Aquino-Attentat Bei Ankunft Mord

Aquino-Attentat: Bei Ankunft Mord Fotos
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Er wollte einen Diktator stürzen - und wurde bei seiner Ankunft in Manila sofort umgebracht. Das Attentat auf Benigno Aquino war der dreisteste politische Mord der Nachkriegszeit. In Anwesenheit von Dutzenden Journalisten wurde der Exilpolitiker erschossen - obwohl er genau davor gewarnt hatte. Von

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In der Nacht vor seiner Ermordung betet Benigno Aquino, Hoffnungsträger von Millionen Filipinos, nervös seinen Rosenkranz. Morgens um fünf Uhr, nach nur vier Stunden Schlaf, betet er erneut den Rosenkranz. Dann ruft er aus seinem Hotel in Taipeh seine Frau in Boston an. Sie liest ihm aus der Bibel vor. Er spricht mit den Kindern. Und weint. Er weiß, dass es sehr heikel werden wird, wenn er in ein paar Stunden mit China Airlines, Flug 811, in Manila landet.

Beim Frühstück gelingt es Aquino wieder, seine Anspannung zu überspielen. "Mein Gott, was hast du denn angezogen?", sagt er scherzhaft zu seinem Schwager Ben Kashiwahara, einem ABC-Reporter, und deutet auf dessen beigefarbene Safari-Weste. "Das sieht ja so aus, als wolltest du aus dem Krieg berichten."

Dabei ist es im Grunde genau so. Aquino selbst hat eine kugelsichere Weste dabei, die er kurz vor der Landung in Manila anlegen will. Ansonsten trägt er, fast wie ein Heilsbringer, einen blendend weißen Anzug. Genau jenen Anzug, den er vor drei Jahren trug, als er vor dem Regime des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos in die USA flüchtete. Jetzt, am 21. August 1983, will der brillante Redner und liberale Demokrat in seine Heimat zurückkehren und Marcos aus dem Amt jagen - trotz angeblicher Mordpläne gegen ihn.

"Wenn sie mich in den Kopf treffen, bin ich erledigt"

Stunden später liegt der Heilsbringer bäuchlings auf dem heißen Asphalt des Flughafens Manila, der weiße Anzug blutgetränkt, zwei Meter neben ihm sein vermeintlicher Mörder, zerfetzt von den Kugeln der Sicherheitskräfte.

Es war der vielleicht dreisteste politische Mord der Nachkriegszeit, vorhergesagt mit schauriger Präzision, ausgeführt in unmittelbarer Anwesenheit von einem Dutzend Journalisten. Aquino starb nur Minuten nach der Landung, er schaffte gerade einmal ein paar Schritte auf philippinischen Boden.

Fast schien es so, als habe der Ermordete das alles gewusst. In einem Interview hatte er kurz zuvor gesagt: "Wenn es mein Schicksal ist, durch die Kugel eines Mörders zu sterben, dann soll es so sein." Einem Fernsehreporter riet er Minuten vor der Landung: "Sie müssen sehr flink mit Ihrer Kamera sein. In drei, vier Minuten mag alles vorbei sein und ich kann womöglich nicht mehr mit Ihnen reden." Und einem dritten Journalisten verriet er, er habe Gerüchte gehört, man werde auf ihn schießen. "Deshalb trage ich dies hier", sagte er und zeigte seine kugelsichere Weste: "Doch wenn sie mich in den Kopf treffen, bin ich erledigt."

Genau das war passiert. Die Kugel, abgefeuert aus nächster Nähe, trat unterhalb des Ohrs ein und am Kinn wieder aus. Aquino war sofort tot.

Der seltsame Tote auf dem Rollfeld

Trotz all der Augenzeugen und etlicher Untersuchungen bleibt der Mord bis heute rätselhaft: Der Todesschütze konnte nie identifiziert werden, und auch die Hintermänner des Attentats wurden nicht zweifelsfrei überführt. Nur eines war schon damals sofort klar: Der vermeintliche auf dem Rollfeld gestellte Mörder, den die Regierung Marcos sofort als kommunistischen Einzeltäter präsentierte, konnte unmöglich der wahre Schütze sein. Das bestätigte ungewollt sogar der amtliche Autopsiebericht.

