Erstbesteigung der Eiger-Nordwand Alptraum der Alpen

Erstbesteigung der Eiger-Nordwand: Alptraum der Alpen Fotos
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Steinschlag und Wetterstürze, Eisfelder und blanker Fels: Lange galt die Eiger-Nordwand als unbesteigbar - bis ein Team um Heinrich Harrer die Bastion aus Stein und Schnee 1938 bezwang. Viele Versuche davor endeten tödlich - und auch danach spielten sich unter dem Gipfel wahre Dramen ab. Von

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Die Alpen in den dreißiger Jahren: Beinahe alle Gipfel waren erobert, die Pfade ausgetreten, die Gebirgskette entzaubert. Nur ein Bollwerk galt damals noch als unbezwingbar: die Eiger Nordwand im Berner Oberland. Sie war die letzte große Herausforderung in den Alpen. Zu gefährlich und unberechenbar erschien die Bastion aus bröckeligem Stein, Schnee und Eis, dieses rund 1800 Meter hohe Monstrum, das immer wieder Menschenleben forderte.

Der erste ernsthafte Durchsteigungsversuch wurde 1935 unternommen. Bis zum Erfolg drei Jahre später verloren acht Menschen ihr Leben im Kampf darum den Gipfel des Eigers durch die Nordwand zu erreichen.

Die wohl dramatischste Tragödie ereignete sich 1936. Der Deutsche Andreas Hinterstoißer bewältigte als erster Bergsteiger eine sehr schwierige Stelle im unteren Drittel der Wand. Dort galt es einige Meter auf blankem Fels zurückzulegen. Doch mit der damaligen Ausrüstung konnte man keinen Halt finden. Auf seinem Weg schlug er Haken in den Stein und befestigte ein Seil daran. An diesem konnten sich sein Kamerad Toni Kurz und die nachfolgenden Bergsteiger Edi Rainer und Willi Angerer sichern. So passierten sie diese Schlüsselstelle. Danach zog Hinterstoißer das Quergangsseil ab und die vier kletterten weiter. Zwei Tage später mussten sie jedoch den Rückzug antreten, weil Angerer durch einen plötzlichen Steinschlag schwer verletzt worden war.

Ein folgenschwerer Fehler

Sie erreichten den Quergang - und ihnen wurde ein folgenschwerer Fehler bewusst. Das Seil war weg, der inzwischen vereisten Quergang damit unpassierbar. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als im Schneesturm senkrecht abzusteigen. Das Verhängnis nahm seinen Lauf: Hinterstoißer und Angerer stürzten ab. Rainer, der Seilpartner von Angerer, wurde durch dessen Sturz brutal an die Wand gerissen und starb qualvoll. Nur Kurz lebte noch, baumelnd an einem Hanfseil.

Verzweifelt versuchte er, bis zu einem Stollenloch der Eiger-Bergbahn, die in einem Tunnel durch die Nordwand verläuft, zu gelangen. Dort warteten bereits Bergretter, die das Unglück zufällig bemerkt hatten. Um zu dem rettenden Stollen zu gelangen, hatte Kurz zwei Seile miteinander verbunden. Doch dann verklemmte sich der Knoten in einem Karabiner. Mit einem gefrorenen linken Arm und letzter Kraft versuchte Kurz den Knoten durch den Karabiner zu zwängen. Doch nach Stunden in der Eiseskälte hörten die Retter bald nur noch ein erschöpftes: "Ich kann nicht mehr." Dann fiel Kurz nach vorn und starb - nur wenige Meter über ihren Köpfen.

Doch trotz dieses Unglücks verlor der Berg nichts von seiner geradezu magischen Anziehungskraft. Bereits 1937 zeigten Wiggerl Vörg und Matthias Rebitsch, der als einer der talentiertesten Bergsteiger seiner Zeit galt, dass ein Durchstieg der Nordwand doch möglich sein könnte. Sie schafften etwa zwei Drittel des Weges, kamen so weit wie keine andere Seilschaft zuvor. Doch wegen schlechten Wetters mussten sie nach zwei entbehrungsreichen Tagen den Rückzug antreten. Nach rund hundert Stunden kehrten sie unversehrt zu ihrem Zelt am Fuß der Wand zurück. Ohne den Wetterumschwung hätten sie die Nordwand wohl bezwungen.

Gefahr droht von der "Weißen Spinne"

Doch das war anderen vorbehalten. Am 24. Juli 1938 schrieben die deutschen Bergsteiger Andreas "Anderl" Heckmair und Ludwig "Wiggerl" Vörg sowie die Österreicher Fritz Kasparek und Heinrich Harrer Alpin-Geschichte. Nach tagelangem Kampf erreichten die vier den Eiger-Gipfel erstmals über die berüchtigte Route.

Aus den Fehlentscheidungen der Vergangenheit und den Erfahrungen der Überlebenden hatten die Seilschaften Heckmair-Vörg und Kasparek-Harrer gelernt. Beschwerlich war der Weg dennoch. Mehrfach stürzten die Bergsteiger und wurden nur durch die in den Fels geschlagenen Haken und ihre Hanfseile gehalten. Auch Steinschlag und Lawinen hemmten das Vorankommen. Beinahe wären das Quartett durch eine schwere Lawine in der "Weißen Spinne" aus der Wand gefegt worden. In dem letzten von vier gefährlichen Eisfeldern auf dem Weg zum Gipfel befinden sich mehrere Rinnen, die durchs Fernglas betrachtet wie die Beine einer Spinne aussehen. Durch diese Rinnen schießen fast pausenlos Geröll-, Eis- und Schneelawinen.

