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23. April 2009, 19:15 Uhr

Erste deutsche Kolonie

Des Kaisers neues Reich

Von Sven Stillich

Am Anfang stand ein dreister Betrug: 1884 luchste ein Bremer Tabakhändler den Ureinwohnern ein riesiges Gebiet in Afrika ab. Schon bald wurden die "Hottentotten" aus Deutsch-Südwestafrika zur Jahrmarktsattraktion. Es war der Beginn des wilhelminischen Kolonialismus - mit all seinen Schattenseiten.

Vor der Küste feuern die Korvette "Elisabeth" und die Fregatte "Leipzig" Salutschüsse, Matrosen an Land präsentieren das Gewehr, Offiziere senken ihre Degen. Am 7. August 1884 wird in der afrikanischen Meeresbucht Angra Pequeña die Reichsflagge gehisst und "das Territorium Lüderitz unter den Schutz und die Oberherrlichkeit Seiner Majestät Kaiser Wilhelm I." gestellt. Die Nationalhymne erklingt, "Er lebe hoch!" rufen die Männer. Drei Mal preisen sie ihren Kaiser, dann gibt es die Angra Pequeña nicht mehr.

Ab jetzt heißt sie "Lüderitzbucht", und das Reich hat seine erste Kolonie: Deutsch-Südwestafrika. Bald wird ihr Gebiet eineinhalb Mal so groß sein wie das Deutsche Reich selbst - und eines ist sie schon an diesem Tag: das Ergebnis von Lug und Trug.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass der 20-jährige Heinrich Vogelsang in Afrika angekommen war, um dort Land zu finden für seinen Chef, den Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz. Land, das noch nicht von einer anderen europäischen Macht besetzt worden war, Landstriche, die reich an Bodenschätzen sein sollten, und nicht zuletzt: Land für deutsche Siedler.

Lüderitz treibt nicht nur die Gier nach Rohstoffen, er will nicht nur den Ruhm seiner Nation mehren im kolonialen Wettstreit mit Briten und Franzosen. Ihm geht es darum, ein deutsches Stück Afrika zu schaffen - als Angebot an die vielen tausend Frauen und Männer, die zu dieser Zeit im Dampfschiff das Reich verlassen, um in den Vereinigten Staaten ihr Glück zu finden.

Die Bucht der "Buschmänner"

1883 erhält der Abgesandter Vogelsang in Kapstadt einen Hinweis auf die Angra Pequeña. Er macht sich sofort auf den Weg. Viereinhalb Tage braucht er mit der Brigg "Tilly" bis zur Bucht. Am 12. April baut die Besatzung auf einer Anhöhe ein Nachtlager auf. "Dann ließen wir am Abend unseres ersten Tages auf südwestafrikanischem Boden die Becher kreisen und tranken auf das Wohl unseres Chefs und seiner Firma", schreibt Vogelsang in einem Bericht.

Er und seine Mannschaft sind indes nicht die ersten Weißen in der Bucht. Bereits im 15. Jahrhundert haben Portugiesen hier ein Kreuz aufgestellt, später kamen Missionare in die Gegend. An der nahen Walfischbucht siedelten Briten. Was für Vogelsang in Nacht seines Eintreffens aber am wichtigsten ist: Auf das Land rund um die Angra Pequeña erhebt noch keine europäische Macht Anspruch. In zeitgenössischen Darstellungen heißt es stattdessen: "Unstete Buschmänner sind die Herren des unbegehrten Feldes." Davon allerdings gibt es ziemlich viele, fast 200.000 Menschen leben in dem Gebiet, darunter 80.000 Herero und 20.000 Nama.

Einem dieser Eingeborenen, der am Strand fischte, hatte Vogelsang bereits am ersten Tag einen Brief überreicht - einen freundlichen Wunsch, sich mit Josef Frederick zu treffen, dem Häuptling des Nama-Volkes und Besitzer des Landes.

Zwölf Tage wartet Vogelsang auf eine Antwort, dann erscheint ein Nama mit einer Einladung und mit Pferden, die den Deutschen und zwei seiner Männer in einem fünfeinhalb Tage dauernden Ritt durch Wüsten und Steppen zu seinem Anführer bringen.