Da war etwa der Schusskanal, der steil von oben nach unten verlief. Der Täter hätte demnach ein philippinischer Riese sein müssen, mindestens zwei Meter groß, um Aquino zu ermorden. Der präsentierte Mörder, Rolando Galman, maß aber nur 1,61 Meter. Galman hätte also vorbei an seinem Opfer und den Sicherheitsleuten die Gangway hochklettern müssen, um Aquino dann aus erhöhter Position zu erschießen. Und noch etwas sprach gegen die Version der Regierung: Der angebliche Mörder lag am Ende zwei Meter links neben Aquino, doch der wurde unterhalb des rechten Ohrs getroffen. Galman hätte im Kugelhagel der Sicherheitskräfte noch einmal komplett um sein Opfer laufen müssen.

Das waren nicht die einzigen Merkwürdigkeiten. Wie sollte der Täter an den Hunderten Soldaten vorbeigekommen sein, die den Flughafen abriegelten? Woher sollte er gewusst haben, wann der Exilpolitiker landen würde? Aquino hatte die USA eine Woche zuvor verlassen und mehrere Stopps in Asien eingelegt, um seine Spuren zu verwischen. Nur der Tag seiner Ankunft war bekannt, sonst nichts. Absichtlich ließ Aquino falsche Gerüchte streuen, etwa dass er mit Air France oder Garuda anreise. Seine Maschine wurde zudem kurzfristig an ein entlegenes Gate gelotst und der Ausstieg anders als üblich über eine Gangway statt über eine Passagierbrücke abgewickelt. Wie sollte ein Einzeltäter das alles wissen?

"Barbarischer Akt"

Marcos schwieg, erst nach 30 Stunden berief er eine Pressekonferenz ein. Die Stimmung war feindselig. Ob er mit seinen Buchprojekten gut vorankomme, fragte ein Reporter zynisch - seltsamerweise hatte sich der Präsident kurz vor der Rückkehr seines gefährlichsten Konkurrenten eine Auszeit genommen, um drei Bücher zu schreiben. Marcos ignorierte die Spitze, sprach von einer "Tragödie", verdammte den Mord als "barbarischen Akt" und verwies auf den erschossenen Einzeltäter. Niemand glaubte ihm.

Dazu hatte der Mann, der die Philippinen seit 18 Jahren mit eiserner Hand regierte, ein viel zu offensichtliches Motiv. Benigno Aquino war einst mit 22 Jahren der jüngste Bürgermeister seines Landes gewesen, mit 29 Jahren wurde er der jüngste Gouverneur, mit 34 der jüngste Senator. Alles deutete darauf hin, dass das "Wunderkind" auch einmal der jüngste Präsident sein würde.

Als Marcos spürte, dass seine Macht erodierte, verhängte er 1972 das Kriegsrecht und ließ Tausende politische Gegner einsperren. Einer der ersten war Aquino. Eine gegen ihn verhängte Todesstrafe wegen eines angeblichen Putschversuchs wurde zwar nach internationalen Protesten wieder aufgehoben, aber Aquino blieb sieben Jahre in Haft. Erst 1980 durfte er wegen einer komplizierten Herzoperation in die USA reisen.

Morddrohungen aus Manila

Fortan lebten die beiden Männer in gegensätzlichen Welten: Marcos regierte mit Hilfe des loyalen Militärs, während Aquino nach seiner Genesung in Harvard studierte und Bücher über den Übergang von der Diktatur in die Demokratie schrieb. Doch mit der Zeit wuchs sein Wunsch, den gelehrten Worten Taten folgen lassen. Als er Gerüchte hörte, Marcos sei schwer krank, kündigte er seine Rückkehr an: Nichts fürchtete er mehr, als dass das Militär nach einem Rücktritt Marcos die Demokratie in seiner Heimat dauerhaft beerdigen könnte.

Mit allen Mitteln versuchte Marcos nun, seinen Rivalen fernzuhalten. Er wies die Botschaften an, ihm keinen Pass auszustellen. Fluglinien drohte er mit einem dauerhaften Landeverbot für Manila, sollten sie Aquino zurückbringen. Das einst ausgesetzte Todesurteil wurde erneut bestätigt. Als das nichts half, kam Marcos Ende Juli mit seinem stärksten Argument: Es gebe "Geheimdienstberichte", nach denen "gewisse Gruppen" den Heimkehrer ermorden wollten; Aquino solle zumindest warten, bis die Regierung diese Gruppen "neutralisiert" habe.

