Erster Jauch-Millionär "So viel Geld für so wenig Arbeit!"

Erster Jauch-Millionär: "So viel Geld für so wenig Arbeit!" Fotos
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Nach 15 Fragen war er reich - und peinlich berührt: "So viel Geld für so wenig Arbeit" fand Eckhard Freise, als er vor zehn Jahren bei "Wer wird Millionär" als erster Kandidat ganz groß abräumte. Im einestages-Interview spricht der Professor über das Geheimnis der Million, sechs Nullen auf dem Kontoauszug - und warum das Geld im Handumdrehen weg war. Von

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einestages: Herr Freise, Sie sind der erste Mensch, der bei Günther Jauchs "Wer wird Millionär" den Jackpot geknackt hat. Wir haben viele Fragen, aber am meisten interessiert uns natürlich, was Sie mit dem Geld gemacht haben.

Freise: Meine Familie und ich haben einen Teil des Geldes gespendet. Außerdem haben wir eine Doppelhaushälfte gebaut. Nach einem Jahr war das Geld weg. Das habe ich dummerweise einem Boulevard-Journalisten gegenüber geäußert. Er fragte mich: "Was macht die Million?" Und ich sagte: "Welche Million? Die ist weg." Sofort hieß es in der Zeitung: Jauch-Millionär ist Geld los. Und kurze Zeit später kam von "Menschen der Woche" mit Frank Elstner die Anfrage, ob ich über die verschwundene Million reden wolle.


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einestages: Für Herrn Jauch war es eine Premiere, zum ersten Mal räumte einer seiner Kandidaten die Million ab. Wie hat er auf Ihren Gewinn reagiert?

Freise: Als ich Herrn Jauch, noch auf der Treppe, "So viel Geld für so wenig Arbeit" zuraunte, hat er mich angeguckt wie ein Auto. Er entgegnete: "Herr Freise, Sie sind jetzt ein Popstar." Aber ich meinte: "Das werde ich zu verhindern wissen."

einestages: Wie genau wollten Sie das denn anstellen?

Freise: Ich habe meinen Studenten einen ausgegeben, ein Fest gefeiert und ansonsten bin ich so geblieben wie ich bin. Ich musste mir nicht mal Mühe geben dafür. Wenn ich 30 Jahre jünger gewesen wäre, hätte die Million vielleicht auf meinen Charakter abgefärbt. Aber mit Mitte 50 war die Gefahr gering.

einestages: Distanz zum Geld klingt natürlich toll. Aber warum haben Sie denn überhaupt mitgemacht, wenn Sie der schnöde Mammon nicht interessiert?

Freise: Mein Sohn ist schuld. Der hat die Sendung damals oft angeschaut und ich saß meist daneben und habe ein Buch gelesen. Da kam eines Tages bei 125.000 D-Mark die Frage, wer die Bühnenfigur Turandot ist. Der Kandidat hatte schon seine Mutter angerufen, die wusste es nicht. Dann hatte er den 50:50-Joker eingesetzt. Schließlich sollte das Publikum antworten und gab zu 75 Prozent die Antwort, Turandot sei in der gleichnamigen Oper von Puccini der Küchenmeister. Da habe ich laut gesagt: "Diese Deppen, das ist doch die chinesische Prinzessin." Mein Sohn schaute mich ungläubig an und meinte, ich solle unbedingt teilnehmen. Aber ich habe gesagt: "Nö, kommt überhaupt nicht in die Tüte."

einestages: Aber am Ende sind Sie doch zu Jauch gegangen. Wie hat Ihr Sohn Sie rumgekriegt?

Freise: Mein Sohn, damals 14 Jahre alt, sollte kurz nach dieser Begebenheit bei einer lateinischen Schulaufführung mitspielen. Als er erfuhr, dass er in der Rolle des jugendlichen Liebhabers 20 Minuten lang Latein reden müsste, wollte er kneifen. Wir haben dann einen Deal gemacht: Er spielt, und ich melde mich bei Wer wird Millionär an. Das war im Herbst 2000.

einestages: Nur wenige Wochen später waren Sie schon bei Günther Jauch im Studio. An welchen ersten Eindruck erinnern Sie sich heute noch?

