hat weiß ich heute nicht mehr. Wir stiegen sicher 2 Stunden in dem Gebäude herum, bis uns der "Arsch auf Grundeis" ging, als mein Kumpel tatsächlich fast eingebrochen wäre. Für mich war das mein größtes Abenteuer der Jugendzeit. Mir war, als könnte ich noch die Musik hören, machmal erinnerte mich das ganze auch an die Titanic. Die Vergangenheit so unglaublich nah. Schließlich gingen wir ziemlich überstürzt stiften, ich weiß nicht mehr genau, aber ich glaube irgendjemand rief da. Ich ärgere mich heute, nicht wenigstens eine Speisekarte gerettet zu haben. Irgenwann wollte ich da noch mal rein, aber das Gebäude war besser gesichert und eines Tages weg. Schade drum.
4.
Stanislaus Bonifatz 25.03.2013
Schönes Beispiel, wie vergnügungssüchtige Zeiten enden können. Vom Kunstgewitter ins Stahlgewitter.
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