Ernst Willimowski, Pole und Deutscher Der doppelte Wunderstürmer

Es waren magische Momente: Bei der WM 1938 traf Ernst Willimowski viermal für Polen gegen Brasilien. Bald darauf spielte er für Deutschland - und trug unter Sepp Herberger das Trikot mit dem Hakenkreuz.

ullstein bild

Von Diethelm Blecking und Daniel Huhn


Die WM 1938 kannte nur den K.-o.-Modus, keine Gruppenphase. Schon die Achtelfinals verliefen extrem eng. Fünf Begegnungen gingen in die Verlängerung oder brauchten sogar Wiederholungsspiele. Besonders dramatisch: die Partie zwischen Polen und Brasilien am verregneten Abend des 5. Juni im Straßburger Stadion - so dramatisch, dass ein brasilianischer Rundfunkreporter am Mikrofon eine Herzattacke erlitten haben soll.

Hier begegneten sich auch zwei Ausnahmeathleten: der Brasilianer Leônidas da Silva, genannt "Diamante Negro", bekannt auch als "Gummi-Mann" und als angeblicher Erfinder des Fallrückziehers. Und auf der polnischen Seite Starstürmer Ernest Wilimowski, Spitzname "Ezi". Zur Halbzeit führte das hoch favorisierte Brasilien 3:1, aber dann drehte der Spieler aus Oberschlesien auf: Wilimowski schlug in der 53. und 59. Minute zu, da stand es plötzlich 3:3. In der 89. Minute glich er nach erneutem Führungstreffer der Brasilianer zum 4:4 aus.

Die Verlängerung sollte die Entscheidung bringen. Leônidas, der inzwischen barfuß durch den schlammigen Strafraum dribbelte, erhöhte binnen elf Minuten auf 6:4 für die Südamerikaner. In der 118. Minute erzielte Wilimowski sein viertes Tor und brachte die Polen noch mal auf 5:6 heran.

Es reichte nicht. Polen war raus aus dem Turnier, aber Wilimowski hatte WM-Geschichte geschrieben: vier Tore in einem WM-Spiel. Der Rekord hielt über ein halbes Jahrhundert. Auf der Tribüne in Straßburg saß damals staunend Josef "Sepp" Herberger, Reichstrainer der deutschen Nationalmannschaft. Seine großdeutsche Mannschaft blamierte sich und schied gegen die Schweiz aus.

Bewegungswunder mit sechs Zehen

Gut vier Jahre später lief Herbergers Elf erneut gegen die Schweiz auf und gewann relativ leicht mit 5:3 Toren. Abermals vierfacher Torschütze: Ernst Willimowski - diesmal in eingedeutschter Schreibweise mit doppeltem "l" und Ernst statt Ernest. Nun trug er den schwarzen Adler und das Hakenkreuz auf der Brust. Er ist der einzige Spieler, der sowohl gegen als auch für Deutschland traf. Der doppelte Nationalspieler Ernst Willimowski durchlebte eine filmreife Karriere in einer Zeit, die aus den Fugen geraten war.

Mitten im Ersten Weltkrieg, am 23. Juni 1916, wurde Ernest Wilimowski in Kattowitz geboren. Noch gehörte die schlesische Stadt zum Deutschen Kaiserreich, wurde aber schon zwei Jahre später polnisch. Die deutschsprachige Bevölkerung bildete weiterhin die Mehrheit. Wilimowskis Mutter schickte den begeisterten Straßenfußballer zur deutschen Schule und auch zum 1. FC Kattowitz, dem "deutschen" Fußballverein und Symbol des Widerstands gegen die polnische Obrigkeit.


WM 1938 in Frankreich: Der knappe Sieg Brasiliens gegen Polen


Wilimowski interessierte Politik nicht, er wollte spielen. Als der Stern des 1. FC Kattowitz sank, wechselte er folgerichtig zu Ruch Chorzów, politisch der Gegenentwurf: das Symbol der Polen in Oberschlesien und die dominierende Mannschaft mit fünf Meistertiteln in den Dreißigerjahren.