Der 50-Jährige zögerte kurz, doch vermutute schnell eine Hinhaltetaktik. Am 14. August flog er daher mit falschen Papieren unter dem Namen Marcial Bonifacio nach Singapur und traf sich in den folgenden Tagen geheim mit einflussreichen Politikern in Südostasien. Für den letzten Flugabschnitt von Taiwan ließ er sich dann von einem Tross vertrauenswürdiger Reporter begleiten. Er, ein ausgebildeter Journalist, wähnte sich im Licht der Medien sicher.

Ermordeter Mörder

Die letzten Minuten im Leben des Hoffnungsträgers sind daher gut dokumentiert, gefilmt von Reportern an Bord. Aquino, wie er von Landsleuten kurz vor der Ankunft euphorisch umarmt wird, eine Frau küsst ihn auf den Mund, der Politiker dreht sich etwas verschämt weg. Dann die Landung, drei Sicherheitsbeamte in khakifarbenen Uniformen steigen in die Maschine und nehmen Aquino zwischen sich wie einen Schwerverbrecher, ein letzter Schwenk auf dessen Gesicht: Es wirkt angespannt.

Jetzt kommt Unruhe auf, Ben Kashiwahara ruft laut: "Ich bin sein Schwager, kann ich mitkommen?", doch er wird barsch zurückgewiesen. Journalisten drängen im Kampf um die besten Bilder zum Ausgang, es wird gedrückt und geschoben, dann ist plötzlich die Tür kurz zu, zwei weitere Beamte blockieren sie von außen. Aquino wird nun zum Rollfeld eskortiert. Sekunden später der erste Schuss, im Flugzeug wird geschrien, gegen die Tür gedrückt, drei weitere Schüsse, Maschinengewehre rattern. In der Boeing bricht Chaos aus.

Was genau in jenen Sekunden passierte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Am wahrscheinlichsten ist: Einer der Sicherheitsbeamten erschoss Aquino von hinten. Dafür spricht unter anderem der Schusskanal und die Aussage eines japanischen Reporters, der gesehen haben will, wie die Männer auf der Gangway Pistolen zückten. Und der angebliche Mörder Galman? War womöglich bereits tot auf das Rollfeld geworfen worden, um dann von den Kugeln der Soldaten durchsiebt zu werden. Vier Stunden wurde er demonstrativ auf dem Asphalt liegengelassen.

"Der großartigste Präsident, den wir niemals hatten"

Doch war Marcos wirklich so unklug, sich auf eine derart makabre Inszenierung einzulassen? Zwei Millionen Menschen kamen zu Aquinos Beerdingung, Hunderttausende gingen nun regelmäßig gegen die Regierung auf die Straße. Die einst heillos zerstrittene Opposition einte sich hinter ihrem Märtyrer, gefeiert als "der großartigste Präsident, den wir niemals hatten".

Politische Beobachter vermuteten daher, dass die wahren Drahtzieher des Attentats ehrgeizige Militärs waren, die sich schon einmal für die Ära nach Marcos in Position bringen wollten - Aquino störte dabei. Ein Mann galt als besonders verdächtig: Fabian Ver, skrupelloser Generalstabschef der Armee. Niemanden hatte Aquino so sehr gefürchtet wie ihn.

Sollte Marcos tatsächlich nichts von einem solchen Komplott gewusst haben, so tat er anderseits alles, um es nicht aufzuklären: Eine Untersuchungskommission besetzte er nur mit Günstlingen. 1985 sprachen seine regimetreuen Richter alle 25 angeklagten Militärs frei, unter ihnen Ver - und das, obwohl zuvor eine zweite, unabhängige Kommission den Mord als Verschwörung der Armee beurteilt hatte.

"Ich glaube, es ist allein ein Sieg, wenn wir landen", hatte Aquino Minuten vor der Ankunft in Manila gesagt. Es waren, wieder einmal, ungewollt prophetische Worte: Denn die Ermordung des Rückkehrers ließ das Volk rebellieren und stürzte 1986 schließlich Marcos. Die demokratisch gewählte Corazon Aquino, berühmteste Witwe des Landes, wurde im selben Jahr die erste Präsidentin der Philippinen. Kurz danach rollte ein Gericht den Fall ihres ermordeten Mannes erneut auf: 1990 wurden 16 Militärs als mutmaßliche Drahtzieher zu lebenslanger Haft verurteilt.

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1.
peter glabischnig, 22.08.2013
Einfach unglaublich.Und dieser Marcos durfte im Bett sterben. Was für eine Ungerechtigkeit.
2.
Barbara Bouffier, 22.08.2013
Wieso "obwohl er gewarnt hat", doch wohl eher "weil er es tat" und somit zum Mord einlud...
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