Fliegerheld Ernst Udet "Ich bin nur noch ein Geist in Uniform"

Brillanter Kampf- und Kunstflieger, Frauenheld und Filmstar: Fliegen und feiern konnte Ernst Udet wie kaum ein anderer. Doch mit den Nazis paktierte der Starpilot - und stürzte sich ins Unglück.

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Ein Festessen wird serviert, Ente mit Rotkohl. Ernst Udet stimmt das nur noch trübseliger. "Gestern hat die Ente noch gelebt", sagt er zu Inge Bleyle, seiner großen Liebe. "So geht es vielen. Heute leben sie noch. Morgen sind sie tot." Ein paar Minuten zuvor war er noch direkter gewesen: "Ich muss es dir sagen. Morgen bist du eine Witwe." Danach brach er in Tränen aus.

Am nächsten Tag, dem 17. November 1941, ist Ernst Udet tatsächlich tot. Frei und ungebunden wollte er immer sein, der Fliegerheld aus dem Ersten Weltkrieg, der stets gut gelaunte Spaßmacher, Kunstflieger, Frauenheld, Partymacher und Filmstar der Zwischenkriegszeit. Doch dann ließ Hermann Göring ihn im Reichsluftfahrtministerium kometenhaft bis zum Technischen Leiter der NS-Luftwaffe aufsteigen.

Udet war dafür der absolut falsche Mann, überfordert von der Ministerialbürokratie und absurd unrealistischen Rüstungsvorgaben, zermürbt von Intrigen seiner Gegner und enttäuscht von der Verlogenheit Görings, der ihn am Ende zum Schuldigen für das Desaster der Luftwaffe machen würde. Freunden hatte Udet schon Jahre zuvor gesagt: "Als ich die Uniform wieder anzog, habe ich mir eine Schlinge um den Hals gelegt."

Der Flieger Ernst Udet ist Hunderten Feinden am Himmel entkommen und schoss 62 Flugzeuge im Ersten Weltkrieg ab. Er hat unzählige Notlandungen überstanden, war tagelang verschollen in der Einöde des Sudan, flog spektakulär über eisbedeckte Gipfel und überlebte als Kunstflieger die waghalsigsten Stunts. Er trank Kognak im Cockpit, ignorierte permanent Sicherheitsvorschriften - und doch kehrte er immer zurück. Bis er seinen eigenen Abgang inszenierte, so wild wie sein Leben.

"Eiserner, du hast mich verlassen!"

Die letzten Stunden hat Udet-Biograf Armand van Ishoven später anhand von Zeitzeugen-Interviews nachgezeichnet: Noch einmal versucht Inge Bleyle, ihren lebensmüden Partner abzulenken, besucht mit ihm enge Freunde, doch auch dort ist Udet von der Rolle. "Morgen werdet ihr den Onkel nicht mehr sehen", singt er den Kindern morbide vor. Er kippt weiter Kognak um Kognak, bringt seine verzweifelte Freundin nach Hause - und zieht weiter auf seiner Abschiedstour.

Erst besucht er die Flugzeughalle in Berlin-Tempelhof und setzt sich mit einem Techniker und einem Gläschen in seine Lieblingsmaschine, eine rote Siebel Fh 104. Danach streunt er betrunken durch Berlin und kehrt frühmorgens zurück in seine ungeliebte Villa in Grunewald, die ihm einst Göring aufgezwungen hatte, weil er glaubte, ihn dort besser kontrollieren zu können als in seiner Junggesellenwohnung.

Udet streift einen Bademantel über, rot wie sein Lieblingsflugzeug, nimmt einen mexikanischen Colt aus seinem Waffenschrank und schmiert mit roter Kreide an seine Schlafzimmerwände wütende Botschaften wie diese: "Eiserner, du hast mich verlassen!" Mit "Eiserner" ist Göring gemeint.

Um neun Uhr morgens ruft er seine Freundin an und sagt: "Niemanden habe ich mehr geliebt als dich." Sekundenbruchteile später hört Inge Bleyle einen Schuss.