Ernest Wilimowski, das Bewegungswunder mit sechs Zehen am rechten Fuß, wurde der neue Star der Arbeitermannschaft. Die polnische Sportpresse wählt ihn bald zum wichtigsten Fußballer des Landes. Bereits mit 17 Jahren debütierte er in Polens Nationalmannschaft und traf auch beim 2:5 gegen Deutschland im September 1934 in Warschau, ausgerechnet gegen sein späteres Nationalteam.

Fritz Walter: "Für mich der größte aller Torjäger"

Nicht zuletzt wegen ihres rothaarigen Jungstars mit den Segelohren wurde die polnische Mannschaft zu einem der besten Teams Europas vor dem Zweiten Weltkrieg und schlug sogar Ungarn 4:2, mit drei Treffern aus der Torfabrik des Schlesiers. Doch die polnische Karriere des Ernest Wilimowski endet jäh, als am 1. September 1939 die Wehrmacht in Polen einrückte. Nach wenigen Tagen war Oberschlesien vollständig besetzt.

Wilimowski tauchte unter und entzog sich allen Begehrlichkeiten und Anfeindungen. Er verließ Schlesien und landete bei 1860 München. Als "Volksdeutscher" war der Fußballer inzwischen formal zur Wehrmacht eingezogen. Auch in München schoss der Schlesier unverdrossen seine Tore, gleich sieben beim 15:1 der Münchner gegen eine SS-Mannschaft aus Straßburg.

Wieder geriet Willimowski ins Blickfeld von Sepp Herberger und debütierte 1941 in der deutschen Nationalmannschaft gegen Rumänien. "Er hatte keine Nerven, war eiskalt", schrieb Mitspieler Fritz Walter in seiner Autobiografie, "für mich der größte aller Torjäger, ein Wunder im Ausnutzen von Chancen. Er erzielte mehr Tore, als er Chancen hatte."

Fritz Walter erinnert sich ebenso an den "Willimowski der dritten Halbzeit" und widmete ihm ein ganzes Kapitel unter dem Titel "Schlitzohrs lustige Streiche". Nach dem Spiel Deutschland-Schweiz 1942 gelang es den Mannschaftskameraden nur mit Mühe, den lebensfrohen Wunderstürmer zum Frühstück zu holen: "Alles Rütteln und Schütteln blieb zwecklos. Als wir ihm die Bettdecke wegzogen, sahen wir, dass er noch Hemd und Krawatte anhatte. Schlitzohr musste aus Freude über seine vier Tore einen Tropfen mehr getrunken haben, als ihm guttat!"

Bessere Torquote als Gerd Müller

Willimowski überlebte mit Glück den Krieg, aber eine Rückkehr nach Schlesien war unmöglich. Er hatte das Trikot mit dem Hakenkreuz getragen - in Polen war er fortan geächtet und wurde aus den Fußballstatistiken gestrichen. Ernst Willimowski tingelte noch ein wenig durch deutsche Vereine, zuletzt beim VfR Kaiserslautern, dem proletarischen Gegenstück zu Fritz Walters 1. FC Kaiserslautern. Für Sepp Herbergers spätere "Wunderelf" von Bern 1954 war er schon zu alt. In Kaiserslautern setzten Alkoholeskapaden schließlich seiner Karriere Mitte der Fünfzigerjahre ein Ende.

Der große Athlet, ein formidabler Entertainer, hätte in anderen Zeiten ein Vermögen verdienen können, damals wurde er vergessen. Auch der Deutsche Fußball-Bund kannte in einer Jubiläumsbroschüre zum Hundertjährigen seinen erfolgreichsten Stürmer nicht mehr - dabei hat Willimowski bis heute die beste Torquote von 13 Toren in acht Länderspielen, treffsicherer noch als Gerd Müller, der allerdings 62 Mal für Deutschland antrat.

