Im Ballon über den Atlantik Der Höhenfluch

Im Ballon über den Atlantik: Der Höhenfluch Fotos
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Viel heiße Luft und ein bisschen Wahnsinn: Seit den Fünfzigern wetteiferten waghalsige Abenteurer um den ersten Ballonflug über den Atlantik. Viele bezahlten den gefährlichen Traum mit dem Leben, bis drei US-Amerikanern schließlich das Wunder gelang - mit Glück und beheizbaren Socken. Von Sarah Levy

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Die drei Männer, die an diesem frühen Abend des 17. August 1978 in ihrem silber-schwarzen Heliumballon vom Himmel sinken, sehen wild aus. Ihre Bärte sprießen, die braungebrannten Gesichter strotzen vor Dreck - sechs Tage ohne Dusche haben Spuren hinterlassen. Doch die Drei grinsen triumphierend. Kaum setzt die Ballongondel auf dem Kornfeld nordwestlich von Paris auf, reißen sie ihre Schutzhelme von den Köpfen und fallen sich in die Arme. Einer von ihnen spricht in ein Funkgerät: "An alle in der Luft - Double Eagle II ist gelandet."

Als Maxie Anderson, Ben Abruzzo und Larry Newman vor Paris landen, haben die US-Amerikaner knapp 5000 Kilometer über dem Meer hinter sich. 137 Stunden dauerte die Reise, die die drei Abenteurer direkt in die Geschichtsbücher führt: Sie sind die ersten Menschen, die den Atlantik in einem Ballon überquert haben.

Ihr Triumph ist das Ende eines jahrzehntelangen Wettlaufs. Dutzende scheiterten bei dem Versuch, den Ozean mit einem Ballon zu bezwingen. Fünf Menschen kostete der Versuch der Atlantikquerung das Leben, einige von ihnen sind bis heute in den Tiefen des Meeres verschollen. Die Jagd über den Atlantik ist die Geschichte vieler dilettantischer Tüftler, gescheiterter Visionäre und geplatzter Träume - aber auch eine von viel Glück. Denn beinahe hätten nicht drei US-Abenteurer das Rennen für sich entschieden, sondern zwei Briten.

Eine Konstruktion, die es so noch nicht gegeben hat

Ein Brite ist es auch, der 1840 als erster ankündigt, mit einem Gasballon den Atlantik überqueren zu wollen. Charles Green, Sohn eines englischen Obsthändlers, ist 1821 als erster Mensch in einem mit Leuchtgas gefüllten Ballon über den Londoner St. James Park geflogen. Sein Vorhaben, den Ozean zu überfliegen, scheitert jedoch an der Finanzierung: Die Idee kommt möglichen Unterstützern zu wahnwitzig vor.

Erst 118 Jahre später machen vier Engländer den ersten Versuch einer Atlantiküberquerung. Ihr Plan ist ambitioniert, ihre Herangehensweise höchst dilettantisch. Anführer und Visionär der Gruppe ist Arnold Eiloart, ein englischer Geschäftsmann, der nach seiner ersten Ballonfahrt als Passagier erklärte: "Ich will so rasch wie möglich meinen Flugschein erwerben und dann in einer Gondel unter dem Ballon den Ozean überqueren, bevor ich so alt werde, dass ich nicht mehr schwimmen kann." Im Eiltempo macht Eiloart den Ballonführer-Flugschein.

Mit Hilfe des Schiffsbauingenieurs und Hobbyseglers Colin Mudie, einem erfahrenen Segelbootfahrer, der von der Idee, über den Atlantik zu fliegen, ebenso begeistert ist, experimentiert Eiloart an einer Ballonkonstruktion, die es so noch nicht gegeben hat: Eine mit Wasserstoffgas gefüllte Kunststoffhülle umgibt den kleinen Ballon, der den Namen "Small World" trägt und zusätzlich mit zwei Propellern ausgestattet ist, die über Fahrradpedale betrieben werden. Bei einer Notwasserung kann die Gondel der "Small World" als Rettungsboot umfunktioniert werden. Eiloarts und Mudies Plan ist es, die Windbewegung knapp über der Meeresoberfläche als Antrieb zu nutzen.

Jojo-Flug

Doch das Konzept ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Beim Start auf Teneriffa am 12. Dezember 1958 schleift die Gondel erst durch das Wasser, ein Teil der darunter baumelnden Notvorräte wird von den Wellen verschluckt. Dann reißen Aufwinde den Ballon ruckartig empor. Die nächsten vier Tage verbringen die vier unerfahrenen Ballonflieger, darunter auch Eiloarts Sohn und Mudies Ehefrau, damit, abwechselnd in die Höhe zu schießen, weil sie das Gas nicht richtig dosieren oder zuviel Ballast abwerfen. Dann wieder sinkt der Ballon sturzartig in die Tiefe, weil sich das 300 Meter lange Seil, an dem die mit Meerwasser befüllten Ballastsäcke baumeln, verknotet hat. Ein Jojo-Flug. Als der Ballon am vierten Tag erneut kurz über der Wasseroberfläche schwebt, werfen die Flug-Amateure in einem Anflug von Panik sogar das Funkgerät über Bord.

94 Stunden nach dem Start kappt Eiloard dann die Verbindungsseile zum Ballon. Die Gondel plumpst ins Meer, schwimmt als Boot weiter. Jetzt übernimmt Colin Mudie das Kommando und steuert die restlichen 2400 Kilometer mit gehissten Segeln, bis die Truppe nach drei Wochen Barbados erreicht. Es grenzt an ein Wunder, dass sie die Fahrt unbeschadet überstehen.

