Sigmund Jähn, der erste Deutsche im All Kosmo-Siggi

Einmal Weltall und zurück: Das gelang Sigmund Jähn als einzigem Kosmonauten der DDR. Gerhard Kowalski schrieb 1978 als Journalist über den Start - und musste seine Reportage schon sechs Wochen vorher abgeben.

AP

Zur Person
  • privat
    Gerhard Kowalski, geboren 1942 in Rathenow/Havel, war von 1966 bis 2007 Redakteur und Auslandskorrespondent der einstigen offiziellen DDR-Nachrichtenagentur ADN und ihrer Nachfolger. Seither arbeitet er als freier Raumfahrtjournalist und ist unter anderem Autor von Büchern über Juri Gagarin.

Pünktlich und problemlos hob die "Sojus"-Rakete am 26. August 1978 in Baikonur ab. Mit Sigmund Jähn und seinem sowjetischen Kommandanten Walerij Bykowski an Bord bohrte sie sich ohrenbetäubend donnernd in den kasachischen Abendhimmel. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen. Kurz darauf lief meine Startreportage in der ADN-Zentrale im fernen Berlin über den Ticker. Ich hatte sie schon sechs Wochen vorher abliefern müssen und darin geschrieben: "Wsjo normalno - alles in Ordnung. Pojechali - auf geht's!" Und so war es glücklicherweise auch.

Die Ost-Berliner glaubten an diesem Samstagabend ihren Augen nicht zu trauen, als auf einem Extrablatt des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland" in großen roten Lettern stand: "Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR". Diese Schlagzeile, die am nächsten Tag DDR-weit unisono alle Zeitungen wiederholten, war eine faustdicke Überraschung. Denn offiziell war immer nur von "Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik" die Rede - als Gegenpol zu den "Bürgern der BRD". Nun war man plötzlich auch Deutscher. Allerdings hatte niemand Gelegenheit, sich an die neue Bezeichnung zu gewöhnen: Sie verschwand bald wieder, als hätte es sie nie gegeben.

Die ungewöhnliche Schlagzeile war mir bereits Ende Mai begegnet. Drei Monate vor dem Flug bekam ich als Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur ADN den Auftrag zu einem umfangreichen Dossier über Sigmund Jähn und Eberhard Köllner. Als Auftraggeber und Dienstherr der beiden Oberstleutnante vergatterte mich das Verteidigungsministerium zum absoluten Stillschweigen.

Absurde Geheimniskrämerei

Ich war der einzige schreibende Journalist in der Runde und erhielt die damals übliche Argu (Argumentation) mit den Kernthesen: Der Flug sei ein "historisches Ereignis von hoher politischer und wissenschaftlicher Bedeutung" in Vorbereitung des 30. DDR-Jahrestags, der "erste Deutsche im All ein Bürger der DDR". Der Flug verkörpere die "brüderliche Verbundenheit sowie die unverbrüchliche Freundschaft und Waffenbrüderschaft mit der UdSSR" und bedeute, dass "der Wettbewerb mit der kapitalistischen BRD auf diesem Gebiet gewonnen" werde.

Fotostrecke

26  Bilder
Sigmund Jähns Raumflug: Der erste Deutsche im All

Warum gerade der 30. Jahrestag der DDR als Legende herhalten musste, ist mir bis heute schleierhaft. Denn der stand ja erst am 7. Oktober 1979 an, gut ein Jahr später. Auch die strenge Geheimhaltung war absurd, weil alle meine Gesprächspartner Bescheid wussten, aber augenzwinkernd mitspielten. Schon 1976 hatte man das Interkosmos-Programm beschlossen, und die Sowjetunion gemeinsame Raumflüge mit ihren neun sozialistischen Verbündeten vereinbart.

Die UdSSR stellte dafür Raumschiffe und die "Saljut"-Station bereit. Die Partner steuerten, kostensparend für die Sowjets, hochkarätige Wissenschaftsprogramme bei, die DDR etwa die Multispektralkamera MKF-6. Nachdem im März 1978 die CSSR als erstes Land mit einem Kosmonauten an der Reihe war, pfiffen alle Spatzen von den Dächern, dass bald auch die DDR kommen würde.

Auf den Spuren zweier Phantome

Zwei Presseoffiziere in Zivil gingen mit mir auf eine wochenlange Interviewtour. Das Ziel: ein Dutzend Einzelbeiträge über Leben, Wirken und Familie der beiden Kandidaten, von denen ich lediglich die Namen wusste. Die durften allerdings im Text nicht auftauchen. Stets war nur von Kandidat A und Kandidat B die Rede, wobei mir schnell klar wurde, dass Jähn die Nummer eins war, was sich dann ja auch bestätigte.

