Ermordung von Mafiajäger Falcone Tod per Fernzünder

Ermordung von Mafiajäger Falcone: Tod per Fernzünder Fotos
Giuseppe Costanza

Beim Bombenanschlag auf den Erzfeind der Cosa Nostra saß er mit im Wagen: Auf einestages erinnert sich Giuseppe Costanza, Fahrer des sizilianischen Richters Giovanni Falcone, an das Attentat vor 20 Jahren. Er überlebte nur durch Zufall - und sollte doch sein Leben lang dafür bestraft werden. Katja Iken

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Manchmal wünschte er sich, anstelle von Richter Giovanni Falcone gestorben zu sein. Anstelle des berühmtesten italienischen Mafiajägers von jener 500-Kilo-Bombe getötet worden zu sein, die den Autobahnabschnitt kurz vor der Ausfahrt Capaci in eine gespenstische Kraterlandschaft aus Asphalt, Geröll und verkohlten Leibern verwandelte.

"Italien wäre heute ein anderes Land", sagt Giuseppe Costanza. "Dottor Falcone hätte es geschafft, er hätte die Cosa Nostra zerschlagen." Doch Dottor Falcone ist tot. Und Costanza, sein Fahrer, hat überlebt. Obwohl er an jenem Abend vor 20 Jahren im gleichen Auto wie Falcone saß, als die Schergen der Mafia die Fernzündung auslösten. Und Italien per Knopfdruck in eine der schwersten Krisen der Nachkriegszeit katapultierten.

Permanente Lebensgefahr

Giuseppe Costanza spricht leise, resigniert, mit vielen Pausen. Nur ganz selten, wenn er zornig ist, hebt sich die Stimme kurz. Der 65-jährige Rentner ist müde, ein gebrochener, traumatisierter Mann. Einer, der Zeit seines Lebens kein Feuerwerk mehr ertragen kann. Italienische Reporter haben ihn den "Schatten Falcones" getauft: Wo Richter Falcone war, da war auch Costanza. Seinem Vorgesetzten treu ergeben, und das nahezu ein Jahrzehnt.

Als Costanza damals den Job als "Fahrer für Spezialfahrzeuge" am Gericht von Palermo annahm, ahnte er nicht, was auf ihn zukommen würde. "Ich dachte, ich muss Menschen quer durch Italien fahren. Dass ich permanent mein Leben riskieren sollte, war mir nicht klar", sagt er. Bis ihn Falcone eines Tages im November 1984 zu sich rief und Costanza - genau wie Falcone Sizilianer, genau wie der Richter aus kleinen Verhältnissen - zu seinem persönlichen Chauffeur machte.

"Ab sofort war das Auto, das ich fuhr, gepanzert, stets eilte uns ein Wagen voran und folgte ein zweiter zum Schutz hinterher. Angeschnallt waren wir nie, um jederzeit aus dem Auto flüchten zu können. Eine Gefahrenzulage erhielt ich keine, wie die Beamten im Gerichtsgebäude verdiente ich um die zwei Millionen Lire (das entspricht etwa tausend Euro, d. Red.)."

2665 Jahre Haft

Seine Ehefrau war verzweifelt ob der Gefahr, in die sich Costanza, Vater von drei kleinen Kindern, begab. "Ich durchlitt einen äußeren und einen inneren Krieg", sagt er rückblickend. Von allen Seiten unter Beschuss, gab er den Job doch nicht auf. "Wenn man Falcone erlebt hat, diesen Mann, der alles gab, um Italien aus dem Schlamassel zu holen, konnte man sich nicht drücken", sagt Costanza.

Der Chauffeur wich Falcone auch dann nicht von der Seite, als die Situation immer brenzliger wurde, die Einschläge immer näher kamen. 1979 ermordete die Cosa Nostra mit Cesare Terranova den ersten hochrangigen Mafiajäger, seither eliminierte sie systematisch all jene, die ihr gefährlich wurden: 1982 den kommunistischen Anti-Mafia-Politiker Pio La Torre und, kurz darauf, den Polizeipräfekten von Palermo, Alberto Dalla Chiesa. 1983 den Generalstaatsanwalt Rocco Chinnici, 1986 Falcones engen Mitstreiter, Antonino Cassarà.

Im gleichen Jahr begann dank Falcones unermüdlicher Ermittlungsarbeit der sogenannte Maxi-Prozess von Palermo: Tag für Tag kutschierte Costanza den Richter zu dem eigens für das Mammutverfahren errichteten, raketensicheren Bunker aus Stahlbeton. Am Ende, nach 349 Verhandlungstagen, wurden 360 Mafiamitglieder verurteilt - zu insgesamt 2665 Jahren Haft. Falcone war auf dem besten Weg, der berüchtigten "piovra", dem "Kraken" Cosa Nostra, den Kopf abzuschlagen.

