Erste deutsche Kolonie Des Kaisers neues Reich

Erste deutsche Kolonie: Des Kaisers neues Reich Fotos

Am Anfang stand ein dreister Betrug: Vor 125 Jahren luchste ein Bremer Tabakhändler den Ureinwohnern ein riesiges Gebiet in Afrika ab. Schon bald wurden die "Hottentotten" aus Deutsch-Südwestafrika zur Jahrmarktsattraktion. Es war der Beginn des wilhelminischen Kolonialismus - mit all seinen Schattenseiten. Von Sven Stillich

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Vor der Küste feuern die Korvette "Elisabeth" und die Fregatte "Leipzig" Salutschüsse, Matrosen an Land präsentieren das Gewehr, Offiziere senken ihre Degen. Am 7. August 1884 wird in der afrikanischen Meeresbucht Angra Pequeña die Reichsflagge gehisst und "das Territorium Lüderitz unter den Schutz und die Oberherrlichkeit Seiner Majestät Kaiser Wilhelm I." gestellt. Die Nationalhymne erklingt, "Er lebe hoch!" rufen die Männer. Drei Mal preisen sie ihren Kaiser, dann gibt es die Angra Pequeña nicht mehr. Ab jetzt heißt sie "Lüderitzbucht", und das Reich hat seine erste Kolonie: Deutsch-Südwestafrika. Bald wird ihr Gebiet eineinhalb Mal so groß sein wie das Deutsche Reich selbst - und eines ist sie schon an diesem Tag: das Ergebnis von Lug und Trug.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass der 20-jährige Heinrich Vogelsang in Afrika angekommen war, um dort Land zu finden für seinen Chef, den Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz. Land, das noch nicht von einer anderen europäischen Macht besetzt worden war, Landstriche, die reich an Bodenschätzen sein sollten, und nicht zuletzt: Land für deutsche Siedler. Lüderitz treibt nicht nur die Gier nach Rohstoffen, er will nicht nur den Ruhm seiner Nation mehren im kolonialen Wettstreit mit Briten und Franzosen. Ihm geht es darum, ein deutsches Stück Afrika zu schaffen - als Angebot an die vielen tausend Frauen und Männer, die zu dieser Zeit im Dampfschiff das Reich verlassen, um in den Vereinigten Staaten ihr Glück zu finden.

Die Bucht der "Buschmänner"

1883 erhält der Abgesandter Vogelsang in Kapstadt einen Hinweis auf die Angra Pequeña. Er macht sich sofort auf den Weg. Viereinhalb Tage braucht er mit der Brigg "Tilly" bis zur Bucht. Am 12. April baut die Besatzung auf einer Anhöhe ein Nachtlager auf. "Dann ließen wir am Abend unseres ersten Tages auf südwestafrikanischem Boden die Becher kreisen und tranken auf das Wohl unseres Chefs und seiner Firma", schreibt Vogelsang in einem Bericht.

Er und seine Mannschaft sind indes nicht die ersten Weißen in der Bucht. Bereits im 15. Jahrhundert haben Portugiesen hier ein Kreuz aufgestellt, später kamen Missionare in die Gegend. An der nahen Walfischbucht siedelten Briten. Was für Vogelsang in Nacht seines Eintreffens aber am wichtigsten ist: Auf das Land rund um die Angra Pequeña erhebt noch keine europäische Macht Anspruch. In zeitgenössischen Darstellungen heißt es stattdessen: "Unstete Buschmänner sind die Herren des unbegehrten Feldes." Davon allerdings gibt es ziemlich viele, fast 200.000 Menschen leben in dem Gebiet, darunter 80.000 Herero und 20.000 Nama.

Einem dieser Eingeborenen, der am Strand fischte, hatte Vogelsang bereits am ersten Tag einen Brief überreicht - einen freundlichen Wunsch, sich mit Josef Frederick zu treffen, dem Häuptling des Nama-Volkes und Besitzer des Landes.

