Der erste Bundesliga-Meister Kölner Karneval im Mai

Der erste Bundesliga-Meister: Karneval im Mai Fotos
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Am Ende gab es 30.000 Gläser Freibier: Vor 50 Jahren wurde der 1. FC Köln allererster Meister der Fußball-Bundesliga. einestages erinnert an die historische Saison der "Geißböcke" - und die Riesensause danach. Von

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Geschichte wiederholt sich - auch im Fußball. Vergangenes Wochenende in den deutschen Sportteilen: "Deckel drauf, Mission erfüllt!" stand da. Oder "Köln im Ausnahmezustand!" Der Grund für die lauten Schlagzeilen? Der 1. FC Köln steht uneinholbar auf Platz eins der 2. Fußball-Bundesliga. Meistertitel und Aufstieg in die erste Liga kann den "Geißböcken" vom Rhein nun keiner mehr nehmen.

Ein halbes Jahrhundert vorher. Wieder ist Köln Meister, wieder jubelt die Presse - allerdings nicht wegen eines Zweitligaerfolgs. Vor 50 Jahren, am 9. Mai 1964, wurde der 1. FC Köln der erste Bundesliga-Meister überhaupt. Die ganze Stadt feierte. Es war wie Karneval - nur im Mai.

Die sportliche Spannung war zu diesem Zeitpunkt allerdings schon raus. Der Sieg zum Meistertitel gelang dem "Eff-Zeh" bereits einen Monat zuvor - am 28. Spieltag. Mit 5:2 fegten die Kölner ihren Widersacher Borussia Dortmund vom Platz. Eine Genugtuung, die kaum zu toppen war.

Allerletztes Spiel der allerersten Saison

Und doch: Auch das eigentlich nur noch für die Statistik relevante letzte Spiel in Köln wurde für alle Beteiligten zu einem unvergesslichen Erlebnis. Schon lange vor dem Anpfiff um Punkt 17 Uhr rumorte es gewaltig unter den 32.000 Zuschauern in der Hauptkampfbahn Müngersdorf. Freudige Erwartung, die letzten 90 Minuten der Saison, dann würde die Meisterschaft "offiziell" sein.

Das Fanfarenkorps Groß-Linden spielte auf, während auf dem Platz erst einmal die Gäste aus Stuttgart den Takt vorgaben: Der Tabellenfünfte, dem die zugedachte Nebenrolle als braver Claqueur des neuen Meisters ganz offensichtlich missfiel, versuchte sich als gnadenlose Meisterparty-Bremse. Mit Erfolg: Schon nach fünf Spielminuten brachte VfB-Stürmer Dieter Höller die Schwaben in Führung. Als sich dann auch noch Kölns Verteidiger Leo Wilden verletzte und fortan nur noch als Statist mitwirken konnte (Auswechslungen waren damals noch nicht erlaubt), wurden die Gesichter bei den Platzherren und im Publikum immer länger.

Doch das Drehbuch der ersten Bundesliga-Saison hatte noch eine Schlusspointe zu bieten: den spektakulären Auftritt des FC-Kapitäns Hans Schäfer. Der 36-Jährige war einer von nur noch vier verbliebenen Helden aus dem deutschen Weltmeisterkader von 1954, die neben dem Wunder von Bern auch das Abenteuer Bundesliga als Spieler miterlebten. Mit aller Kraft stemmte sich Schäfer gegen die Niederlage und war einfach überall zu finden: Er übernahm nicht nur Wildens Position als Stopper, sondern tauchte auch im Angriff auf. Mit einem fulminanten Fernschuss aus 20 Metern erzielte er nach einer knappen Stunde den kaum noch für möglich gehaltenen Ausgleich.

I-Tüpfelchen in dem Wort Meisterschaft

Mitspieler Wolfgang Weber ist heute noch begeistert: "Es war bezeichnend. Hans spielte eine grandiose Saison, befand sich in seinem zweiten oder dritten Frühling." Nie wieder habe er bei einem Spieler eine solche Entwicklung beobachtet. Aus dem gradlinigen Außenbahn-Renner von 1954 sei ein kompletter Spielmacher geworden. "Gerade für uns junge Spieler war er im Wortsinn ein echter Spielführer. Nichts ging an ihm vorbei, er wusste immer genau, was Sache war - sowohl auf als auch neben dem Platz. Sensationell!"

