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Ernst-Thälmann-Insel DDR unter Palmen

Ernst-Thälmann-Insel: DDR unter Palmen Fotos

Brüder, zur Sonne: 1972 widmete Fidel Castro der DDR eine Insel vor Kuba. Honeckers tropischer Außenposten wurde zum Mythos, Schlagerstars besangen seine Schönheit, dann geriet er in Vergessenheit. Bis das Kleinod 2001 wiederentdeckt wurde - als 17. deutsches Bundesland. Von

Barfuß schlenderten DDR-Schlagerstar Frank Schöbel und seine Frau Aurora Lacasa den weißen Strand der unbewohnten Palmeninsel hinab. "Die schwere Wärme und der Wind…", so begann er seinen Lobgesang auf die Schönheit des Eilands. Aurora hauchte zurück: "Die Blumen, die so leuchtend sind." Und gemeinsam: "Insel im Golf von Cazones, von Cazoooones!"

Es war der Sommer 1975, als Schöbel und Lacasa für den Dreh eines Musikvideos auf die kleine Insel südlich der Küste Kubas reisten und mit hochgeschlagenen Hosenbeinen den "Playa RDA", den "Strand der DDR" hinabspazierten. Früher hatte man die 20 Kilometer lange Tropeninsel klangvoll "Cayo Blanco del Sur", weiße Insel des Südens, genannt. Jetzt war sie die "Ernst-Thälmann-Insel" - ein Stückchen DDR, mitten in der Karibik. Irgendwie jedenfalls.

Begonnen hatte ihre Geschichte bereits am 19. Juni 1972, vor genau 40 Jahren: An jenem Tag empfing der neue SED-Generalsekretär Erich Honecker am Flughafen Berlin-Schönefeld hohen Besuch: Fidel Castro. Das Empfangskomitee sang kubanische Lieder, adrette Stewardessen überreichten dem Regierungschef Kubas Blumen und einen Berlin-Plüschbären.

Der revanchierte sich mit einem Geschenk der besonderen Art: Vor den Augen der SED-Führungsspitze holte er eine Landkarte hervor und breitete sie feierlich aus. Er zeigte auf ein winziges Eiland in der Schweinebucht und erklärte, dieses solle von nun an "Isla Ernesto Thaelmann" heißen, benannt nach dem KPD-Vorsitzenden, den Hitler im August 1944 erschießen ließ. Zur Besiegelung der symbolischen Überreichung unterzeichneten Castro und Honecker gemeinsam die Karte. Das SED-Organ "Neues Deutschland" berichtete am folgenden Tag voll Begeisterung von dem Akt der "unverbrüchlichen Freundschaft zwischen Kuba und der DDR".

Kommunistisches Denkmal mit Lacheffekt

Reine Freundschaft dürfte jedoch nicht der einzige Hintergrund des Geschenks gewesen sein: Es heißt, Honecker habe den unter US-Embargo stehenden Kubanern damals im Gegenzug sechs Prozent der DDR-Exportanteile für Weißzucker zugesprochen.

Und Castro setzte als Zeichen seiner Dankbarkeit sogar noch einen drauf: Zu Ehren des Namenspaten der Insel ließ er am "Playa RDA" noch im Sommer 1972 eine vier Meter hohe Ernst-Thälmann-Büste errichten und am 18. August im Beisein einer mit Fischerbarkassen eingeschifften DDR-Delegation einweihen. Majestätisch sollte Thälmann auf die Brandung hinausblicken - doch bei der Konstruktion hatte man den Standort bedauerlicherweise ein wenig zu nah am Wasser gewählt, so Frank Schöbel 2007 im Interview mit dem MDR: "Ich sehe noch heute, wie Ernst Thälmann da auf dieser wunderschönen Insel steht, und er kriegt immer volle Kante Wasser ins Gesicht." Er habe sich damals "totgelacht" über diese unbeabsichtigte Ironie.


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Der Traum vom DDR-Urlaubsparadies schien perfekt - und blieb doch ein Traum, wie sich der Sänger erinnert: "Wir konnten ja kaum nach Ungarn fahren. Wie sollten wir dann in die Karibik fliegen?" Und so konnte sich kaum jemand für Schöbels Lobeshymne auf die DDR-Insel begeistern: Das Lied schaffte es nie auf eine Platte. Bald schon geriet die "Insel im Golf von Cazones" wieder in Vergessenheit.

"Wir wollen unsere Insel zurück!"

Jahre zogen ins Land. Gorbatschow läutete Glasnost und Perestroika ein, die friedliche Revolution überrollte die DDR und irgendwann sangen die Scorpions "Wind of Change" vor dem Brandenburger Tor.

Erst im Jahr 2001 stolperten Redakteure des Berliner Internetmagazins "Thema1" durch Zufall wieder über die Geschichte von der Honecker-Insel vor Kuba: "Ein Leser", sagte "Thema1"-Chefredakteur Marcel Henninger im Februar 2001 der "Welt", "fand auf dem Dachboden seiner Oma einen Zeitungsausschnitt, in dem über die Insel berichtet wurde und rief uns an." Die Redakteure schlussfolgerten: Hatte die Insel damals der DDR gehört, dann musste sie mit deren Zusammenbruch doch eigentlich nun zur BRD gehören! Und so meldeten sie am 12. Februar 2001: "17. Bundesland vor Kuba - Fidel schenkte uns eine Sonneninsel!" Euphorisch verbreiteten Redaktionen von der "taz" bis zur "Bild" die frohe Kunde weiter.

