Erster DDR-Computer Mit diesem Monstrum konnte man rechnen

Erster DDR-Computer: Mit diesem Monstrum konnte man rechnen Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz/Gerhard Kiesling

Aufgaben, für die menschliche "Rechner" Stunden brauchten, löste er in Sekunden: 1955 wurde mit "Oprema" der erste DDR-Computer errichtet. Auf einer Fläche von 240 Quadratmetern klickten 17.000 Relais - und machten bei der Arbeit eine Musik, die noch heute Techniker zum Schwärmen bringt. Von

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Es war eine monströse Konstruktion: Über zwei Stockwerke zog sich die Maschine, 500 Kilometer Kabel und fast 17.000 Relais waren verbaut worden, geschätzte eine Million Lötstellen zum Bau nötig gewesen.

Laut Eberhard Dietzsch läutete dieser Technik-Gigant "das Ende der Sklavenarbeit" ein. Die "Optik-Rechen-Maschine", kurz "Oprema", wurde 1955 in Jena in Betrieb genommen und nahm den Angestellten der VEB Carl Zeiss Jena eine Menge Arbeit ab. Denn bis dahin saßen etliche menschliche "Rechner" jeden Tag sechs Stunden an der Berechnung schier unendlicher Zahlenkolonnen, die bei der Konstruktion von Objektiven anfielen. "Eine fürchterliche, nervenzehrende Arbeit", sagt Dietzsch.

"Aus heutiger Sicht ist die Einführung der Oprema in etwa vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine, die dem Menschen viel manuelle Arbeit abnahm", ergänzt der mittlerweile 80-jährige Klaus Lösche, der als "Operator" den Rechenautomaten bediente. Kalkulationen, die vorher teils über eine Stunde in Anspruch genommen hatten, konnten nun innerhalb von Sekunden angestellt werden, die Objektivkonstrukteure konnten sich voll und ganz der Entwicklung widmen. "Mit dem Computer wurden zudem Berechnungen möglich, die zuvor per Hand nicht machbar waren, weil sie viel zu komplex waren", sagt Dietzsch.

Hightech aus handelsüblichen Bauteilen

Bis zur Fertigstellung der Oprema mussten allerdings einige Hürden genommen werden, so Michael Fothe, der als Professor für Didaktik der Informatik und Mathematik an der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität arbeitet. "Gleich nach dem Krieg hatten die Amerikaner viel Wissen, Technik und Fachleute aus Jena mit in den Westen genommen. Danach kam die Rote Armee und nahm mit, was an Know-how übrig war", sagt Fothe - auch die späteren Erbauer der Oprema, Wilhelm Kämmerer, Herbert Kortum und Fritz Straube.

Von 1946 bis 1951 mussten sie der Sowjetunion ihre Kenntnisse zu Steuer- und Zielreinrichtungen von Waffen und zu optischen Zeiss-Geräten zur Verfügung stellen. "Anschließend wurden sie gezwungen, 18 Monate auf der 'Insel des Vergessens' in der Nähe von Moskau auszuharren", sagt Fothe. In dieser Zeit entstand bei ausgedehnten Spaziergängen die Idee eines Rechenautomaten. Bei ihrer Rückkehr 1953 hatten die drei Männer ihre Baupläne bereits im Kopf dabei - und das Projekt wurde angepackt.

"Unsere Vorgabe war es, nur handelsübliche Bauteile zu verwenden", sagt Erwin Hecht, ein ehemaliger Oprema-Techniker, und zeigt dabei auf ein klobiges Relais in seiner Hand, das er beim Abbau der Maschine im Jahr 1963 hatte retten können. "Eigentlich stammte alles aus der Fernmeldetechnik." In nur siebeneinhalb Monaten wurde der Rechenautomat fertiggestellt. Um Fehler zu minimieren, sei die Maschine zunächst als Doppelrechner aus zwei identischen Systemen ausgelegt worden, sagt Fothe. Als jedoch klar wurde, dass die Berechnungen absolut stabil verliefen, wurden die beiden Maschinen getrennt und konnten eigenständig Kalkulationen durchführen. Programmierung und Zahleneingabe wurden per Stecktafel vorgenommen, die Ausgabe erfolgte über eine Schreibmaschine.