Heckmair führte die Seilschaft durch das letzte Drittel der Wand. "Er war der kompletteste Bergsteiger in der Seilschaft. Außerdem war sein Trainingszustand herausragend", sagt Uli Aufferman, ein Freund von Anderl Heckmair und Verwalter des Heckmair-Archivs. Nach tagelangem Kampf war es schließlich am 24. Juli geschafft, die Nordwand war überwunden. Gegen 15:30 Uhr standen Heckmair, Vörg, Kasparek und Harrer auf dem Gipfel, schüttelten sich die aufgeschürften Hände und stiegen über die weit weniger beschwerliche Westseite des Eiger ab.

Sonne im Tal, Schneesturm auf dem Berg

"Auch heute ist die Durchsteigung der Eiger-Nordwand nicht alltäglich", sagt Hansueli Klossner, Bergführer aus Grindelwald, dem Ort am Fuße des Eigers. "Dabei ist die Schwierigkeit nicht die Kletterei an sich, denn die ist nicht sonderlich schwer und übersteigt nicht den fünften Grad." Bergsteigerlegende Reinhold Messner verdeutlichte die Skala der Schwierigkeitsgrade beim Klettern einmal so: Eine Eins ist das Begehen einer steilen Treppe, eine Zehn das Klettern an einer Raufasertapete. Der fünfte Grad liegt also irgendwo dazwischen. Durchschnittlich talentierte Anfänger brauchen ungefähr ein halbes Jahr Training, um solche Routen klettern zu können.

Allerdings bewältigt man auf solchen Trainingsparcours eher zehn als 1800 Meter Höhenunterschied. Und die Kletterpartien finden meist in einer Halle statt, wo man weder mit dem ständigen Eis- und Steinschlag noch mit rasch wechselnder Witterung zu kämpfen hat. Wegen ihrer Form und Nordausrichtung hat die Eiger-Nordwand sogar ihr eigenes Klima: Während im Tal die Sonne scheint, kann oben in den Felsen ein Schneesturm toben. Gegen solche Gefahren schützen auch moderne Ausrüstung und Funktionsbekleidung nur bedingt.

Dennoch erreichen heute jedes Jahr im Schnitt rund 115 Alpinisten über die Nordwand den Gipfel des Eigers. Im gleichen Zeitraum müssen allerdings auch zehn bis 15 Kletterer von der Bergrettung oder per Hubschrauber aus dem gigantischen Felslabyrinth gerettet werden. Seit 1938 sind mehr als 60 Menschen in der Eiger-Nordwand tödlich verunglückt. Noch mal so viele haben zwar den Gipfel erreicht, kamen aber wegen Erschöpfung und mangelnder Vorsicht beim Abstieg ums Leben.

Die Nordwand in 2 Stunden, 47 Minuten

Nach wie vor benötigen Bergsteiger heute durchschnittlich zwei volle Tage für die Durchsteigung der Nordwand. Seit der Erstbegehung gab es jedoch immer wieder Alpinisten, die sehr viel schneller auf der sogenannten Heckmair-Route unterwegs waren. Am 13. Februar 2008 wurde der bislang erstaunlichste Rekord aufgestellt. Der berüchtigte Schweizer Extrem-Bergsteiger Ueli Steck sprintete die rund 1800 nahezu senkrechten Meter in unglaublichen 2 Stunden und 47 Minuten hinauf.

Überraschenderweise übrigens ist die Wand im Winter deutlich sicherer als während der Sommermonate, da durch die tieferen Temperaturen weniger Eis schmilzt. Und das bedeutet gleichzeitig weniger Steinschlag, denn das Geröll wird durchs Eis festgehalten.

Dies jedoch scheint sich gerade zu ändern. Durch die Klimaveränderung schmelzen die Eisfelder in den Alpen immer stärker ab - auch am Eiger. Dies erhöht die Gefahr von Steinschlag und macht Kletterrouten zum Teil schwieriger, weil zum einen der plötzlich freigelegte Fels über Jahrhunderte vom Eis regelrecht poliert wurde. Und auf dem blanken Gestein finden Bergsteiger nur wenig Halt. Zum anderen geht dem Eiger-Massiv mit dem Eis sozusagen der Zement verloren, der die riesigen Felsbrocken verbindet und den ganzen Berg zusammenhält. Immer wieder ist es dadurch in den letzten Jahren zu spektakulären Felsstürzen gekommen. Und das ist ein viel größeres Problems, als eine noch nie durchstiegene Wand.

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1.
KD Bätz, 30.05.2008
Die Herrschaften auf Bild 6 fahren keineswegs mit der "Jungfraubahn von der Kleinen Scheidegg nach Grindelwald, sondern allenfalls mit der Wengernalpbahn. Die Jungfraubahn führt - übrigens quer durch die Eiger-Nordwand mit einem Aussichtsbahnhof mittendrin, wo man aus der Nrodwand in die Gegend schauen kann - auf Europas höchsten Bahnhof: Jungfraujoch. Die Wengernalpbahn verbindet die Kleine Scheidegg auf der einen Seite mit Grindelwals und auf der anderen mit Lauterbrunnen. Die letztgenannten beiden Orte bieten dann Anschluss mit der Berner Oberland-Bahn zum Bahnhof Interlaken-Ost. Die Rundreise Interlaken-Ost-Grindelwald-Kleine Scheidegg-Jungfraujoch-Kleine Scheidegg-Lauterbrunnen-Interlaken-Ost (oder umgekehrt) gehört zu den schönsten Bahn-Erlebnissen überhaupt.
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