Doch die Ernüchterung kam bereits am folgenden Tag: Das Auswärtige Amt kommentierte, die Umbenennung im Jahr 1972 und die Übergabe der Karte seien ein rein "symbolischer Akt" gewesen und hätten absolut "nichts mit Besitzverhältnissen zu tun". Die Isla Ernesto Thaelmann gehöre nach wie vor Kuba.

Matthias Kästner, ein Bankkaufmann aus Pirmasens, wollte sich damit nicht abfinden. Er fand: Wenn die geschichtsträchtige Insel nicht schon der BRD gehörte - dann musste man sie eben kaufen. Gemeinsam mit Freunden gründete er die "Initiative Ernst-Thälmann-Insel" und machten sich unter dem Slogan "Wir wollen unsere Insel zurück!" auf die Suche nach zahlungskräftigen Investoren. Von dem Umstand, dass Kuba in der Vergangenheit kapitalistische Invasoren eher mit Militärgewalt abgewehrt als ihnen bereitwillig Land verkauft hatte, ließen sie sich nicht beirren. Selbstbewusst erklärten sie auf ihrer Homepage: "Wenn der Preis stimmt, ist nichts unmöglich."

5 DM pro Quadratmeter Tropen-DDR

Für rund 50 DM, so das Angebot der Initiative, konnte man die Option auf etwa 10 Quadratmeter der Insel erwerben. Auf diese Weise, so ihr Plan, würde man bei Verkauf aller Optionen auf die 30 Millionen DM kommen, die ihren Berechnungen nach erforderlich waren, um Kuba das Eiland zu entlocken. Sogar "Insel-Makler" wurden angeworben, die gegen Prämien Parzellen weiterverkaufen sollten. Mitinitiator Marcel Wiesinger träumte in der "taz" schon einem Ferienparadies für Ostalgie-Jünger - inklusive täglicher Strandgymnastik mit Erich-Honecker-Animateuren.

Aber der Erfolg blieb aus: Außer den Initiatoren war niemand bereit, in den Inselkauf zu investieren, für den es keinerlei Sicherheiten gab - außer dem vagen Versprechen der Initiative, beim Scheitern des Deals die angesammelten Millionen eben irgendeiner gemeinnützigen Organisation zu spenden ("Denkbar wäre beispielsweise die Unterstützung von Straßenkindern in Lateinamerika"). Und so geriet die "Isla Ernesto Thaelmann" erneut in Vergessenheit.

Reist man heute nach Kuba, um der "Honnie-Insel", wie sie einst spöttisch in der DDR genannt wurde, einen Besuch abzustatten, so prallt man an dem Schutzwall der kubanischen Behörden ab. Ohne amtliche Erlaubnis ist niemandem ein Besuch des kleinen Eilands gestattet, das mitten in einer militärischen Sperrzone liegt. Und eine amtliche Erlaubnis wird nicht erteilt.

Wer es trotzdem unter Bestechung einheimischer Fischer mit einem gecharterten Boot dorthin schafft, entdeckt den Grund: Der Hurrikan Mitch, der 1998 über Kuba fegte, hat den steinernen Ernst Thälmann aus seinem Fundament gerissen und umgestürzt. Nun steckt der gefeierte Märtyrer buchstäblich den Kopf in den Sand.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Rüdiger May, 19.06.2012
Was viele gar nicht wissen: Ernst Thälmann war selbst auf Cuba, um sich den realen Sozialismus anzusehen. -:) Hier ist der "Beweis": http://www.youtube.com/watch?v=v_ubuCkfmus
2.
Jens Schuetz, 20.06.2012
Symbolische Schenkung? Kann mir jemand noch ein paar weitere Beispiele nennen, damit ich besser weiss was man sich drunter vorstellen soll? Entweder ich schenke etwas oder nicht. Eine Benennung der Insel nach Thaelman haette als Symbol wohl gereicht. Wozu also die symbolische Schenkung? Wie unterscheidet sich das im Detail von einer blossen Namensgebung? Waren die Gegenleistungen der DDR auch symbolisch? Danke schonmal!
3.
Juergen Trautmann, 20.06.2012
es hat nie einen "realen-sozialismus" und nie einen komunismus gegeben.es gab immer nur diktaturen mit dieser bezeichnung
4.
Siegfried Wittenburg, 20.06.2012
@ Jürgen Trautmann: Genau. Wobei auch niemand weiß, wie realer Sozialismus und Kommunismus aussehen soll, und wenn doch, ob sich nicht dagegen eine Opposisition formiert und andere Vorstellungen entwickelt...
5.
Volker Altmann, 20.06.2012
Realen Sozialismus oder Kommunismus mag es ebenso wenig geben, wie die reale soziale Marktwirtschaft. Ein wenig Häme kann ja manchmal nichts schaden, allerdings übertreibt man es mit diesem Bericht wieder einmal. Man nenne mir ein militärisches Sperrgebiet irgendwo auf der Welt, in dem Touristen Zutritt haben. Die Erklärung für das Verbot, man wolle nicht das umgestürzte Denkmal offenbaren, ist geradezu lächerlich. Und der Herr Schöbel - für den Sangesauftritt auf Kuba war er sich nicht zu schade. In der Nachwendezeit von sich zu geben, er habe sich "totgelacht" über die peitschende Gischt auf das Thälmann-Denkmal, zeigt ihn als Wendehals erster Güte. Wes´ Brot ich ess´, des Lied ich sing. Bitte, liebe Redaktion, bringt solche Berichte in Zukunft dort unter, wo sie hingehören: Unter Spiegel-Satire. Derlei einseitig gefärbte Meinungsmache hat mit Zeitgeschichte nur wenig zu tun.
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