Die charmante Maske des Terrorstaates

Es war der dramatische Abgang eines Mannes mit widersprüchlichem Charakter, der sich einem simplen Urteil entzieht. Udet war höchst lebenslustig und am Ende zutiefst verzweifelt. Als begabter Karikaturist hielt er seine Zeit in Hunderten witziger Zeichnungen fest.

Zugleich war er aber auch: die charmante Maske des NS-Terror-Staates. Willfährig ließ sich der eher unpolitische Flieger immer tiefer verstricken in ein verbrecherisches Regime und half ihm propagandistisch enorm mit seiner Popularität, auch im Ausland. "Hitler wird Deutschland nicht in einen Krieg führen", sagte er verharmlosend. Oder: "Es hat einige Fälle gegeben, in denen Juden schlecht behandelt wurden, aber das wird über Gebühr bewertet."

Udet wusste, dass die Nationalsozialisten seinen Namen, sein Gesicht, seinen Ruhm wollten. Doch das nahm er auf die leichte Schulter. Als Göring ihn 1935 ins Luftfahrtministerium lotste, sagte er zweifelnden Freunden: "Man muss um der Fliegerei willen auch mal mit dem Teufel paktieren. Man darf sich nur nicht von ihm fressen lassen." Naives Wunschdenken, wie er erst später spürte: "Ich bin der Luftfahrt verfallen. Ich kann da nicht mehr raus. Aber eines Tages wird uns alle der Teufel holen."

Sein enger Freund, der Dramatiker Carl Zuckmayer, nahm Udet später als Vorbild für den Helden Harras im Stück "Des Teufels General". Damit romantisierte er indirekt auch Udet zu einem schuldbewussten NS-Karrieristen, dessen Selbstmord gar ein Akt des Widerstands war. Erst 1963 räumte Zuckmayer ein, sein Werk könne als "Entschuldigung eines gewissen Mitmachertyps" missverstanden werden - und zog es zurück.

Fliegen, feiern, prassen

Leidenschaft fürs Fliegen zeigte Udet, geboren 1896, schon als Kind und bewunderte Flugpioniere wie die Brüder Wright. 1909 gründete er mit Freunden den Aero Club München. Sie trafen sich auf einem Dachboden und tüftelten an Modellflugzeugen.

Im Ersten Weltkrieg wurde der Himmel zum neuen Schlachtfeld. Fasziniert meldete sich Udet freiwillig und schoss ab 1916 mit riskanten Manövern einen Gegner nach dem anderen ab. Erfolgreicher war nur der "Rote Baron" Manfred von Richthofen, der starb jedoch in einem Luftkampf.

Deutschlands Niederlage nahm der Luftwaffe die Zukunft. Die Siegermächte zerstörten Zehntausende Flugzeuge, Udet aber ließ heimlich in einer verdunkelten Werkstatt Sportmaschinen herstellen. Als die Alliierten die Auflagen des Versailler Vertrags lockerten, scheiterte er wirtschaftlich mit seiner Udet Flugzeug GmbH und stieg 1925 aus der hochverschuldeten Firma aus.

Ernst Udet als Kunstflieger 1933 in Chicago

Planen, wirtschaften - nie seine Stärke. Udet gab das Geld mit vollen Händen aus, feierte exzessiv in der Schwabinger Bohème und machte fortan, was er am besten konnte: fliegen. Ab Mitte der Zwanzigerjahre begeisterte er als Kunstflieger die Zuschauer mit gefährlich niedrigen Loopings, nachgestellten Luftkämpfen, rasanten Sturzflügen. Mit einem Segelflugzeug schwebte er von der Zugspitze herab oder flog dicht über ein fahrendes Auto, in das sein Co-Pilot über eine Strickleiter klettern sollte.

Sein Flugtalent ermöglichte ihm Reichtum, hätte er das Geld nicht gleich wieder verprasst, auch für wechselnde Liebschaften. Allein 1925 verdiente Udet mit Kunstflügen 140.000 Reichsmark. Für Filmaufnahmen flog er nach Grönland und Tansania, wo ein Löwe einmal seine tieffliegende Maschine ansprang. Und mit Leni Riefenstahl spielte er im Kassenschlager "Die Weiße Hölle von Piz Palü" sich selbst: einen wagemutigen Retter aus der Luft.