Die erste Station war ein Besuch im Jagdfliegergeschwader "Fritz Schmenkel" in Cottbus, um den Alltag eines Jagdfliegers und die Flugausbildung zu schildern. Die Kameraden der Kosmonautenkandidaten lobten, wie nicht anders zu erwarten, deren fachliche, politische und menschliche Qualitäten über den grünen Klee. Mit Mühe entlockte ich ihnen einige knappe Aussagen, die Jähn und Köllner als halbwegs normale Menschen mit mehr oder weniger großen Schwächen zeigten. So konnte ich einen von Jähns Fluglehrern, einen Oberst, mit den Worten zitieren, seinem Schützling sei "nicht immer alles leichtgefallen", er habe sich "jedes Stück seines Weges hart erarbeiten müssen".

Der ehemalige Lehrmeister von Eberhard Köllner sagte mir direkt, dass es um einen Raumflug gehe, nicht um den DDR-Geburtstag. Außerdem habe "Ebs" (Köllners Spitzname) schon wegen seines Namens keine Chance - dass ein DDR-Bürger namens "Köllner" ins All geschickt werde, könne er sich nicht vorstellen. Auf die Nationale Volksarmee (NVA) war der Meister gar nicht gut zu sprechen, weil sie ihm einen guten Gesellen abgeworben hatte.

Video: Unser Mann im All - Ausschnitte aus dem FDJ-Film "Wir wollen Frieden"

imago stock&people

Auch die Befragung von Köllners Vater verlief nicht wie erwartet. Normalerweise kamen hochrangige DDR-Kader offiziell immer aus einem "klassenbewussten Elternhaus" und beherrschten den Parteisprech. Doch der Invalidenrentner ärgerte sich nur lautstark darüber, dass "die Russen" nicht beide Kandidaten fliegen ließen.

Jähns Vater Paul befragte ich in Anwesenheit von Schwiegertochter Erika und Enkelin Grit in einer Interflug-Sondermaschine, die ihn ins Sternenstädtchen bei Moskau bringen sollte. Er war sich sicher, dass sein Sohn und kein anderer fliegen werde. Der alte Herr mit Nickelbrille, Vogtlandhut und verschmitztem Blick genoss es sichtlich, nun Kosmonautenvater zu sein, den man künftig nicht mehr so abfällig behandeln konnte, wie es einige Bewohner des Dorfes Morgenröthe-Rautenkranz bis dato taten. Einen "tollen Kerl" habe er großgezogen, schwärmte Paul Jähn: "Ich fühle mich sehr gut, dass mein Sohn die Möglichkeit erhalten hat, eine solche Aufgabe auszuführen. Das ist prima, herrlich ist das!"

Die größte Herausforderung war für mich die Startreportage, die ich aus unerfindlichen Gründen bereits Anfang Juli abliefern musste, obwohl ich noch nie auf dem Kosmodrom war. Zugute kam mir, dass ich als ADN-Korrespondent in Moskau 1975 bereits das Sojus-Apollo-Testprojekt (die erste Begegnung amerikanischer und sowjetischer Raumfahrer auf der Umlaufbahn) und danach den Jungfernflug der DDR-Multispektralkamera MKF-6 gecovert hatte.

Die erste Begegnung mit Jähn

Wenige Tage vor dem Start bekam ich endlich die Kosmonauten persönlich zu Gesicht. Jähn, Köllner saßen mit ihren Kommandanten Walerij Bykowski und Wiktor Gorbatko beim Frühstück im Hotel Kosmonawt in Baikonur. "Alles normal", antworteten sie auf meine Frage nach dem Befinden. Eigentlich hatte ich befürchtet, auf einen zackigen "Roten Preußen" zu treffen, dem die Parteitagsparolen nur so aus dem Mund sprudeln. Und nun stand ich vor einem eher schüchtern wirkenden Mann mittleren Alters von kräftiger Statur mit einem sympathischen Lächeln.

Unser künftiger Nationalheld Sigmund Jähn war offenbar eher ein bodenständiger Mann aus dem Volk als ein sozialistischer Musterknabe, ich war erleichtert. Erst viele Jahre danach erfuhr ich, dass Jähn gar nicht die erste Wahl der DDR-Führung war; den ursprünglich vorgesehenen Offizier hatten aber die Sowjets nicht akzeptiert, weil er kaum Russisch sprach.

Als Jähn und Bykowski am Abend des 26. August auf der Startrampe eintrafen, standen Köllner und ich etwas abseits und verfolgten das Abschiedszeremoniell. Köllner bat mich mit Tränen in den Augen um eine Zigarette, die ich ihm als Nichtraucher nicht geben konnte. Ein Kollege half aus. Von der Zuschauertribüne knapp zwei Kilometer von der Startrampe entfernt erlebten wir, wie Jähn kurz vor dem Abheben eine lange politische Botschaft aufsagen musste, die ihm mehr Konzentration abverlangte als die gesamten Startvorbereitungen, wie er später verriet.