Sieben Minuten vor Abpfiff traf Linksaußen Heinz Hornig sogar noch zum Kölner 2:1-Sieg - das I-Tüpfelchen in dem Wort Meisterschaft. Mit Inbrunst schnappte sich der damalige DFB-Präsident Hermann Gösmann im Anschluss an die Partie das Mikrofon und rief: "Ich ehre hiermit den wahren und würdigen Meister. Köln kann auf diese Mannschaft stolz sein."

In weiser Voraussicht hatten die Kölner für den Meisterschaftsfestzug, "bei dem wir Spieler auf einem offenen Leiterwagen standen, den kürzesten Weg gewählt, also vom Stadion in Müngersdorf über Braunsfeld direkt zu unserem Vereinsheim nach Sülz", erinnert sich Wolfgang Weber. "Sonst wären wir dort wohl nie angekommen." 60.000 Menschen säumten die Strecke und jubelten den frisch gekürten Meisterspielern zu. Allein für die letzten 500 Meter benötigte der Corso mehr als eine halbe Stunde.

30.000 Gläser Freibier

Am Geißbockheim gab es dann die ganz große Sause: Immer wieder unterbrachen die Spieler das festliche Meister-Bankett, um den lautstarken Aufforderungen von draußen nachzukommen und sich noch einmal mit der Trophäe zu zeigen. Die Terrasse des Klubhauses wurde zur großen Showbühne, von der aus ein gewaltiges Feuerwerk abgefackelt und eine eigens installierte Wasserorgel abgespielt wurden.

Inmitten der Party stand ein Bierbrunnen, aus dem 60 Hektoliter Kölsch (das sind etwa 30.000 Gläser) an die durstige Anhängerschaft ausgeschenkt wurden. Das Bier gab's gratis, die Gläser, verziert mit den Autogrammen der Meisterspieler, ließ sich der FC indes mit zwei D-Mark bezahlen - clevere Anfänge des Merchandisings und ein Erinnerungsstück von bleibendem Wert.

Das ist das ganze Ereignis auch für Wolfgang Weber: "Die Bayern sollen von mir aus noch 20 oder 30 Meistertitel holen. Aber diese besondere, diese erste Bundesliga-Meisterschaft wird für immer mit dem FC verbunden sein. Das kann uns keiner mehr nehmen!"

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. BSG Chemie Leipzig
Detlev Ducksch 09.05.2014
Es gibt noch einen Fußballmeister von 1964. Und gefeiert wird dieser am 10.5.2014 in Leipzig -Leutzsch.
2. Chemie Leipzig
Christian Sperling 10.05.2014
feiert am 10. Mai auch 50 Jahre Deutscher Meister, allerdings von der anderen "Seite". Wäre auch einen Bericht wert.
3. daran kann
Georg Schmidt 10.05.2014
ich mich erinnern-Köln schlug damals den 1.FCN 4:0 und hatte so ein komisches Trickot an, das wir Zuckerbäckertrikot nannte, die Kölner ELF damals hätte wohl auch gegen jede WELTELF bestehen könn !
4. Die deutsche Antwort auf Real Madrid
Horst Jungsbluth 10.05.2014
So oder ähnlich hatte man sich das damals nicht nur in Köln vorgestellt, denn die erste deutsche Meisterschaft in der Bundesliga wurde von (fast) allen Experten als sicher prognostiziert. Und nicht nur das: man war überzeugt davon, dass der 1. FC Köln jene Rolle in der Bundesliga und Europa spielen würde, die dann später souverän der FC Bayern übernahm. Bereits im ersten Spiel auf eigenem Platz in der Saison 64/65 verlor man gegen Hertha BSC nach einer 2:0 Führung noch 2:3 in der Schlussminute und musste die Meisterschale nach Bremen weiterleiten, wo der SV Werder mit kluger Taktik und einer Betonabwehr sensationell den Titel gewann.
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