So viel Glück haben Malcolm Brighton und das Ehepaar Rodney und Pamela Anderson nicht. Die drei Amerikaner starten am 20. September 1970 von East Hampton im US-Bundesstaat New York in einer Rozière, einer Kombination aus einem Gasballon und einem Heißluftballon. Das Ehepaar Anderson ist jung und abenteuerlustig, Pilot Brighton reizt der Gedanke, als erster transatlantischer Ballonflieger in die Geschichte einzugehen. Ihre Träume sind schnell ausgeträumt. Nach nur 30 Stunden Flug und 2000 Kilometern gerät ihr Ballon mit dem Namen "Free Life" vor Neufundland in ein Unwetter. "Wir notwassern", meldet Brighton noch, "wir fordern den Such- und Rettungsdienst an." Es ist das letzte Lebenszeichen der dreiköpfigen Crew. Von ihren Leichen und dem Ballonwrack fehlt bis heute jede Spur.

Platzende Ballons, zerstörte Träume

Das Schicksal der drei US-Amerikaner schreckt den 48 Jahre alten Korea-Kriegsveteranen Thomas Gatch nicht. Mit einem Konstrukt aus zehn Heliumballons und einer Überdruckkammer mit dem Namen "Light Heart" will Gatch die Fehler der gescheiterten Piloten vermeiden. Er plant, auf 12.000 Metern Höhe über den Atlantik zu fliegen. Weit oben wähnt er sich vor anziehenden Gewitterwolken in Sicherheit und glaubt, sich die ostwärts ziehenden Luftströme zunutze machen zu können. 60.000 Dollar seines Vermögens steckt Gatch in das Wagnis. Am Ende bezahlt er es mit seinem Leben.

Im Februar 1974, nur ein Jahr nach dem fatalen Flug von Brighton und den Andersons, beginnt Gatch seine Reise in Harrisburg im US-Bundesstaat Pennsylvania. Noch über der amerikanischen Küste platzt einer seiner zehn Ballons. Jet-Piloten sichten Gatch über dem Atlantik, weit unter seiner ursprünglich angepeilten Flughöhe. Winde treiben ihn nach Süden ab. Als er das letzte Mal in der Nähe der Azoren gesichtet wird, tragen nur noch acht Ballons die silberne Kapsel der "Light Heart". Dann verschwindet Gatch. Trotz intensiver Suche der spanischen Luftwaffe und der amerikanischen Armee bleiben der Veteran und seine "Light Heart" bis heute verschollen.

Auch der Tod der Andersons, Malcolm Brightons und Thomas Gatchs tut der Faszination Atlantikflug keinen Abbruch. Zwischen 1973 und 1978 versuchen sich immer mehr Ballonflieger an der Herausforderung, Wind, Temperatur und Wetter über dem Ozean zu bezwingen. Sie scheitern wie ihre Vorgänger, doch dank verbesserter Ausrüstung - der amerikanische Pilot Bob Sparks fliegt mit Taucherausrüstung, Fallschirm und einer als unsinkbar geltenden Kabine - überleben alle. Karl Thomas, ein gebürtiger Deutscher, der in die USA ausgewandert ist, erlangt 1976 Berühmtheit, als er mit einem spektakulären Sprung aus mehr als 60 Meter Höhe die Gondel seines Ballons "Spirit of '76" verlässt, um auf sein Rettungsfloß zu gelangen. Nach vier Tagen ohne Nahrung fischt ihn ein russisches Containerschiff aus dem Atlantik.

Historischer Moment

Ähnlich ergeht es dem Amerikaner Edward Yost im Herbst 1976: Nachdem ihm nach 107 Stunden Fahrtzeit östlich der Azoren der Heliumvorrat ausgeht, wird er von einem Hamburger Frachter aus dem Wasser gerettet. Immerhin bricht Yost damit den Dauerflug-Rekord. So weit kommen die Briten Donald Cameron und Christopher Davey nicht. Im Juli 1978 halten sie ihre Rozière "Zanussi" 96 Stunden in der Luft - dann reißt ihr Ballon. Sie notwassern weniger als 200 Kilometer von der französischen Küste entfernt.

Nach dem knappen Scheitern wollen sich Cameron und Davey nicht geschlagen geben und planen noch im selben Jahr einen zweiten Flug. Aber nur wenige Wochen später, im August 1978, kommen ihnen die drei Amerikaner aus Albuquerque zuvor und beenden den Wettlauf über den Atlantik.

Am Abend des 17. August liegt die 34 Meter hohe Ballonhülle des "Double Eagle II" wie ein schlaffer Luftballon auf dem Kornfeld bei Miserey. Knapp 5000 Schaulustige umringen die drei glücklichen Piloten, sie alle haben die letzten Kilometer des Ballons verfolgt, um diesen historischen Moment mitzuerleben. Anderson, Abruzzo und Newman fahren noch am selben Abend nach Paris, wo sie weiter gefeiert werden. Ihren Triumph verdanken sie unter anderem einer Hightech-Ballonhülle aus Gummi und Baumwolle, einer unsinkbaren Gondel - und warmen Füßen: Die Abenteurer hatten auf ihre Rekordfahrt batteriebetriebene beheizbare Socken mitgenommen.

Tatsächlich war es für Maxie Anderson und Ben Abruzzo bereits der zweite Versuch gewesen, in einem Ballon den Atlantik zu überqueren. Ihr erster Flug elf Monate zuvor war vor Island gescheitert, als eine Eisschicht ihren Ballon "Double Eagle" überzogen und den Ballon samt Piloten in die Tiefe gerissen hatte. Erst Hubschrauber der amerikanischen Marine retteten das Piloten-Duo.

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