Mit List ans Hinterland

Zwölf Tage wartet Vogelsang auf eine Antwort, dann erscheint ein Nama mit einer Einladung und mit Pferden, die den Deutschen und zwei seiner Männer in einem fünfeinhalb Tage dauernden Ritt durch Wüsten und Steppen zu seinem Anführer bringen.

Vogelsang macht mit Frederick in den kommenden Monaten gleich zwei Verträge über das dem Häuptling wertlos erscheinende Land - und nimmt ihm dabei alles: Für insgesamt 600 englische Pfund in Gold und rund 250 Gewehre tritt ihm der Nama-Häuptling nicht nur den Küstenstreifen ab, sondern auch "das Hinterland bis zu einer Ausdehnung von 20 geografischen Meilen landeinwärts".

Vogelsangs Trick: Er setzt darauf, dass Frederick lediglich das englische Meilenmaß kennt. Der Unterschied zur "geografischen Meile" beträgt jedoch mehr als hundert Kilometer. "Lassen sie ihn vorläufig im Glauben, dass es 20 englische Meilen sind", schreibt Lüderitz an Vogelsang - und der hat mit seiner List Erfolg: Frederick unterzeichnet die Verträge und verliert damit fast seinen gesamten Landbesitz.

Unter dem Schutz des Reiches

Noch ist das Gebiet in privater Hand und steht nicht unter dem Schutz des Reiches - doch den fragt der Tabakhändler nun verstärkt nach: "Da, [...] das ganze Besitztum möglichst germanisiert wird, werden [...] nur deutsche Reichsangehörige Anstellung finden und deutsche Gesetze für dieselben bindend sein", wirbt er zu Hause um Unterstützung. Für widerspenstige Eingeborene sollen "Prügelstrafen" mit der Nilpferdpeitsche und "Zwangsarbeit" gelten, Häftlinge würden in Ketten arbeiten müssen. Bismarck sieht das Vorhaben kritisch. Doch als Großbritannien droht, die Gebiete zu annektieren, gewährt er Lüderitz am 24. April 1884 Reichsschutz. Es ist der Beginn des deutschen Kolonialismus: Bald wird das Reich in weiteren Landstrichen die Flagge hissen - in Ostafrika, in Kamerun, in Togo.

In Deutsch-Südwestafrika nimmt nun eine Geschichte ihren Lauf, die bis zum Ende der Besatzung 1915 von Kriegen unter den Eingeborenenstämmen und heftigen Aufständen geprägt sein wird. Die Deutschen errichten erste "Konzentrationslager" - für gefangene Nama und Herero. Die Eingeborenen seien "hoffnungslos für jede Kultur unzugänglich", schreiben die Einwanderer, "der in kindlicher Albernheit und blödem Stumpfsinn dahin dämmernde Neger wird durch nichts dem civilisierten Menschen näher gebracht werden können, als durch ernste Arbeit", urteilt die Kolonial-Zeitung. Im Reich werden "Hottentotten" auf Jahrmärkten und im Zirkus vorgeführt, während 1885 in Deutsch-Südwest der erste Kaiserliche Kommissar sein Amt antritt: Ernst Heinrich Göring, der Vater des späteren NS-Reichsfeldmarschalls Hermann Göring.

Im selben Jahr verlässt Adolf Lüderitz das Glück. Seine Brigg "Tilly" geht unter, beladen mit Waren und teuren landwirtschaftlichen Maschinen. Von diesem finanziellen Verlust wird sich der Kaufmann nicht mehr erholen: Im April 1885 muss er seine Kolonie verkaufen, in die er eine Million Goldmark gesteckt hatte. Sie geht an die neu gegründete Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika.

Lüderitz macht sich ein Jahr später noch einmal auf die Reise: Er will nach Diamanten suchen. Am 22. Oktober 1886 sticht er mit einem winzigen Segelboot in See - und wird nie wieder gesehen. Gerüchte machen die Runde, er sei ertrunken. Andere behaupten, der Tabakhändler sei von Eingeborenen erschlagen worden - als Vergeltung für das erlittene Unrecht. Noch heute trägt die Stadt Lüderitz in der nach ihm benannten Meeresbucht in Namibia seinen Namen.

