Fotos aus der Zeit der ersten freien Volkskammerwahl Deutschland, einig D-Mark-Land

Tschüs, Ost-Mark: Am 18. März 1990 konnten die DDR-Bürger zum ersten Mal frei ihr Parlament wählen. Und machten die D-Mark zum Wahlsieger. Siegfried Wittenburg hielt den Umbruch in Bildern fest.

Siegfried Wittenburg

"Am 18. März wähle ich die CDU. Dann sollen die sehen, wie sie die Karre aus dem Dreck ziehen." Ich sah mir 1990 die beiden Werftarbeiter genauer an, die sich unterhielten und nach ihrer Frühschicht auf die S-Bahn in den Rostocker Nordwesten warteten. An diesem Tag im Jahr 1990 stand für die Menschen der DDR eine Premiere auf dem Programm. Zum ersten Mal durften sie die Abgeordneten der Volkskammer frei wählen. Die CDU trat für eine schnelle Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ein - und für eine baldige Einführung der D-Mark in Ostdeutschland.

Die zwei sahen aus wie die Millionen anderer normaler Leute in der DDR: Sie gingen mit der Brotdose unterm Arm täglich zur Schicht im volkseigenen Großbetrieb, lebten mit ihren Familien in einer der fernbeheizten Plattenbausiedlungen und erhielten pünktlich ihren Lohn in Ost-Mark.

Damit konnten sie sich allerdings kaum die Wünsche erfüllen, die sie heimlich hegten. Das Warenangebot der DDR war eine wortwörtliche "Marktlücke" und die Schattenwirtschaft blühte. Schon lange hatte sich die westdeutsche D-Mark als zweite Währung etabliert. Während die Bürgerbewegten noch für Demokratie und freie Wahlen mit Kerzen durch die Straßen zogen, kursierten die ersten Nachrichten zur Einführung der D-Mark in der DDR. Die Demonstranten riefen inzwischen: "Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, geh'n wir zu ihr!" Nur der Umtauschkurs stand noch nicht fest. Die PDS plakatierte "1:1".

Erkundungsreise in den Westen

Im Sparstrumpf zu Hause besaßen wir selbst einige verbotene "blaue Fliesen", eine Tarnbezeichnung für die D-Mark. Damit unternahm ich nach dem Mauerfall eine Reise in den Westen, um mich nach Arbeitsmöglichkeiten als Fotograf umzusehen. Denn es war abzusehen: Ost-Mark in West-Mark umzutauschen war eine Sache, die D-Mark täglich zu verdienen, eine andere.

Ein Freund der Familie arrangierte für mich einen Besuch beim Chef einer Hamburger Werbeagentur. Stolz zeigte ich meine mitgebrachten, auf internationalen Ausstellungen prämierten Fotografien. Er warf nur einen kurzen Blick drauf. "Haben Sie nichts in Farbe?" Enttäuscht packte ich sie wieder ein.

Anschließend durfte ich ein professionelles Fotostudio besuchen, wo eine Werbefotografin für Kochbücher fotografierte. Als ich fragte, welches Honorar sie erhielt, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ein Werftarbeiter in der DDR hätte von einer Tagesproduktion ein Jahr leben können. Mein Erstaunen wurde noch größer, als ich nach dem Preis für die Anschaffung eines solchen Studios fragte. "Und woher haben Sie dieses Geld?", fragte ich die junge Inhaberin. "Von meinem Vater", lautete die Antwort.

Ich reiste mit Unbehagen weiter, denn ich hatte weder einen vermögenden Vater noch kannte ich einen Auftraggeber, der mir für Fotografien so viel Honorar zahlen würde. Eine westdeutsche Firma bot mir an, für DDR-Mark im Kurs von 1:10 zu arbeiten.

Eine andere Firma nannte mir schließlich die Namen von SED-Mitgliedern in Leitungspositionen, die für eine Geschäftsanbahnung für sie nützlich wären. Dass im März 1990 eine Neuwahl der Volkskammer mit ungewissem Ausgang bevorstand, konnte sich der Geschäftsführer nicht vorstellen. Ein Verlag fragte bei mir an, ob ich Fotos für ein Buch über den Osten anfertigen könne. Doch schnell müsse es gehen. "Niemand weiß, wie es drüben aussieht", hieß es.

Achterbahnfahrt in den Kapitalismus

Mit gemischten Eindrücken und einem Stapel Visitenkarten reiste ich wieder in Richtung Heimat. Die meisten neu geknüpften Kontakte verliefen allerdings im Sande.

Am 18. März 1990 begrüßten mich schließlich bei der ersten freien Wahl zur DDR-Volkskammer fast dieselben Mitglieder der Wahlkommission wie bei den gefälschten Kommunalwahlen zehn Monate zuvor. Statt einer Einheitsliste wie sie während der SED-Diktatur üblich gewesen war, standen nun 23 Parteien auf dem Stimmzettel. Die Lösung der angestauten Probleme delegierten viele Wähler an den starken Westen und das Zauberwort hieß "DM".

Wahlsieger wurde die CDU. "Viele unserer Landsleute in der DDR werden sich auf neue und ungewohnte Lebensbedingungen einstellen müssen - und auch auf eine gewiss nicht einfache Zeit des Übergangs", sagte Helmut Kohl in seiner Fernsehansprache am 1. Juli 1990 zur versprochenen Einführung der heiß begehrten D-Mark.

Ein vollmundiges Versprechen war dies gewiss nicht, aber die deutsche Einheit war somit zumindest währungstechnisch bereits vollzogen und der Staat DDR bis zur endgültigen Vereinigung am 3. Oktober 1990 ein völkerrechtliches Unikum.