Freise: Hinter den Kulissen ist es sehr betriebsam, da liegen Kabel rum, irgendwelche nervösen Redakteure laufen durch die Gegend. Und, ja, natürlich, all die aufgeregten Kandidaten. Das ist die Vorhölle, diese drei Stunden bevor die Sendung losgeht.

einestages: Mit Herrn Jauch kamen Sie dann aber ganz gut klar, oder?

Freise: Sicher, der besitzt die Fähigkeit, sich blitzschnell auf andere Leute einzustellen. Der kann einfach mit allen - dem Barkeeper aus der Absturzkneipe genauso wie dem Bildungsbürger aus der Uni. Aber als Gegenüber weiß man trotzdem nie, was man von ihm erwarten kann. Er hat mir anschließend beinahe entschuldigend erklärt: "Sie wissen ja, dass ich eine Rolle spiele." Ich sagte: "Natürlich weiß ich das, Herr Jauch. Von Ihnen darf man sich gar nicht beeindrucken lassen, man muss seine eigene Rolle spielen."

einestages: Welche Rolle haben Sie gespielt?

Freise: Zuerst war ich der Märchenonkel, weil ich eine Märchenfrage beantwortet hatte. Dann machte ich ein paar flotte Sprüche, habe zum Beispiel die "Bild"-Zeitung beleidigt. Dann habe ich so getan, als interessiere mich das Geld überhaupt nicht. War auch so, denn wenn Sie an das Geld denken, dann sind Sie paralysiert. Das hat den Leuten gefallen.

einestages: Sie haben die "Bild"-Zeitung beleidigt?

Freise: Ja. In einer der Sendungen zuvor war mal ein Erdkundelehrer an einer Geografiefrage gescheitert. Die "Bild"-Zeitung hat anschließend auf der ersten Seite aufgemacht: "So dumm sind Deutschlands Lehrer". Da habe ich bei Jauch gesagt: "Der Schlagzeilen-Lyriker von der "Bild" soll doch selbst mal hier auf dem Stuhl Platz nehmen und sehen wie das ist. Die Lehrer haben wir immerhin durch, jetzt kommen die Hochschullehrer dran. Wir machen hier heiteres Berufeschänden."

einestages: Klingt alles extrem lässig - fast zu lässig, um ehrlich zu sein. Waren Sie überhaupt nicht aufgeregt?

Freise: Die Fallhöhe ist für einen außerordentlichen Universitätsprofessor natürlich hoch. Hätte ich bei einer Geschichtsfrage einen Fehler gemacht, wäre die Häme groß gewesen. Aber Prüfungssituationen kenne ich, immerhin habe ich jahrzehntelang Studenten geprüft, jetzt werde ich halt mal geprüft, so dachte ich. Außerdem hatte ich einen Geheimplan: Falls ich es auf den Stuhl schaffe, nehme ich einen dicken Sack dummer Sprüche mit in die Sendung. Das habe ich getan und es hat mir geholfen.

einestages: Beim anschließenden Glitzerregen im Studio haben Sie an einem der herunterrieselnden Schnipsel gerochen. Was sollte das bedeuten?

Freise: Als der berühmte Kaiser Vespasian vor 2000 Jahren in Rom eine Toilettensteuer einführte, waren die Leute empört. Der Kaiser ließ sich daraufhin einen Topf Dinare liefern. Er nahm ein Geldstück heraus, roch daran und sagte: Non olet - es stinkt nicht. Ich wollte damit zeigen: Ich stehe diesem Geld ironisch gegenüber. Das ist wahrscheinlich das Geheimnis der Million.

einestages: Trotzdem muss es doch eine unglaubliche Anspannung gewesen sein. Wie ging es Ihnen nach der Sendung?

Freise: Ich war erledigt, aber der ganze Trubel hat mich wachgehalten. Aufgezeichnet wurde zwischen 18.30 und 20.30 Uhr. Dann habe ich mir mit meinem Sohn noch die anschließende Aufzeichnung angesehen. Um halb zwölf war dann noch ein Vertragstermin mit Jauch, der mich als ersten Millionengewinner für seine Sendung Menschen 2000 haben wollte. Anschließend sind mein Sohn und ich ins Auto gestiegen und um halb vier Uhr morgens waren wir zu Hause. Am nächsten Tag habe ich Vorlesungen gehalten.

einestages: Ihre Frau war nicht mit - wie hat die reagiert?

