Erster Anti-Nazi-Film wiederentdeckt Skandal-Doku mit Lacheinlage

Filmarchiv Belgien

Die US-Amerikaner wussten bereits 1934 über Hitlers Machenschaften Bescheid - aus dem Kino. Die Dokumentation "Hitler's Reign of Terror" war eine leidenschaftliche Anklage gegen die Nazis. Leider war der Film so mies, dass seine Wirkung verpuffte. Heute wirkt das Werk unfreiwillig komisch. Von Solveig Grothe

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Das Image-Debakel ereilte die Berliner Reichskanzlei bereits kurz nach Hitlers Machtübernahme: Im Interesse der deutsch-französischen Beziehungen, so forderte die deutsche Botschaft im Juni 1934 vom Außenministerium in Paris, müsse die in den USA angelaufene Dokumentation "Hitler's Reign" verboten werden.

Der energisch vorgetragene Wunsch hatte sich bald erledigt: "Hitlers Herrschaft" kam gar nicht erst nach Frankreich, jedenfalls nicht als Film. Und das, obwohl es sich bei diesem Titel bereits um eine zensierte Fassung handelte. Das Original - "Hitler's Reign of Terror" - war bereits nach seiner Broadway-Premiere, massiven Unmutsbekundungen amerikanischer NS-Sympathisanten und dem Protest des deutschen Botschafters in Washington abgesetzt worden. New Yorks Zensurbehörde hatte dem Film die Lizenz verweigert; in Chicago war der Streifen erst freigegeben worden, nachdem nicht nur der Titel, sondern auch der Film an insgesamt 14 Stellen gekürzt worden war.

Die Nachhaltigkeit, mit der der erste amerikanische Anti-Nazi-Film aus den Kinos verbannt worden war, überraschte rund 80 Jahre später selbst den amerikanischen Filmhistoriker Thomas Doherty: 2010 begab sich der Professor der Brandeis University zu Buchrecherchen auf die Suche nach der Doku. In diversen Filmdatenbanken konnte er jedoch keine einzige Kopie entdecken, noch nicht einmal einen Hinweis darauf. Nun, vor wenigen Wochen, wurde in Belgien eine Kopie des Films "Hitler's Reign of Terror" gefunden. Mindestens ebenso überraschend wie die Wiederentdeckung des Films war für Doherty allerdings das, was der von Hitler-Deutschland so gefürchtete rund 60-minütige Streifen zeigt.

"Schockierendste Episode der Geschichte"

Die Erwartungen hätten größer kaum sein können: "Vorhang auf für eine der schockierendsten Episoden der Geschichte und die Enthüllung der Nazi-Bedrohung in Amerika!", kreischte der Trailer, der 1934 landauf, landab in amerikanischen Kinos lief: "Endlich können Sie es mit eigenen Augen sehen - unzensierte Szenen aus Hitlers Terrorregime!"

Die Nachricht von den spektakulären Aufnahmen aus Deutschland war dem Reporter, der sie über den Atlantik bringen sollte, bereits vorausgeeilt: Cornelius Vanderbilt Jr. hatte in mehreren Zeitungsartikeln ausführlich von seinen Erlebnissen und Eindrücken berichtet. Die in New York erscheinende "Motion Picture Daily" prophezeite deshalb: "Hitler wird toben, wenn Cornelius Vanderbilts Bilder von der Unterdrückung der Juden durch die Nazis in diesem Land erstmals zu sehen sind."

Tatsächlich war die Reaktion darauf heftig, wie die weltweite Empörung deutscher Botschafter zeigte. Vor allem, weil man in Berlin auf einen derartigen Angriff kaum gefasst war: deutschlandkritische Filme gehörten zu dieser Zeit nicht zum Repertoire US-amerikanischer Filmtheater. Aus gewichtigem Grund: Um sich ihre Absatzmärkte im Ausland zu erhalten, hatte sich die Branche bereits 1930 auf einen Zensurkatalog geeinigt, der Filme mit politisch "provokativer und aufhetzender" Wirkung untersagte. Nicht erlaubt war es etwa, die Bevölkerung anderer Länder zu verunglimpfen und deren Nationalgefühl zu verletzen. Praktisch bewirkte diese Einigung den Verzicht auf jegliche Kritik an anderen Staaten.

