Erste öffentliche Fernsehstelle 300 Mann in der guten Stube

Allein vor dem Fernseher? 1935 dachte daran kaum einer: In Deutschlands ersten Fernsehstuben drängten sich die Berliner vor winzigen Bildschirmen - und verfolgten Zaubertricks, Jonglage-Einlagen und Nazi-Propaganda.

Von Andreas Spinrath


Die Revolution ist nur wenig größer als eine Ansichtskarte. Drei Dutzend Berliner scharen sich um 18 mal 22 Zentimeter Flackern. Sie können nicht viel erkennen, das Bild ist kontrastarm, wenig ansehnlich. Aber das, was sie sehen, ist Fernsehen, live, vom Funkturm übertragen in die Fernsehstube. Ein Gemeinschaftserlebnis im Kleinformat.

Kurz zuvor, im März 1935, hatte in Berlin der erste regelmäßig ausstrahlende Fernsehsender seinen Betrieb begonnen. Jeden Abend gab es eineinhalb Stunden Programm - Deutschland war ganz vorn, sogar sieben Monate vor der BBC. Doch nur Rundfunk-Funktionäre und NS-Bonzen konnten sich überhaupt einen Fernseher leisten. Mehrere Tausend Reichsmark kostete der klobige Empfänger. Gesendet wurde für eine exklusive Zuschauerschaft. Nicht einmal 50 Fernseher sollen es gewesen sein. Die Lösung? Fernsehstuben.

Eine erste dieser Stuben eröffnete am 9. April 1935 im Berliner Reichspostmuseum. Zwei Bildschirme, Platz für 40 Personen, Eintritt kostenfrei. Das Bild war anfangs so schlecht, dass man auf den Kommentar eines Sprechers angewiesen war. Später kamen Stuben mit Platz für knapp 300 Menschen und größeren Bildschirmen dazu. Im schönsten Beamtendeutsch nannte man die durch einen zwischengeschalteten Projektor mit leinwandfüllendem Bild ausgestatteten Räume "Fernseh-Großbildstelle".

Alles mit dem einen Ziel: Die NS-Propaganda betrieb die TV-Revolution im Hinblick auf die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin. Man rühmte sich seiner Vorreiterrolle, die Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky beim Start des Senders ebenso propagandistisch wie pathetisch auf die Formel brachte, dass "der Rundfunk berufen [wird], die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen".

Für alle Herzen reichte die Infrastruktur dann aber eher nicht. Denn was konnte das Fernsehen dem Kino entgegensetzen? Schon 1927 gab es allein in Deutschland mehr als 4000 Kinosäle, der Mercedes-Palast in Berlin hatte Platz für 2000 Besucher. Der erste Sender, "Paul Nipkow", benannt nach dem Berliner Erfinder der mechanischen Bildübertragung, war nur in der Hauptstadt empfangbar, weil über UKW gesendet wurde. Selbst in seiner Hochzeit 1936 gab es nur 27 öffentliche Fernsehstuben, später wurde zumindest Hamburg an den Sendebetrieb angeschlossen.

Zaubertricks gegen Blockbuster

Was also hatte das Fernsehen, was das Kino nicht hatte? Es war wohl vor allem die Chance, unmittelbar dabei zu sein. Schon aus technischen Gründen schickte der Sender anfangs viele Liveübertragungen in die Stuben. Doch Zaubertricks und Jonglage-Einlagen im Miniformat konnten nicht gegen einen Blockbuster anstinken.

Seine wahre Stärke spielte das Fernsehen dann im Sommer 1936 aus - wie von den Propagandisten geplant: Athleten aus aller Welt kämpften im Berliner Olympiastadion um Medaillen, die "Fernsehkanonen" des Senders übertrugen die Rekordläufe von Jesse Owens in die Stuben. Das Publikum drängelte sich vor den Apparaten. Die Schnelligkeit, das Live-Gefühl, das gemeinschaftliche Erleben: Was auf der Berliner Fanmeile im WM-Sommer 2006 oder allwöchentlich während des "Tatorts" als Vorteil des Fernsehens gegenüber halblegalen Streamingsites oder dem Kinosessel gilt, es galt auch 1936. Acht Stunden täglich gab es aktuelles Bewegtbild, 160.000 Menschen sollen die Übertragungen der Spiele an den Fernsehschirmen verfolgt haben.