"Freundschaft ohne Worte"

Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann die "Ehrenwerte Gesellschaft" Rache üben würde. Eine Gefahr, der sich Falcone stets bewusst war: "Ich weiß, dass meine Schuld gegenüber der Cosa Nostra nur mit meinem Tod abgegolten werden kann", pflegte der Richter zu sagen, mit der Ironie des Verzweifelten verfasste er bereits Nachrufe auf sich. Am 21. Juni 1989 wäre es beinahe so weit gewesen.

Doch die Leibwächter entdeckten die Bombe, die am Strand von Falcones Ferienhaus im sizilianischen Addaura deponiert war. Fortan folgte der Eskorte ein Hubschrauber aus der Luft, wurde der Richter zu einem der am besten geschützten Männer Italiens.

"Wir gewöhnten uns an die ständig wachsende Todesangst, es gab keine andere Wahl. Falcone war sehr streng, er forderte von mir, was er sich selbst abverlangte: den bedingungslosen Einsatz im Kampf gegen die Mafia. Wenn wir im Auto unterwegs waren, wurde wenig geredet, wir siezten uns trotz der großen Vertrautheit. Zwischen uns herrschte eine Freundschaft ohne Worte. Ich war immer da, wenn er mich brauchte."

So auch an jenem 23. Mai 1992, einem schwülwarmen Samstag.

Auf Stippvisite in Palermo

Falcone, zu jener Zeit Direktor für Strafrechtsangelegenheiten am Justizministerium in Rom, rief Costanza frühmorgens zu Hause an, um seine genaue Ankunftszeit am Flughafen von Palermo durchzugeben. Bei Costanzas daheim herrschte fröhliches Durcheinander, die Familie steckte mitten in den Vorbereitungen für die Kommunion des jüngsten Sohnes, die tags darauf gefeiert werden sollte.

Der Fahrer küsste seine Frau zum Abschied und verließ das Haus in Richtung Büro, um die Eskorte vorzubereiten. Pünktlich um 17.45 Uhr landete die "Falcon 200", ein Geheimdienstflugzeug, am Flughafen Punta Raisi. Falcone und seine Ehefrau Francesca Morvillo, ebenfalls Richterin, stiegen aus. Costanza räumte seinen Platz hinterm Steuer - für Falcone.

"Seiner Frau wurde im Auto schnell schlecht, deshalb fuhr er, und sie setzte sich auf den Beifahrersitz. Ich selbst nahm hinten Platz", sagt Costanza. Die gepanzerte Eskorte, voran ein brauner Fiat Croma mit drei Leibwächtern, in der Mitte ein weißer Croma mit Falcone, dessen Frau sowie Costanza und hinten ein azurblauer Croma mit drei weiteren Bodyguards, bog auf die Autobahn A 29 Palermo-Trapani ein.

"Als wäre der Ätna explodiert"

Falcone war guter Laune und zu Small Talk aufgelegt, erinnert sich Costanza. Was es Neues in Palermo gebe, fragte er seinen Fahrer. Und dass er ihn erst am Montag wieder brauchen würde, um zum Flughafen zurückzufahren. Plötzlich tat der sonst so vorsichtige, bedachte Richter etwas völlig Irrationales - und rettete Costanza damit vermutlich das Leben.

"In voller Fahrt nahm er meinen Autoschlüssel aus dem Zündschloss und steckte seinen eigenen hinein, weil er das Auto übers Wochenende allein nutzen wollte. Der Motor ging aus, der Wagen rollte und wurde langsamer. 'Was machen Sie da, Dottore, das kann uns umbringen', rief ich. Falcone drehte sich zu mir um. 'Entschuldigen Sie bitte' waren seine letzten Worte. Dann kam der Knall. Was darauf folgte, weiß ich nicht mehr. Ich hatte einen Blackout."

Die Bombe, versteckt in einem Abflussrohr unter der Fahrbahn, detonierte um 17.58 Uhr bei Kilometer fünf der A 29, kurz vor der Ausfahrt Capaci. Sie erfasste den ersten Wagen der Eskorte und schleuderte ihn rund 60 Meter weit durch die Luft. Falcones Fiat, durch den Austausch der Schlüssel deutlich langsamer geworden, entging um Haaresbreite der Detonation und prallte stattdessen mit voller Wucht auf einen Wall aus Geröll und Asphalt. "Als wäre der Ätna explodiert", schilderte ein Augenzeuge später das grauenvolle Bild, das sich ihm bot.

Milz und Darm zerrissen

Die drei Leibwächter aus dem ersten Wagen waren auf der Stelle tot, verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Falcone und seine Frau starben kurz darauf im Krankenhaus an den Folgen des Anschlags, der in Italien als "Massaker von Capaci" in die Geschichte einging - und eine ganze Nation traumatisierte. "Italien steht am Abgrund", schrieb der SPIEGEL damals. Senator Norberto Bobbio, einer der Wortführer der italienischen Linken, resümierte: "Zum ersten Mal in meinem Leben schäme ich mich, Italiener zu sein." Der Staat hatte auf ganzer Linie versagt.