"Ezi" starb 1997 in Karlsruhe. Seinen Grabstein schmücken bis heute die Fans seines polnischen Klubs Ruch Chorzów. Der Name des Schlesiers ist dort wieder polnisch mit nur einem "l" notiert: Wilimowski. So begleitet das Spiel mit den Identitäten den Fußballer, der in die Weltpolitik geschleudert wurde, bis zur letzten Ruhestätte.

Am 16. Juni 2016 wird in St. Denis das EM-Spiel zwischen Polen und Deutschland angepfiffen. Im deutschen Kader befindet sich der in Polen geborene Stürmer Lukas Podolski, der in Interviews gern mit den deutsch-polnischen Identitäten spielt. Eine Woche später jährt sich zum 100. Mal der Geburtstag von Ernst Willimowski. Manche nennen ihn den Ur-Podolski.

Die beiden Autoren widmen sich dem Thema ausführlich in einem Rundfunkfeature auf WDR 5 am 16. Juni 2016 in der Sendung "Neugier genügt" von 10.05 bis 12 Uhr: Ernst Willimowski - der doppelte Nationalspieler.

Zu den Autoren
  • Privat
    Diethelm Blecking ist Professor an der Albert-Ludwigs-Universität und an der ISW Business School in Freiburg. Als Sportwissenschaftler und Historiker interessiert er sich besonders für Osteuropa und historische Migrationsforschung.
  • Daniel Huhn ist Historiker und Politikwissenschaftler. Als Filmemacher und Journalist beschäftigt er sich schwerpunktmäßig mit Themen der Migrationsgeschichte.
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Gloria Victoria, 06.06.2016
1. Macht nix...
Hauptsache, er hat für Deutschland gespielt! ;-)
Dieter Ludwig, 06.06.2016
2. Ernst Willimowski
Ich bin stolz darauf, mit ihm noch in einer Mannschaft gespielt zu haben, nämlich beim FV Kehl. Ich sehe ihn immer noch vor mir, Beine nicht gerade von der Sonne verfärbt, damals vor 1960, ich ein Jungspund neben dem großen Willimowski, über den ich natürlich ziemlich viel wusste, "Schlitzohr" war er in der Nationalmannschaft genannt worden. Er war ja einer, und wir waren stolz, einen solchen Stürmer zu haben. Und ich erinnere mich noch daran, dass wir uns beide mal nachts trafen mitten in Kehl, und er sagte zu mir ziemlich alkoholisiert, er erkannte mich nicht: "Der Ludwig, der ist einer." Diese Worte habe ich nicht vergessen. Später hat meine Agentur einen Prozess verloren gegen ihn, oder besse gegen seinen Anwalt. Als Chefreporter bei der Agentur Sport-Informations-Dienst (sid) hatte ich bei der damaligen Serie unter dem Sammelbegriff "Sterne, die vom Himmel fielen...". meine Erlebnisse mit Willimowski beschrieben und sein Gastpiel beim Kehler FV. Der Wahrheitsgehalt wurde später in der Verhandlung nicht angezweifelt, docn das Gericht meinte, die Person Willimowski wäre nach einer so langen Zeitspanne nicht mehr eine Person des öffentlochen Interesses.Die Gerichtskosten beliefen sich meines Wissens auf insgesamt 1.500 DM. Dieter Ludwig
HANS APELT, 07.06.2016
3. ganz toller Bericht
dieZuschauer noch hautnah dabei und keine Bandenwerbung tolles pice of history
David Lenhart, 07.06.2016
4. an die Redaktion: Fehler im Artikel !
"...am 23. Juni 1916, wurde Ernest Wilimowski in Kattowitz geboren. Noch gehörte die schlesische Stadt zum Deutschen Kaiserreich, wurde aber schon zwei Jahre später polnisch..." // Nein, nicht "schon zwei Jahre später" (also etwa im Juni 1918!), sondern erst SECHS Jahre später, im Jahre 1922 (als Folge der Teilung Oberschlesiens nach einer Volksabstimmung vom Jahre 1921, man vergleiche etwa https://de.wikipedia.org/wiki/Katowice ). Erst als 6jähriger wurde also Ernst Willimowski polnischer Staatsbürger.
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