Freise: Ich habe sie telefonisch vorgewarnt, und zwar mit Konrad Adenauers Worten: "Liebling, die Situation ist da." Sie antwortete: "Ich habe nichts anderes erwartet."

einestages: Zwischen der Aufzeichnung und Ausstrahlung der Sendung lagen 4 Tage. Wie haben Sie die erlebt, war alles ganz normal?

Freise: Ich habe mir schon gedacht, dass mein Erfolg noch vor der Ausstrahlung durchsickern könnte, immerhin haben das 400 Leute im Publikum mitbekommen. Doch am nächsten Tag war völlige Ruhe. Am Donnerstag, meinem 56. Geburtstag, habe ich meine Veranstaltung vorbereitet. Am Nachmittag kam dann der erste Anruf eines Journalisten: "Sie sind doch der... " Da habe ich einfach gesagt: "Nö, guckt euch am Samstag die Sendung an." Am Freitag war ich auf einem Kongress in Düsseldorf, da tauchte ein Team der dpa auf, aber ich bin eine halbe Stunde vorher gefahren, weil ich ein komisches Gefühl hatte. Nachmittags hat mich dann ein großer Pulk Reporter zu Hause erwischt.

einestages: Das war alles noch vor der ersten Ausstrahlung.

Freise: Ja, am Freitagabend kam der erste Teil der Sendung - nachdem ich die 500.000-Mark-Frage beantwortet hatte, war ja die Sendezeit vorbei. Am Samstagmorgen, noch vor der Ausstrahlung der Millionenfrage am Abend hat Bild dann bundesweit mit mir aufgemacht: "Das ist der schlaue Prof".

einestages: Jetzt mal eine ganz praktische Frage. Wie bekommt man eine Million Mark geliefert? Im Koffer? Per Überweisung? Per Scheck?

Freise: Das Geld habe ich überwiesen bekommen. Es dauerte zwar drei Wochen, weil bei der Überweisung einer siebenstelligen Summe eine automatische Prüfung der Westdeutschen Landesbank auf Geldwäsche erfolgt. Doch irgendwann war es so weit, die Zahl auf dem Kontoauszug zu sehen, das war irreal. Auf dem Girokonto hat das ja auch nichts zu suchen.

einestages: Kann man nach so einem Erlebnis eigentlich noch "Wer wird Millionär" gucken?

Freise: Ab und zu schaue ich mir die Sendung noch an, ja. In den letzten zehn Jahren hat sich das Verhalten der Kandidaten erheblich verändert. Früher waren die Kandidaten verkrampft. Wenn Sie jetzt einschalten, sind die Kandidaten viel fernsehtauglicher. Die Leute lernen, wie man sich gegenüber einem Moderator verhält. Sie haben verstanden, dass sie so sein sollen, wie sie auch sonst sind. Denn alles andere bricht vor der Kamera zusammen.

einestages: Haben Sie vergangene Woche Ihrem neuen Millionärskollegen, dem Kneipier aus Hannover, bei seinem Ritt durch den Fragenkatalog zugesehen?

Freise: Ich habe mir das zufällig angeguckt. Ich hätte die Fragen bis zum Schluss auch gewusst. Er machte das genau richtig: Er hat überhaupt nicht ans Geld gedacht. Der neue Kollege ist klasse, absolut cool.

einestages: Sie haben wieder alles gewusst? Könnten Sie also theoretisch noch mal abräumen?

Freise: Es kommt immer drauf an, überhaupt aus der Vorrunde erst mal auf den Stuhl, auf die große Bühne zu kommen. So mit Mitte 50 ist man ja bei diesem Auswahlspiel nicht unbedingt der Schnellste. Aber bei meiner Auswahlfrage, meiner Qualifikation, war ich der Einzige, der die richtige Reihenfolge wusste.

einestages: Wie lautete die Frage?

Freise: Das war eine Märchenfrage: Welche Gegenstände hat Hans im Glück nacheinander bekommen? Er fängt ja an mit einem Goldklumpen. Am Ende hat er nur noch einen Mühlstein. Den wirft er schließlich in den Brunnen, weil er sich von dieser Last befreien will. Das ist Glück: Am besten gar nichts haben.

Das Interview führte Franziska Felber

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