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Reklamekönig Ernst Litfaß Der Mann mit den 50.000 Denkmälern

Ernst Litfaß, der mit den Säulen: Lizenz zum Kleben Fotos

Berlin verehrte Ernst Litfaß, vor 200 Jahren geboren, als "Säulenheiligen". Dabei ertrickste der wendige Buchdrucker sein Werbemonopol - ein Opportunist, jederzeit bereit, die Mächtigen zu umschmeicheln. Von

Die Feinde, das waren die Zettel. In der Nacht rückte eine kleine Armee gegen sie aus. 400 Männer zogen mit einem seltsamen Auftrag durch Berlin: Bis zum Morgengrauen des 1. Juli 1855 sollten sie alle wild an Hauswände, Torbögen und Bäume gehefteten Aushänge entfernen.

Durch diese kleine Kulturrevolution stieg der umtriebige Buchdrucker Ernst Litfaß zum deutschen Reklamekönig auf. In Ahnung seines kommenden Ruhms ließ er sich gleich fürstlich feiern: Am Morgen bejubelte ein Musikkorps den Unternehmer vor seinem Haus, abends führte Berlins beliebtester Schlagerkomponist Adalbert Keler eine eigens komponierte "Ernst-Litfaß-Annoncir-Polka" auf.

Litfaß hatte sich ein Monopol gesichert: Fortan durften in Berlin Aushänge, Ankündigungen und Plakate allein an 100 von ihm errichteten Zementsäulen sowie an 50 bestehenden, aber neu mit Holz ummantelten Brunnen angebracht werden - gegen Geld natürlich. So hatte er es mit dem autokratischen Berliner Polizeipräsidenten Karl Ludwig Friedrich Hinckeldey trickreich vereinbart. Litfaß wurde damit steinreich, Hinckeldey konnte die Bürger besser überwachen: Schließlich hatten Aushänge und Flugblätter in der Revolution 1848 eine wichtige Rolle gespielt.

Architektonische "Mißschöpfungen"

"Größte Ordnung", "Pünktlichkeit" und Verlässlichkeit in der Werbung versprach Litfaß mit seinen dunkelgrünen Säulen, gekrönt mit einem Palmettenfries, mit blattartigen Verzierungen. Seine Gegner warfen ihm in der Presse vor, Berlin mit "plumpen Mißschöpfungen" zu verschandeln und die "unbeschränkte Freiheit" der Meinungsäußerung zu beerdigen: Seit 1848 hasse der Obrigkeitsstaat alle Zettelkleber als "Aufwiegler", mit den Säulen habe die Polizei nun alles "hübsch unter Kontrolle".

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Frühe Werbung: Im Westen was Neues
Mit den Reklamesäulen begann in Deutschland das Plakat-Zeitalter. Ihr Erfinder aber, vor 200 Jahren geboren, ist längst in Vergessenheit geraten. Man muss sich den Mann, dessen Name heute mehr als 50.000 Säulen tragen, als begnadeten Opportunisten vorstellen. Er täuschte die Politik mit falschen Versprechungen, organisierte in der Pose des Wohltäters rauschende Bälle und ließ keine Chance verstreichen, die preußischen Herrscher als "Gottgesalbte" zu umschmeicheln. Das alles für einen ehrgeizigen Traum: aus dem Bürgertum aufzusteigen.

Dabei war Ernst Litfaß in jungen Jahren alles andere als ein angepasster Emporkömmling. Auf eine Karriere in der Buchdruckerei seiner Familie hatte er keine Lust und wollte lieber Schauspieler werden. Als er das seinem strengen Stiefvater sagte, kam es zum Eklat.

Vom Lebemann zum Geschäftsmann

Einen "wahnsinnigen Streich" habe "der Alte" diesen Plan genannt, heißt es in einem anonymen Text, den wohl Litfaß verfasst hat. Er brannte durch, nannte sich fortan "Flodoardo" und trat bald in populären Singspielen wie "Das Fest der Handwerker" auf, wie Wilfried F. Schoeller in seiner Litfaß-Biografie schreibt. Angeblich ernte Flodoardo "großen Beifall" und eroberte die "Liebe mancher schönen Brandenburgerin". Er sei eben wie gemacht für die Bühne, schrieb Litfaß über Litfaß in der dritten Person: "Eine schlanke, hübsche Figur, ein blühendes Äußeres und ein tönendes Organ kamen ihm trefflich zu statten."