Wie gut es Udet ging, zeigt ein Selbstporträt. Bei aufgehender Sonne startet er, um den Hals eine Flasche Kognak, darunter der Text: "Wer fliegt da so früh mit dem Morgenwind? Es ist der Udet, das fröhlich Kind."

Aufstieg und Absturz

Nach der Machtübernahme der Nazis jedoch ließ sich Udet von Göring, den er eigentlich verachtete, umgarnen. Fasziniert war er besonders von den Sturzkampffliegern. 1935 machte Göring ihn zum Inspektor der Stukas, umschmeichelte ihn 1939 mit dem pompösen Fantasietitel des "Generalluftzeugmeisters".

Da glaubte Udet noch, alles unter Kontrolle zu haben. In der Nacht zum 1. September 1939 duellierte er sich gerade angetrunken und als Indianer verkleidet mit Freunden beim Scheibenschießen, als er im Radio vom Kriegsausbruch hörte - und plötzlich bleich wurde.

Zunächst eilten die Deutschen von Sieg zu Sieg. Ihre herabstürzenden Stukas versetzten Polen und Franzosen auch dank der "Jericho-Trompete", Udets Erfindung, in Angst und Schrecken. Doch bald zeigten sich kapitale strategische Fehler: Weil Hitler einen Krieg mit England anfangs nicht in Betracht zog, hatte die Luftwaffe bei ihrer Aufrüstung einseitig auf Bomber mit nur mittlerer Reichweite gesetzt.

Als im Sommer 1940 die Luftschlacht um England begann, konnten die Bomber nicht tief vordringen, die sie begleitenden Zerstörer wie die Me 110 hatten zahlreiche technische Mängel. Udet war dafür nicht allein verantwortlich, doch er ahnte, dass Göring ihn zum Sündenbock machen würde. Udets ärgster Kritiker Erhard Milch, früherer Direktor der Lufthansa, witterte seine Chance.

Als der Luftwaffennachschub weiter chaotisch verlief, Hitler aber schon den Feldzug gegen Russland plante, brach Udet zusammen. Er trank noch mehr, nahm Aufputschmittel wie Pervitin, litt unter Ohrensausen und einem Blutsturz, Folge einer Kriegsverletzung. Einen Kuraufenthalt brach er ab, weil er fürchtete, dass sein Erzfeind Milch alles an sich reißen würde.

Angeblich heldenhaft gestorben

Zermürbt wollte Udet sich im August 1941 zurückziehen. Er sei nur noch ein "Geist in Uniform", sagte er seiner Freundin Bleyle. Doch Göring wollte ihn nicht gehen lassen: "Udet, Sie müssen durchhalten, wenigstens nach außen hin. Wenn ich Sie entlasse, kann ich es drehen wie ich will, die Feinde werden daraus ihre Schlüsse ziehen."

Der freiheitsliebende Flieger, er war nun gefesselt in einem Amt, das er mit einem Gefängnis verglich. Zeitweise verbot man ihm sogar zu fliegen. Und Göring ließ ihn bei Sitzungen auflaufen. Unzensiert zeigte die Wochenschau Udets Verfall: Papiere rutschen ihm zu Boden, er merkt es nicht einmal.

Dennoch war Göring entsetzt, als er von Udets Tod erfuhr. Und ordnete an, den Selbstmord zu vertuschen. Über die Medien ließ er mitteilen, der Fliegerheld sei heldenhaft gestorben - "bei der Erprobung einer neuen Waffe". Hitler ordnete ein Staatsbegräbnis an, auf dem Göring weinte.

Innerlich aber kochte der "Führer", der sich vier Jahre später ebenfalls mit Selbstmord der Verantwortung entziehen sollte: "Wie leicht hat er es sich gemacht!"