Zu später Stunde trafen sich die DDR-Journalisten im Hotel zu einer kleinen Feier. Es gab keine großen Reden, aber eigens eingeflogene Halberstädter Würstchen und Nordhäuser Doppelkorn. Heimlich versorgten wir damit auch die sowjetischen Kollegen, die nicht eingeladen waren und in einem anderen Raum bei Selbstgebranntem, Speck, Zwiebeln und Gurken saßen. Beim Rückflug nach Moskau revanchierten sie sich tags darauf mit einem Schlückchen 96-prozentigen Raketentreibstoffs als "Weltraumtaufe".

Landung mit dreifachem Überschlag

Am 3. September verfolgte ich dann mit Kollegen von einem Hubschrauber aus die Landung von Bykowski und Jähn in der kasachischen Steppe bei Dscheskasgan. Wegen der riesigen Staubwolke sahen wir nicht, dass sich die Landekapsel dreimal überschlug, wobei sich Jähn eine bleibende Rückenverletzung zuzog, die natürlich geheim blieb.

Etwas verwirrt schrieb er dann ein falsches Landedatum an die Kapsel, sodass alle Film- und Fotoaufnahmen wiederholt werden mussten. Darüber, wie auch über seinen ersten Enkel, kurz vor dem Start geboren, durfte nicht berichtet werden, obwohl wir Jähn noch am Landeort Fotos seines Enkels zeigten. Ein Held als Opa, das ging offenbar nicht.

Schon zwölf Jahre nach dem Flug gab es die DDR nicht mehr. Mit ihrem Untergang sei sein Lebenstraum zerstört worden, sagt noch heute Jähn, der in der Wendezeit als NVA-General entlassen wurde. Als Treppenwitz deutsch-deutscher Geschichte erweist sich, wie Jähn im geeinten Deutschland wieder Fuß fassen konnte - nämlich mithilfe von Ulf Merbold, zweiter Deutscher im All, DDR-Republikflüchtling und vogtländischer Landsmann. Jähn wurde Berater des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Europäischen Weltraumorganisation ESA. So half er fünf der inzwischen elf deutschen Raumfahrer und mehreren Astronauten aus anderen Staaten auf ihrem Weg mit den Russen ins All.

Im Video: 166 Tage im Weltall - Mit Alexander Gerst auf der ISS

SPIEGEL TV
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas Korhummel, 23.08.2018
1. Salut - Saljut
Es wäre schön, wenn in den Bildunterschriften nicht penetrant von "Salut" gesprochen wird. Die Mission war nun mal "Saljut 6". Auch wenn die Übersetzung von "Saljut" natürlich "Salut" ist.
Thomas Korhummel, 23.08.2018
2. Na so was
Ich sehe gerade, dass auf der Plakette des Denkmals in Morgenröthe-Rautenkranz ebenfalls "Salut" steht (Bild 26). Na dann...
Andre Schmidt, 23.08.2018
3. Ich fand es immer schon witzig bzw beschähmend, aber typisch
wie unprofessionell , geradezu laienhaft und ideologisch verblendet (West-) Deutschland die Kompetenz von Jähn verschwendet hat. Zum Glück hat sich das noch auf Privatinitiative von Merbold geändert. Den USA wäre so etwas nie passiert.
Hans-Peter Hoffmann, 23.08.2018
4. Der 24. August 1978
Ich arbeitete in jenen denkwürdigen Tagen in Weißrussland an einem gemeinsamen sowjetisch-deutschen Forschungsprojekt als Außenstellenleiter. Mitte August kam mein Chef zu einem obligatorischen Besuch aus dem bei Moskau gelegenen Forschungsinstitut, um sich über den Fortgang der Arbeiten zu informieren (sogar einfache Telefongespräche innerhalb der Sowjetunion waren damals nur schwer zu organisieren. Deshalb waren solche persönlichen Besuche wichtig). In einem höchst vertraulichen Gespräch teilte er mir mit, dass am 24. August ein Kosmonaut aus der DDR zusammen mit einem sowjetischen zur Raumstation САЛЮТ starten würde. Stolz zeigte er mir sein T-Shirt mit einer entsprechenden Aufschrift. Ein zweites für mich hatte er leider nicht. Am 24. wartete ich gespannt vor dem Fernseher auf die Nachricht. Es kam keine! Fürchterliche Gedanken befielen mich. Es wäre nicht das erste Unglück in der sowjetischen Raumfahrtgeschichte. Auch am nächsten Tag wieder nichts! Es musste ein Unglück passiert sein! Dann endlich am 26. kam die erlösende Nachricht. Der Start hatte geklappt! Offensichtlich hatte sich mein Chef im Datum geirrt. Der Tag war gelaufen. Meine sowjetischen Arbeitskollegen und auch die im gleichen Hotel wohnenden Monteure aus der BRD gratulierten mir und abends wurde richtig gefeiert.
Daniel Briem, 27.08.2018
5. Interessant,
wie distanziert sich Herr Kowalski heute zu seiner damaligen Mission äußert. Dabei hat er mit Sicherheit zu dieser Zeit den "Parteisprech" perfekt beherrscht und die Parteiideologie "geatmet". Sonst wäre er kaum für diesen exclusiven Job ausgewählt worden sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.