Vanderbilts Scoop

Die US-Filmwirtschaft fürchtete ein Ausfuhrverbot, das nicht nur einen einzelnen Film, sondern die gesamte Produktion treffen konnte. Speziell Deutschland hatte mit anderen Staaten Absprachen getroffen, wonach sich diese gegebenenfalls am Boykott beteiligen würden. Hollywoods große Filmkonzerne waren daher im Frühjahr 1933 eine Kooperation mit dem Nazi-Regime eingegangen, bei der sie sich verpflichteten, auf die Herstellung hitlerkritischer Filme zu verzichten.

Diese Einschränkung galt nicht für alle. Kleinere Produzenten und Filmverleiher sahen ihr Geschäftsmodell genau darin, die rigide Selbstzensur zu unterlaufen. Vanderbilt ermöglichten sie so die Umsetzung seiner ehrgeizigen Reporterpläne.

Die Bekanntheit seiner Familie hatte dem Bohemien - einem Nachfahr des gleichnamigen Dampfschifffahrt- und Eisenbahn-Tycoons - die Türen zu prominenten Zeitgenossen geöffnet. Nachdem er als Verleger gescheitert war, investierte Vanderbilt Jr. in eine damals noch kostspielige Filmausrüstung und reiste um die Welt. Er interviewte Al Capone, Joseph Stalin, Benito Mussolini und Papst Pius XI. Mit zwei französischen Kameramännern tourte er schließlich auch durch Deutschland und Österreich. In Berlin traf er den einstigen deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen, in den Niederlanden dessen Vater Kaiser Wilhelm II.

Sein eigentlicher Scoop aber, so berichtete er den US-Medien, gelang ihm am Abend des 5. März 1933, dem Tag der Reichstagswahlen, die den Nationalsozialisten enorme Stimmgewinne bescherte: ein Interview mit dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler.

US-Presse: "Fiasko"

Als Vanderbilts Film ein Jahr später in New York Premiere hatte, meldete das Mayfair Theatre einen historischen Besucherrekord. Er sollte sich nicht wiederholen. Die Kritik der US-Presse tags darauf war vernichtend. "Dafür gibt es nur ein Wort", schrieb das renommierte Branchenblatt "Variety" über die mit Spannung erwartete Doku: "Fiasko".

Die "New York Times" immerhin honorierte den guten Willen, den Vanderbilt und sein Co-Kommentator im Film gezeigt hätten, indem sie "Hitlers Methoden geißelten". Süffisant legte der Kritiker nach: "Ihre Worte wären unendlich viel wirksamer, wenn sie nur mit ein wenig Feingefühl und Sinn für Humor ausgestattet wären."

Aus dem Trailer wusste man bereits, dass Vanderbilt versucht hatte, sein hochbrisantes Filmmaterial, versteckt im Motorraum und mit Klebeband unter dem Auto fixiert, aus Deutschland über die Grenze nach Frankreich zu schmuggeln. Die Szene war nachgestellt worden und auch die Grenzkontrolle, bei der man Vanderbilt angeblich einen Teil seiner Filme abnahm.

Im Kino erfuhren die Zuschauer, wie Vanderbilt den Verlust auszugleichen versuchte: Mit einer reißerisch aufgemachten Mischung aus Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Wochenschau-Material von nationalsozialistischen Fackelmärschen und Bücherverbrennungen sowie nachgestellten Szenen, in denen Vanderbilt sich selbst mimte - als unerschrockenen amerikanischen Reporter.

"Hitler sprecht heute abend"

"Welche Botschaft haben Sie für die Amerikaner?", ruft er dem kleinen Mann mit Schnauzbart und Seitenscheitel entgegen, der gerade im Begriff ist, die Bühne des Berliner Sportpalasts zu betreten. Vanderbilt stoppt ihn mit einer schwungvollen Armbewegung. Der so Ausgebremste bleibt stehen und dreht sich, ohne den Blick zu heben, in Richtung Kamera: "Sagen Sie den Amerikanern: Das Leben geht weiter, immer weiter, unaufhaltsam weiter. Sagen Sie ihnen: Das ist eine entscheidende Stunde in der Geschichte der Menschheit. Sagen Sie ihnen: Adolf Hitler ist der Mann dieser Stunde …" Als der Schnauzbärtige in erstaunlich flüssigem Englisch geendet hat, wendet er sich zum Gehen. Vanderbilt hält ihn forsch am Arm fast: "Und was ist mit den Juden, Exzellenz?" Der so Angesprochene macht einen ausweichenden Schritt zurück, schaut beleidigt, dann hebt er arrogant-selbstbewusst den Kopf und sagt: "Meine Leute warten auf mich."