Mit List ans Hinterland

Vogelsang macht mit Frederick in den kommenden Monaten gleich zwei Verträge über das dem Häuptling wertlos erscheinende Land - und nimmt ihm dabei alles: Für insgesamt 600 englische Pfund in Gold und rund 250 Gewehre tritt ihm der Nama-Häuptling nicht nur den Küstenstreifen ab, sondern auch "das Hinterland bis zu einer Ausdehnung von 20 geografischen Meilen landeinwärts".

Vogelsangs Trick: Er setzt darauf, dass Frederick lediglich das englische Meilenmaß kennt. Der Unterschied zur "geografischen Meile" beträgt jedoch mehr als hundert Kilometer. "Lassen sie ihn vorläufig im Glauben, dass es 20 englische Meilen sind", schreibt Lüderitz an Vogelsang - und der hat mit seiner List Erfolg: Frederick unterzeichnet die Verträge und verliert damit fast seinen gesamten Landbesitz.

Noch ist das Gebiet in privater Hand und steht nicht unter dem Schutz des Reiches - doch den fragt der Tabakhändler nun verstärkt nach: "Da, [...] das ganze Besitztum möglichst germanisiert wird, werden [...] nur deutsche Reichsangehörige Anstellung finden und deutsche Gesetze für dieselben bindend sein", wirbt er zu Hause um Unterstützung. Für widerspenstige Eingeborene sollen "Prügelstrafen" mit der Nilpferdpeitsche und "Zwangsarbeit" gelten, Häftlinge würden in Ketten arbeiten müssen.

Unter dem Schutz des Reiches

Bismarck sieht das Vorhaben kritisch. Doch als Großbritannien droht, die Gebiete zu annektieren, gewährt er Lüderitz am 24. April 1884 Reichsschutz. Es ist der Beginn des deutschen Kolonialismus: Bald wird das Reich in weiteren Landstrichen die Flagge hissen - in Ostafrika, in Kamerun, in Togo.

In Deutsch-Südwestafrika nimmt nun eine Geschichte ihren Lauf, die bis zum Ende der Besatzung 1915 von Kriegen unter den Eingeborenenstämmen und heftigen Aufständen geprägt sein wird. Die Deutschen errichten erste "Konzentrationslager" - für gefangene Nama und Herero.

Die Eingeborenen seien "hoffnungslos für jede Kultur unzugänglich", schreiben die Einwanderer, "der in kindlicher Albernheit und blödem Stumpfsinn dahin dämmernde Neger wird durch nichts dem civilisierten Menschen näher gebracht werden können, als durch ernste Arbeit", urteilt die Kolonial-Zeitung. Im Reich werden "Hottentotten" auf Jahrmärkten und im Zirkus vorgeführt, während 1885 in Deutsch-Südwest der erste Kaiserliche Kommissar sein Amt antritt: Ernst Heinrich Göring, der Vater des späteren NS-Reichsfeldmarschalls Hermann Göring.

Im selben Jahr verlässt Adolf Lüderitz das Glück. Seine Brigg "Tilly" geht unter, beladen mit Waren und teuren landwirtschaftlichen Maschinen. Von diesem finanziellen Verlust wird sich der Kaufmann nicht mehr erholen: Im April 1885 muss er seine Kolonie verkaufen, in die er eine Million Goldmark gesteckt hatte. Sie geht an die neu gegründete Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika.

Lüderitz macht sich ein Jahr später noch einmal auf die Reise: Er will nach Diamanten suchen. Am 22. Oktober 1886 sticht er mit einem winzigen Segelboot in See - und wird nie wieder gesehen. Gerüchte machen die Runde, er sei ertrunken. Andere behaupten, der Tabakhändler sei von Eingeborenen erschlagen worden - als Vergeltung für das erlittene Unrecht. Noch heute trägt die Stadt Lüderitz in der nach ihm benannten Meeresbucht in Namibia seinen Namen.

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