NSA-Skandal 1960 Geheimnis-Striptease in Moskau

NSA-Skandal 1960: Geheimnis-Striptease in Moskau Fotos
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Sie waren die Vorgänger von Edward Snowden: Im Sommer 1960 liefen die NSA-Mitarbeiter William Martin und Bernon Mitchell in die UdSSR über und enthüllten, wie skrupellos der geheimste aller US-Geheimdienste Freund und Feind ausspionierte. Damals und heute reagierten die US-Behörden ähnlich. Von Johanna Lutteroth

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Hunderte von Journalisten, Kameraleuten und Zuhörern drängten sich im Haus des sowjetischen Journalistenverbandes. Keiner wollte sich entgehen lassen, was die beiden Amerikaner in ihren schicken Anzügen im Scheinwerferlicht auf der Bühne zu sagen hatten. Es war die Sensation: In der Hochphase des Kalten Kriegs waren zwei Mitarbeiter der NSA, des geheimsten aller US-Geheimdienste, übergelaufen - und würden nun der Welt erklären, warum.

Die Pressekonferenz an diesem 6. September 1960 übertraf alle Erwartungen. 45 Minuten lang plauderten William Martin und Bernon Mitchell Interna über die NSA aus - und gaben der Welt damit lange vor Edward Snowden zum ersten Mal Einblick in die undurchsichtige Superbehörde mit ihrem Hauptsitz in Fort Meade. Die ungeheuerliche Enthüllung: Die NSA verfüge über 2000 Abhörstationen weltweit und lese die militärische und diplomatische Kommunikation von 40 Staaten mit - egal ob Freund oder Feind.

Was die beiden Überläufer aber am meisten empörte: "Die Politik der absichtlichen Verletzung des Luftraums anderer Nationen." Seit Jahren mache die NSA illegale Aufklärungsflüge hinter dem Eisernen Vorhang und provoziere damit geradezu einen neuen Krieg. "In der Sowjetunion scheinen unsere Werte und Interessen von mehr Leuten geteilt zu werden", begründeten die beiden schließlich ihre Flucht.

Der Striptease löste in Washington Panik aus. Die CIA kannte schon damals jeder. Die Rolle der NSA im Agententheater des Kalten Krieges hingegen war eher nebulös. "Man weiß so gut wie nichts über sie", schrieb die New York Times damals. Zum ersten Mal stand die NSA nun im Rampenlicht. Viel schlimmer aber war: Es schien, als hätten die Russen Fort Meade geknackt und wären in das Herz der amerikanischen Sicherheitspolitik vorgedrungen.

"Sie sollten erschossen werden."

Bereits Ende Juni 1960 hatten sich Mitchell und Martin über Mexiko und Kuba in die UdSSR abgesetzt. Wochenlang hatten das Pentagon im Anschluss versucht, das Verschwinden der beiden Mathematiker, die vier Jahre für den NSA Nachrichten verschlüsselt und fremde Codes geknackt hatten, herunterzuspielen: "Vermutlich sind sie hinter dem Eisernen Vorhang untergetaucht", hieß es. Die Sicherheit der USA sei dadurch aber nicht gefährdet. Mitchell und Martin seien nur kleine Angestellte gewesen und "hatten keinen Zugang zu Informationen über amerikanische Waffen oder Verteidigungspläne." Die Affäre sollte schnell in Vergessenheit geraten.

Der Moskauer Auftritt machte dem Pentagon einen Strich durch die Rechnung. Mitchell, Martin und die NSA waren das alles beherrschende Thema. Für die skrupellosen NSA-Methoden interessierte sich die Öffentlichkeit damals aber weniger. Dass sie die Türkei, Italien, Frankreich und etliche andere NATO-Partner abhörten, beunruhigte damals kaum jemanden. Das Augenmerk richtete sich viel mehr auf die sicherheitspolitischen Konsequenzen.

Die Medien schürten diesbezüglich geradezu Panik. "Unsere gesamte Funkaufklärung ist kompromittiert", schrieb etwas das Wochenmagazin "Newsweek" am 19. September 1960. "Wenn sie den Russen unsere mathematischen Programme geben, mit denen wir Codes machen und dechiffrieren, dann können die Russen selbst die US-Codes der höchsten Sicherheitsstufe knacken." Der Vorfall sei der "größte Sicherheitsbruch" in der amerikanischen Geschichte.

"Homosexualität war damals eine perfekte Entschuldigung"

Gezielt versuchten Pentagon und Weißes Haus daraufhin, die Glaubwürdigkeit der beiden Überläufer zu torpedieren. Der eine hätte sich noch kurz vor seinem Verschwinden in psychiatrischer Behandlung befunden, ließ das Pentagon sofort verlauten. Offensichtlich seien beide zutiefst verwirrt. Ihre Behauptungen seien "vollkommen falsch", hieß es weiter. US-Präsident Eisenhower wetterte, die beiden seien "selbstbezogene Verräter", "Instrumente der sowjetischen Propaganda" und, wie die ersten Untersuchungen ergeben hätten, "geistig krank".