Zwei Jahre lang tingelte er von Auftritt zu Auftritt, versackte in Weinstuben und Austernbars, bis er dienstbeflissen nach Berlin zurückkehrte: Es galt, den Militärdienst zu regeln. Schon bald heiratete Litfaß eine Gastwirtstochter. Auf einmal konnte der einstige Lebemann sich nichts Besseres vorstellen, als in der Druckerei seines Stiefvaters zu arbeiten, die er 1845 übernahm.

Nach dem radikalen Wandel zeigte er Talent als Geschäftsmann: Früh setzte Litfaß auf eine moderne Schnellpresse und konnte so eine Sammlung "ernster und heiterer Dichtungen" in hoher Auflage von fast 80.000 drucken. Dabei setzte er allein auf Massengeschmack - und verzichtete auf Urheberrechte und Honorare.

Früh versuchte Litfaß zudem, den preußischen Hof zu beeindrucken. König Friedrich Wilhelm IV. schlug er 1845 vor, ein Verzeichnis aller Grabinschriften auf den 26 Berliner Friedhöfen zu erstellen. Die Idee sei ihm gekommen, nachdem er sich von einer "lebensgefährlichen Krankheit" habe retten können - was wohl erfunden sein dürfte. Als der König keinen Zuschuss gewährte, erlosch Litfaß' Interesse am Seelenheil der Toten schlagartig.

In der Märzrevolution von 1848 geriet der König in Bedrängnis. Zehntausende erhoben sich für Demokratie und die nationale Einheit. Litfaß, bis dahin nicht als Aufrührer aufgefallen, wurde plötzlich zu einem ihrer Sprachrohre. Er druckte wütende Flugblätter und die Satirezeitschrift "Berliner Krakehler", eines der wichtigsten Blätter der Bewegung. Vermutlich schrieb er selbst für den "Krakehler", blieb aber lieber anonym. Zur Sicherheit druckte er zwischendurch ein Loblied auf die Zensur - und spürte, wann er die Seiten wechseln musste.

Vermeintlicher Wohltäter, jederzeit wendig

So schlug er im April 1848 der Polizei schriftlich vor, es wäre doch "beruhigender", eine Zensur für Aushänge wieder einzuführen. Die Doppelstrategie zahlte sich aus. Der "Berliner Krakehler" wurde zwar verboten, Litfaß' Druckerei aber nie geschlossen. Er mag ein Anhänger der Revolution gewesen sein - wichtiger war ihm das Geschäft. Ohne diese Wendigkeit wäre auch seine berühmteste Erfindung kein Erfolg geworden.

Ganz neu war die Idee zu einer Werbesäule nicht. In England etwa gab es bereits achteckige Säulen für Ankündigungen, von innen wie eine Laterne beleuchtbar, von Pferdekutschen durch die Stadt gezogen. Berichte darüber dürfte Litfaß gekannt haben. Neu war die Vehemenz, mit der er auf den Markt drängte.

Mit Polizeipräsident Hinckeldey schloss er Ende 1854 einen Vertrag und verpflichtete sich, als Gegenleistung für sein Monopol 30 öffentliche, ebenfalls säulenförmige Pissoirs aufzustellen. Berlin feierte ihn schon als Wohltäter, schließlich stank die Stadt wie eine Kloake.

Doch im Abschlussvertrag war von den Toiletten keine Rede mehr. Am Ende erhielt Litfaß für Jahrzehnte seine einträgliche Einnahmequelle, ohne je ein Pissoir aufstellen zu müssen. Der Berliner Magistrat tobte und klagte jahrelang erfolglos. Karikaturen spotteten über die leere "Litfaselei". Derweil schoben Polizeipräsident und Litfaß das Scheitern einmütig auf das Fehlen von Wasserleitungen.