Der Auftritt des Hitler-Imitators hat etwas Slapstickartiges. Die Spielszenen der Laiendarsteller verleihen Vanderbilts Pseudo-Dokumentation unfreiwillige Komik und erinnern an den einige Jahre später gedrehten Chaplin-Film "Der große Diktator". Dabei dürfte den meisten amerikanischen Zuschauern bei der Premiere von "Hitler's Reign of Terror" noch nicht einmal aufgefallen sein, dass es offenbar auch bei der Gestaltung der Kulissen an Professionalität und insbesondere Deutschkenntnissen mangelte. Vanderbilt trifft den Schnauzbärtigen vor einem Plakat, das ankündigt: "Hitler sprecht heute abend".

"Ein sehr schlampiges Stück Arbeit", konstatierte Filmhistoriker Thomas Doherty. Das gelte auch für die Kopie aus Belgien, bei der es sich um eine aktualisierte Fassung handle, die offenbar aus der ursprünglichen Version von 1934 und Aufnahmen vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs hastig zusammengeschustert worden sei.

Herkunft unbekannt

Mitarbeiter des 1938 gegründeten Königlichen Belgischen Filmarchivs, der heutigen Cinematek, hatten den Film in einem hinteren Regal ihres Kühlraumes entdeckt. Aufzeichnungen darüber, wie er dorthin gelangt sein könnte, fanden sie nicht. Vermutet wird, dass er dort bereits seit 1945 lagert. Die Sammlung speist sich zu einem großen Teil aus Filmen, die von belgischen Verleihern irgendwann aus dem Ausland angefordert worden waren, dann aber im Zoll liegenblieben.

Doherty vermutet, dass die aktualisierte Vanderbilt-Dokumentation irgendwann zwischen dem Beginn des Kriegs und der Besetzung Belgiens im Mai 1940 im Ausland bestellt worden war. Womöglich wollte der Händler nach dem Einmarsch der deutschen Truppen nicht in Besitz des Filmes sein - und holte ihn deshalb nie ab.

Filmwissenschaftler Doherty schätzt den Wert der reißerischen Billigproduktion hoch ein - trotz oder gerade wegen des heute bizarr wirkenden nachgestellten Interviews. Vanderbilt konfrontiere Hitler und damit zugleich sein Publikum mit der Frage nach den Juden. "Es war das erste Mal", sagt Doherty, "dass ein amerikanischer Film versuchte, die Bedrohung durch den Nationalsozialismus zu thematisieren."

Das Belgische Filmarchiv und die Brandeis Universität wollen das historische Fundstück nun restaurieren.

Zum Weiterlesen:

Thomas Doherty: "Hollywood and Hitler 1933-1939". Columbia University Press, New York 2013, 448 Seiten.

Markus Spieker: "Hollywood unterm Hakenkreuz. Der amerikanische Spielfilm im Dritten Reich". Wissenschaftlicher Verlag Trier 1999, 395 Seiten.

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1.
Stefan Georg 12.06.2013
Das schlechte Deutsch kann ich zwanglos erklären. Zuerst stand es natürlich richtig auf dem Schild (der Mitarbeiter, der das Schild malte, und der perfekt deutsch konnte, war aber nur untergeordneter Lohnempfänger). Dann kam der Chef, der hatte immer eine Fünf in Deutsch, rüffelte den Mitarbeiter, weil es ja "sprechen" heißt, und daher auch "sprecht" heißen müsse, nicht ohne überlegenes Kopfschütteln, und dabei blieb es. So läuft es immer.
2.
Florian Seidel 13.06.2013
#Im TV erfuhren die Zuschauer, wie XYZ den Verlust auszugleichen versuchte: Mit einer reißerisch aufgemachten Mischung aus Filmaufnahmen aus dem Koreakrieg, DPRK-Material von nordkoreanischen Fackelmärschen und Militärparaden sowie nachgestellten Szenen, in denen XYZ sich selbst mimte - als unerschrockenen westlichen Reporter.# 80 Jahre später - und an den Methoden der Berichterstattung hat sich nicht viel geändert...
3.
Harald Gärtner 13.06.2013
Eine konstruierte Sensation weil es nicht wirklich etwas zu berichten gab. Welches Fimmaterial sollte so brisant sein, daß es an der Grenze beschlagnahmt wird ? Der spätere wahre Verlauf der Geschichte hat diesem Film eher zufällig im Nachhinein eine Bestätigung gegeben. Die vielen Filme und Berichte welche die Wirklichkeit nicht so getroffen haben interessieren heute niemanden mehr. Das ist wie bei den Astrologischen Vorhersagen zum Jahreswechsel. Wer zufällig richtig liegt ist ein Prophet.
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