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Monika Sielmann, 17.11.2016
1. Kein Nazi?
Mit 18 ist man Volljährig und eine Entscheidung für eine Mitarbeit bindet. Dass manche Nazis in ihrem berufsleben mit anderen Nazis in nachvollziehbar schwierige und unfaire Situationen gerieten, ist nachvollziehbar. Hier ist Ihr Artikel informativ. Die Überschrift und der Text aber, dass Udet mit den Nazis "paktierte" vermittelt ein Bild als sei er ein außenstehendes Opfer. Der Nazionalsozialismus war die prägende Organisation der Gesellschaft und nicht Udet "paktierte", sondern als Nazi war er dabei. Dass dann personalpolitische Fehlbesetzungen und das Verantworlichmachen Dritter für Fehler an der Leitungsspitze als deutsch Sekundärtugend auch zwischen den Nazis fand, wie sie darlegen auch im Innenverhältnis stattfand statt. Das macht Ihren Artikel lesenswert und bereichernd. Dass sich die Nazis gegenseitig das Leben schwer machten, darf aber kein Verständnis auslösen, denn das Problem war das Mitmachen und Wegschauen (vgl. Niemöller). Eine Überschrift, die darstellt, dass die Nazigesellschaft auch eine unfaire Gesellschaft falscher Kameraderien und entzogenem Vertrauens war, hätte mir besser gefallen.
Gunnar Ganz, 17.11.2016
2. Udet
der von sich selbst gerne auch von 'Udlinger' sprach,war der Aufgabe nicht gewachsen.Die Sturzflugtechnik wurde von Ihm maßgeblich vorangetrieben -er hatte sich in Amerika umgesehen und kurzentschlossen sich von Hermann Göring zwei sturzflugfähige Curtiss Doppeldecker 1936 kaufen lassen .Spektakuläre Sturzflüge zeigte er mit den Maschinen auf Flugtagen....in Krakau ist ein Rumpf dieser Doppeldecker im Museum ausgestellt.Udets Schicksal war aber ,dass er ein begnadeter Flieger war,schlussendlich aber über sein Naturell stolperte.Weder war er ein steter Geist noch lag ihm die Arbeit im Luftfahrtministerium.Ich denke,er hätte es mit dem Charakterbild auch in unserer Zeit nicht leicht gehabt.Vermutlich war er auch politisch zu unbedarft,die Fliegerei und die Flieger,das war für ihn quasi seine Familie.......Danke
Gunnar Ganz, 17.11.2016
3. An Monika Sielmann Nr1
Verzeihung-das ist Unsinn.Sie argumentieren 'wie gewünscht'!Udet ,geprägt in seiner Zeit, verdiente als Weltkriegsflieger seinen Lebensunterhalt auf Flugtagen-was anderes bot sich nichts an.Die Flieger kannten sich und hielten zusammen.Göring befehligte bei Kriegsende die Jasta von Manfred von Richthofen.Udet und Göring kannten sich als Flieger.Udet der weithin bekannt war in Deutschland war gut für PR in der neuen Luftwaffe,die 1935 offiziell vorgestellt wurde/vorher gab es geheime Aufrüstung.Es ist absolut davon auszugehen,das Udet ein Freigeist war und vieles nur durch die Fliegerbrille sah-sein Verhängnis.Als er die Wahrheit erkannte,war es für ihn und denen Charakter zu spät.Ich interessiere mich seit Jahrzehnten für Luftfahrt und beziehe mein Wissen aus einer selbst aufgebauten Bibliotek!Danke
Michael Graw, 17.11.2016
4. Show-Heldenverehrung?
Wohin eine falsche Heldenverehrung führen kann, sieht man heuer in USA. Der Held der Reality-Show wird mächtigster Mann der Welt. So kann dann auch Günter Jauch Bundespräsident und Arnold Schwarzenegger Gouverneur werden. Wie wär's mit Ronaldo als EU-Ratspräsidenten? Im übrigen war Udet hauptverantwortlich für den Tod zahlreicher Stuka-Flieger, die nicht abgeschossen wurden sondern abstürzten, da die vom Kunstflieger beherrschte Sturzflugtechnik die weniger geübten Jungflieger heillos überforderte!
Gunnar Ganz, 17.11.2016
5. Einmal
möchte ich mich in die Reihe der Erbsenzähler stellen:Bild Nr5.......nicht mit den Flügelspitzen konnte er ein Taschentuch aufnehmen.....es war in Flugrichtung die linke Flügelspitze!
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