Öffentliche Verbrechersuche

Während des olympischen Sommers arbeiteten 14 Mitarbeiter im Sender für das Programm, so viele wie auch danach im "Dritten Reich" nicht mehr. Auch als sich die Technik immer mehr professionalisierte und man neben Livebeiträgen auch Ufa-Filme wie "Die Lokomotivenbraut" oder Verkehrserziehungsfilmchen ("Achtung, Rotes Licht") in die Stuben schickte. Am 7. November 1938 flimmerte sogar eine Art Vorläufer von "Aktenzeichen XY … ungelöst" über den Sender: Ein Taxifahrer war auf der Straße nach Schwanenwerder, damals bevorzugte Heimat der NS-Spitze, erschossen worden. Im Fernsehen zeigte man den vom Täter zurückgelassenen Mantel, die Presse trommelte, die Fernsehstuben waren voll. Trotz des arg körnigen Bildes meldete sich im Anschluss ein Zeuge.

Für die Nazi-Propaganda hatten die Fernsehstuben kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ihren Zweck erfüllt. Der Sender sollte im August 1939 geschlossen werden, wohl auch weil zu wenige Besucher der Stuben ihre Reichsmark in teure eigene Apparate investiert hatten. Gerade einmal 500 Geräte waren bis zu diesem Zeitpunkt angeschlossen - inklusive denen in den Stuben. Befürwortern gelang es jedoch, den Sender als "kriegswichtig" einzustufen. Bis Oktober 1944 sendete man weiter, vor allem um die Stimmung in der Truppe zu verbessern. Wo die Zuschauer nicht kommen konnten, machten sich die Geräte auf den Weg: Bildschirme aus Fernsehstuben wurden in Berliner Lazarette geschafft, um Verwundete zu unterhalten.

Erst nach dem Krieg begann in Deutschland die große Zeit des Fernsehens. Die Atmosphäre der dichtgedrängten Fernsehstube blieb bestehen: In den überfüllten Kneipen des Ruhrpotts, als man 1954 das "Wunder von Bern" bejubelte, in den Wohnzimmern, wo Sendungen wie "Wetten, dass..." Familien versammelten, und irgendwie auch auf den Fanmeilen der Republik, die im Juli 2014 kollektiv Mario Götzes Siegtreffer gegen Argentinien feierten. Nur die Bildschirme, die sind heute größer.



insgesamt 9 Beiträge
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Max Roos, 07.04.2015
1.
Zu Bild 11: Flachbildschirm ist nicht gleich Flachbildschirm. Die heutigen Flachbildschirme basieren auf Flüssigkristallen, welche maßgeblich von MERCK in Darmstadt entwickelt wurden. Mehr als die Hälfte der Weltproduktion für diese heutigen Flachbildschirme kommt von der (im internationalen Vergleich) "kleinen" Firma MERCK / Darmstadt . Nicht zu verwechseln mit der im 1. WK geklauten Fa. Merck/USA ! Bei denen ist das Wort "Innovation" auch heute noch ein seltenes Fremdwort :-)
Rolf Hegemann, 07.04.2015
2. Ha ha, selten so gelacht.
Nein, nicht wegen des Fernsehens, das ja damals eine Sensation war. Ich lache über den Plätzchen- Haarschnitt eines Zuschauers, der eine heute ungemein moderne Erscheinung ist. Alle möglichen Leute laufen mit solch einer "Frisur" herum und glauben, sie seien cool. Dabei trugen viele schon vor 80 Jahren so etwas. Waren nun die damaligen Frisuren mit ihren Trägern ihrer Zeit weit voraus oder sind die heutigen Nachahmer einfach nur altmodisch?
Christian Ackermann, 07.04.2015
3. @Rolf Hegemann
Ich schätze du meinst den Undercut. Es ist nicht so, dass die Leute die den heute tragen nicht wüssten, dass es das schon gegeben hat. Dass du denkst sie würden sich für besonders cool halten, scheint dran zu liegen, dass dich dieser Schnitt wohl beeindruckt. Es ist einfach nur eine Mode. Mehr nicht.
Ingo Meyer, 07.04.2015
4. Ich bin immer wieder erstaunt über die tatsächlichen ...
.. "Innovationen" in dieser Zeit. Deutschland war in fast allen Bereichen an der Spitze. Sicher ein Verdienst der Förderung der Naturwissenschaften in der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Heute wird bereits von Innovationen gesprochen, wenn jemand eine neue Zahnpaste-Tube mit Klapp- statt Schraubverschluss präsentiert!
Bodo von Bitz, 07.04.2015
5. Heinz Ehrhardt wußte schon, was er davon zu halten hatte:
Damit wir sehen, was wir hören, Erfand Herr Braun die Braunschen Röhren. Wir wär'n Herrn Braun noch mehr verbunden, Hätt' er was anderes erfunden.
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