Filmstar Emil Jannings Gierhals, Scheusal, Genie

Der erste Gewinner eines Schauspiel-Oscars kam aus Deutschland! In den zwanziger Jahren war Emil Jannings ein Weltstar, in Hollywood und seiner Heimat spielte er wuchtige Tyrannen und verfressene Verführer. Dann wurde ihm die Nähe zu einem seiner größten Fans zum Verhängnis.

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Von Sarah Levy


Als die amerikanischen Soldaten 1945 das fürstliche Anwesen am österreichischen Wolfgangsee betraten, trauten sie ihren Augen nicht. Da stand doch tatsächlich eine der kleinen goldenen Statuen, die sie eigentlich nur aus ihrer Heimat kannten und keiner von ihnen je aus der Nähe gesehen hatte. Jener Preis, von dem jeder Filmschaffende in den USA träumte. Doch wer war der Deutsche, dem die luxuriöse Villa gehörte? Wie ein Oscar-Gewinner wirkte der stark übergewichtige Mann nicht gerade. Er sah krank aus, trug Bandagen an Händen und Füßen, schien aufgeschwemmt und abgekämpft. Doch auf der Trophäe prangte tatsächlich sein Name: Emil Jannings.

Der Schauspieler hatte eine Karriere hinter sich, die in Deutschland ihresgleichen sucht. Mit Filmen wie "Sein letzter Befehl", "Faust" und "Der Blaue Engel" schrieb er in den zwanziger und dreißiger Jahren Filmgeschichte, spielte an der Seite von Marlene Dietrich und Gary Cooper, Joseph Goebbels und Benito Mussolini verehrten ihn. Jannings war der erste Schauspieler überhaupt, der für seine Arbeit mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Bis heute ist er der einzige deutsche Schauspieler geblieben, der den Preis als bester Hauptdarsteller erhielt.

Doch der Filmstar von einst ist fast vergessen. Nun beleuchtet eine neu erschienene Biografie sein Leben. "Jannings - Der erste deutsche Weltstar" beschreibt erstmals den rasanten Aufstieg und tragischen Fall eines Schauspielers, der in Deutschland zwei Weltkriege und drei Regimewechsel erlebte und sich trotzdem nie um Politik scherte. Stattdessen gierte Jannings nach Ruhm, Genuss und großen Rollen - so sehr, dass ihm sein Verlangen schließlich zum Verhängnis werden sollte.

Seine ersten schauspielerischen Erfahrungen machte Jannings auf den Bühnen deutscher Gasthäuser. 1914, mit 30 Jahren, kam der Sohn einer russischen Jüdin und eines amerikanischen Unternehmers nach Berlin, der damaligen Hauptstadt des deutschsprachigen Theaters. Während andere junge Männer in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs kämpften, stand Jannings auf der Bühne. Dem Theater gehörte sein Herz, seine ersten Stummfilme drehte er nur als Nebenverdienst.

Herrlich scheußlich

Als Darsteller war Jannings das geborene Scheusal: Er glänzte als wuchtiger Tyrann, verfressener Verführer und gieriger Lüstling. "Ein Mensch? Beinahe ein Vieh", urteilte das "Berliner Tagblatt" im Januar 1923. Er sei ein "menschgewordener Rülps", schrieb der "Film-Kurier" im gleichen Jahr. Mitunter überraschte er seine Kritiker auch: etwa als kindlicher Tollpatsch in einigen Theaterproduktionen oder als pedantischer Gymnasialprofessor in dem Film "Der blaue Engel". Meist aber frönte Jannings im Scheinwerferlicht seiner Leidenschaft: dem Genuss. In seiner berühmtesten Rolle, als Dorfrichter Adam in "Der zerbrochene Krug", verdrückte er Vorstellung für Vorstellung ganze Leberwürste, soff und schlemmte, schmatzte, grunzte, rülpste, was das Zeug hielt. Animalisch, derb, proletenhaft - so liebte ihn das deutsche Publikum.

