Erste deutsche Urlauber auf den Kanaren Nach Las Palmas viermal umsteigen

Erste deutsche Urlauber auf den Kanaren: Nach Las Palmas viermal umsteigen Fotos
Helmar Meinel

Urlaub auf den kanarischen Inseln? Vor 50 Jahren überstiegen allein die Flugkosten das Monatsgehalt eines gutverdienenden deutschen Familienvaters. Helmar Meinel gehörte zu den Pionieren, die die "Inseln des ewigen Frühlings" erkundeten - und traf auf einen O.W. Fischer in Rotweinlaune. Von

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Im Bewusstsein des deutschen Durchschnittsurlaubers waren die Inseln vor der Westküste Marokkos 1958 noch lange nicht verankert, geschweige denn auf der Liste der beliebtesten Reiseziele. Acht von zehn Deutschen wussten laut Umfrage einer Kölner Tageszeitung nicht einmal, wo die Kanaren liegen. "In der Südsee" und "vor der Kanalküste" waren die zwei extremsten Antworten.

Auf Gran Canaria gab es zu jener Zeit nur eine einzige brauchbare Unterkunft: das 1890 im Kolonialstil erbaute Hotel Santa Catalina in der Hauptstadt Las Palmas. Im Winter bevorzugtes Refugium für reiche und noch reichere Engländer, im Sommer selten voll belegt. Das Hotel besaß nicht einmal einen Zugang zum Strand. Deutsche verirrten sich damals kaum in die Nobelherberge, es sei denn beruflich, auf Dienstreise und mit entsprechendem Spesenkonto. Wie ruhig es im Sommer auf den Kanaren einmal zuging, ist heute kaum vorstellbar für die jährlich mehr als zwei Millionen Inselbesucher.

Der Bayern-"Kini" im Sand

Erst recht überstrapaziert wäre ihre Phantasie, sollten sie sich als einen der ersten Gäste den Märchenkönig Ludwig II. vorstellen. Wie der legendäre Bayernkönig ergriffen und laut deklamierend durch die grandiose Dünenlandschaft von Maspalomas stolziert. Ich habe ihn mit eigenen Augen gesehen: 1958, als der gefeierte Filmstar O. W. Fischer (1915-2004) in Rotweinlaune bei einem Picknick in seine Paraderolle schlüpfte, um die Filmcrew sowie eine Gruppe von deutschen Reiseexperten zu unterhalten.

Der Schauplatz dieser Extravorstellung war damals Wüste mit meterhohem Sand - soweit das Auge reichte. Kein Haus, geschweige denn ein Hotel, kaum Vegetation und als einziger Fixpunkt nur der alte Leuchtturm mit einer Hütte für den Wärter. Die Brandung war wild, und einheimische Begleiter warnten dringend davor, im Meer zu schwimmen. An die quirligen Badeorte Playa del Ingles und San Agustin mit den riesigen Bettenburgen dachte damals noch niemand. Selbst die Optimisten unter den örtlichen Tourismusmanagern vermochten in dieser Öde nicht von einem künftigen Besucher-Strom zu träumen - wie er sich auf Mallorca bereits abzuzeichnen begann.

Millionendieb auf Gran Canaria

O. W. Fischer hatte sich sofort in das Inselambiente verliebt und sich längst eine hübsche Finca ausgeguckt. "Otto Wilhelm" oder "Herr Hofrat", wie er sich gern ansprechen ließ, drehte zu dieser Zeit vor Ort zusammen mit Ingrid Andree, Boy Gobert, Walter Giller und anderen deutschen Schauspielern den Film "Peter Voß, der Millionendieb", sowie anschließend gleich noch die Fortsetzung "Peter Voß, der Held des Tages". Er freute sich über jedes neue Gesicht aus der Heimat. Im Hotel mischte er sich gern dazwischen, wenn wir in einer Konferenz des spanischen Touristikministeriums mit Reisefachleuten und -journalisten über die Chancen debattierten, die Insel für Urlauber zu erschließen. Wie sollte sich der normale deutsche Sonnenhungrige je einen solchen Urlaub leisten können? Und wie sollte er dort hinkommen?