Der Einzige, der die Todesfahrt im weißen Croma überlebte, war Giuseppe Costanza. Nach einem Monat im Koma wachte er auf: das rechte Auge, die rechte Schulter und die Wirbelsäule schwer verletzt. Ohne Milz und Teile des Darms, sie waren beim Aufprall zerrissen. Als er vom Tod seines Vorgesetzten erfuhr, brach eine Welt zusammen.

"Bitte", flehte Costanza den Mafiajäger Paolo Borsellino an, der ihn im Krankenhaus besuchte, "bitte sorgen Sie dafür, dass ich nicht so ende wie der Fahrer von Staatsanwalt Rocco Chinnici." Auch der hatte den Anschlag auf seinen Boss überlebt und wurde danach zeitlebens beruflich degradiert. Borsellino versprach, Costanza zu helfen. Doch er konnte sein Versprechen nicht mehr einlösen.

"Sie machten mich zum Taugenichts"

Nur 57 Tage nach dem Anschlag auf Falcone wurde auch dessen enger Freund und Mitstreiter Borsellino von der Mafia ermordet. Und Costanza, nun völlig am Boden zerstört, begann sein trauriges Gefecht um Anerkennung. Als er nach einem Jahr wieder ans Gericht in Palermo zurückkehrte, um weiterzuarbeiten, ließ man ihn nicht.

"Ich stempelte morgens und abends meine Anwesenheit ab, mehr durfte ich nicht tun. Sie machten mich zum Taugenichts und behandelten mich wie einen Aussätzigen, einen Überflüssigen. Fast so, als würde ich die Schuld am Tod Falcones tragen. Das zu erleben, war für mich noch schlimmer als die Bombe von Capaci."

Doch Costanza wehrte sich und kämpfte, für eine menschenwürdige Weiterbeschäftigung, für finanzielle Entschädigung. Am 23. Mai 1994, zum zweiten Jahrestag des Massakers von Capaci, kettete er sich an den Zaun des Justizgebäudes in Palermo. "Opfer der Mafia und des Staates" lautete die stumme Anklage auf dem Pappschild, das er sich um den Hals gehängt hatte. Nichts passierte.

"Nur der Toten wird gedacht"

Nach zehn Jahren gab Costanza den Kampf auf und ging in Rente. Vergessen vom Staat, vergessen auch von den Angehörigen und Kollegen Giovanni Falcones, die ihn in all den Jahren noch kein einziges Mal zu einer Gedenkfeier eingeladen haben. Der ganze Pomp ist ihm ohnehin ein Graus, er geht lieber ganz allein zum Friedhof, ans Grab seines einstigen Vorgesetzten.

"Wo waren sie, all die sogenannten Freunde Falcones, die nun so laut trauern und sich dabei doch nur selbst feiern? Wo waren sie, als der Richter sie brauchte? Ich war dort bei Falcone, ich war in Capaci, ich habe mein Leben riskiert. Doch nur der Toten wird gedacht. Ich wurde fürs Überleben bestraft."

Costanza ist überzeugt, dass es nicht allein die Mafia war, die Falcone im Auftrag von Cosa-Nostra-Boss Totò Riina, der "Bestie" aus Corleone, ermordet hat. Die Mafiosi, das seien nur die "Handlanger" gewesen, so Costanza. Instrumentalisiert von anderen, höheren Mächten: den wahren Drahtziehern eines Verbrechens, das bis heute zahlreiche Fragen aufwirft.

Wer konnte wissen, wann Falcone an jenem Abend in Palermo landen würde? Wer ließ das Tagebuch Falcones verschwinden? Wer drang nach dem Tod des Mafiajägers in dessen Arbeitszimmer ein, um die Dateien auf seinem Computer zu löschen? 2009 wurde der Mordfall Falcone erneut aufgerollt.

Costanza glaubt nicht daran, dass die Wahrheit noch ans Tageslicht kommt. Auch zur großen Feier anlässlich des 20. Todestages des Richters wurde sein einstiger Fahrer nicht eingeladen. Giuseppe Costanza wird den Tag zu Hause verbringen. Und er will niemanden sehen.

Zum Weiterlesen: Attilio Bolzoni: Uomini soli. Pio La Torre e Carlo Alberto Dalla Chiesa, Giovanni Falcone e Paolo Borsellino, Melampo 2012.

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1.
Guenter Yogi Lauke 23.05.2012
Und der allergrösste MAFIOSO - dieser alte, sizilianische Drecksack Giulio Andreotti - ist immer davongekommen! Das ist die grosse Tragödie Italiens, denn der war ständig an der REGIERUNG...und wohl einer der aktivsten MAFIA-Strippenzieher im italienischen Parlament!!
2.
nils gronmeyer 24.05.2012
Es ist wohl die grösste Tragödie Italiens. Milliarden werden hinterzogen, jeder 4 in Süditalien arbeitet indirekt für die Mafia, tausende korrupte Beamte, Politiker, Dienstleister etc. etc. Ein Thema welches hingegen der angeblichen so tollen islamistischen Gefahr immer charmant verschwiegen wird.
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