Als das Kaiserreich um ihn zerfiel, kümmerte das Jannings wenig. Er war kein politischer Mensch, was ihn interessierte, war seine Karriere. Und die erreichte in den Zwanzigern ihren ersten Höhepunkt. Er wurde zu einem der Stars der boomenden deutschen Filmindustrie. Schon 1924 bekam er für den Film "Der letzte Mann" des "Nosferatu"-Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau die gigantische Gage von 600.000 Mark. Seine Auftritte blieben auch in den USA nicht unbeachtet. Im Oktober 1926 holte das Filmstudio Paramount den deutschen Star nach Hollywood. "Unser Bester geht nach Amerika", bedauerte der "Film-Kurier". "Mein Herz gehört Deutschland", versicherte Jannings. So sollte es bleiben.

"German Film Genius"

In Hollywood wurde er wie ein König hofiert - und mit einer Wochengage von 5000 Dollar lebte er auch wie einer. Er logierte in einer luxuriösen Villa auf dem Hollywood Boulevard, mit eigener Hühnerzucht und einem Papagei als Haustier, der darauf trainiert war, "Nutte" zu krächzen. Jannings freundete sich mit Charles Chaplin und Greta Garbo an und wuchs schauspielerisch über sich hinaus. Anstelle des lauten, theatralischen Pöbels spielte er nun vorwiegend ruhige, ausdrucksstarke Charakterrollen. Die "New York Times" bezeichnete ihn als "German Film Genius". Aber Jannings war nicht glücklich.

Er vermisste die dramatische Bühnenarbeit und ätzte über die amerikanische Filmlandschaft. Den Stummfilm hielt er für ein Auslaufmodell, einen "kalten Arsch mit Birnenkompott", wie er sich gegenüber Kollegen äußerte. Am Set ließ sich der 105-Kilo-Mann deutsche Speisen bringen, am liebsten Königsberger Klopse oder Sauerbraten, sonst konnte er nicht arbeiten. Alkohol trank er aufgrund der strengen Prohibition nur heimlich. Jannings hatte Heimweh.

Seinem Erfolg in den USA tat das keinen Abbruch. Als am 16. Mai 1929 im Blossom Room des Hollywood Roosevelt Hotel zum ersten Mal die Academy Awards verliehen wurden, war er der erste Schauspieler der Welt, der einen Oscar erhielt. Doch das interessierte den mittlerweile 45-jährigen Jannings nicht. Er hatte genug von Hollywood. Nach drei Jahren und sechs amerikanischen Filmen befand er sich am Tag der Verleihung bereits auf dem Weg zurück nach Deutschland. Den Oscar trug er im Gepäck.

"Heil Jannings! Heil Deutschland!"

Von nun an pendelte Jannings zwischen seinem stattlichen Anwesen am Wolfgangsee und der Kulturhauptstadt Berlin. Sein nächster deutscher Film, "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich vermeldete 1930 Rekordzuschauerzahlen. Jannings hatte nun so viel Macht, dass er begann, seine Filme mitzuproduzieren. Vor der Kamera aber wurde er faul, spielte meist gefräßige, sich fläzende Könige und Kaiser, die von Scharen von Frauen umschwärmt wurden.

1933 sollte sich Jannings' Leben ändern. Nach einigen Flops zog sich der schwergewichtige Star an den Wolfgangsee zurück. Sein ausschweifender Lebensstil belastete seinen Körper und sein Bankkonto. Dass die Nationalsozialisten die Macht im Land übernahmen, interessierte Jannings wenig. Während seine jüdischen Kollegen ins Ausland flohen, machte er sich lediglich Sorgen um seine Mutter. Sie besaß keinen "Ariernachweis". Vor der Reichskulturkammer stritt Jannings jede Verbindung zum Judentum ab, man ließ den Star gewähren.

Im Ausland aber galt er bald als Mitläufer. Als ihn NS-Anhänger 1937 bei der Wiener Premiere seines Films "Der Herrscher" mit "Heil Jannings, Heil Deutschland" begrüßten, zeigte sich Jannings empört. "Eine Vater-und-Sohn-Tragödie ohne Kitsch, ohne Verlogenheit, ohne Hurra-Patriotismus", schrieb er an seinen Bruder, "nur das wollte ich zeigen und werde trotzdem zum Spielball politischer Gegensätze. Es ist zum Kotzen."

Nervös wurde Jannings erst, als er Besuch vom Propagandaministerium bekam: Eines seiner Drehbücher war ihnen einfach nicht nationalistisch genug. Jannings hatte Angst, am meisten um sein Vermögen. Doch sein nächster Schachzug sollte ihn nach dem Krieg die Karriere kosten: Er gab das Drehbuch direkt an Joseph Goebbels, den Leiter der Reichskulturkammer.