Notlandung in Marokko

Schon die Anreise damals - eine Strapaze! Geschlagene 24 Stunden Quälerei: Mit dem Hubschrauber der einzigen regulären Helikopter-Linie, die jemals in Deutschland betrieben wurde, ging's von Köln nach Brüssel. Umsteigen auf Propeller bis nach Madrid. Dort in eine neue Maschine nach Casablanca mit Zwischenlandung in Tanger. Nächste Etappe Teneriffa und von dort mit einer winzigen Maschine nach Las Palmas. Der Flughafen bestand aus einer kurzen Landebahn und einer Art Kaffeeausschank mit Ticketverkauf. Unser Rückflug: Dank eines seiner Zeit recht häufigen Motorschadens mussten wir unfreiwillig in der marokkanischen Wüste notlanden. Die US-Airforce, die im Rahmen ihres Stationierungsabkommens eine Bomberbasis mit unterirdischen Hangars betrieb, nahm uns freundlicherweise auf.

Niemand hätte es damals für möglich gehalten, dass einmal Touristen von allen deutschen Flughäfen aus in drei, vier Stunden die Inseln erreichen könnten. Auch die Vorstellungen, was ein Urlaub auf den Inseln kosten solle, klafften damals weit auseinander. Die Spanier schafften es dennoch rasch, die kanarischen Inseln für den Massentourismus zu erschließen. Ein erheblicher Teil des Staatshaushalts wurde in die Infrastruktur, besonders die Flugverbindungen, investiert, was zu einem unglaublichen Aufschwung führte. Wenn es ein ähnliches Phänomen wie das deutsche Wirtschaftswunder gab, dann dort auf den kanarischen Inseln!

Der Emil mit dem Käsemesser

Damals, am gemeinsamen Frühstückstisch im Hotel Santa Catalina mit einer Fülle exotischer Früchte und Speisen schien O. W. Fischer der einzige zu sein, der sich eine solche Blüte für die Inseln vorstellen konnte. Mal im eleganten weißen Morgenmantel, mal keck mit dem Tropenhelm aus seiner Rolle auf dem Kopf schwadronierte er beim täglichen geselligen Höhepunkt, der "Morgenandacht", davon. Wenn er dann einen "Gusto" hatte und den Saalkellner bat "Sind's so gut und schicken's mir den Käse-Emil", war das eine applaudierte Einlage für sich. Der "Käsewart" mit seinem reich bestückten Wagen aber übertraf den Star noch, wenn er mit schauspielerischem Naturtalent die einzelnen Sorten anpries und dabei wie ein Torero mit dem Käsemesser fuchtelte.

Als der Film aus Las Palmas wenige Monate später in Köln Premiere feierte, verbeugte sich O. W. mit der ihm eigenen Wiener Grandezza artig vor dem Vorhang. Für eine Sekunde befiel mich im Zuschauerraum die Angst, er würde jetzt gleich wieder nach dem "Käse-Emil" rufen. Denn künstlerisch hatte mich der Streifen leider nicht so sehr überzeugt...

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1.
Stefan Scheuermann, 10.05.2008
Das Hotel Santa Catalina war das einzige Luxushotel, es gab jedoch noch einige wenige andere Unterkünfte, beispielsweise das Hotel Madrid, in dem in den dreissiger Jahren Francisco Franco lebte, der damals noch nicht Diktator, sondern Garnisonskommandant von Las Palmas war. In diesem alten Hotel hängt noch heute ein Foto von Gregory Peck, der 1956 Moby Dick am menschenleeren Strand von Las Palmas drehte. Damals gab es übrigens auch schon einen Flughafen auf Gran Canaria mit einem weiteren deutschen Pionier, der erste Funker hiess Müller.
2.
Ernst Pelzing, 15.01.2010
Wetterbedingter Schönwetter-Luftkissenboot-Aussetzer Auf einer Ausflugsfahrt von Santa Cruz de Tenerife nach Las Palmas de Gran Canaria im August 1984 mit dem "aerodeslizador", einer Luftkissenboot-Fähre, entand auf halber Strecke sturmbedingt bewegte See. Bei dem entstehenden Wellengang war die Betriebsfähigkeit der Fähre offensichtlich nicht mehr gegeben. Nichts ging mehr. Wir dümpelten vor uns hin. Auf besorgtes Fragen der Passagiere erfuhren wir aus berufenem Mund, dass eine bestimmte Wellenhöhe dazu führt, dass es keine tragende Luftschicht mehr unter dem Boot gibt. Also offensichtlich eine Art Schönwetter-Luftkissenboot. Wir trugen's mit Fassung.
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