Das "Komitee für unamerikanische Umtriebe", ein zum US-Repräsentantenhaus gehörendes Gremium, wurde mit der Untersuchung des Falls betraut. Es sollte unter anderem herausfinden, warum die beiden übergelaufen waren. Denn das Motiv stellte Geheimdienstler und Politiker vor Rätsel: Wie konnte ein Amerikaner, der jahrelang im Dienst der Nation gestanden hat, sein Land derart verraten? Ihr Weltbild war ins Wanken geraten, aber nur kurzfristig. Denn das "Komitee für unamerikanische Umtriebe" hatte bald eine für alle damals plausibel klingende Erklärung parat. Die Ermittlungen hätten ergeben: Michtell und Martin seien schwul.

Allein diese Feststellung reichte paradoxerweise aus, um etwas Ruhe in den Fall zu bringen. Denn Homosexuelle zählten damals, ähnlich wie Kommunisten, zu den subversiven Elementen der Gesellschaft. Ihnen wurde alles und nichts zugetraut. Die Medien griffen das Thema begierig auf und dichteten weitere Details hinzu. Die "Los Angeles Times" beispielsweise berichtete, die beiden gehörten zu einem Schwulenring, der gezielt "Menschen mit abweichenden Sexualverhalten für Jobs in den Bundesbehörden rekrutierte". Eine waschechte Räuberpistole.

Entlassen wegen "abnormen Sexaktivitäten"

Welche sicherheitspolitischen Folgen der Verrat von Mitchell und Martin am Ende hatte, ist bis heute unklar. Vermutlich war der Nutzen ihrer Informationen für die Russen begrenzt, weil sie als einfache Angestellte keinen Zugang zu den Informationen der höchsten Geheimhaltungsstufe hatten. In den USA waren die Folgen indes durchaus spürbar. Bereits zwei Tage nach der Moskauer Pressekonferenz hatte Präsident Eisenhower angekündigt, sämtliche Mitarbeiter der NSA noch einmal auf ihre Vertrauenswürdigkeit zu prüfen - sprich ihre sexuellen Neigungen abzuklopfen. Wenige Monate später wurden 26 NSA-Mitarbeiter entlassen, weil sie wegen ihrer "abnormen Sexaktivitäten" als "Sicherheitsrisiko" eingestuft worden waren.

Jahrzehntelang wurde verschwiegen, dass weder Mitchell noch Martin schwul waren und beide aus rein ideologischen Gründen übergelaufen waren. Die beiden jungen Amerikaner fürchteten tatsächlich, dass die NSA einen neuen Krieg provozieren könnte. Kurz bevor sie hinter dem Eisernen Vorhang verschwanden, war eine U-2, die im Auftrag der NSA russische Territorium ausspionierte, über sowjetischen Boden abgeschossen worden. Das Verhältnis zwischen Kreml und Weißem Haus verschlechterte sich dramatisch. Ganz unberechtigt war ihre Sorge tatsächlich nicht. Nur zwei Jahre später drohte sich die Kuba-Krise zu einem heißen Krieg auszuweiten.

Schon wenige Jahre später zeichnete sich aber ab, dass sich die beiden jungen Idealisten verkalkuliert hatten. Martin war zum Zeitpunkt der Flucht 29 Jahre alt, Mitchell 31 Jahre. Sie hatte noch ein ganzes Leben in der UdSSR vor sich, das sie am Ende nicht ansatzweise so frei gestalten konnten, wie sie es sich erhofft hatten. Sie standen unter ständiger Beobachtung des KGB. Beruflich wurden ihnen nur zweitklassige Aufgaben gegeben, wie es Martin einmal formulierte. Beide heirateten zwar Russinnen, kamen aber nie wirklich in der UdSSR an.

Martin sagte später einer russischen Zeitung, es sei ziemlich "töricht" gewesen, überzulaufen. Beide wollten unbedingt in die USA zurückkehren. Doch alle Versuche schlugen fehl. Mitchell starb 2001 in Russland. Martin schaffte es immerhin noch bis Mexiko und starb dort im Januar 1987 an Krebs.