Die Musik der Oprema

Noch heute kommt Erwin Hecht bei der Erinnerung ins Schwärmen. "Immer wieder denke ich an die schöne 'Musik' der Oprema", sagt er - und meint damit die Geräusche, die die Rechenmaschine bei der Arbeit machte. "Wenn gerade eine Wurzel gezogen wurde, konnten wir das am Klappern der Relais hören."

Schon bald nachdem sich herausgestellt hatte, wie schnell und zuverlässig das Gerät arbeitete, kamen auch Anfragen aus anderen Forschungszweigen, erinnert sich Lösche. Die Reichsbahn ließ Brückenschwingungen berechnen, auch Drehzahlen für Turbinen und Probleme der Kernforschung wurden kalkuliert - und dafür an den Wochenenden Sonderschichten der Operatoren eingerichtet. Sie arbeiteten im Schichtbetrieb 24 Stunden, und das meist jeden Tag der Woche.

Natürlich war die Oprema auch ein großes Thema in den Zeitungen - und letztlich auch für Agitation und Propagandazwecke. Das Gerät schaffe "die Addition zweier achtstelliger Zahlen in der unglaublich kurzen Zeit von Dreißig Millisekunden", heißt es etwa 1955 in einem Artikel aus dem "Neuen Deutschland". Kämmerer und Kortum wurden später sogar mit dem Nationalpreis der DDR ausgezeichnet. Die Medien in der Bundesrepublik erwähnten die Oprema allenfalls am Rande.

"Dabei ist heute klar, dass die Anlage keineswegs eine bloße Kopie der Technologie aus dem Westen war", ist sich Fothe sicher. "Die Oprema ist zweifellos eine bedeutende schöpferische Leistung - es steht außer Frage, dass sie eine eigenständige Entwicklung des Teams um Entwicklungsleiter Wilhelm Kämmerer war", sagt der Professor.

Seit April 2013 erinnert eine Gedenktafel an der Fakultät für Mathematik und Informatik der Universität Jena an die Oprema. Für viele ehemalige Mitarbeiter ein längst überfälliger Schritt, um die Leistungen der DDR-Computerpioniere zu würdigen. Gleich gegenüber, im damaligen Bau 13a des Zeiss-Hauptwerks hatte die legendäre Maschine gestanden, die so viel Veränderung brachte - und deren Rechenleistung nur knapp 60 Jahre später von jedem Taschenrechner übertroffen wird.

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1.
Ingo Meyer 17.06.2013
Ich anerkenne die Leistungen der damaligen Igenieure! Aber was ist mit Westen gemeint? USA oder Westdeutschland? Für alle die jetzt an IBM und USA denken, sei gesagt: Die ersten frei programmierbaren Rechner wurden in Deutschland von Konrad Zuse gebaut. ich denke , dass die Zuse Z2 von 1944 sich so etwa auf dem Nivau der hier beschrieben Kraftwerks befunden haben dürfte. Insoweit eben die "DDR-Zuse".
2.
Maik Budweg 17.06.2013
Mein erster DDR-Computer war ein KC87/2 aus dem Hause Robotron, für schlappe 900,- DDR-Mark. Er ähnelte etwas dem C64 von Commodore. Diskettenlaufwerk gab es nicht, dafür eine sogenannte Datasette. Da diese Laufwerke sehr schwer zu bekommen waren, musste ein Walkman herhalten. Aber es hat funktioniert.
3.
Johann Pokenna 17.06.2013
14 Jahre früher. Und vor Eniac. Wikipedia: "Mit seiner Entwicklung der Z3 im Jahre 1941 baute Zuse den ersten funktionstüchtigen vollautomatischen, programmgesteuerten und frei programmierbaren, in binärer Gleitkommarechnung arbeitenden Rechner und somit den ersten funktionsfähigen Computer der Welt."
4.
Eric Risks 17.06.2013
super waer ein link zu tonaufnahmen
5.
Emil Peisker 17.06.2013
Wenn sich die DDR-Entwickler den Zuse4 angesehen hätten... Auf der anderen Seite ist zu bewundern, dass die Entwickler des oprema zu einer Zeit, als es schon sehr schnelle Röhrencomputer und schon erste Transistorrechner gab, noch so eine "Kraftwerk" mit Relais hinstellten. Es war wohl dem Umstand geschuldet, dass sie an keine moderne Bauteil-Technologie aus dem Westen kommen konnten.
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