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1.
Ralph Biewer, 24.04.2009
Deutsche Kolonialgeschichte - vielen leider unbekannt, deshalb wäre objektive Aufklärung notwendig. Hier - das Bild des "hässlichen, betrügerischen, geldgierigen" Deutschen, die alles tun um noch "einen Platz an der Sonne" im vom Imperilaismus geprägten Europa zu bekommen. Sicherlich teilweise wahr, doch zu einseitig. Mit Genuß wird hier salopp Verbindungslinien gezogen - Konzentrationslager - Görings Vater - Sohn bekannt als Reichsjägermeister etc. - und so der Eindruck vermittelt das Üble hängt zusammen und setzte sich fort. Reißerisch aufgemacht, Krieg, Zerstörung und Hereroaufstand als einzige deutsche "Leistung" - nein danke. Wer etwas fundiertes zur Geschichte Deutsch-Südwestafrika lesen möchte empfehle ich: Udo Kaulich. Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884-1914). Eine Gesamtdarstellung. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2001 - teuer aber fundiert und mit Verstand geschrieben. RBiewer, Alzey
2.
Florian Geier, 27.04.2009
Lt. http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_G%C3%B6ring war Göring jun. in der NS-Zeit Reichsmarschall und nicht "Reichsfeldmarschall", zumal er im Ersten Weltkrieg als Flieger und nicht als Infanterist Karriere machte. Davon abgesehen, stellt sich m.E. die Frage, ob es überhaupt ein europäisches Land gibt, das eine makellose Bilanz seiner Kolonialzeit aufzuweisen hat, man denke nur an Länder wie Frankreich, Großbritannien, Belgien, Nederlande, Spanien, Portugal, Italien, Türkei oder Rußland, die allesamt Leichen im Keller haben.
3.
Jürgen Ritter, 27.04.2009
Ein Lichtblick beim Personal der deutschen Kolonialgeschichte war Hans Paasche in Deusch-Ostafrika. Siehe mein Beitrag bei einestages "Ein Offizier spricht Kisuaeli". Bemerkenswert ist auch die Periode der deutschen Kolonialherrschaft in Deutsch-Samoa, ebenfalls in meinem Beitrag bei einestages unter "Das unverdorbene Eiland" beschrieben.
4.
Helmut Kobilke, 09.02.2013
Die erste deutsche Kolonie war ja wohl Togoland (dem späteren Togo, 1899, "Musterkolonie"), wo am 05/07/1884 Gustav Nachtigall, der Generalkonsul des Deutschen Reiches und kaiserliche Konsul in Tunis, die Deutsche Reichsflagge gehisst und mit Plakko, dem Vertreter des Königs von Togo, Mlapa, den Schutzvertrag mit Togoland abgeschlossen hat. Originaltext: ?König Mlapa von Togo, geleitet von dem Wunsch, den legitimen Handel, welcher sich hauptsächlich in den Händen deutscher Kaufleute befindet, zu beschützen und den deutschen Kaufleuten volle Sicherheit des Lebens und Eigentum zu gewähren, bittet um den Schutz Seiner Majestät des Deutschen Kaisers, damit er in den Stand gesetzt werde, die Unabhängigkeit seines an der Westküste von Afrika ?sich erstreckenden Gebietes zu bewahren."
5.
Ernst Pelzing, 04.11.2013
Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts Die deutsche Kolonialgeschichte ist untrennbar mit den Brutalitäten gegenüber den Herero und Nama verbunden. Harald Welzer beschreibt in ?Klimakriege ? Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird? u. a. die Zusammenhänge zwischen Klimaveränderung und dem ?unstillbaren Hunger nach fossiler Energie in den frühindustrialisierten Ländern?. Dabei kommt dem Postschiff >Eduard Bohlen
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