Staatsbesuch bei seinem Fan Mussolini

Seit 1933 hatte Goebbels die Aufsicht über alle deutschen Filmproduktionen. Der Minister war seit Jahren ein großer Fan von Emil Jannings und fühlte sich geehrt, von seinem Lieblingsstar um künstlerischen Rat gefragt zu werden. Goebbels arbeitete fortan eng mit Jannings zusammen, ernannte ihn zum Staatsschauspieler und Reichskultursenator. Als Repräsentant des deutschen Films machte Jannings Staatsbesuche bei Mussolini, der ebenfalls ein Verehrer des schauspielerischen Schwergewichts war.

In Goebbels' Schatten wurde Jannings zum wichtigsten Schauspieler Deutschlands - eine Rolle, die er sichtlich genoss. Jannings wählte patriotische Rollen, spielte Friedrich Wilhelm I. oder Bismarck, aber er tat sich schwer, seine künstlerischen Werke einem propagandistischen Zweck unterzuordnen. Goebbels war irritiert. Nun waren dem Propagandaminister die Filme seines liebsten Stars nicht deutsch genug. In seinem Tagebuch notierte er mehrfach über Drehbücher zu Jannings' Filmen: "Ich werde das umschreiben lassen."

Im Verlauf des Krieges gerieten der Minister und der Schauspieler aneinander, Goebbels wollte Kriegspropaganda sehen. Jannings Ansehen bei der NS-Führung schwand. Als sich der Schauspieler in den letzten Kriegsjahren nicht mehr in das unter Beschuss stehende Berlin traute, hielt man ihn in der Hauptstadt für einen Drückeberger: "Ich erzähle dem Führer von der feigen Haltung von Emil Jannings im Bombenkrieg", schrieb Goebbels in sein Tagebuch, "der Führer hat von Jannings nie etwas anderes erwartet."

Ende einer Karriere

Als die Amerikaner 1945 sein Haus am Wolfgangsee besetzten, nützte Jannings auch der Oscar in seinem Regal nichts: Er wurde mit einem sofortigen Berufsverbot belegt. Bei befreundeten Regisseuren und Schauspielern suchte er vergeblich nach Unterstützung, in Berlin stand plötzlich keiner mehr hinter dem großen Star der NS-Zeit. Er fühlte sich verleumdet und verraten.

Zudem machte die Gesundheit dem Schauspieler schwer zu schaffen. Er litt unter Diabetes, an seinen Füßen und Händen wucherten Ekzeme, seine Leber war aufgeschwemmt und vom Krebs zerfressen, Herz und Nieren machten ihm Probleme, Jannings wurde schwerhörig.

Die letzten fünf Jahre seines Lebens verbrachte der gefallene Star hilflos, krank und verbittert in seinem Haus am Wolfgangsee. In verzweifelten Briefen rang er um seinen guten Ruf, kämpfte aussichtslos um Rollen, die er nie bekommen sollte. Jannings konnte nie verstehen, dass er sich, nach einem "makellosen Leben", plötzlich für seinen Erfolg während der NS-Zeit rechtfertigen musste, um seiner "schäbigen Mitwelt das Maul zu stopfen". Am 2. Januar 1950, mit 65 Jahren, starb Emil Jannings.

Jannings' Oscar steht heute in einer Vitrine vor den Türen des Filmmuseums in Berlin - der Stadt, der er seinen Aufstieg und seinen Untergang zu verdanken hatte.

Zum Weiterlesen:

Frank Noack: "Jannings. Der erste deutsche Weltstar". Collection Rolf Heyne, München 2012, 557 Seiten.

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insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Sven Mueller, 18.10.2012
1.
"Obwohl er selbst kein Schönling war, hatte Jannings immer reizende Schauspielerinnen an seiner Seite. Diese Aufnahme von 1926 zeigt ihn als Mephisto mit Yvette Guilbert als Marthe Schwerdtlein in "Faust ? eine deutsche Volkssage" unter der Regie von Friedrich Wilhelm Murnau." Naja, sooo schoen ist die Frau ja nun auch wieder nicht ...
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