Eklat bei erster Miss-Wahl in Europa "Wie wilde Bestien"

Eklat bei erster Miss-Wahl in Europa: "Wie wilde Bestien" Fotos
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Zuschauer zertrampelten Blumen und bespuckten die Siegerin: Die erste Wahl zur Miss Europa vor 125 Jahren im belgischen Kurort Spa endete im Chaos. Der Veranstalter hatte Exotik und Glamour versprochen, aber kaum hübsche Kandidatinnen gefunden - dennoch profitierte er von dem Skandal. Von Johanna Lutteroth

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Im Casino des Kurortes Spa brodelte die Stimmung. 20 junge Frauen starrten gebannt auf die Preisrichter. Wer hatte ihre Gunst gewonnen? Wer würde den Titel der schönsten Frau Europas ergattern - und das nicht unbeträchtliche Preisgeld von 5000 Francs?

Doch kaum hatte die Jury die Namen der vier Siegerinnen verlesen, brach ein heftiger Tumult aus. Die Verliererinnen sprangen von ihren Stühlen auf und pöbelten lautstark herum. "Die Szene war unglaublich", erzählte die drittplatzierte Mary Stevens wenig später Journalisten in Paris. "Als wir unsere Blumensträuße in Empfang nahmen, stürmten die Frauen wie wilde Bestien auf uns zu, rissen die Sträuße aus unseren Händen und zertrampelten sie auf dem Boden." Eine spuckte der Siegerin, Marthe Soucarèt, sogar auf das Kleid.

Es war das unwürdige Ende eines Wettbewerbs, der vor allem eines versprochen hatte: Exotik und Glamour. Lautstark hatten die Veranstalter, allen voran der Leiter des Casinos, Emile d'Hainault, weltweit die Werbetrommel für die erste Miss-Wahl auf europäischem Boden gerührt. Die hundert schönsten Frauen der Welt würden ins belgische Spa kommen, um sich der Wahl zur Schönheitskönigin zu stellen. Sie versprachen ein glänzendes Spektakel auf höchstem Niveau und lockten so Journalisten und Schaulustige aus allen Ländern nach Spa. Am Ende konnten sie keines der Versprechen halten und enttäuschten nicht nur die Teilnehmerinnen, sondern auch das Publikum.

Zu hässlich, zu alt, zu jung

Kritische Beobachter, allen voran der Enthüllungsjournalist John Stanley James, der inkognito durch die Welt reiste und das Erlebte unter dem Pseudonym "The Vagabond" in Reportagen für neuseeländische und australische Zeitungen zusammenfasste, entlarvten die Aktion schon früh als das, was sie von Anfang an war: eine PR-Kampagne für den Kurort Spa, der viel von seinem alten Glanz verloren hatte. Einst das beliebteste Reiseziel für Zaren, Könige und Kaiser drohte das belgische Wasserbad mit seinen Quellen in die zweite Liga der Kurorte abzurutschen.

Schon zuvor hatten die Stadtväter versucht, mit immer ausgefalleneren Attraktionen neue Kurgäste anzulocken und alte bei der Stange zu halten. Dafür setzten sie sogar auf den in Belgien nicht gerade heimischen Stierkampf. Die Idee für einen Schönheitswettbewerb kam aber aus den USA: Dort hatte bereits 1853 als Erster der Schausteller Phineas Barnum sein geschäftliches Glück mit der Kür der schönsten Frau gesucht, war aber damals an den moralischen Bedenken der Teilnehmerinnen und Zuschauer gescheitert. 28 Jahre später feierte schließlich Adam Forepaugh mit demselben Konzept einen riesigen Erfolg: Louise Montague gewann den Titel "Die schönste Frau Amerikas" und dazu 10.000 Dollar Preisgeld. Noch besser lief es für Forepaugh, der an der Veranstaltung das 50fache verdiente.

Einen ähnlichen Coup wollten Emile d'Hainault und seine Partner nun auch in Spa landen, und anfangs schien die Rechnung auch aufzugehen: 350 Frauen schickten ihre Fotos ein und bewarben sich für die Teilnahme. Doch der Großteil wurde von der 20-köpfigen Jury, bestehend aus d'Hainault, dem Bürgermeister von Spa und etlichen adeligen Honoratioren gleich aussortiert, weil sie zu hässlich, zu alt oder zu jung waren. Der Rest erhielt eine Einladung nach Spa.

Nur: Viele Frauen sagten noch in letzter Sekunde ab, darunter allein sieben Engländerinnen. Ein Foto einzuschicken war eine Sache, sich aber wirklich vor Ort zu präsentieren eine ganz andere. Eine Polin schrieb, sie sei schon auf dem Weg nach Spa gewesen, von ihren Eltern aber am Bahnhof abgefangen worden, die ihr die Reise untersagten.