Was die Zukunft für die beiden Werftarbeiter bereithielt, die die CDU wählen wollten, ist mir nicht bekannt. Was später aus den Werften und vielen anderen zentralistisch geführten Großbetrieben wurde, als die Arbeiter ihre Löhne in D-Mark erhielten, ist hingegen bekannt. Für mich, meine Angehörigen und Freunde begann nach der Friedhofsruhe in der DDR ein Leben wie in der Achterbahn. Ich möchte es nicht missen. Aber ich möchte es auch nicht noch einmal erleben.

Zum Autor
  • Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.



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Seite 1
Hartmut Braun, 18.03.2015
1. Haben Sie nichts in Farbe?
Hier musste ich dann doch lachen. Schon damals wurde vom Agenturchef Wittenburgs Schwarz-Weiß-Malerei - äh - Fotografiererei erkannt. Man stelle sich vor: Der Hamburger Werbechef wollte Farbbilder von der DDR. Da ist Herr Wittenburg sicher sehr geschockt abgezogen. Und auf welchen "internationalen Ausstellungen" mögen so kurz nach der Wende die Fotos wohl prämiert worden sein? Ztat: "Ein Verlag fragte bei mir an, ob ich Fotos für ein Buch über den Osten anfertigen könne. Doch schnell müsse es gehen. "Niemand weiß, wie es drüben aussieht", hieß es." Huch, na so was. Ich denke man wusste sogar besser als die DDR-Bürger, wie es "drüben" aussieht. Zitat: " "Viele unserer Landsleute in der DDR werden sich auf neue und ungewohnte Lebensbedingungen einstellen müssen ...", sagte Helmut Kohl. ... Ein vollmundiges Versprechen war dies gewiss nicht". Nein, das hat er dann aber schnell nachgelegt und "blühende Landschaften" gemalt, die er "aus der Portokasse" bezahlen wollte. Die haben doch noch ein wenig länger auf sich warten lassen, und mit den Kosten hat er wohl nicht nur die DDR-Bürger "behumst". Aber wenn's dem Wahlsieg hilft ...
k geissler, 18.03.2015
2. Verschwörungstheoretiker
Darf ich bitte vorsichtig drauf hinweisen, dass Hobbyfotografen im Allgemeinen und in der DDR im Besonderen kein Farblabor zu Hause hatten. Die Tatsache, dass Herr Wittenburg nur Bilder in S/W hat, hat also mitnichten damit zu tun, dass er nicht WOLLTE, sondern dass er nicht KONNTE. Stellen Sie also bitte Ihre eigenen Farbfotos aus der Zeit ein, wenn Sie besseres Material haben.
Max Mockelbeck, 18.03.2015
3. Blaue Fliesen
nicht nur nicht verboten, sondern gern gesehen. Um an die zu kommen, betrieb der Staat die Intershops.
Hartmut Braun, 18.03.2015
4. @ k geissler #2
Zitat: "Darf ich bitte vorsichtig drauf hinweisen, dass Hobbyfotografen im Allgemeinen und in der DDR im Besonderen kein Farblabor zu Hause hatten. Die Tatsache, dass Herr Wittenburg nur Bilder in S/W hat, hat also mitnichten damit zu tun, dass er nicht WOLLTE, sondern dass er nicht KONNTE." Tut mir leid, es wieder besser zu wissen: Aber erst mal eine Frage: Sagt Ihnen ORWO etwas? Und warum muss es zu Hause sein? Nicht einmal ich hatte damals Probleme, meine Farbfilme entwickeln zu lassen. Das hätte sogar ein Herr Wittenburg geschafft. So einen Enthusiasten hätten nicht mal die für DDR-Verhältnisse unverschämten Preise davon abgehalten, zumal zwar die Prints nicht der Brüller, aber die Dia-Qualität durchaus ordentlich war. Zitat: "Stellen Sie also bitte Ihre eigenen Farbfotos aus der Zeit ein, wenn Sie besseres Material haben." Das mache ich sofort, wenn mir SpOn auch das zahlt wie Herrn Wittenburg. Nur erfüllen sie natürlich nicht den "künstlerischen Anspruch" - zumal sie DDR-Szenen in Farbe darstellen - und sind auch eher privater Natur. Ich hatte nicht den Drang, Dreckecken zu fotografieren. Aber jedem sein Pläsierchen.
Hartmut Braun, 18.03.2015
5. @ Max Mockelbeck #3
Ergänzung: Intershops ... in denen natürlich auch DDR Bürger einkaufen konnten, denn dem Staat war es egal, woher das Westgeld kam. Allerdings hatte er sich was einfallen lassen, damit die DDR-Bürger ihren monetären Schatz nicht zu Hause im Wohnzimmerschrank horteten, sondern er wollte die harte Knete sofort in die Hand bekommen. Deshalb wurde - Anfang der 80er Jahre war es glaube ich - eine "Währung" extra für Intershops und DDR-Bürger eingeführt, die sogenannten "Forum-Schecks". Das war sowas ähnliches wie "Monopoly"-Geld (nur das man dafür tatsächlich im Intershop - und nur dort - einkaufen konnte). Wollte der DDR-Bürger also etwas im Intershop kaufen, musste er zuerst die echten "harten Taler" zur Staatsbank bringen und bekam dort in gleichem "Wert" diese "Forum-Schecks". Dann wurde in den Intershop wohl der Ausweis verlangt, wo DDR-Bürger dann nur mit den "Forum-Schecks" bezahlen mussten. Das wurde allerdings mit der Zeit etwas gelockert, denn welchen Sinn macht es, jemanden wegzuschicken, der die harten Taler bringt, nur weil er vergessen hat, vorher "umzurubeln" und die nächste Bank weit weg ist.
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