Litfaß ging auf seine Weise in die Gegenoffensive. Er warb exzessiv für sich selbst, verteilte tausendfach Miniatursäulen und schickte Barden los, die seine Säulen besangen. Auch seine Mitarbeiter priesen den Chef: "Jeder Mann sieht mit Staunen, was du, o kluger Mann, erdacht."

Als "Säulenheiliger" verehrt

Dass die Berliner Litfaß fast alles verziehen und ihn bald als "Säulenheiligen" verehrten, hatte noch einen Grund: Als Preußen von 1864 bis 1871 nacheinander gegen Dänemark, Österreich und Frankreich kämpfte, waren es Litfaß' Säulen, an denen die Bürger sich versammelten und gemeinsam bangten.

Schneller als die Zeitungen versorgte der Buchdrucker die Menschen hier mit den neuesten Kriegsdepeschen. Geschickt inszenierte er sich nach den Kriegen als großer Patriot: 1000 heimkehrenden Soldaten spendierte er ein fürstliches Bankett und lockte 50.000 Zuschauer zu einer nachgestellten Seeschlacht. Seine Säulen verwandelte er zu Siegessäulen, gekrönt mit Lorbeerkränzen und Gipsbüsten des neuen deutschen Kaisers.

Trotz solcher Mühen blieb sein Traum vom sozialen Aufstieg unerfüllt. Zwar war Litfaß schon 1863 zum "Königlichen Hofbuchdrucker" ernannt worden - zum preußischen Hof aber lud man ihn nie. Adelige blieben seinen Festen fern und ließen sich höflich entschuldigen: In ihren Augen blieb Litfaß eben der einfache Drucker, der ein paar Zementsäulen aufgestellt hatte.

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Zum Autor
  • einestages-Redakteur Christoph Gunkel (Jahrgang 1977) hat Geschichte, Politik und Publizistik studiert und freut sich immer, wenn er in alten Quellen lebendige Zeitzeugen-Berichte findet. Als langjähriger Rucksackreisender hat er ein Faible für historische Reiseabenteuer und vergessene Orte. Ausbildung bei der Deutschen Journalistenschule, seit 2009 bei einestages.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Die Zeit wird kommen,
Volker franz, 11.02.2016
In der das Analoge, das Bleibende, die Digilalitaet ueberdauert.
2. So, so...
Lorenz Schumacher, 11.02.2016
ein Opportunist war er also, der Herr Litfaß. Schon schlimm, wenn man in seinem Leben den moralischen Vorstellungen eines SPON-Redakteurs 200 Jahre später nicht entsprechen konnte. Den Namen Lifaß kennt jedenfalls noch heute ein jeder, aber der Redakteur Gunkel wird ja vielleicht auch einmal als "langjähriger Rucksackreisender" unsterblich.
3. Klar war er ein Opportunist
Frank Fischell, 12.02.2016
Damals wie heute. Und daran ändert auch die Bezeichnung für die heute unbedeutenden Zementzylinder nichts. Vielleicht sollte man sie aber in Opportunistensäulen umbenennen? Dass Plakate an einer Litfaßsäule etwas Bleibendes darstellen, würde ich auch bezweifeln. Informationen auf Papier sind nicht besonders haltbar. Was wir heute noch haben ist nur ein winziger Bruchteil der Veröffentlichungen vergangener Jahrhunderte. Von den verlorenen Werken der letzten 10.000 Jahre ganz zu schweigen. Digitale Werke haben zumindest die Chance ewig erhalten zu bleiben weil sie unabhängig vom originären Träger erhalten bleiben. Ich fand den Artikel lesenswert und habe etwas über die Herkunft der Litfaßsäulen gelernt. Ich sehe keinen Grund daran herumzukritisieren.
4. Keler
subhuman, 14.02.2016
"Berlins beliebter Schlagerkomponist" steht es hier zu lesen. Dabei hätte ein kleiner Blick auf die immerhin gelegentlich gut recherchierte Wikipedia gezeigt, dass Keler sich ganze zwei Jahre in Berlin aufhielt. Wohl kaum genug Zeit, um Berlins beliebter Komponist zu werden. Warum macht man bei SPON eigentlich immer wieder so leicht vermeidbare Fehler? Weil man die Leser nicht ernst nimmt? Das zumindest ist der Eindruck, der sich aufdrängt.
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