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1.
Volker Altmann 16.08.2013
Man liebt den Verrat, aber nicht den Verräter. Damit müssen auch Verräter leben, die der Menschheit im Grunde einen großen Dienst erwiesen haben mit ihrem Verrat. Dabei müsste die Welt einem Herrn Snowden dankbar sein. Immer krudere Details kommen ans Tageslicht. Hat man zuvor noch von Phantasien eingefleischter Verschwörungstheoretiker gesprochen, wenn der Verdacht geäußert wurde, dass Geheimdienste auch privaten Mailverkehr überwachen, sieht man heute, das alles schlimmer ist, als vermutet. Und das Traurige daran ist: Nicht etwa ?feindliche Agenten? treiben da ihr böses Spiel, kein Ableger von Horch und Guck ? nein, die Freunde aus Übersee verkehren den Rechtsgrundsatz der Unschuldsvermutung und nehmen die ganze Welt unter Generalverdacht. Aber was soll man auch von einem Staat erwarten, der sich in seiner Paranoia einen Dreck um Rechtsstaatlichkeit kümmert. Wenn die eigenen Gesetze hinderlich werden, schafft man sich eben einen rechtsfreien Raum. Zur Not auch auf einer kubanischen Insel. Da nutzen auch Ablenkungsmanöver, wie etwa die eilig im Zuge des Abhörskandals propagierte weltweite Warnung vor Terrorakten nichts. Amerikas Glaubwürdigkeit ist wieder einmal besudelt, das ?Land of the free? gebiert sich wie eine Bananenrepublik, das hinter jeder Ecke einen Feind vermutet. Traurigerweise zeigt sich der BND als eilfertiger Erfüllungsgehilfe dieser Abhörpolitik. Und unsere Kanzlerin lächelt wieder einmal alles weg, zeigt mit dem Finger auf die politische Konkurrenz im eigenen Land, die da ja auch mitgemischt habe zu Regierungszeiten. Das mag sicher richtig sein, ändert aber nichts an der Notwendigkeit, diesem Missstand einen Riegel vorzuschieben. Seltsam ruhig ist es in der Kommentarecke gewesen, als vor einigen Wochen die NSA schon einmal Thema war. Wo waren sie, die aufrechten Ankläger, die ? zu Recht - das ehemalige Überwachen des eigenen Volkes durch die Stasi verurteilen?
2.
Rainer Temme 19.08.2013
Altruistisch war die Politik der USA mit Sicherheit nie ... im Gegenteil ... Eigennutz stand schon immer ganz oben auf der Liste. Danach kommt ziemlich lange nichts mehr. Es ist schön zu sehen, wie wenig sich die Einstellung der Amerikaner seit den vergangenen 50 Jahren geändert hat. Nach wie vor werden Kritiker gnadenlos kaltgestellt, um jeden Preis, so mag es scheinen. Allein, die Welt hat sich verändert in den letzten 50 Jahren. Mit heutigen Augen betrachtet, erscheint die US-Politik als das, was sie schon immer war: Hochgradig fragwürdig, und im Detail ekelerregend und verabscheungswürdig!
3.
Andreas Linders 19.08.2013
Ähnlichkeit zum Fall Snowden bestehen auch zu den Taten Daniel Ellsbergs. Der von einem Teil der Vietnam-Kriegsmaschine, als Analyst für das Verteidigungsministerium, zum Gegner wurde. Durch seine Arbeit fiel Herrn Ellsberg ein umfangreiches Dokument in die Hände, was Tatsachen über den Vietnamkieg enthielt. Das er am Ende auch der Presse zuspielte, wofür er auch ähnlich wie Herrn Snowden angegriffen wurde.
4.
Siegfried Wittenburg 19.08.2013
"Seltsam ruhig ist es in der Kommentarecke gewesen, als vor einigen Wochen die NSA schon einmal Thema war. Wo waren sie, die aufrechten Ankläger, die ? zu Recht - das ehemalige Überwachen des eigenen Volkes durch die Stasi verurteilen?" Hier, Herr Altmann! Und denken Sie bitte nicht, dass ich penne. Die Aktivitäten finden nur nicht bei "Einestages" statt, sondern wegen der aktuellen Brisanz an anderer Stelle. Aber Ihrem Beitrag stimme ich zu. Neulich habe ich in einem Buch, erschienen 1929, über die Anfänge der NSA gelesen. Sowohl die Deutschen als auch die Amerikaner haben ein Geheimdiensttrauma. Beide entwickeln einen immensen Ehrgeiz wenn es darum geht, mehr über die Nachbarn zu erfahren. Zum größten Teil sind es zwar Banalitäten, aber im Konfliktfall gut zu verwenden. Tratsch auf höchster Ebene. Die Menschen anderer Staaten lachen darüber und ziehen ihre Gardinen eher auf als zu. Oder sie haben gar keine. Die Stasi hatte einen anderen Auftrag.
5.
Werner Thurner 19.08.2013
Werner Thurner Der Vergleich mit Snowden ist m.E. ein falscher Vergleich. Damals (im kalten Krieg) ging es tatsächlich um (Militär)Spionage. Heute geht es um was völlig Anderes, nämlich um die Grundrechte (z.B. das Fernmeldegeheimnis) der vorgeblich in Demokratien lebenden Menschen die telefonieren, e-mails schreiben oder im Internet surfen. Snowden, Manning etc. sind keine Spione oder Verräter sondern whistleblower, die US Präsident Obama in seinem Wahlprogramm (inzwischen wurde dieser Passus gestrichen) angeblich noch wünschte und ermunterte um Misstände in der Gesellschaft (bis hin zu handfesten Kriegsverbrechen, vgl. Manning ) aufzuzeigen und somit Zivilcourage zu beweisen. Der Mangel des Artikels ist, den himmelweiten Unterschied zwischen Verräter und whistleblower nicht aufzuzeigen, bzw. diesen zu verwischen.
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