Am Ende blieben gerade einmal 20 Frauen übrig, die meisten von ihnen Belgierinnen und Französinnen. Dazu kamen eine Russin, eine Deutsche, eine Italienerin, eine Portugiesin und eine Teilnehmerin von den Westindischen Inseln. Wirklich international war die Auswahl damit nicht - und genauso wenig glamourös. Es war die zweite Wahl, die an den Start ging.

Geschickt kaschierten die Veranstalter die peinliche Tatsache, dass sie nur eine Handvoll Schönheiten zusammen bekommen hatten. "Sie kamen mit Nachtzügen, wurden in verschlossenen Kutschen ins Hotel de L'Europe gebracht und dort in einem separaten Flügel wie in einem Harem untergebracht. Niemand durfte sie sehen. Niemand durfte mit ihnen reden", schrieb "The Vagabond" in der neuseeländischen Zeitschrift "The Star". Die Inszenierung war perfekt. Unter den Kurgästen in Spa brodelte die Gerüchteküche. Jeder wollte die Schönsten der Schönen zu Gesicht bekommen.

"Ein langes, enttäuschtes Oohh"

Als die Kandidatinnen im Casino zum ersten Mal öffentlich präsentiert wurden, platzte das Gebäude fast aus allen Fugen. "Es hat so viel Gerede und Geheimnistuerei gegeben, dass die Gesellschaft hier das Gefühl hat, es sei ihre Pflicht in Erscheinung zu treten. Und wenn es nur darum geht, beim nächsten Frühstück im Hotel mitreden zu können", ätzte "The Vagabond". Gebannt warteten die Zuschauer auf die Schönheiten, die nacheinander jeweils am Arm eines Jury-Mitglieds in den Saal geführt wurden.

Die Leute verrenkten sich erwartungsvoll die Hälse, standen auf und kletterten auf die Stühle und Bänke, um einen Blick auf die Schönheiten zu erhaschen. "Dann folgte ein langes, enttäuschtes Oohh", berichtete "The Vagabond". Doch von Exotik kaum eine Spur. "Zwanzig Frauen, mehr oder weniger hübsch, saßen im Kreis auf der Bühne während eine Band Musik spielte. Das war alles, was die Gesellschaft zu sehen bekam. Viele verließen enttäusch den Saal und fühlten sich um ihre zehn Francs Eintritt geprellt." Es gab keine nackte Haut zu sehen, keine ungewöhnlichen Kleider, keine "feinen Damen". Die Frauen präsentierten sich in ganz normalen Ballkleidern europäischer Art und wirkten alles in allem doch eher einfach.

Ähnlich wie Enthüllungsjournalist James nahm Mary Stevens das Geschehen wahr. "Wir hatten alle Ballkleider an und gingen 14 Tage lang jeden Abend ins Casino, wo wir von den Leuten angestarrt wurden." Die einzige Sensation sei die schöne Fatma gewesen, an deren Füßen stets ihre vielen angeblich jungfräulichen Begleiterinnen lagen. Die Tunesierin war mit ihrem ganzen Gefolge angereist, um sich die Krone von Spa zu holen. Als sie aber den Kreis ihrer unwürdigen Mitbewerberinnen sah, zog sie ihre Kandidatur zurück und nahm außer Konkurrenz teil. Sie war die Einzige, die der Veranstaltung den Hauch des gewissen Extras verlieh, mit dem die Veranstalter einst vollmundig geworben hatten.

"Der Kopf ist bezaubernd"

Die Jury bewertete Gesicht, Teint, Haare, Zähne, Brust, Figur, Hände, Füße, Ausdruck und Benehmen jeder Kandidatin. Am Ende machte die 18-jährige Marthe Soucarèt das Rennen. "Sie ist eine Blondine mit schwarzen Augen, ausgestattet mit schönen Rundungen und einer schmalen Taille. Der Kopf ist bezaubernd", lobte die französische Zeitung "Le Figaro" das junge Mädchen, das ursprünglich aus Guadeloupe stammte, aber mit seiner Mutter in Paris lebte. Selbst "The Vagabond" war trotz aller Häme für den Wettbewerb hingerissen von ihr - und gab ihr den Beinamen "die Perle".

Eines aber hatten die Stadtväter erreicht: Spa war in aller Munde, das mediale Echo gewaltig. In nahezu jeder Zeitung von Neuseeland über die USA bis nach Europa fand sich eine Notiz über den Schönheitswettbewerb und die Siegerin Marthe Soucarèt. Die französische Wochenzeitschrift "L'Ilustration", eine der ersten Zeitungen, die mit Bildern arbeitete, war so begeistert, dass sie das Konterfei der Siegerin auf ihrer Titelseite zeigte.

Enthüllungsjournalist "The Vagabond" blieb dagegen bei seinem harschen Urteil: "Aus der Sicht eines Schaustellers", schrieb er, "war es ein Reinfall."

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